Werk:Die Logoslehre von Heraklit bis Origines/Vorwort
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Die gewaltigen Logos-Sätze im Prolog des Johannes-Evangeliums ragten durch eineinhalbtausend Jahre wie der höchste Gipfel eines untergegangenen Kontinentes über den Meeresspiegel des menschlichen Bewußtseins. Die Gelehrten wußten aus der Geschichte der Philosophie und der Theologie der ersten christlichen Jahrhunderte von diesem Kontinent der Logoslehre, die tausend Jahre lang die bedeutendsten Geister, besonders des griechischen Sprachraums, erfüllt hatte. Aber sie wußten davon wie von anderen Ideen der Antike, wie etwa von den Anschauungen der frühen griechischen Philosophen, als von historischen Merkwürdigkeiten, die längst ihre Gültigkeit verloren hatten. In Goethes Lebenswerk spiegelt sich die Schwierigkeit, in die das moderne Bewußtsein gegenüber der versunkenen Logoslehre geraten war, in dem vergeblichen Bemühen des Faust, den ersten Satz des Johannesevangeliums zu übersetzen.[1] Die neuere Theologie wußte mit dem Prolog des Johannesevangeliums und den damit verwandten Elementen der Apokalypse und des 1. Johannesbriefes nichts mehr anzufangen. Sie erklärte schließlich das Logoselement als einen Fremdkörper im Neuen Testament, der erst später aus der griechischen Umwelt in diese Schriften eingedrungen sei. Für das kirchliche religiöse Leben war die Logosophie des Johannes vollkommen außer Kraft gesetzt.
Eine Folge der eingetretenen Logosblindheit war dann auch, daß die Kenntnis von der Ausdehnung der Logosanschauung im Alten wie im Neuen Testament verlorenging. Dafür liegt noch ein besonderer Grund vor. Der Logos ist kein Begriff im modernen Sinne. Logos ist ein Symbolwort, das aus der Imagination stammt. Logos bedeutet weder Wort noch Vernunft, noch Gesetz, noch Gedanke in der gegenwärtigen Bedeutung dieser Worte. Dieses Bildwort hat eine andere Dimension als unsere modernen abstrakten Begriffe. Man wird ihm nur gerecht, wenn man es wieder zur Imagination erhebt. Dies kann geschehen, wenn man sich eine möglichst vertiefte Anschauung vom Wesen des menschlichen Sprechens, vom Worte als der Äußerung des Menschengeistes bildet und nun die Frage in sich leben läßt: Für welche Seite oder Tätigkeit des Gotteswesens ist dieses vom menschlichen Sprechen genommene Bild "Wort" ein entsprechendes Symbol? Lernt man mit solchen Symbolen wieder auf ihrer Ebene zu leben, so stellt sich heraus, daß sie den übersinnlichen Gegenständen entsprechendere Bewußtseinselemente sind als unsere abstrakten Begriffe und Vorstellungen.
Mit dem Symbol Logos hängt nun viel mehr zusammen, als dieses Wort unmittelbar verrät. Der ganze Umfang der Logosophie kann erst aus dem Ganzen dieser Schrift hervorgehen. Doch sei hier schon ein knapper Überblick gegeben.
Der Logos ist das in der Schöpfung wie in aller Offenbarung den Menschen zugekehrte „Antlitz" des Vatergottes, der selbst im Verborgenen bleibt. Dadurch ist und bleibt das höchste Gotteswesen der „Weltengrund", das erhabene, unnennbare, keiner menschlichen Vorstellung zugängliche Wesen, dem wir nicht einmal mit dem Begriffe des Seins ohne weiteres gerecht werden. Denn der Begriff des Seins ist von der erschaffenen Welt genommen. Diese Welt existiert, ist. Der Weltengrund hat seinen Bereich aber außerhalb des Seins der Welten. Und mit dem Begriffe Sein müssen wir erst eine ganz gründliche Reinigung von allen damit verbundenen Elementen vornehmen, die vom Sein der existierenden Welt stammen, bis er eine Ahnung von der Seins-Art des Vatergottes gibt.
Der Vatergott verwandelt sich durch seine Wesensäußerung in der Schöpfung schon in die zweite Person, eben in sein Wort, seinen Logos. Schon die Wesensäußerung und die mit der Erschaffung der Welt verbundene Tätigkeit ist Logosbereich. Aus diesem Logosbereich ist alles Erschaffene hervorgegangen. Die erschaffene Welt hat also ihren Ursprung in Geisteshöhen und bestand zuerst in einer rein geistigen Existenzform, die sich zur stofflichen Welt wie das Urbild zum Abbild verhält.
Für das Christuswesen ergibt sich aus seiner Identifizierung mit dem Logos erst der konkrete Inhalt seiner Göttlichkeit. Die Beziehung der erschaffenen Welt und ihres höchsten Wesens, des Menschen, zu Christus besteht von der Schöpfung her. Der Logos selbst ist das Urbild des Menschen. Und die Beziehung des Menschen zu Christus ist damit ein Akt der Selbsterkenntnis. Der Logos ist als der Erstgeborene der Inbegriff des Seins, das erste Existierende. Er ist präexistent im eminentesten Sinne. Ein umfassender Gedanke der Präexistenz des Logos, der Schöpfung und des Menschen ist einer der Hauptinhalte der Logosophie. Für die erschaffene Welt bedeutet dies, daß sie in ihrer äußeren Erscheinung verdichteter, verfestigter Geist ist. Für den Menschen ergibt der Präexistenzgedanke den konkreten Inhalt seiner Gottes-Kindschaft. Sein geistiger Urbestand lebt unter der sündenkranken Schicht seines Wesens. An diesen bei der Schöpfung in das Menschenwesen gelegten und dann verschütteten Logos-Samen wendet sich der menschgewordene Logos-Christus.
Der Logossame im Menschen begründet seine Erkenntnisfähigkeit. Die Gesetze, nach denen der Logos die Welt erschaffen hat, legte er als Erkenntnisprinzipien in den Menschengeist. Das ist der grandioseste erkenntnistheoretische Gedanke, der je gedacht worden ist. Und wahre Welt- und Natur-Erkenntnis ist damit der Anfang der Erkenntnis des Logos selbst. Die Erkenntnis des Menschenwesens ist die höchste Logoserkenntnis, welche die erschaffene Welt vermittelt. Und in die Tiefen der in der Schöpfung nicht geäußerten Mysterien des Logos führt die Erkenntnis seiner Offenbarung in den heiligen Schriften. Diese enthalten die Logos-Impulse für den Fortgang der Menschheitsgeschichte bis zum Ende des Erdenäons und für die künftigen Äonen.
Der Umstand, daß zahlreiche Elemente des frühen Christentums, von den Schriften des Neuen Testamentes angefangen bis zu den großen griechischen Lehrern Clemens, Origenes und ihren Schülern, schon in den älteren und gleichzeitigen Dokumenten des vorderasiatischen, jüdischen, ägyptischen und griechischen Geisteslebens nachgewiesen werden können, hat in der modernen Religionswissenschaft zu der Anschauung geführt, daß das Christentum auf dem Gebiet der Lehre wie des Kultus kaum wesentlich Neues gebracht hat. Die 500 Jahre vor Christus in Ephesus entstandene Logoslehre, die sich in anderer Gestalt über Ägypten und Persien bis nach Indien zurückverfolgen läßt und dann das christliche Denken der ersten drei Jahrhunderte beherrschte, wird auch als Beleg für diese Anschauung betrachtet. Eine andere Folgerung aus den Forschungsergebnissen war nicht zu erwarten, wo die Anschauung von Christus als dem Weltenwort, als dem Sohn Gottes verloren war. Nach der Auffassung der modernen Religionswissenschaft ist das ursprüngliche Jesusbild erst nachträglich mit diesen vorchristlichen Gedanken des Logos und des Gottessohnes bereichert worden. Heute wanken auch bei führenden Theologen die bisherigen Grundlagen des christlichen Denkens unter solchen Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung.
Schon im Jahre 1902 hat Rudolf Steiner in seinem Buche "Das Christentum als mystische Tatsache" die Gesichtspunkte geltend gemacht, die zu einer ganz anderen Beurteilung des von der Religionswissenschaft erforschten Sachverhaltes führen. Diese Gesichtspunkte stammen allerdings aus der Anschauung einer realen geistigen Welt und aus der Erkenntnis der Gottheit Christi, die beide der Religionswissenschaft wie der Theologie als konkrete Anschauungen verlorengegangen sind. Wendet man diese Anschauungen auf den in Rede stehenden Sachverhalt an, so führt dieser zu ganz anderen Ergebnissen, nämlich zum Beweis der in den genannten Anschauungen enthaltenen Voraussetzungen: Gibt es einen Gott; gibt es ein zweites Gotteswesen, das sich zu dem ersteren in einer Beziehung befindet, die mit dem Symbolwort „Sohn" bezeichnet wird; hat der Vatergott diesen Sohn auf die Erde gesandt zur Errettung der gefährdeten Menschheit, so erscheinen die religions- und geisteswissenschaftlichen Phänomene, die zu der Ankunft des Sohnesgottes und zu ihren Umständen in Beziehung stehen, als die Morgenröte eines Sonnenaufgangs. Wie die jüdische Prophetie, so erscheint auch die Gotteserwartung anderer Völker und nicht weniger die Ausbildung der Logoslehre als Vorbereitung des zentralen Ereignisses der Menschheitsgeschichte.
Von diesem Gesichtspunkt aus wird hier der Versuch einer Darstellung der Logoslehre von Heraklit bis Origenes unternommen. Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit muß dabei in Kauf genommen und mit der Frage beantwortet werden: Kann eine Religionswissenschaft ohne Religion, das heißt ohne die Anschauung von Gotteswesen, die tätig in die Geschicke der Menschheit eingreifen, zu etwas anderem führen, als ihren Gegenstand aufzuheben und damit eine Wissenschaft von nichts zu werden?
In der hier vorgelegten Arbeit ist der Form nach ein Mittelweg zwischen Allgemeinverständlichkeit und wissenschaftlichem Charakter eingeschlagen. Der wahrhaft begeisternde Gegenstand der Logoslehre soll jedem aufgeschlossenen Leser zugänglich sein und – das wäre der schönste Lohn – den einen oder andern modernen Zweifler mit einer Auffassung des Christentums bekannt machen, für die er sich vielleicht wieder interessieren kann. Andrerseits soll jeder kritische Prüfer zu seinem Rechte kommen und jeder Arbeiter auf diesem Gebiet die Möglichkeit finden, auf der geschaffenen Grundlage weitere Studien zu betreiben. Die fremdsprachigen, im wesentlichen griechischen Worte sind sparsam verwendet und ausnahmslos transkribiert und übersetzt. Auf den wissenschaftlichen Apparat am Schlusse braucht nur Rücksicht zu nehmen, wer eigenes wissenschaftliches Interesse an dem Gegenstand nehmen will.
Die Absicht dieses Buches konnte zunächst nur sein, mit der Logoslehre in ihrem ganzen Ausmaß, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, bekannt zu machen und sie unter dem angegebenen positiven Gesichtspunkt zu betrachten. Eine volle Auswertung des gesammelten und geordneten Stoffes nach der Richtung der anthroposophischen Geisteswissenschaft und der auf ihrer Grundlage erneuerten Theologie würde den Umfang dieses Buches vervielfacht haben. Doch wird der in dieser Richtung interessierte Leser überall die Ansatzpunkte zu einer solchen Auswertung im Texte finden.
Zu danken hat der Verfasser für kritische Durchsicht des Manuskripts, für viele Anregungen und Hinweise Herrn Lic. Emil Bock, Herrn Dr. Rudolf Frieling und Herrn Dr. Eberhard Kurras; Frau Hildegard Rehm für ihre Hilfe bei der Fertigung der Reinschrift, der Korrektur und der Register.
Starnberg, Epiphanias 1958
Wilhelm Kelber