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Werk:De coniecturis/De tertia unitate

aus AufEinWort, der freien Forschung

Capitulum VII De tertia unitate (Die dritte Einheit)

Anima numerus intelligentiae, quam quadrate explicat, non incongrue concipitur, sicut ipsa intelligentia numerus est unitatis supersimplicis; unitas enim intelligentiae numeratur in anima, dum multipliciter contrahitur. Quoniam autem in ipsa anima unitas intelligentiae explicatur, in anima resplendet ipsa ut in propria imagine. Deus lumen est intelligentiae, quia eius est unitas; ita quidem intelligentia animae lumen, quia eius unitas. Hoc attentius animad- verte, quoniam sic et corporalis forma unitatis animae numerus exsistit, animae virtutem seu unitatem non in se, sed eius corporali explicatione sensibiliter intuemur. Sic et intelligentiam non in se, sed in anima, nec primam simplicissimam absolutissimamque unitatem in se uti est, sed in ipsa intuemur intelligentia ut in numero et signaculo. Deus igitur forma est intelligentiae, intelligentia animae, anima corporis. Omnia igitur corpora numerus cum sint animae merito unitatis, potentia eius tibi magna occurrit. Considera igitur rationem ipsam non ut cubici corporis radicem, sed medium, per quod intellectualis radix in corpus descendit; nam est instrumentum intellectus atque ita principium seu radix instrumentalis corporalium. Centenaria unitas animam figurat, millenaria corpus. Exsurgit autem mille ex ductu denarii in centenarium, hoc est ex multiplicatione intelligentiae per animam.

  • Die Seele wird nicht unangemessen begriffen, wenn man sie als die Zahl der Vernunft-Einsicht, welche sie in der Weise des Quadrates ausfaltet, versteht. Denn so wie die Vernunft-Einsicht selbst die Zahl der mehr als einfachen Einheit ist, wird die Einheit der Vernunft-Einsicht in der Seele gezählt, wenn sie vielfältigverschränkt wird. Weil sich die Einheit der Vernunft-Einsicht in der Seele entfaltet, widerstrahlt sie in ihr als in ihrem eigenen Abbild. Gott ist das Licht der Vernunft-Einsicht, weil er ihre Einheit ist, und dementsprechend ist diese das Licht der Seele, weil sie deren Einheit ist.
  • Beachte das besonders genau, weil in eben dieser Weise auch die körperliche Form als Zahl der Einheit der Seele besteht. Wir schauen die Kraft oder Einheit der Seele nicht in ihr selbst, sondern in sinnlicher Weise in ihrer körperlichen Ausfaltung. Genauso erfassen wir auch die Vernunft-Einsicht nicht in ihr selbst, sondern in der Seele, und die erste einfachste und absoluteste Einheit nicht so, wie sie ist, in ihr selbst, sondern in der Vernunft-Einsicht wie in einer Zahl und in einem Zeichen. Gott ist also die Gestalt der Vernunft-Einsicht, diese die der Seele, die Seele die des Körpers. Da alle Körper Zahl der Seele sind, erscheint dir die Macht ihrer Einheit mit Recht groß.
  • Betrachte darum den Verstandessinn nicht als Wurzel des Kubik-Körpers, sondern als Mittel, durch das die vernunfthafte Wurzel in den Körper herabsteigt; der Verstandessinn ist nämlich ein Werkzeug der Vernunft und darum der Ursprung oder die werkzeugliche Wurzel der Körper-Dinge. Die Hunderter-Einheit stellt die Seele vor, die Tausender-Einheit den Körper. Tausend entsteht aus der Überführung des Zehners in den Hunderter, das heißt aus der Multiplikation der Vernunft-Einsicht mit der Seele.

In omnibus igitur corporalibus cum anima ut radix reluceat instrumentalis, non erit tibi difficile ipsam in omnibus venari sensibilibus signis eius, quoniam in ipsis est forma ut sigilli in cera per intelligentiam impressa. Omne igitur, quod auditu percipitur, eius gestat characterem. Quaestiones igitur omnes, quae de ipsa moveri audis, ab ipsa signatas concipias; unde omnes animae rationem supponunt. Quaestio enim ‘an sit’ rationis est, ita et ceterae omnes. Non potest igitur dubitari ‘an sit’, cum sine ea dubia moveri non possint. Si quis quaesierit ‘an anima sit quanta’, dices eam non quantam corporaliter, sed quantam ut numerus est intelligentiae. Nam cum sit unitas sensibilium, omne diversum sensibiliter in ipsa est unum.  Sensibilis igitur seu corporalis quantitas seu qualitas, et ita de singulis sensibilibus, ita quidem se habent, quod eorum omnium unitas ratio animae exsistit, a cuius unitate progrediuntur. Diversa igitur, alia atque opposita sensibiliter, unam habent rationem, quae varie contracta varietatem sensibilium efficit. Iudicia igitur animae sunt ut numeri, quorum alter par est, alter impar, et numquam simul idem par et impar. Quapropter non iudicat anima in sua ratione opposita compatibilia, cum eius | iudicium numerus sit eius.

  • Da die Seele wie eine werkzeughafte Wurzel in allen körperlichen Dingen widerstrahlt, wird es dir nicht schwerfallen, sie in allen ihren sinnlichen Zeichen aufzuspüren, da sie gleich dem Siegel, das dem Wachs eingedrückt ist, die vermittels der Vernunft den Körpern eingeprägte Gestalt ist.
  • Alles, was das Ohr wahrnimmt, trägt ihre Züge. Du erkennst, daß alle Fragen, die über sie gestellt werden, von ihr geprägt sind. Daher setzen sie alle den Wesenssinn der Seele voraus. Die Frage, ob es sie gibt, betrifft ebenso wie alle übrigen den Wesenssinn. Also kann nicht daran gezweifelt werden, ob es sie gibt, da ohne sie kein Zweifel entstehen könnte. Wenn jemand fragte, ob die Seele Quantität sei, solltest du ihm antworten, daß ihre Quantität keine körperliche ist, sondern eine solche wie die Zahl der Vernunft-Einsicht; denn da sie die Einheit der sinnlichen Dinge ist, ist alles sinnlich Getrennte in ihr eins. Sinnliche oder körperliche Quantität oder Qualität und ebenso die übrigen sinnlichen Eigenschaften verhalten sich so, daß ihrer aller Einheit der Wesenssinn der Seele ist, aus deren Einheit sie hervorgehen. Die Verschiedenheiten und Gegensätzlichkeiten der sinnlichen Dinge haben einen einzigen Wesenssinn, und dessen verschiedene Verschränkung bewirkt die Unterschiedlichkeit des Sinnlichen.
  • Die Urteile der Seele verhalten sich wie die Zahlen, von denen die einen gerade, die anderen ungerade, niemals jedoch zugleich gerade und ungerade sind. Aus diesem Grund beurteilt die Seele die Gegensätze nicht als im Wesenssinn miteinander vereinbar. Denn ihr Urteil ist ihre Zahl.

Et si acutius consideraveris, omnis unitatis numerus ad suam se habet unitatem modo conformi. Nam unitatis omnis numerus denario perficitur, simplicissimae unitatis numerus simplici numero in denarium pergit. Quae igitur sunt in prima unitate ipsa unitas simplicissima, in eius explicatione numerali reperiuntur diversa atque differenter alia. Ita quidem intelligentiae, quae sunt numerus simplicissimae atque absolutae unitatis, intellectualiter quidem numeri naturam in ordine ad primum participant. Reperitur igitur intellectualis differentia, oppositio, alietas et si quid aliud numero convenit, sed haec unitas sunt in absoluta. Ita quidem quadratae diversitates, alietates, oppositiones in ratione sunt unitas intellectualis; atque cubicae oppositiones et alietates sensibiles ac corporales sunt unitas in ratione. Hac via progredere in inquisitionibus, si ad veriores volueris pertingere coniecturas.

  • Und wenn du genauer überlegst, erkennst du, daß sich die Zahl jeder Einheit zu ihrer Einheit in gleicher Weise verhält. Die Zahl jeder Einheit wird im Zehner vollendet; die Zahl der einfachsten Einheit gelangt durch die einfachste Zahl zum Zehner. Was in der ersten Einheit diese einfachste Einheit selbst ist, findet sich in ihrer zahlenmäßig611 Ausfaltung als verschieden und unterschiedlich Anderes. Ebenso nehmen die Vernunft-Einsichten, welche die Zahl der ganz einfachen und absoluten Einheit sind, in vernunfthafter Weise an der Natur der Zahl in Hinordnung auf das Erste teil. Man findet also eine vernunfthafte Unterschiedenheit, Gegensätzlichkeit, Andersheit und was sonst immer der Zahl entspricht; diese sind jedoch Einheit in der absoluten Einheit. So sind auch die Unterschiede, Andersheiten und Gegensätze, die der Stufe des Quadrates angehören, im Wesenssinn vernunfthafte Einheit; und die der Stufe des Kubus angehörenden sinnlichen und körperhaften Gegensätze und Andersheiten sind Einheit im Wesenssinn. Auf diesem Weg setze deine Untersuchung fort, wenn du zu relativ wahrsten Mut-Maßungen gelangen willst.