Werk:De ven. sap./49
49▷Refert Proclus in primo libro Theologiae Platonis Socratem, qui vices Platonis tenet, in Alcibiade dicere intellectivam animam, [1] cum intra se conspicit, deum et omnia speculari. Ea enim quae post ipsam sunt, umbras esse videt intelligibilium; quae vero ante ipsam, ait in profundo clausis quodammodo oculis conspici. Omnia enim in nobis animaliter esse dicit. Ecce divinum Platonis iudicium.
Ita quidem arbitror ut ipse omnia in omnibus, scilicet suo esse [2] modo. In intellectu igitur nostro secundum ipsius essendi modum sunt omnia. Nam bonitas, magnitudo, veritas et omnia illa decem in omnibus sunt omnia: | in deo deus, in intellectu intellectus, in [3] sensu sensus. Si igitur, quae in deo deus, in intellectu intellectus et in omnibus omnia, utique omnia in intellectu intellectus sunt. [4] Intellectualiter igitur sunt ibi omnia seu notionaliter sive cognoscibiliter. Et quia intellectus est bonus, magnus, verus, pulcher, sapiens et cetera decem, cum se intuetur, se talem, ut dixi, esse videt et contentatur maxime, cum videat se perfectum et sufficientem. Et quoniam illa est intellectualiter, per suam bonitatem intellectualem [5] potens est intelligere bonitatem absolutam et bonitatem contractam; sic per magnitudinem, sic per veritatem; sic per sapientiam intellectualem suam notiones facit sapientiae absolutae ab omnibus et ad omnia contractae ordinemque rerum in sapientia intuetur et ordinata contemplatur.
Übs. Sg.
Proklus[6] berichtet im ersten Buch der Platonischen Theologie, Sokrates, der Platon repräsentiert, sage im Alkibiades[7], daß die Geistseele, wenn sie in sich selbst hineinblickt, dort Gott und alle Dinge schaue. Die Dinge, die ihr nachgeordnet sind, erschaut sie als Schattenbilder der geistigen Substanzen. Die ihr vorgeordneten Wesenheiten aber würden in der Tiefe gewissermaßen bei geschlossenen Augen geschaut. Alles sei nämlich in uns in der Weise des seelischen Seins. Das ist das erhabene Urteil Platons.
So glaube ich wie er, daß alles in allem ist, freilich in je besonderer Weise. In unserem Geiste sind alle Dinge gemäß seiner Seinsweise. Gutheit, Größe, Wahrheit und jene zehn alle sind in allem alles: in Gott Gott, mi Geist Geist, in der Wahrnehmung Wahrnehmung. Wenn nun die Dinge, die in Gott Gott, im Geist Geist und in allen alles sind, so sind alle Gegenstände im Geiste Geist. Geistigerweise also haben dort ale Dinge Sein in der Weise des Begriffs oder des Erkenntnisinhalts. Da der Geist gut, groß, wahr, schön, weise ist und die übrigen zehn Bestimmungen auf ihn zutreffen, so erschaut er sich bei der Selbstbetrachtung als so beschaffen, wie ich gesagt habe, und findet darin sein volles Genügen, da er sich als vollkommen und hinreichend erschaut. Und da er jene Bestimmungen in geistiger Weise ist, deshalb ist er durch seine geistige Gutheit fähig, die absolute und die besondere Gutheit zu erkennen; das gleiche gilt für seine Größe und seine Wahrheit. Mit Hilfe der Weisheit seines Geistes bildet er sich Begriffe der von allen Dingen losgelösten und der zu allen Dingen besonderten Weisheit und schaut die Ordnung der Dinge in der Weisheit und betrachtet sie in ihrer Ordnung.
Übs. Dp.
Proklos berichtet im ersten Buch der Platonischen Theologie, daß Sokrates, dem Plato seine Ansichten in den Mund legt, im Alkibiades sagt, daß die Geistseele, wenn sie in sich selbst schaut, Gott und alles betrachtet. Sie sieht, daß alles, was nach ihr kommt, nur Schatten des Geistigen ist. Was aber vor ihr ist, das erblickt sie, so sagt er, im Grunde gleichsam mit geschlossenen Augen. Denn er meint, in uns sei alles nach Art der Seele.
Welch wunderbare Erkenntnis Platons! So glaube ich, daß alles in allem nach seiner eigenen Weise enthalten sei. In unserem Geist ist daher alles nach seiner eigenen Wirklichkeitsweise enthalten. Die Güte, Größe, Wahrheit und alle jene zehn sind in allen alles, in Gott Gott, im Geiste Geist, im Sinn Sinn. Wenn also diese in Gott Gott, im Geiste Geist und in allen alles sind, so ist «Alles» im Geiste Geist. Alles ist dort also auf geistige Weise bzw. auf begriffliche oder erkenntnismäßige Weise. Und weil der vernünftige Geist gut, groß, wahr, schön, weise usw. ist, sieht er, wenn er sich selbst betrachtet, daß er so ist – wie ich gesagt habe –, und er ist aufs höchste zufrieden, da er sieht, daß er vollkommen und hinlänglich ist.
Und weil die Geist-Seele auf geistige Weise ist, ist sie vermittels ihres geistigen Gutseins fähig, sowohl die absolute Güte als auch die verschränkte Güte zu erkennen. Ebenso gewinnt der Geist vermittels seiner geistigen Größe, Wahrheit und Weisheit Erkenntnisse von der von allem abgelösten und von der zu allem verschränkten Weisheit und betrachtet die Ordnung der Dinge in der Weisheit und denkt nach über das Geordnete.