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Werk:De coniecturis/Symbolicum exemplar rerum numerum esse

aus AufEinWort, der freien Forschung

Capitulum II Symbolicum exemplar rerum numerum esse (Das symbolische Urbild der Dinge ist die Zahl)

Rationalis fabricae naturale quoddam pullulans principium numerus est; mente enim carentes, uti bruta, non numerant. Nec est aliud numerus quam ratio explicata. Adeo enim numerus principium eorum, quae ratione attinguntur, esse probatur, quod eo sublato nihil omnium remansisse ratione convincitur. Nec est aliud rationem numerum explicare et illo in constituendis coniecturis uti, quam rationem se ipsa uti ac in sui naturali suprema similitudine cuncta fingere, uti deus, mens infinita, in verbo coaeterno rebus esse communicat.

  • Der natürlich keimende Ursprung der Verstandestätigkeit ist die Zahl; Wesen, denen der Geist fehlt – wie den Tieren –, zählen nicht. Die Zahl ist nichts anderes als der entfaltete Verstand. Damit ist zugleich bewiesen, daß die Zahl der Ursprung der Dinge ist, die durch den Verstand erfaßt werden. Daß bei Aufhebung der Zahl nichts von allem bestehen bleibt, wird durch den Verstand bewiesen. Daß der Verstand die Zahl entfaltet und sie, wenn er Mutmaßungen anstellt, verwendet, bedeutet nichts anderes, als daß er sich selbst verwendet und in seiner höchsten, natürlichen Ähnlichkeit alles bildet, so wie Gott, der unendliche Geist, der durch das ihm gleich-ewige Wort den Dingen das Sein mitteilt.

Nec quidquam numero prius esse potest. Cuncta enim alia ab ipso ipsum necessario fuisse affirmant. Omnia enim simplicissimam unitatem exeuntia composita suo sunt modo. Nulla vero compositio absque numero intelligi potest. Nam partium pluralitas atque earum diversitas, simul et proportio componibilitatis ex ipso sunt. Neque alia res substantia, alia quantitas, alia albedo, alia nigredo, et ita de omnibus, absque alietate esset, quae ex numero est. Sed numerus «ex se ipso compositus»[1] est; ternarius enim ex tribus combinatis compositus concipi debet. Alioquin ternarius non magis esset, quam si seorsum parietem, seorsum tectum fundamentaque domus fingeres et formam domus concipere velles. Oportet igitur non seorsum, sed composite simul ipsum imaginari, nec tunc aliud erit trium combinatio quam ternarius. «Ex se ipso»[1] igitur «compositus»[1] est. Oportet etiam primam oppositionem contractam ex se ipsa contractam esse, quod extra numerum impossibile est. Omnis igitur numerus, compositus ex oppositis differentibus atque ad invicem proportionabiliter se habentibus, taliter exsistit, quod illa sunt ipse. Par numerus impari opponitur, atque omnis numerus, sive par sive impar, ex pari et impari, hoc est ex se ipso exsistit. Quaternarius ex ternario impari et quaternario pari compositus est. Quod autem ex duobus binariis combinatus videtur, non ad quaternarii essentiam, sed quantitatem | referri debet.

  • Nichts kann früher sein als die Zahl; denn alles Andere bezeugt, daß es als solches notwendigerweise von ihr stammt. Alles, was aus der einfachsten Einheit hervorgeht, ist in seiner Weise zusammengesetzt; aber keine Zusammensetzung kann ohne die Zahl eingesehen werden. Aus ihr stammt die Vielheit der Teile und zugleich kommt auch deren Verschiedenheit und das Verhältnis der Zusammensetzbarkeit aus ihr. Auch wären Substanz, Quantität, Weiße, Schwärze usw. nicht verschiedene Dinge ohne die Andersheit; diese ist, was sie ist, durch die Zahl. Die Zahl aber ist aus sich selbst zusammengesetzt. Der Dreier muß als Zusammensetzung aus drei zusammengefügten Einheiten verstanden werden. Sonst wäre er nicht mehr, als wenn man sich Wand, Dach und Grundmauern eines Hauses getrennt vorstellen und so die Gestalt des Hauses verstehen wollte. Man darf ihn sich darum nicht getrennt, sondern nur als zugleich verbunden vorstellen, und dann ist die Verbindung von drei Einheiten nichts anderes als der Dreier, der aus sich selbst besteht.
  • Es muß also die erste verschränkte Gegensätzlichkeit aus sich selbst verschränkt sein; das ist außerhalb der Zahl unmöglich. Jede Zahl ist aus Gegensätzen, die sich voneinander unterscheiden und zueinander in einem Verhältnis stehen, so zusammengesetzt, daß diese die Zahl selbst sind. Die gerade Zahl steht zur ungeraden im Gegensatz, und jede Zahl, ob gerade oder ungerade, besteht aus gerader und ungerader Zahl, das heißt aus sich selbst. Der Vierer ist aus dem ungeraden Dreier und dem geraden Vierer zusammengesetzt. Daß er aus zwei mal zwei zu bestehen scheint, ist nicht auf die Wesenheit, sondern auf die Quantität des Vierers zurückzuführen.

Quomodo autem concipi quidquam posset menti similius numero? Nonne unitas ternarii ternaria est, aequalitas ternarii ternaria est? Sic et ternarii conexio ternaria exstitit. Numeri igitur essentia primum mentis exemplar est. In ipso etenim triunitas seu unitrinitas, contracta in pluralitate, prioriter reperitur impressa. Symbolice etenim de rationalibus numeris nostrae mentis ad reales ineffabiles divinae mentis coniecturantes, dicimus «in animo conditoris primum rerum exemplar»[2] ipsum numerum, uti similitudinarii mundi numerus a nostra ratione exsurgens.

  • Was ließe sich finden, das dem Geist ähnlicher wäre als die Zahl? Ist nicht die Einheit des Dreiers die Dreiheit, die Gleichheit des Dreiers die Dreiheit? Und ebenso stellt die Verknüpfung des Dreiers die Dreiheit dar.
  • Die Wesenheit der Zahl ist das erste Urbild des Geistes. In diesem nämlich findet sich die Dreiheit oder die in Vielheit verschränkte Einig-Dreiheit vorgängig eingeprägt. Indem wir in symbolischer Weise von den verstandesmäßigen Zahlen unseres Geistes in Hinblick auf die wirklichen, unsagbaren Zahlen des göttlichen Geistes Mut-Maßungen anstellen, sagen wir, daß im Geist des Schöpfers das erste Urbild der Dinge die Zahl sei, so wie die aus unserem Verstand entspringende Zahl das Urbild der abbildhaften Welt ist.
  1. ↑ a b c Boethius De inst. arithm. I 2 (12,5).
  2. ↑ cf. Boethius De inst. arithm. I 2 (12,6): Hoc enim fuit principale in animo conditoris exemplar.