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Werk:Faust 1 1808 Lektürehilfe/Prolog im Himmel. Beschreibung

aus AufEinWort, der freien Forschung

Inhalt

  • Exposition
  • Der erste Abschnitt - Lobpreis der Erzengel auf die Schöpfung Gottes
  • Der zweite Abschnitt - Mephistopheles' Kritik an der 'Krone der Schöpfung'
  • Der dritte Abschnitt - Zwei miteinander konkurrierende Menschenbilder
  • Zusammenfassung - Haupthandlung und Hauptgedanken der Szene
  • Faust und Hiob

Exposition

Die Szene „Prolog im Himmel“ ist für die Struktur und die Motive der Tragödie von entscheidender Bedeutung. Zusammen mit den ersten beiden Szenen „Zueignung“ und „Vorspiel auf dem Theater“ ist sie der Faust-Handlung als Exposition vorangestellt. Sie liefert zudem eine Art Rahmenhandlung, welche die Binnenhandlung in Verbindung mit der letzten Szene leitmotivisch umschließt.

Die Szene führt die Hauptpersonen ein und bildet eine Einleitung in das Geschehen sowie die Thematik. Sie spielt nicht auf der Erde, sondern im Himmel und wird mit einem Gespräch zwischen Gott und seinen „Himmlischen Heerscharen“ eröffnet (S. 9-12), den Erzengeln Raphael, Gabriel sowie Michael und Mephistopheles. Der „Prolog im Himmel“ lässt sich in drei Teile untergliedern.

Der erste Abschnitt - Lobpreis der Erzengel auf die Schöpfung Gottes

Der erste Abschnitt umfasst vier Strophen (V. 243-270), in denen die drei Erzengel abwechselnd die Schöpfung des Herrn und die kosmische Ordnung preisen und loben. Als Erster beschreibt der Erzengel Raphael die Entstehung der Sonne, die als „unbegreiflich hohe[s] Werk […]“ (V. 249) noch immer in aller Herrlichkeit unergründlich erscheint. Er personifiziert die Sonne, indem er äußert, dass sich diese im ewigen Wettstreit mit den Planeten befindet. Sie „tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang“ (V. 243-244). Damit macht Raphael auf die lange Existenz der Sonne aufmerksam und betont ihre Vorrangstellung gegenüber den anderen Planeten, die sich daraus ergibt, dass die Sonne Wärme abgibt, die das Leben auf der Erde erst ermöglicht. Das Tönen schließt an die Vorstellung an, dass die Planeten einer harmonischen Ordnung folgen, in deren Rahmen sie gemeinsam wie Spährenmusik erklingen.

Die Sonne hat eine Reise hinter sich, die sie nun mit „Donnergang“ (V. 246) vollendet. Demnach ist sie zuvor gewandert und jetzt zum Stillstand gekommen. Diese Beschreibung verweist auf die von Kopernikus gewonnene Erkenntnis, dass nicht die Erde den Mittelpunkt des Universums bildet, sondern sich umgekehrt die Erde um die im Zentrum stehende Sonne dreht. So beschreibt Raphael mit diesem Vers die Einschlagkraft dieser neuen heliozentrischen Weltansicht.

Der Erzengel Gabriel knüpft daran an und preist die Erde mit ihrer kreisenden Bewegung, die so den Wechsel von Tag und Nacht ermöglicht. Während der Tag dem Paradies gleicht, ist die Nacht dunkel und „schauervoll“ (V. 254). In diesem Wechsel der Gegensätze, die in einem harmonischen Gleichgewicht zueinander stehen, wird die ewige Monotonie des sich drehenden Planeten deutlich, die Beständigkeit der Erde, ihrer Schönheit und der ihr innewohnenden natürlichen Prozesse. Einer dieser Prozesse, die ebenso mit dem Wechsel von Tag und Nacht verbunden sind, sind die Gezeiten, die das Meer mal an die Felsen prallen lassen und mal weit von den Felsen fortreißen.

Von der großen Macht der Natur, dem Schrecken der Stürme, der Zerstörungskraft der Gewitter und deren verheerenden Auswirkungen berichtet Michael. Doch verweist er auch auf das „Wandeln“ (V. 266) des Tages hin, womit der gewaltige und zerstörerische Aspekt zu einem Bestandteil des großen Ganzen wird. So preisen die drei Engel zum Abschluss die Harmonie in der göttlichen Schöpfung, die sie bereits seit dem ersten Tag verehren. Zusammen betonen sie die Schönheit und Kraft in der Gesamtschöpfung Gottes, bestehend aus Himmel, Erde und Kosmos, in den abschließenden Versen. Sie sprechen Gott direkt an, indem sie seine Allmacht und sein Wirken loben und preisen.

Dieser erste Abschnitt ist in einer feierlich-hymnischen Sprache gehalten. Der Lobpreis der Engel findet seinen Ausdruck in ausschmückenden lyrischen Worten. Das Versmaß ist ein ungereimter vierhebiger Jambus, der das Pathos der Worte nachhaltig unterstützt. Der gleichmäßige Rhythmus der Verse scheint wie die Wellen des Meeres zu fließen.

Der zweite Abschnitt - Mephistopheles' Kritik an der 'Krone der Schöpfung'

Der zweite Abschnitt dieser Szene beginnt mit dem Auftreten des Mephistopheles. Sowohl thematisch als auch sprachlich erfolgt hier eine Zäsur. Auch Mephistopheles spricht Gott als seinen Herrn an, aber mit einer ganz anderen Intention als die drei Erzengel. Zwar ist Gott auch sein Herr und Mephistopheles folglich ebenso ein Diener Gottes, aber er kommentiert sein Verhältnis zu ihm ironisch und scheut sich nicht, die ernste, freudlose Art des Herrn zu kritisieren: „Da du, o Herr dich einmal wieder nahst/ Und fragst wie alles sich bei uns befinde,/ […] Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;/ Mein Pathos brächte dich gewiss zum Lachen,/ Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt“ (V. 271-278).

Nicht das große Werk Gottes ist für Mephistopheles von Interesse, sondern „der kleine Gott der Welt“ (V. 281) - der Mensch. Weder weiß er etwas „von Sonn' und Welten […] zu sagen“ (V. 279) noch kann er Gottes Werk für gut heißen oder gar verherrlichen. Er klagt Gott, seinen Herrn, an: Für Mephistopheles ist auf der Erde alles „herzlich schlecht“ (V. 296), denn er sieht nur, dass sich „die Menschen plagen“ (V. 280).

Dass Gott den Menschen mit Vernunft ausgestattet hat, bedeute für den Menschen nur eine schwere Last. Das Bedürfnis des Menschen, nach Erkenntnis zu streben, sei geradezu sein Verhängnis, so Mephistopheles. Er bezeichnet die Vernunft des Menschen als einen „Schein des Himmelslichts“ (V. 284) und meint damit, dass die Vernunft des Menschen nur einen Abglanz und eine Täuschung verkörpert. Eigentlich sei der Mensch „tierischer als jedes Tier“ (V. 286), indem er vergebens versucht, wie eine „langbeinige […] Zikade“ (V. 288), nach seinen intellektuellen Fähigkeiten zu handeln. In dieser Formulierung verbirgt sich der Verweis auf die Überheblichkeit des Menschen, die dieser an den Tag legt, obwohl er sich nach dem Urteil des Mephistopheles seit dem ersten Tag nicht weiterentwickelt hat und in seinen tierischen Trieben sowie seiner Unzufriedenheit verhaftet bleibt.

Mephistopheles formuliert sein negatives Urteil in einer ironisch-zynischen Sprache, welche die von den Engeln gepriesene Allmacht Gottes drastisch herabsetzt. Hierfür wechselt er von dem fünfhebigen Versmaß, der Sprache der anderen Engel, in den Madrigalvers, der als freier Vers sprachlich-rhetorische Wendungen erlaubt.

Der dritte Abschnitt - Zwei miteinander konkurrierende Menschenbilder

Auf die Anklage des Mephistopheles reagiert Gott gelassen, indem er ihm ein anderes Welt- und Menschenbild entgegenhält. Um dies zu verdeutlichen, kommt er konkret auf Faust zu sprechen, den er als Paradebeispiel des Menschengeschlechts präsentiert. Anders als Mephistopheles bezeichnet der Herr Fausts unstillbaren Drang nach Erkenntnis als positive Besonderheit des Menschen. Dass der Mensch dabei notgedrungen auch irren kann und muss, ist aus der Sicht des Herrn gerade deshalb positiv zu bewerten, weil es seine Suche immer weiter aufrechterhält. Letztlich wird der Mensch sich weiterentwickeln und zur „Klarheit“ (V. 309) gelangen. Dort, wo Mephistopheles Stillstand sieht, erkennt Gott eine deutliche Entwicklung des Menschen: „Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,/ Daß Blüt und Frucht die künft'gen Jahre zieren“ (V. 310- 311).

Dieses idealistische Bild sieht der Herr ganz besonders in seinem „Knecht“ (V. 299) Faust verkörpert. Mephistopheles ist sich aber sicher, dass Faust, sich zwischen den Polen des Triebhaften-Irdischen und dem Drang nach höherer Erkenntnis bewegend, nie zufrieden werden kann: „Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst;/ Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne,/ Und von der Erde jede höchste Lust,/ Und alle Näh und alle Ferne/ Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust“ (V. 303-307).

Mephistopheles glaubt, Faust gänzlich auf die Seite des Triebhaft-Niederen ziehen zu können, indem er seine Verführungskünste auf diesen anwendet und ihn durch irdisches Vergnügen zufriedenstellt. Darum bietet er dem Herrn die folgende Wette an: Gelingt es ihm, Faust allein durch irdische Lust glücklich zu machen, gehört ihm Fausts Seele: „Staub soll er fressen, und mit Lust,/ Wie meine Muhme, die berühmte Schlange“ (V. 334-335).

Der Herr ist sich sicher, dass Faust niemals aufhören wird, nach dem Guten und Hohen zu streben. Er ignoriert den Wettvorschlag, erlaubt Mephistopheles aber, auf Faust Einfluss auszuüben: „So lang er auf der Erde lebt / Solange sei dir's nicht verboten“ (V. 315-316). Die umfangreiche Zeitangabe „so lang“ verstärkt die Gewissheit des Herrn, dass der Mensch sich für die Dauer seines gesamten Lebens „des rechten Weges wohl bewusst“ (V. 328) ist. Mephistopheles soll dabei als schalkhafter Stimulator dienen, um das Streben Fausts nach dem Guten aufrechtzuerhalten. Der Herr erkennt in ihm keine Gefahr für seine Schöpfung: „Von allen Geistern die verneinen/ Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.“ (V. 338-339).

Mephistopheles ist folglich kein Widersacher Gottes, sondern sein Mitspieler und Abgesandter.

Er ist als dunkle Kraft von Beginn an ein Teil des göttlichen Schöpfungsprinzips, da der Herr das Negative, das Irren des Menschen, als gegeben begreift. Damit ist er Mephistopheles einen Schritt voraus. Er ist über diesen erhaben, was sich auch in seinem Verhalten zu dem Wettvorschlag ausdrückt. Gott ignoriert den Vorschlag, er erlaubt Mephistopheles, sein Glück an Faust zu versuchen, ist sich jedoch sicher, dass Faust den richtigen Weg finden wird, da er, wie jeder Mensch, das Gute in sich trägt.

Die Überlegenheit des Herrn zeigt sich auch in seinem Sprachgebrauch. Er führt den Dialog und geht auf den unterlegenen Mephistopheles mit großzügiger Geduld ein: „Nun gut, es sei dir überlassen!“ (V. 323). Während sich der Herr eines gehobenen Sprachstils bedient, verfällt Mephistopheles oft in vulgäre umgangssprachliche Ausdrücke. Selbst der Herr ist davon nicht ausgenommen: Am Ende wieder allein, gib Mephistopheles zu, er sehe „den Alten gern“ (V. 350), da es „gar hübsch“ sei, „So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen“ (V. 352-353).

Zusammenfassung - Haupthandlung und Hauptgedanken der Szene

Als Exposition führt die Szene in die Hauptthematik der Faust-Tragödien ein und fungiert als eine Art Rahmen, der, an die letzte Szene anschließend, die Binnenhandlung umfasst. Im ersten Teil der Szene preisen die Erzengel die Schöpfung Gottes, deren Krone der Mensch ist. Auch Mephistopheles gehört zu Gottes Gefolge. Er kann dem Lobpreis der Engel aber nicht zustimmen. Im Dialog mit dem Herrn, der den zweiten Abschnitt der Szene ausmacht, stellt er klar, dass die Schöpfung des Menschen ein Fehlgriff war: Der Mensch leide an Selbstüberschätzung, wolle hoch hinaus, begehe dabei aber zahlreiche Fehler.

Für Mephistopheles bleibt der Mensch immer in der Welt der sinnlichen Genüsse gefangen. Der Herr will, dem ein positives Beispiel entgegensetzen und kommt auf Faust zu sprechen. Faust versucht, immer nach dem Guten und Hohem zu streben. Dass er sich dabei auch irrt, ist für den Herrn gerade deshalb positiv, da sein Streben dadurch aufrechterhalten bleibt.

Mephistopheles bietet Gott eine Wette um die Seele des Faust an, die er dann gewinnt, wenn es ihm gelingt, den Gelehrten vom Weg des Suchens abzubringen und ihn allein durch den irdischen Genuss zufriedenzustellen. Gott ignoriert seinen Vorschlag und lässt sich auf diese niedere Form, mit dem Schicksal eines Menschen zu spielen, nicht ein. Er erlaubt Mephistopheles jedoch, solange Faust am Leben ist, sein Glück zu versuchen. Auf diese Weise bringt er seine Erhabenheit über den Teufel zum Ausdruck. Er macht deutlich, dass er an das Gute im Menschen glaubt sowie daran, dass die positiven Eigenschaften seine Schöpfung immer auf den richtigen Weg bringen werden.

Faust und Hiob

Die Szene „Der Prolog im Himmel“ in Faust I enthält inhaltlich und sprachlich Verweise auf das Hiobbuch 1,6-12. Der Titel referiert direkt auf die erste Szene der biblischen Erzählung, die sich im Himmel abspielt und einen Dialog zwischen Satan und Gott enthält. Zu Beginn von Goethes „Prolog im Himmel“ verherrlichen drei Erzengel die Werke Gottes. Mephisto stellt anschließend deren positive Sichtweise spöttisch infrage. Nachfolgend Schlägt der Teufel dem Gott eine Wette vor. Der Herr äußert sich in seiner Überlegenheit zu diesem Vorschlag nicht, erlaubt dem Teufel aber, den Menschen auf die Probe zu stellen.

Ähnlich ist die Situation auch in der Bibel: Der Teufel behauptet, wenn ein Mensch nur genug Unglück und Leid erleben müsse, dann würde er dem Glauben an Gott abschwören. Der Herr erlaubt ihm einen Versuch. Für den Versuch wird Gottes rechtschaffener und aufrichtiger Knecht Hiob ausgewählt. Satan hat zwar freie Hand für seine üble Tätigkeit, darf Hiob aber nicht töten.

In Goethes Drama erschient Mephisto als der Teufel. Der Gelehrte Doktor Faust übernimmt die Rolle Hiobs als Versuchsperson. Mephisto behauptet, er könne Faust für sich gewinnen und vom rechten Weg abbringen. In beiden Geschichten erlaubt der Herr dem Teufel, seinen „Knecht“ zu prüfen.

Eine sprachliche Anspielung auf Hiobbuch 1,6-12 ist in der Antilabe des Gespräches zwischen Gott und Mephisto zu finden: Goethe: „DER HERR:“ Kennst du den Faust?“ MEPHISTOPHELES: „Den Doktor?“ DER HERR: “Meinen Knecht!“ (V. 389-399).

Hiobbuch 1,6-12: „Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. Der HERR sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?“.