Werk:De coniecturis/Unde coniecturarum origo
Capitulum I Unde coniecturarum origo (Der Ursprungsort der Mutmaßungen)
Coniecturas a mente nostra, uti realis mundus a divina infinita ratione, prodire oportet. Dum enim humana mens, alta dei similitudo, fecunditatem creatricis naturae, ut potest, participat, ex se ipsa, ut imagine omnipotentis formae, in realium entium similitudine rationalia exserit. Coniecturalis itaque mundi humana mens forma exstitit uti realis divina. Quapropter ut absoluta illa divina entitas est omne id quod est in quolibet quod est, ita et mentis humanae unitas est coniecturarum suarum entitas.
- Wie die wirkliche Welt aus dem unendlichen göttlichen Wesenssinn, so müssen die Mut-Maßungen aus unserem Geist hervorgehen. Da nämlich der menschliche Geist, das erhabene Abbild Gottes, an der Fruchtbarkeit der schöpferischen Natur, soweit es ihm möglich ist, teilhat, bringt er aus sich selbst, dem Abbild der allmächtigen Gestalt, in der Ähnlichkeit des Seienden Vernunftgebilde hervor. So ist der menschliche Geist die Gestalt der mut-maßlichen Welt, so wie der göttliche die der wirklichen ist. Aus diesem Grund ist die Einheit des menschlichen Geistes die Seiendheit seiner Mut-Maßungen, so wie jene absolute göttliche Seiendheit alles ist, was in jedem, das ist, ist.
- Anders übersetzt: Mutmaßungen müssen aus unserem Verstand kommen, so wie die dingliche Welt aus der göttlichen unendlichen Vernunft entsteht. Denn während der menschliche Geist, ein tiefes Ebenbild Gottes, so viel wie möglich an der Fruchtbarkeit der schöpferischen Natur teilnimmt, bringt er aus sich selbst als Abbild der allmächtigen Form die verhältnißmäßige Ähnlichkeit dinglicher Wesen hervor. Der menschliche Geist existierte daher in Form einer mutmaßlichen Welt als göttliche Realität. So wie diese absolute göttliche Einheit alles ist, was in jedem ist, der ist, so ist auch die Einheit des menschlichen Geistes die Einheit seiner Mutmaßungen.
Deus autem omnia propter se ipsum operatur, ut intellectuale sit principium pariter et finis omnium; ita quidem rationalis mundi explicatio, a nostra complicante mente progrediens, propter ipsam est fabricatricem. Quanto enim ipsa se in explicato a se mundo subtilius contemplatur, tanto intra se ipsam uberius fecundatur, cum finis ipsius ratio sit infinita, in qua tantum se, uti est, intuebitur, quae sola est omnibus rationis mensura. Ad cuius assimilationem tanto propinquius erigimur, quanto magis mentem nostram profundaverimus, cuius ipsa unicum vitale centrum exsistit. Ob hanc causam naturali desiderio ad perficientes scientias aspiramus.
- Wie aber Gott alles um seiner selbst willen bewirkt, auf daß er zugleich der vernünftige Anfang und das Ende von allem sei, so geschieht auch die Ausfaltung der verständigen Welt, die von unserem einfaltenden Geist ausgeht, um seiner schöpferischen Kraft willen. Je gründlicher er sich in der von ihm selbst entfalteten Welt betrachtet, um so reichlicher wird er in sich selbst befruchtet; sein Ziel ist ja der unendliche Wesenssinn, in dem allein er sich so erblickt, wie er ist, da er allein das Wesensmaß für alle darstellt. Zur Verähnlichung mit ihm erheben wir uns um so mehr, je weiter wir unseren Geist, dessen einzige lebendige Mitte jener ist, vertiefen. Das ist der Grund, warum wir in natürlicher Sehnsucht nach dem uns vervollkommnenden Wissen streben.
- Anders übersetzt: Aber Gott wirkt alles um seiner selbst willen, so dass der Intellektuelle sowohl der Anfang als auch das Ende aller Dinge ist; Somit ist die rationale Erklärung der Welt, die von unserem komplizierten Verstand ausgeht, in der Tat um ihrer selbst willen konstruktiv. Denn je genauer sie sich selbst in der von ihr selbst entfalteten Welt betrachtet, desto üppiger wird sie in sich selbst bereichert, da die Vernunft selbst unendlich ist, in der nur sie selbst, wie sie ist, betrachtet wird, die das einzige Maß der Vernunft für alles ist. Der Assimilation, der wir uns nähern, kommen wir umso näher, je mehr wir unseren Geist vertiefen, dessen einziges Lebenszentrum er ist. Aus diesem Grund streben wir mit einem natürlichen Wunsch nach Perfektion des Wissens.
Ut autem ad apprehensionem intenti inducaris et mentem coniecturarum principium recipias, advertas quoniam, ut primum omnium rerum atque nostrae mentis principium unitrinum ostensum est, ut multitudinis, inaequalitatis atque divisionis rerum unum sit principium, a cuius unitate absoluta multitudo, aequalitate inaequalitas et conexione divisio effluat, ita mens nostra, quae non nisi intellectualem naturam creatricem concipit, se unitrinum facit principium rationalis suae fabricae. Sola enim ratio multitudinis, magnitudinis ac compositionis mensura est, ita ut ipsa sublata nihil horum subsistat, sicut entitate infinita negata omnium rerum entitates pariter constat esse negatas. Quapropter unitas mentis in se omnem complicat multitudinem eiusque aequalitas omnem magnitudinem, sicut et conexio compositionem. Mens igitur unitrinum principium primo ex vi complicativae unitatis multitudinem explicat, multitudo vero inaequalitatis atque magnitudinis generativa est. Quapropter in ipsa primordiali multitudine, ut in primo exemplari, magnitudines seu perfectiones integritatum varias et inaequales venatur, deinde ex utrisque ad compositionem progreditur. Est igitur mens nostra distinctivum, proportionativum atque compositivum principium.
- Damit du aber dahin kommst, das Erstrebte zu erlangen und den Geist als Ursprung der Mutmaßungen begreifst, mußt du darauf achten, daß es, da sich der erste Anfang aller Dinge und unseres Geistes als ein dreieiniger darstellt, für Vielheit, Ungleichheit und Teilung der Dinge nur einen Ursprung gibt, von dessen absoluter Einheit die Vielheit, von dessen Gleichheit die Ungleichheit und von dessen Verknüpfung die Trennung entspringt. So macht sich auch unser Geist, der allein die geistige Natur als schöpferische versteht, zu einem dreieinigen Ursprung seiner verstandesmäßigen Kunst. Denn der Verstandessinn allein ist das Maß der Menge, Größe und Zusammensetzung, so daß ohne ihn nichts davon vorhanden ist; genauso, wie man notwendigerweise die Seiendheit aller Dinge leugnet, sobald man die unendliche Seiendheit leugnet. Darum schließt die Einheit des Geistes in sich alle Vielheit ein, seine Gleichheit alle Größe, sowie seine Verknüpfung alle Zusammensetzung. Der Geist als der dreieinige Ursprung entfaltet zuerst aus der Kraft der einfaltenden Einheit die Vielheit, die Vielheit aber zeugt die Ungleichheit und die Größe. Darum spürt er in dieser ersten anfänglichen Vielheit wie in einem ersten Urbild die Größen oder Vollkommenheiten, die verschieden und ungleich sind, als stets Geeinte auf. Danach gelangt er aus beiden zur Zusammensetzung. Daher ist unser Geist der unterscheidende, verhältnissetzende und zusammenfügende Ursprung.
- Anders übersetzt: Damit Sie jedoch aufmerksam zum Verständnis gebracht werden und der Geist das Prinzip der Vermutung aufnehmen kann, beachten Sie, dass, wie gezeigt wurde, dass das erste Prinzip aller Dinge und unseres Geistes eins ist, dass Menge, Ungleichheit und Teilung der Dinge ein Prinzip sind, aus dessen Einheit absolute Menge, Gleichheit, Ungleichheit und Teilung hervorgehen, so unser Geist, der sich nichts anderes als eine intellektuelle schöpferische Natur vorstellt, sich selbst zum einheitlichen Prinzip seiner rationalen Struktur macht. Denn der einzige Grund ist das Maß der Menge, der Größe und der Zusammensetzung, so dass, wenn es entfernt wird, nichts davon bestehen bleibt, so wie es offensichtlich ist, dass die Entitäten aller Dinge gleichermaßen einer unendlichen Entität verneint werden. Daher umfasst die Einheit des Geistes in sich alle Menge und ihre Gleichheit alle Größe sowie die Zusammensetzung durch Verbindung. Daher erklärt das Einheitsprinzip zunächst die Menge durch die Kraft der komplizierenden Einheit, während die Menge Ungleichheit und Größe hervorbringt. Daher sucht es in der urordnenden Vielfalt selbst, wie im Urbild, nach verschiedenen und ungleichen Größen oder Vollkommenheiten von Ganzen und geht dann von beiden zur Zusammensetzung über.