Werk:De ven. sap./59
59▷Aurelius Augustinus dum sapientiam venari niteretur, in libello De ordine scribit omnium philosophorum considerationem circa [1] unum versari. Post ipsum doctissimus Boethius De unitate et uno scribens similiter venationem sapientiae ibi fiendam facto declaravit. Platonem hi secuti sunt, qui li unum primum et aeternum asserit principium; ante quem Pythagoras ille Samius, qui cuncta in proprietate numeri investigans monadem omnium affirmabat [2] principium; ante enim omnem multitudinem unitas.
Volumus igitur hunc unitatis campum venationis gratia mente perlustrare. Unitas enim, etsi ipsam li non aliud praecedat, tamen prope ipsum videtur. Unum enim et idem videntur ipsum non aliud plus ceteris participare. Voluit Plato unum esse aeternum; nihil enim [3] vidit nisi post unum. Est enim ante finem et infinitatem, ut dicit Dionysius, qui in hoc Platonem imitatur, quando – ut refert Proclus – post primum principium posuit finitum et infinitum principia, quoniam ex illis omne exsistens mixtum est: a finito essentiam, ab infinito virtutem seu potentiam habens. Et cum unum sit, quod esse [4] potest et penitus simplex et immultiplicabile, omnia in se complicare videtur quae remoto ipso nequaquam manent. «Omnia enim in tantum sunt, in quantum unum sunt.»[5] Complectitur autem tam ea quae sunt actu, quam ea quae possunt fieri.
Übs. Sg.
Als Aurelius Augustinus die Weisheit zu erjagen sich bemühte, da schrieb er im Büchlein Von der Ordnung, daß die Betrachtung aller Philosophen beim Einen verweile.[6] Nach ihm schrieb der hochgelehrte Boëthius[7] Über die Einheit und das Eine und erklärte in ähnlicher Weise durch die 'Tat, daß die Jagd nach Weisheit dort zu geschehen habe. Diese Männer folgten Platon[8] nach, der das Eine als den ersten und ewigen Ursprung erklärt. Vor ihm lebte Pythagoras von Samos,[9] der alles in der Eigenart der Zahl suchte und die Eins als den Ursprung von allem bezeichnete. Vor aller Vielheit nämlich ist die Einheit.
Wir wollen also dieses Feld der Einheit zum Zwecke der Jagd im Geiste durchwandeln. Wenn auch der Einheit das Nicht-Andere voraufgeht, so zeigt sie sich doch diesem sehr benachbart. Das Eine und das Nämliche scheinen ja mehr als alles andere am Nicht-Anderen teilzuhaben. Nach Platons[10] Willen ist das Eine ewig; er fand nämlich nichts, das nicht dem Einen nachgeordnet wäre. Es steht vor der Grenze und der Grenzenlosigkeit, wie Dionysius[11] sagt, der darin Platon folgt, wenn Platon, wie Proklus[12] berichtet, nach dem ersten Ursprung das Begrenzte und das Grenzenlose als Gründe ansetzte, da aus ihnen alles Bestehende gemischt ist, wobei es vom Begrenzten das Wesen, vom Unbegrenzten die Fähigkeit oder Kraft hat. Und da das Eine ist, was sein kann und völlig einfach und unvermehrbar ist, so umfaßt es offensichtlich alles in sich, was ohne es keinesfalls im Sein verharrt. »Denn alles ist insoweit, als es eines ist.« Es umfaßt aber sowohl die Dinge, die aktuell wirkliches Sein haben, als auch diejenigen, die werden können.
Übs. Dp.
Als Aurelius Augustinus sich um die Jagd nach Weisheit bemühte, schrieb er in dem Buch «De ordine», daß das Denken aller Philosophen um die Frage nach dem Einen kreise. Ebenso hat nach ihm der gelehrte Boethius in seiner Schrift über die Einheit und das Eine gezeigt, daß man die Jagd nach Weisheit auf dieselbe Weise wie es dort geschehen ist anstellen müssen. Beide folgen hierin Plato, der das Eine das erste und ewige Prinzip nennt. Früher lehrte Pythagoras von Samos, der alles in Hinblick auf die Eigentümlichkeit der Zahl untersucht, daß die Monas das Prinzip aller Dinge sei. Denn vor jeder Vielheit ist die Einheit.
Daher wollen wir dieses Feld der Einheit dem Sinn unserer Jagd entsprechend im Geist durchstreifen. Wenn auch das Nicht-Andere der Einheit vorausgeht, so ist diese dennoch ganz nahe bei ihm zu sehen. Denn das Eine und Selbe scheinen mehr als alles andere am Nicht-Andern teilzuhaben.
Plato nahm an, daß das Eine ewig sei. Denn er sah nichts, das nicht nach dem Einen war. Dies ist, wie Dionysius, der sich darin Plato anschließt, sagt, vor Endlichkeit und Unendlichkeit. Demnach setzte Plato, wie Proklos berichtet, nach dem ersten Prinzip die Prinzipien des Endlichen und Unendlichen, weil alles Existierende aus ihnen gemischt ist, indem es vom Endlichen die Wesensbestimmung und vom Unendlichen die Kraft oder Verwirklichungsmöglichkeit hat. Und da das Eine das ist, was es sein kann, und zwar völlig einfach und unwiederholbar, scheint es in sich alles zu enthalten, das, sofern es vom Einen entfernt wird, in keiner Weise fortdauert.
Alles besteht nämlich nur insoweit als es Eines ist. Es umfaßt sowohl das, was tatsächlich ist, als auch das, was werden kann.