Werk:De ven. sap./60
60▷Capacius est igitur unum quam ens, quod non est nisi actu sit, licet Aristoteles dicat ens et unum converti. Id autem, quod Platonem movebat unum cunctis praeferendum et fateri omnium principium, erat quia, cum principiatum nihil a se habeat sed omnia a suo [1] principio, oportet quod principio posito omnia principiata sint posita. Sed cum posito ente non ponitur potentia ens, quod est utique aliquid, posita vita non ponitur ens vita carens et posito intellectu non ponitur ens non intelligens: et cum esse, vivere et intelligere reperiantur in mundo, non erit mundi principium aut ens aut vita aut [2] intellectus, sed id quod illa in se complicat, et quae illa esse possunt. Et hoc dicebat unum. Verificatur enim unum de potentia et de actu: una potentia, unus actus; sic de ente, vita et intellectu.
Übs. Sg.
Das Eine ist also umfassender als das Sein, das nicht ist ohne aktuell wirklich zu sein, mag auch Aristoteles[3] von einer gegenseitigen Vertauschbarkeit des Seins und des Einen sprechen. Was aber Platon[4] veranlaßte, das Eine allem vorzuziehen und als Ursprung von allem zu bezeichnen, das war die folgende Überlegung: Da das Verursachte nichts aus sich hat, sondern alles aus seinem Ursprung, so muß, wenn der Ursprung gegeben ist, alles Verursachte gegeben sein. Da indes mit dem Sein noch nicht das mögliche Sein gegeben ist, das immerhin ein Etwas ist, da ferner mit dem Leben nicht das unbelebte Sein und mit dem Geist nicht das ungeistige Sein gegeben ist, und da tatsächlich sich Sein, Leben und Geist in der Welt finden, deshalb wird Ursprung der Welt nicht das Sein, das Leben oder der Geist sein, sondern das, was jene, und was jene sein können, in sich schließt. Und dieses nannte Platon das Eine. Das Eine wird nämlich sowohl von Möglichkeit wie von Wirklichkeit in einem wahren Urteil ausgesagt: eine Möglichkeit, eine Wirklichkeit; ebenso wird es vom Sein, dem Leben und dem Geist ausgesagt.
Übs. Dp.
Das Eine ist also umfassender als das Seiende, das nur ist, wenn es tatsächlich ist, wenn auch Aristoteles behauptet, daß das Seiende und das Eine vertauschbar seien.
Der Grund aber, der Plato dazu bestimmte, das Eine allem voranzustellen und es als den Ursprungsgrund von allem zu bezeichnen, war folgender: Da das Angefangene nichts von sich selbst hat, sondern alles von seinem Ursprung, muß dadurch, daß der Anfang gegeben ist, auch alles Angefangene gegeben sein. Da aber mit der Setzung des Seienden nicht auch das der Verwirklichungsmöglichkeit nach Seiende gegeben ist – dies ist durchaus etwas Anderes – mit der Setzung des Lebens nicht das des Lebens entbehrende Seiende und mit der Setzung des Geistes nicht das ungeistige Seiende gegeben ist, und da Sein, Leben und Denken in der Welt gefunden werden, kann der Ursprungsgrund der Welt weder das Sein noch das Leben noch das Denken sein, sondern dasjenige, was jene sind und sein können in sich einschließt. Und das nennt man das Eine.
Das Eine erhält nämlich seine Wahrheit von Seiten der Verwirklichungsmöglichkeit als eine einzige Verwirklichungsmöglichkeit und von der Wirkung als eine einzige Wirkung. Dasselbe gilt vom Sein, vom Leben und vom Denken.