Werk:De ven. sap./2
2▶Intellectualis nostra natura cum vivat, necessario pascitur. Sed alio quam intelligibilis vitae cibo nequaquam refici potest, quemadmodum [1] omne vivens simili cibo vitae suae pascitur. Nam cum vitalis spiritus sit delectabiliter movens, qui motus vita dicitur, tunc vis ipsa spiritus vitae, nisi restauretur naturali sua refectione, exspirat et deficit.
Pythagorici aiebant vitalem spiritum in vapore seminis, corpus in corpore eius potentialiter subsistere. Quod et Stoici, qui et Zenonii, [2] approbantes substantiam fructiferi seminis in spiritu vaporabili esse dixerunt, qui dum in grano aut in alio semine exspiravit, non fructificat. Ignem enim videmus deficere et exspirare, si pabulum eius defecerit. Unde et caelestia, cum moveantur, ‘spiritus’ veteres appellabant, ut sapiens Philo et Iesus filius Sirach solem spiritum [3] affirmant. Ideo et solem pasci dicebant vapore oceani et lunam similiter vapore aliorum fluminum refici affirmant et planetas, quos divina vita pollere putabant, et deos alios vaporibus delectari credentes thure et odoriferis placabant. His enim spiritum vitae aetheriae seu caelestis purgatissimi ignis naturae inesse asserentes [4] vaporem odoris suavissimi obtulerunt.
Übs. Sg.
Unsere geistige Natur lebt. Sie braucht also Nahrung. Wie aber alles Lebendige von der seiner Lebensform entsprechenden Speise sich nährt, so hat nur die Nahrung geistigen Lebens die Kraft, unsere geistige Natur zu erhalten. Die Lebenskraft regt sich zur eigenen Freude, eine Bewegung, die man Leben nennt. Deshalb muß die Lebensenergie ohne Erneuerung durch eine natürliche, ihr gemäße Nahrung erlahmen und erlöschen. Die Pythagoräer ließen die Lebenskraft in der Wärme des Samens, den Körper im Samenkörper der Möglichkeit nach enthalten sein.[5] Dem stimmten auch die Stoiker zu, die man auch Anhänger Zenons nennt.[6] Sie fanden das substantiale Wesen des fruchtbringenden Samens im Wärmehauch. Wenn dieser in einem Samenkorn oder in einem anderen Samen erlischt, so entsteht keine Frucht. Wir beobachten ja auch das Erlahmen und Erlöschen des Feuers bei Erschöpfung seines Nährstoffes. Wegen ihrer Bewegung haben deshalb die Alten auch die Himmelskörper als Geistwesen bezeichnet. So nennen der weise Philon[7] und Jesus, der Sohn des Sirach,[8] die Sonne ein Geistwesen. Folgerichtig ließen sie auch die Sonne sich vom Wärmedampf des Ozeans nähren und in ähnlicher Weise den Mond aus dem Wärmedampf anderer Gewässer Nahrung schöpfen. Auch die Planeten, denen sie die Fülle göttlichen Lebens zuschrieben, und die anderen Götter hatten nach ihrer Meinung Freude an Dämpfen. Deshalb versuchten sie, diese mit Weihrauch und Wohlgerüchen gnädig zu stimmen. In der Auffassung, daß in ihnen ein Geisthauch ätherischen oder himmlischen Lebens von der Natur des reinsten Feuers wohne, brachten sie ihnen den Dampfhauch angenehmsten Geruches als Opfer dar.
Übs. Dp.
Da unsere geistige Natur lebt, muß sie notwendigerweise ernährt werden. Wie alles Lebende sich durch Speise, die seinem Leben gemäß ist, ernährt, so kann auch sie mit keiner anderen Speise als der des geistigen Lebens erhalten werden. Weil der lebendige Geist sich in Freude und Genuß bewegt – diese Bewegung wird Leben genannt –, nimmt die Kraft des Lebensgeistes, wenn sie nicht durch ihre natürliche Ernährung erneuert wird, ab und geht zugrunde.
Die Pythagoräer sagten, daß der Lebensgeist im Dunsthauch des Samens, der Körper in seinem Körper als Möglichkeit gründe. Die Stoiker, die man auch als Anhänger des Zenon bezeichnet, stimmten dem zu und glaubten, daß der Grundbestand des fruchtenden Samens im Dunsthauch sei. Wenn dieser im Getreidekorn oder in einem anderen Samen aushaucht und abstirbt, bringt er keine Frucht, so wie wir sehen, daß das Feuer abnimmt und verlöscht, wenn ihm die Nahrung ausgeht. Daher nannten auch die Alten die Gestirne, weil sie sich bewegten, lebendige Geistwesen. So versichern z. B. der weise Philo und Jesus Sirach, die Sonne sei lebendiger Geist; deshalb sagte man auch, die Sonne nähre sich vom Dunsthauch des Ozeans, und Mond und Planeten, die man von göttlichem Leben erfüllt glaubte, würden in ähnlicher Weise durch den Dunst der Gewässer erquickt. Und in der Meinung, daß auch die anderen göttlichen Wesen sich an solchen Dünsten erfreuten, versöhnte man sie mit Weihrauch und Wohlgerüchen. Denn man war überzeugt, daß in ihnen der Geist des ätherischen oder himmlischen Lebens von der Natur des reinen Feuers enthalten sei, und brachte ihnen eben deshalb den Rauch der süßesten Wohlgerüche dar.