Werk:De coniecturis/De vita
Capitulum XI De vita (Das Leben)
Vitam etiam quasi formae aut spiritus aut alterius cuiuscumque si in suis volueris differentiis intueri, primo ipsam ex unitate lucis et alteritate tenebrae in P figuram resolvito atque ita inspicies nobilem illam vitam, in cuius unitatis claritate omnis alteritas absorbetur, aliam autem intueberis, cuius unitas in alteritate fluxibilis atque instabilis tenebrae involvitur. Et si ipsam vitam in universali figura universum feceris, tres vitas – quadrate cubiceque – distingues. Unde incorruptibilem et alterabilem atque plus incorruptibilem plusque alterabilem et corruptibilem et horum subdistinctiones coniecturaliter hac via attinges. Quoniam autem inter ipsam vitam, ubi alteritatis victoria corruptibilitatem aut resolubilitatem unitatis inducit, et inter eam, ubi unitatis victoria incorruptibilitatem operatur, aequale medium cadere nequit, ut sit nec corruptibilis neque incorruptibilis et tamen de praefatarum differentiarum natura, ut saepissime diximus, hinc etiam, ut inferior vita superiori adunetur in unitate universi, superiorem inferiori coniungi necesse erit. Hoc igitur unum compositum exsistens ex vita unitate vincente atque ex ea, ubi alteritas vincit, secundum inferioris condicionem in alteritatem pergit atque corruptibilitati involvitur, secundum superioris vero naturam ad unitatem incorruptibilitatis accedit. Ex corruptibili igitur atque incorruptibili vita ipsum tale esse constat atque hoc differenter inter eam conexionem participantia. Non est igitur mors talium alia quam aliorum mortalium, nam propter fluxum alteritatis in dispersionem tendit. Stabilis igitur remanet unitas incorruptibilis vitae unitate alterabili a suae unitatis harmoniaca cadente radice. Intellectualis autem vita, ad incorruptibilem veritatem erecta sursum, ad corruptibilem alteritatem moveri nescit.
- Wenn du das Leben der Gestalt oder des Geistes oder von sonst irgend Etwas in seinen Unterschieden einsehen willst, dann füge es auf Grund der Einheit des Lichtes und der Andersheit der Dunkelheit zuerst in die Figur P ein. Und so betrachtest du jenes edle Leben, in dessen klarer Einheit jede Andersheit absorbiert wird. Du siehst aber auch ein anderes, dessen Einheit in die Andersheit der wandelbaren und unbeständigen Dunkelheiten verstrickt ist. Und wenn du das Leben selbst in der allgemeinen Figur zum Gesamt machst, kannst du drei Leben der Wurzel, dem Quadrat und dem Kubus nach unterscheiden. Daher erfaßt du das unvergängliche und veränderliche und das unvergänglichere und veränderlichere bzw. vergänglichere Leben und dessen Unterteilungen auf diesem Weg in der Weise der Mut-Maßung. Weil es aber zwischen dem Leben, wo der Sieg der Andersheit die Vergänglichkeit oder Auflösung der Einheit herbeiführt und zwischen jenem, wo der Sieg der Einheit die Unvergänglichkeit bewirkt, kein gleich-mittleres geben kann, das weder vergänglich noch unvergänglich wäre, verhält es sich mit der Natur der vorhergenannten Unterschiede doch so, wie wir es oft gesagt haben.
- Damit das niedrigere Leben mit dem höheren in der Einheit des Gesamt vereint werde, ist es notwendig, daß das höhere dem niedrigeren Leben verbunden wird. Dieses zum Einen Verbundene, das aus demjenigen Leben besteht, in welchem die Einheit siegt, und aus demjenigen, in welchem die Andersheit siegt, geht der Beschaffenheit des niedrigeren Lebens zufolge in die Andersheit über und wird in die Vergänglichkeit verstrickt. Entsprechend der Natur des höheren Lebens indes gelangt es zur Einheit mit der Unvergänglichkeit. Es steht also fest, daß diese derart beschaffene Verbindung aus vergänglichem und unvergänglichem Leben besteht; und das in verschiedener Weise bei den an dieser Verbindung Teilhabenden. Der Tod dieser Verbindungen ist also nichts anderes als der anderer Sterblicher. Denn wegen des Fließens der Andersheit strebt sie zur Zerstreuung. Beständig bleibt die Einheit des unvergänglichen Lebens, während die veränderliche Einheit von der harmonischen Wurzel ihrer Einheit abweicht. Das vernunfthafte Leben aber, das zur unvergänglichen Wahrheit emporgerichtet ist, kann sich nicht zur vergänglichen Andersheit bewegen.
Infimus igitur specificus huius naturae gradus, parum in actu, paene quasi in potentia, quandam conexionis participabilitatem cum fluxibili vita possidet, non quidem ut fluxibili vitae vigorem stabilitatis praestet, sed potius ut eius etiam conexione per admirationem sensibilium rationabiliter moveatur atque in dormitanti potentia ad actum excitetur evigiletque. Nec est possibile hunc specificum gradum conexionis utriusque vitae multiplicare, ut huius conexionis plures sint species, licet hanc speciem individua varie participare necesse sit. Vita igitur irresolubilis est ipsa intellectualis vita, resolubilis vero est ipsa sensibilis; media vero, quae intellectuali propinquior est, rationalis nobilis atque intellectualis est, quae et sensus intellectualis dici potest; sensui vero accedens rationalis ignobilis seu imaginativa aut intellectus sensualis poterit | appellari. Ratio igitur superior intellectum participans cum ratione inferiori sensualis naturae conectitur in specie ipsa humana. Tali quidem coniectura attingere ea poteris, quae circa vitam discursus venari poterit.
- Der unterste eigengestaltliche Grad dieser Natur, die wenig in der Wirklichkeit und beinahe ganz in der Möglichkeit ist, besitzt eine gewisse Partizipierbarkeit der Verbindung mit dem wandelbaren Leben; jedoch nicht so, daß sie dem wandelbaren Leben die Stärke der Beständigkeit böte, sondern eher so, daß sie sich infolge ihrer Verbindung mit ihm durch das Staunen über das Sinnliche verstandesmäßig bewegt und in der schlafenden Möglichkeit zur Wirklichkeit gerufen und erweckt wird.
- Es ist nicht möglich, diesen eigengestaltlichen Grad der Verbindung beider Leben zu vervielfältigen, so daß es mehrere Eigengestalten dieser Verbindung gäbe, auch wenn es notwendig ist, daß die Individuen mannigfach an dieser Eigengestalt teilhaben. Das unauflösbare Leben ist also vernunfthaftes Leben; das auflösbare ist sinnliches, das mittlere aber, das dem vernunfthaften näher ist, ist verständig, edel und vernunfthaft; man kann es auch vernunfthaften Sinn nennen. Das verständige Leben jedoch, das sich dem Sinn nähert, ist unedel oder einbildungshaft; man kann es sinnenhafte Vernunft nennen. Der höhere Verstandessinn, der am Vernunft-Denken teilhat, wird mit dem niederen Verstandessinn, der sinnhaften Natur, in der menschlichen Eigengestalt verknüpft. Durch eine dergestaltige Mut-Maßung kannst du das erreichen, was eine Denk-Bewegung gegenüber dem Leben erjagen kann.