Zum Inhalt springen

Werk:De ven. sap./86

aus AufEinWort, der freien Forschung

86▷Quoniam mens nostra non est principium rerum nec essentias earum determinat – hoc enim divinae mentis –, est principium [1] suarum operationum, quas determinat, et in sua virtute cuncta notionaliter complicantur. Frustra se plerique venatores fatigarunt quaerentes rerum essentias apprehendere. Nihil enim apprehendit intellectus, quod in se ipso non repperit. Essentiae autem et quiditates rerum non sunt in ipso ipsae, sed tantum notiones rerum, quae [2] sunt rerum assimilationes et similitudines. Est enim virtus intellectus posse se omnibus rebus intelligibilibus assimilare. Sic sunt in ipso species seu assimilationes rerum. Ob hoc dicitur locus specierum. Sed nequaquam est essentia essentiarum. Supervacue igitur in intelligi suo quaerit rerum essentias, quae ibi non sunt. Sicut enim [3] visus in sua virtute et potentia non habet nisi visibiles species seu formas, et auditus audibiles: ita et intellectus in sua virtute et potentia non habet nisi <intelligibiles> formas <seu> species. Deus vero solus in sua virtute et potentia causali continet omnium rerum essentias et essentiales formas.

◀△▷

Übs. Sg.

Da unser Geist nicht der Ursprung der Dinge ist und nicht ihren Wesenheiten die Grenze setzt – das ist das Vorrecht des göttlichen Geistes –, ist er nur der Ursprung seiner Handlungen, denen er die Grenzen vorschreibt; und in seiner Kraft wird alles begrifflich eingefaltet. Vergebens haben sich viele Jäger bis zur Erschöpfung abgemüht bei dem Versuch, die Wesenheiten der Dinge zu erfassen. Die Vernunft erfaßt doch nichts, was sie nicht in sich selbst vorfindet. Die Wesenheiten aber und die Washeiten der Dinge sind nicht selbst in ihr, sondern nur die Begriffe der Dinge, die Annäherungen und Ähnlichkeiten der Dinge sind. Die Kraft der Vernunft besteht in dem Vermögen, sich allen erkennbaren Dingen anzugleichen. Auf diese Weise bestehen in ihr Bilder und Angleichungen an die Dinge.

Aus diesem Grunde nennt man sie den Ort der Artbilder. Aber keineswegs ist sie die Wesenheit der Wesenheiten. Es ist also völlig unsinnig, wenn sie in ihrem Erkennen die Wesenheiten der Dinge sucht, die sich dort nicht finden. Wie nämlich das Sehvermögen in seiner Fähigkeit und Kraft nur die sichtbaren Bilder oder Formen besitzt, und das Gehör die hörbaren, so hat auch die Vernunft in ihrer Fähigkeit und Kraft nur die intelligi- blen Formen oder Gestalten. Gott allein dagegen hat in seiner Kraft und in seiner ursächlichen Macht die Wesenheiten und die Wesensformen aller Dinge in sich.

Übs. Dp.

Da unser Geist nicht der Ursprungsgrund der Dinge ist und auch nicht ihre Wesenheiten bestimmt – das nämlich tut der göttliche Geist –, sondern nur der Ursprungsgrund der eigenen Handlungen, und da in seiner von ihm bestimmten Kraft alles auf begriffliche Weise zusammengefaltet wird, mühten sich die meisten Philosophen, die die Wesenheiten der Dinge erfassen wollten, vergebens ab. Denn das Denk-Wirkliche erfaßt nichts, was es nicht in sich selbst findet. Die Wesenheiten und Washeiten der Dinge sind nicht in ihm es selbst, sondern nur die Begriffe der Dinge, die deren Angleichungen und Gleichnisse sind.

Es ist die Kraft des Geistes, sich allen denkbaren Dingen angleichen zu können. Darum sind in ihm die Eigengestalten oder Angleichungen der Dinge, und er heißt Ort der Eigengestalten. Aber er ist keineswegs die Wesenheit der Wesenheiten. Deshalb handelt er sinnlos, wenn er in seinem verstehenden Denken die Wesenheiten der Dinge sucht, die dort nicht sind. Ebenso wie der Gesichtssinn in seiner Kraft und Möglichkeit nichts hat als die sichtbaren Eigengestalten oder Formen und das Gehör nichts als die hörbaren, so hat auch das Denken in seiner Kraft und Möglichkeit nichts als formale Eigengestalten.

Gott allein enthält in seiner Kraft und ursächlichen Fähigkeit die Wesenheiten und Wesensgestalten aller Dinge.


  1. ↑ Z.5
  2. ↑ Z.10
  3. ↑ Z.15