Werk:De ven. sap./107
107▷Corruptibile non intelligitur nisi per incorruptibilem eius speciem. Abstrahit enim intellectus de sensibili intelligibilem speciem. Non enim species seu ratio intelligibilis calidi est calida aut frigidi frigida – ita de cunctis –, sed est ab omni alterabilitate absoluta, ut formam [1] rei sicut exemplar eius verum vere repraesentet. Et quia solum illa incorporea et immaterialis rei species seu ratio est actu intelligibilis | et in actu intellectum transformabilis, patet intellectum omni [2] temporali et corruptibili altiorem et puriorem et naturaliter perpetuum. Quod et clarissime percipis, quando vides, quod depurata ab omni [3] corruptibili materia, quae non indigent abstractione, citius intelliguntur: sicut secundum Proclum est li unum absolutum per se intelligibile et intellectui conforme, sicut lux visui et sic alia intelligibilia per se nota, quae sunt principia in mathematicis et aliis scientiis. Sunt enim sui ipsius species seu intelligibilis ratio.
Übs. Sg.
Das Vergängliche wird nur durch sein unvergängliches Artwesen erkannt. Der Geist abstrahiert nämlich vom sinnlich Wahrnehmbaren das geistig erfaßbare Artwesen. Das Artwesen oder der geistig erkennbare Wesensgrund des Warmen nämlich ist nicht warm oder der des Kalten nicht kalt – dasselbe gilt von allem -, sondern er ist losgelöst von aller Veränderlichkeit, um so die Form des Gegenstandes wie ein wahrheitsgemäßes Bild desselben richtig wiederzugeben. Da nur dieses unkörperliche und immaterielle Artwesen des Dinges oder sein Wesensgrund wirklich erkennbar ist und sich zu einem wirklich erkannten Gegenstand umformen läßt, ist offenkundig der Geist erhabener und reiner als alles Zeitliche und Vergängliche und damit seiner Natur nach immerwährend. Deutlich einsichtig wird dieser Sachverhalt bei der Beobachtung,daß die Gegenstände, welche von jeder vergänglichen Stofflichkeit frei sind und deshalb keiner Abstraktion bedürfen, rascher erkannt werden. So ist nach Proklus[4] das absolute Eine an sich geistig erfaßbar und dem geistigen Erkennen gemäß, ebenso ist das Licht dem Gesichtssinn gleichförmig und ebenso sind die anderen evidenten Sachverhalte dem Denken gemäß, die als Grundlagen in der Mathematik und in anderen Wissenschaften dienen. Sie sind nämlich Artwesen oder erkennbarer Wesensgrund für sich selbst.
Übs. Dp.
Man kann das Vergängliche durch nichts vernünftig denken als durch seine unvergängliche Eigengestalt. Denn der denkende Geist abstrahiert von dem Sinnlichen die geistige Eigengestalt.
Die Eigengestalt oder der geistige Wesenssinn des Warmen ist nicht warm, und die des Kalten nicht kalt usw., sondern sie ist von jeder Veränderlichkeit so gelöst, daß sie die Gestalt des betreffenden Dinges als dessen wahres Urbild in Wahrheit darstellt. Und da allein jene körperlose und immaterielle Eigengestalt oder der Wesenssinn des Dinges als Wirklichkeit begriffen und durch diese in das Denk-Wirkliche umgeformt werden kann, ist es offenbar, daß der Geist über alles Zeitliche und Vergängliche erhaben und reiner und von Natur immerwährend ist.
Das erschaut man am klarsten, wenn man sieht, daß das von aller vergänglichen Materie Gereinigte, das keiner Abstraktion bedarf, schneller erkannt wird. So ist nach Proklos das absolute Eine durch sich selbst verständlich und dem Geiste angepaßt wie das Licht dem Auge; ebenso die andern, durch sich selbst bekannten Prinzipien, nämlich die der Mathematik und der andern Wissenschaften. Sie sind nämlich die Eigengestalten ihrer selbst oder ihr geistiger Wesenssinn.