Werk:De ven. sap./33
33▷ Adhuc attende, quomodo deus posse fieri excedens praecedit omne quod potest fieri. Nihil igitur potest fieri perfectius, quod non praecedat. Est igitur omne id quod esse potest, omne perfectibile perfectumque. Quare est ipsum perfectum, quod et perfectio omnium[1] perfectorum et perfectibilium. Gaudet igitur intellectus se talem cibum perficientem numquam consumptibilem habere, per quem videt se immortaliter perpetueque pasci delectabilissimeque vivere semperque in sapientia perfici, crescere augerique posse. Uti is plus gaudet, qui in|venit infinitum et innumerabilem, incomprehensibilem[2][3] atque inexhauribilem thesaurum, quam ille, qui repperit finitum, numerabilem comprehensibilemque. Hoc ille magnus Leo Papa videns ait in sermone, ubi deum ineffabilem laudat, dicens: «Sentiamus in nobis bonum esse, quod vincimur. Nemo ad cognitionem veritatis magis propinquat, quam qui intelligit in rebus divinis, etiam[4] si multum proficiat, semper sibi superesse, quod quaerat.» Vides nunc venatores philosophos, qui nisi sunt rerum quiditates ignorata quiditate dei venari et qui dei quiditatem semper scibilem facere scitam nisi sunt, fecisse labores inutiles, quoniam campum doctae ignorantiae non intrarunt. Solus autem Plato aliquid plus aliis[5] philosophis videns dicebat se mirari, si deus inveniri, et plus mirari, si inventus posset propalari.
Übs. Sg.
Beachte ferner, daß Gott, der das Werden-Können überragt, allem vorangeht, was werden kann. Nichts kann also vollkommener werden, ohne daß er ihm vorangeht. Er ist demnach alles das, was sein kann, alles Vollendbare und Vollendete. Deshalb ist er das Vollkommene selbst, das auch die Vollendung alles Vollendeten und Vollendbaren ist. Die Vernunft frohlockt über das Vorhandensein einer solchen sie vollendenden Speise, die niemals aufzubrauchen ist, von der sie, wie sie erkennt, ohne Tod und dauernd sich nähren kann, der sie ein ergötzliches Leben und dauernde Vervollkommnung, Wachstum und Fort- schritt in der Weisheit verdankt, so wie der mehr frohlockt, der einen grenzenlosen und unzählbaren, einen unergründlichen und unerschöpflichen Schatz findet, mehr als der, welcher einen begrenzten, zählbaren und ergründbaren findet. In dieser Erkenntnis sagt Papst Leo der Große[6] in der Predigt, in der er Gott als den Unaussprechlichen preist: »Laßt uns ein Gefühl dafür bekommen, daß es ein Vorteil für uns ist zu unterliegen. Niemand ist eifriger in der Erkenntnis der Wahrheit als der, welcher begreift, daß in den göttlichen Dingen auch dem Fortgeschrittensten immer noch etwas zum Forschen übrigbleibt.«
Nun wird dir deutlich, daß die philosophischen Jäger, die sich mühten, die Wesenheiten der Dinge – ohne Kenntnis der Wesenheit Gottes – zu erjagen, und die sich mühten, das immer dem Wissen aufgegebene Wesen Gottes zum Gegenstand des Wissens zu machen, nutzlos sich mühten, da sie das Feld des belehrten Nichtwissens nicht betraten. Allein Platon,[7] der ein wenig weiter sah als die anderen Philosophen, erklärte seine Verwunderung, wenn Gott gefunden werden könnte, und seine noch größere Verwunderung, wenn dann der so gefundene Begriff allgemein mitgeteilt werden könnte.
Übs. Dp.
Beachte, wie Gott das Werden-Können überragt und allem, das werden kann, vorausgeht! Daher kann nichts so vollkommen werden, daß er ihm nicht dennoch vorangeht. Er ist alles, was sein kann, alles, was vollkommen werden kann, und alles, was vollkommen ist. Deshalb ist er das Vollkommene selbst, das die Vollkommenheit alles Vollkommenen und Vervollkommenbaren ist.
Der Geist freut sich darüber, eine solche Nahrung, die sich vervollkommnet und niemals aufgezehrt werden kann, zu besitzen und zu sehen, daß er durch sie unsterblich und unaufhörlich genährt werden, glücklich leben und stets an Weisheit zunehmen, wachsen und sich in ihr vollenden kann. Ebenso freut sich der, welcher einen unbegrenzten und unzählbaren, unfaßbaren und unerschöpflichen Schatz findet, mehr als jener, der einen begrenzbaren, zählbaren und faßbaren entdeckt. Das erkannte Papst Leo der Große, welcher in einer Predigt, in der er den unaussprechlichen Gott preist, sagt, wir wollen in uns empfinden, daß es gut ist, überwunden zu werden. Niemand nähert sich der Betrachtung der Wahrheit mehr als derjenige, der einsieht, daß ihm in den göttlichen Dingen, auch wenn er schon viel erkannt hat, immer etwas bleibt, was er suchen muß. Du siehst nun, daß die Philosophen, die versuchten, die Wesenheit der Dinge ohne Kenntnis der Wesenheit Gottes zu erjagen und die Wesenheit Gottes zur stets wißbaren und gewußten machen wollten, unnütze Arbeit getan haben, weil sie das Feld der wissenden Unwissenheit nicht betreten haben.
Nur Platon, der etwas weiter sah als die andern Philosophen, pflegte zu sagen, daß es ihn erstaunen würde, wenn Gott gefunden, und noch mehr, wenn er, gefunden, mitgeteilt werden könnte.