Werk:Faust. Eine Tragödie/Walpurgisnachtstraum oder Oberons und Titanias goldne Hochzeit.
Der Traum lässt sich als anspielungsreiche Satire auf Faust und Gretchen, die Oberon und Titania entsprechen, lesen (beispielsweise V. 4245 f.). Das Hochzeitsfest wurde jedoch auch als Feier von Goethes und Schillers Freundschaftsbund verstanden. Das Ablenkungsmanöver Mephistopheles’ lässt sich auch als Aufgabe Mephistopheles verstehen, der nun auf fremde Mittel zurückgreift um Fausts Liebe zu unterdrücken.
Goethe rechnet jedoch auch mit einigen Zeitgenossen ab, indem er sie im Walpurgisnachtstraum verspottet. Eine diesbezügliche Gliederung in vier Teile sähe wie folgt aus:
- Erster und zweiter Teil (V. 4223–4330): Verspottung von Literaten
- Dritter Teil (V. 4331–4366): Verspottung von Philosophen
- Vierter Teil (V. 4367–4398): Verspottung von Politikern
Bei folgenden Personenerklärungen ist es jedoch wichtig, den Unterschied zwischen von Goethe selbst erläuterten und von Interpreten zugedachten „Übersetzungen“ zu beachten. Auch ist anzumerken, dass sich verschiedene Kommentatoren teils diametral widersprechen.
- Mit Servibilis (V. 4214 der vorherigen Szene) könnte der Rektor Karl August Böttiger, ein Dilettant des Theaterwesens, mit dem sich Goethe stritt, gemeint sein, oder aber auch nur ein Diener des Theaters (von lat. = servus).
- Der Theatermeister (V. 4223) ist Johann Martin Mieding, ein besonders geschätzter Mitarbeiter Goethes am Theater in seiner Eigenschaft als Bühnenbildner und wohl noch weitaus mehr wegen seiner einfachen, biederen Persönlichkeit. Die wackren Söhne (V. 4224) sind wohl seine Gesellen.
- Der neugierige Reisende (V. 4267, 4319) könnte Friedrich Nicolai sein, der als übereifriger Aufklärer überall den Katholizismus argwöhnte. Selbiger steckt folgerichtig auch hinter dem Proktophantasmist (Geisterseher) aus der vorherigen Szene (siehe Ankündigung in V. 4169!).
- Der Orthodox (V. 4271) könnte Graf Friedrich von Stolberg sein, der bereits in den Xenien vorkam.
- Die Windfahne (V. 4294 ff.) könnte der Journalist Johann Friedrich Reichardt sein, der als doppelzüngig galt.
- Mit Hennings (V. 4307) ist August Adolph von Hennings gemeint, welcher in einem Artikel Der Musaget. Ein Begleiter des Genius der Zeit die Dichtungen Goethes scharf kritisierte. Hier spricht er von den Xenien. Seine Zeitschrift hieß „Genius der Zeit“, weshalb auch Ci-Devant Genius der Zeit (V. 4315) eine Verspottung ist (von franz. = ehemals, bisher).
- Hinter dem Kranich (V. 4323) verbirgt sich der schwärmerische Pfarrer Johann Caspar Lavater, wie Goethe vor Johann Peter Eckermann ausdrücklich darlegte, da dieser den Gang eines Kranichs habe. Goethe warf Lavater Täuschung und Lügnerei vor.
- Im Weltkind (V. 4327) sieht sich Goethe selbst.
- Der Idealist (V. 4347) könnte Johann Gottlieb Fichte sein.
- Der Supernaturalist (V. 4355) könnte Friedrich Heinrich Jacobi sein.
- Politische Satire steckt in dem Wort Sanssouci (V. 4367): Es sind wohl die Sorglosen aus der Zeit der Französischen Revolution, ein Hieb gegen Napoleon, der sich schon als Alleinherrscher aufspielt.
- Die Unbehülflichen (V. 4371) sind die emigrierten französischen Hofadligen, die in Deutschland mit ihrer Selbstständigkeit überfordert sind.
- Die Irrlichter (V. 4375) stammen aus niederen Schichten und tun in höheren heimisch.
- Die Sternschnuppe (V. 4379) ist eine gestürzte politische Größe.
- Mit Die Massiven (V. 4383) sind die revolutionären Massen gemeint, die die zuvor aufgezählten politischen Typen entmachten wollen.
Intermezzo
THEATERMEISTER.
Heute ruhen wir einmal,
Miedings wackre Söhne.
Alter Berg und feuchtes Tal,
Das ist die ganze Szene!
Daß die Hochzeit golden sei,
Solln funfzig Jahr sein vorüber;
Aber ist der Streit vorbei,
Das Golden ist mir lieber.
Seid ihr Geister, wo ich bin,
So zeigt's in diesen Stunden;
König und die Königin,
Sie sind aufs neu verbunden.
PUCK.
Kommt der Puck und dreht sich quer
Und schleift den Fuß im Reihen,
Hundert kommen hinterher,
Sich auch mit ihm zu freuen.
Ariel bewegt den Sang
In himmlisch reinen Tönen;
Viele Fratzen lockt sein Klang,
Doch lockt er auch die Schönen.
Gatten, die sich vertragen wollen,
Lernen's von uns beiden!
Wenn sich zweie lieben sollen,
Braucht man sie nur zu scheiden.
Schmollt der Mann und grillt die Frau,
So faßt sie nur behende,
Führt mir nach dem Mittag Sie,
Und Ihn an Nordens Ende.
ORCHESTER TUTTI
Fortissimo.
Fliegenschnauz' und Mückennas'
Mit ihren Anverwandten,
Frosch im Laub und Grill' im Gras,
Das sind die Musikanten!
SOLO.
Seht, da kommt der Dudelsack!
Es ist die Seifenblase.
Hört den Schneckeschnickeschnack
Durch seine stumpfe Nase.
GEIST, DER SICH ERST BILDET.
Spinnenfuß und Krötenbauch
Und Flügelchen dem Wichtchen!
Zwar ein Tierchen gibt es nicht,
Doch gibt es ein Gedichtchen.
EIN PÄRCHEN.
Kleiner Schritt und hoher Sprung
Durch Honigtau und Düfte;
Zwar du trippelst mir genung,
Doch geht's nicht in die Lüfte.
NEUGIERIGER REISENDER.
Ist das nicht Maskeraden-Spott?
Soll ich den Augen trauen,
Oberon den schönen Gott
Auch heute hier zu schauen!
Keine Klauen, keinen Schwanz!
Doch bleibt es außer Zweifel:
So wie die Götter Griechenlands,
So ist auch er ein Teufel.
NORDISCHER KÜNSTLER.
Was ich ergreife, das ist heut
Fürwahr nur skizzenweise;
Doch ich bereite mich bei Zeit
Zur italien'schen Reise.
Ach! mein Unglück führt mich her:
Wie wird nicht hier geludert!
Und von dem ganzen Hexenheer
Sind zweie nur gepudert.
JUNGE HEXE.
Der Puder ist so wie der Rock
Für alt' und graue Weibchen;
Drum sitz' ich nackt auf meinem Bock
Und zeig' ein derbes Leibchen.
Wir haben zu viel Lebensart,
Um hier mit euch zu maulen,
Doch, hoff' ich, sollt ihr jung und zart,
So wie ihr seid, verfaulen.
KAPELLMEISTER.
Fliegenschnauz und Mückennas',
Umschwärmt mir nicht die Nackte!
Frosch im Laub und Grill' im Gras,
So bleibt doch auch im Takte!
WINDFAHNE
nach der einen Seite.
Gesellschaft wie man wünschen kann.
Wahrhaftig lauter Bräute!
Und Junggesellen, Mann für Mann,
Die hoffnungsvollsten Leute.
WINDFAHNE
nach der andern Seite.
Und tut sich nicht der Boden auf,
Sie alle zu verschlingen,
So will ich mit behendem Lauf
Gleich in die Hölle springen.
Als Insekten sind wir da,
Mit kleinen scharfen Scheren,
Satan, unsern Herrn Papa,
Nach Würden zu verehren.
Seht, wie sie in gedrängter Schar
Naiv zusammen scherzen!
Am Ende sagen sie noch gar,
Sie hätten gute Herzen.
Ich mag in diesem Hexenheer
Mich gar zu gern verlieren;
Denn freilich diese wüßt' ich eh'r
Als Musen anzuführen.
CI-DEVANT GENIUS DER ZEIT.
Mit rechten Leuten wird man was.
Komm, fasse meinen Zipfel!
Der Blocksberg, wie der deutsche Parnaß,
Hat gar einen breiten Gipfel.
NEUGIERIGER REISENDER.
Sagt, wie heißt der steife Mann?
Er geht mit stolzen Schritten.
Er schnopert, was er schnopern kann.
›Er spürt nach Jesuiten.‹
KRANICH.
In dem Klaren mag ich gern
Und auch im Trüben fischen;
Darum seht ihr den frommen Herrn
Sich auch mit Teufeln mischen.
WELTKIND.
Ja für die Frommen, glaubet mir,
Ist alles ein Vehikel;
Sie bilden auf dem Blocksberg hier
Gar manches Konventikel.
TÄNZER.
Da kommt ja wohl ein neues Chor?
Ich höre ferne Trommeln.
Nur ungestört! es sind im Rohr
Die unisonen Dommeln.
TANZMEISTER.
Wie jeder doch die Beine lupft!
Sich, wie er kann, herauszieht!
Der Krumme springt, der Plumpe hupft
Und fragt nicht, wie es aussieht.
FIDELER.
Das haßt sich schwer, das Lumpenpack,
Und gäb' sich gern das Restchen;
Es eint sie hier der Dudelsack,
WieOrpheus' Leier die Bestjen.
DOGMATIKER.
Ich lasse mich nicht irre schrein,
Nicht durch Kritik noch Zweifel.
Der Teufel muß doch etwas sein;
Wie gäb's denn sonst auch Teufel?
IDEALIST.
Die Phantasie in meinem Sinn
Ist diesmal gar zu herrisch.
Fürwahr, wenn ich das alles bin,
So bin ich heute närrisch.
REALIST.
Das Wesen ist mir recht zur Qual
Und muß mich baß verdrießen;
Ich stehe hier zum ersten Mal
Nicht fest auf meinen Füßen.
SUPERNATURALIST.
Mit viel Vergnügen bin ich da
Und freue mich mit diesen;
Denn von den Teufeln kann ich ja
Auf gute Geister schließen.
SKEPTIKER.
Sie gehn den Flämmchen auf der Spur,
Und glaub'n sich nah dem Schatze.
Auf Teufel reimt der Zweifel nur,
Da bin ich recht am Platze.
KAPELLMEISTER.
Frosch im Laub und Grill' im Gras,
Verfluchte Dilettanten!
Fliegenschnauz' und Mückennas',
Ihr seid doch Musikanten!
DIE GEWANDTEN.
Sanssouci, so heißt das Heer
Von lustigen Geschöpfen;
Auf den Füßen geht's nicht mehr,
Drum gehn wir auf den Köpfen.
DIE UNBEHÜLFLICHEN.
Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt,
Nun aber Gott befohlen!
Unsere Schuhe sind durchgetanzt,
Wir laufen auf nackten Sohlen.
IRRLICHTER.
Von dem Sumpfe kommen wir,
Woraus wir erst entstanden;
Doch sind wir gleich im Reihen hier
Die glänzenden Galanten.
STERNSCHNUPPE.
Aus der Höhe schoß ich her
Im Stern- und Feuerscheine,
Liege nun im Grase quer –
Wer hilft mir auf die Beine?
DIE MASSIVEN.
Platz und Platz! und ringsherum!
So gehn die Gräschen nieder,
Geister kommen, Geister auch
Sie haben plumpe Glieder.
PUCK.
Tretet nicht so mastig auf
Wie Elefantenkälber,
Und der Plumpst' an diesem Tag
Sei Puck, der Derbe, selber.
ARIEL.
Gab die liebende Natur,
Gab der Geist euch Flügel,
Folget meiner leichten Spur,
Auf zum Rosenhügel!
ORCHESTER.
Pianissimo. Wolkenzug und Nebelflor
Erhellen sich von oben.
Luft im Laub und Wind im Rohr,
Und alles ist zerstoben.