Zum Inhalt springen

Transzendentalphilosophie und objektive Wissenschaft

aus AufEinWort, der freien Forschung

(Anm. KF:Ein Abschnitt der die Subjektivitätsphobie der Wissenschaften offenlegt, dabei sind Subjekt und Objekt, wenn man diese so aufgliederd die beiden Seiten einer Medaille, deren Mittenmasse und Rand nicht bedacht werden)

Die vorangegangenen Überlegungen zum Verhältnis von gegenwärtiger Philosophie und ihrer — gemessen am transzendental neugefaßten Verbindlichkeitsanspruch — unvollkommenen Vorgeschichte bedürfen einer wesentlichen Ergänzung. Bisher wurde davon abgesehen, daß es nicht nur zum Selbstverständnis der Philosophie, sondern unverzichtbar auch der nichtphilosophischen Wissenschaften gehörte und gehört, dem Anspruch verbindlicher Erkenntnis genügen zu wollen. In diesem Sinne konnten viele Untersuchungsbereiche, in denen sich heute die von der Philosophie emanzipierten Einzelwissenschaften angesiedelt haben, früher zur Philosophie im weiteren Sinne, verstanden nämlich als der einen umfassenden „Wissenschaft"[1], gerechnet werden. Aber auch nach ihrer Emanzipation von der Philosophie haben die Einzelwissenschaften den Verbindlichkeitsanspruch ihrer Erkenntnis keineswegs fallen gelassen, sondern ihn im Gegenteil, vor allem in dem Anspruch auf Objektivität, noch einmal bestätigt und in eigentümlicher Weise erneuert. Dieser Anspruch hat das Selbstverständnis der sich von der Philosophie ablösenden Wissenschaften so sehr geprägt, daß heute das außerwissenschaftliche Bewußtsein die Verbindlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt weitgehend mit deren Objektivität identifiziert.

Die Zugehörigkeit einer Reihe von heute als nichtphilosophisch angesehenen wissenschaftlichen Disziplinen zur Philosophie bedeutete selbstverständlich nicht, daß das philosophische und wissenschaftliche Denken vor der modernen Emanzipation der Einzelwissenschaften nicht zwischen den verschiedenartigen und abgestuften Verbindlichkeitsansprüchen von eigentlich philosophischer und nicht im strengen Sinne philosophischer wissenschaftlicher Erkenntnis unterschieden hätte. Nachdem das philosophische und das wissenschaftliche Denken in der frühen Vorsokratik zunächst eine — jedenfalls soweit wir darüber Bescheid wissen — ungebrochene Einheit bildeten, entwickelte sich bald ein Bewußtsein von solchen Unterscheidungen, — vielleicht am frühesten bei Heraklit(worauf hier noch die Rede kommen wird), dann vor allem bei Aristoteles. Die Einschränkungen, die sich daraus von vornherein für den Verbindlichkeitsanspruch der heute einzelwissenschaftlich genannten Erkenntnis ergaben und ergeben, sind aber für die hier anzustellenden Erwägungen nicht von Belang. Es genügt zunächst die Feststellung, daß es auch einen Verbindlichkeitsanspruch der nicht im engeren Sinne philosophischen wissenschaftlichen Erkenntnis gab und gibt, — ein Anspruch, der sich früher in der Zurechenbarkeit der Wissenschaften zur Philosophie im weiteren Sinne bekundete und der uns im Zeitalter der Emanzipation der Einzelwissenschaften als Objektivitätsideal vertraut geworden ist.

Aus dieser Feststellung ergibt sich, daß sich das Interesse des gegenwärtigen Denkens an seiner Vergangenheit nicht nur auf die Philosophie im engeren Sinne dieses Wortes beziehen darf, sondern in gewissem Umfange die frühere wissenschaftliche Theoriebildung überhaupt mitberücksichtigen muß; denn jede Erkenntnis, die wegen ihres eigens begründeten Anspruchs auf Verbindlichkeit in einem weiteren Sinne der Philosophie zugerechnet werden konnte, verdient zumindest ein antiquarisches und kritisches philosophisches Interesse. Allerdings liegt es nahe, die philosophische Motivation für die Zuwendung zur Wissenschaftsgeschichte von vornherein auf diese beiden Gestalten von Interesse zu beschränken, da auf der Hand zu liegen scheint, daß sich aus der Beschäftigung mit irgendwelchen überholten und für uns zum großen Teil sogar abstrusen früheren wissenschaftlichen Theorien wohl schwerlich ein echter Gewinn für die Zukunft der Philosophie im Sinne des monumentalischen Interesses ziehen läßt. Am Objektivitätsanspruch und dem ihm zugrundeliegenden ausgereiften Methodenbewußtsein gegenwärtiger Wissenschaft gemessen müssen uns ja die meisten Theorien der Vergangenheit in der Tat als ein Panoptikum mehr oder weniger unzulänglicher Erkenntnisbemühungen erscheinen, für die man nur deshalb ein Interesse aufbringen kann, weil man entweder in der Entdeckung von Vorläufern heutiger Theorien eine Befriedigung findet oder weil man daran sein Vergnügen hat, mit einer Mischung von Spott und Mitleid auf Irrwege und Kuriositäten der Vergangenheit Rückschau zu halten.

Doch die wissenschaftlichen Theorien der Vergangenheit brauchen nicht ausschließlich im Lichte ihres Zurückbleibens hinter den Ansprüchen gegenwärtiger Wissenschaft betrachtet zu werden. Sofern sie zum Gesamtverband der Philosophie im weiten Wortsinne gerechnet werden konnten, muß es möglich sein, an ihnen ebenso wie an der vortranszendentalen Philosophie ein monumentalisches Interesse zu nehmen.

Die Motivation eines solchen Interesses[2] wurde im vorangegangenen Kapitel bereits vorbereitet, und das ist nun zu zeigen. Das recht verstandene monumentalische Interesse einer transzendentalen Erklärung und Kritik des außerphilosophischen Lebens an früherer Philosophie entsprang der Erwartung, daß dieses Leben selbst in einer hinter dem gegenwärtigen Verbindlichkeitsanspruch zurückbleibenden philosophischen Theorie weniger durch Gedanken überlagert (wenn auch nur indirekt) zur Sprache kommen könnte. Die Motivation des monumentalischen Interesses beruht demnach im Grunde auf der Unterscheidung zwischen dem philosophischen Denken mit seinem Verbindlichkeitsanspruch einerseits und dem von diesem Verbindlichkeitsanspruch freien außerphilosophischen Leben andererseits. Diese Unterscheidung ist nun formal auch im Selbstverständnis der Wissenschaften vorausgesetzt. Wenn Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen bestimmten Verbindlichkeitsansprüchen genügen will, dann unterscheidet sie damit implizit oder explizit zwischen sich selbst und dem außerwissenschaftlichen Leben, das — sofern es sich als Erkenntnis vollzieht — seine Erkenntnisse jedenfalls nicht dem wissenschaftlichen Verbindlichkeitsanspruch unterstellt. Die Wissenschaft setzt sich beständig mit diesem außerwissenschaftlichen Leben insofern auseinander, als sie bei ihrem Streben nach Objektivität die außerwissenschaftliche Erkenntnisart zu überwinden und ihre Reste in der wissenschaftlichen Erkenntnis fortschreitend zu eliminieren sucht.

Ähnlich wie nun das monumentalische Interesse von Transzendentalphilosophie an ihrer Vorgeschichte auf der Erwartung beruht, daß sich in den — transzendentalphilosophisch gesehen — unvollkommenen Theorien dieser Vorgeschichte das außerphilosophische Leben weniger verstellt ausspricht, könnte sich ein monumentalisches Interesse an der Vorgeschichte gegenwärtiger Wissenschaft daran entzünden, daß sich in den wissenschaftlichen Theorien der Vergangenheit das außerwissenschaftliche Leben deutlicher zeigt. Dieses Interesse würde überdies dann mit dem Interesse von Transzendentalphilosophie an ihrer Vorgeschichte zusammenfallen, wenn sich nachweisen ließe, daß es sich bei dem außerphilosophischen und dem außerwissenschaft-liehen Leben, welches jeweils in den philosophischen bzw. wissenschaftlichen Theorien der Vergangenheit durchschlug, um ein und dasselbe Leben handelte.

Nun bietet das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaften in der Vergangenheit sogleich einen gewichtigen Anhaltspunkt dafür, daß wir das außerphilosophische und das außerwissenschaftliche Leben, denen sich die frühere Wissenschaft und Philosophie entgegensetzten, als identisch betrachten dürfen: Wie bereits erwähnt, war es, bevor es zur modernen Emanzipation der Einzelwissenschaften von der Philosophie kam, möglich, das nicht im strengen Sinne philosophische wissenschaftliche Wissen der Philosophie im weiteren Sinne zuzurechnen. Die Philosophie und die Wissenschaften konnten so als ein einziges (wenn auch in sich gegliedertes und nach Verbindlichkeitsarten abgestuftes) Ganzes von Erkenntnissen angesehen werden, die durch die Ausrichtung an einem eigens aufgestellten Verbindlichkeitsideal eine Überlegenheit gegenüber der Erkenntnisart des gleichermaßen außerphilosophischen wie außerwissenschaftlichen Lebens beanspruchten. Dieses Leben stellte sich somit im Lichte jenes einen Überlegenheitsanspruchs ebenfalls als eine einheitliche Gegebenheit dar, nämlich als das in seiner Erkenntnis- und Denkart im Vergleich zum wissenschaftlich-philosophischen Denken Unterlegene.

Damit ergibt sich die Aufgabe, genauer zu bestimmen, durch was sich ein gleichermaßen außerphilosophisches wie außerwissenschaftliches Leben von einer als Einheit verstandenen Philosophie und Wissenschaft unterscheidet. Wie eben schon angedeutet, läßt sich die methodische Bemühung der modernen Wissenschaft, sofern hier Verbindlichkeit als Objektivität auftritt, als fortschreitende Eliminierung der „Rückstände" aus der vorwissenschaftlichen Erkenntnis- und Beurteilungsart im Bereich der objektiven wissenschaftlichen Erkenntnis ansehen. Daraus ergibt sich ein erster Schritt zur Lösung der genannten Aufgabe: Es ist genauer zu prüfen, was wir eigentlich unter diesen Resten nicht-objektiver Erkenntnis zu verstehen haben. Diese Reste müßten ja nach den bisherigen Überlegungen dasjenige sein, was ein monumentalisches Interesse an der Wissenschaftsgeschichte wecken könnte. Soweit das vorwissenschaftliche Leben, das sich in solchen Rückständen innerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst erhielt, mit dem außerphilosophischen Bewußtsein identisch war, fiele jenes monumentalische Interesse an der Wissenschaftsgeschichte mit dem Interesse der transzendentalen Theorie des natürlichen Bewußtseins an ihrem Gegenstand zusammen Die Rückstände vorwissenschaftlicher Erkenntnisart, die den wissenschaftlichen Fortschritt früher so lange aufgehalten haben und auch gegenwärtig noch immer behindern, kennzeichnen wir heute als „das bloß Subjektive".

Die Subjektivität dieses Subjektiven stellen wir in Gegensatz zur Objektivität, die die gelingende wissenschaftliche Erkenntnis auszeichnet. Wir verstehen unter der genannten Subjektivität den Umstand, daß die Geltung bestimmter Erkenntnisse auf einzelne Subjekte oder Gruppen von Subjekten und deren Erkenntnissituation eingeschränkt ist. Das in einer subjektiv „gefärbten" oder „getrübten" Erkenntnis Erkannte stellt sich so nur für Jemanden oder für mehrere Jemande dar und zwar entsprechend der Situation, in der sie sich jeweils gerade befinden. Das objektiv Erkannte ist frei von der Bezogenheit auf diese situationsbedingte Jeweiligkeit von einzelnen Subjekten oder Subjektgemeinschaften. Was objektiv ist, hat den Charakter des An-sich-Seins im Gegensatz zum „Sein bloß für Jemand"; es ist Subjekt-irrelativ.

Es sei angemerkt, daß uns hier im Zusammenhang der Problematik der Erhebung des Verbindlichkeitsanspruchs nur die als Subjekt-Irrelativität verstandene Objektivität zu interessieren braucht. Von anderen Bedeutungen oder Bedeutungskomponenten von „Objektivität" kann hier deshalb abgesehen werden. Auch die Tatsache, daß die heutige Wissenschaft teilweise die normativen Ansprüche, denen sie sich unterstellt, nicht mehr mit Hilfe des Begriffs der Objektivität formuliert, ist für unseren Zusammenhang irrelevant; denn, wie auch immer der Verbindlichkeitsanspruch differenziert werden mag, so ändert das nichts an der Grundabsicht moderner Wissenschaft, Erkenntnisse zu gewinnen, deren Geltung nicht auf einzelne Subjekte oder Subjektgruppen eingeschränkt ist, — also in diesem Sinne „Objektivität" zu erreichen.

Wenn etwas das monumentalische Interesse des Transzendentalphilosophen an der Wissenschaftsgeschichte erregen soll, dann kann es nach den bisherigen Überlegungen nur die noch nicht überwundene „Subjektivität", d. h. die Relativität heute überholter wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Jeweiligkeit von Situationen des oder der Erkennenden sein. Die moderne Wissenschaft versucht mit methodischer Entschlossenheit, ihre Aussagen grundsätzlich unabhängig davon zu machen, wie jeweils etwas Jemandem oder Jemanden situationsbedingt erscheint. Dieses Erscheinen von etwas in situativer subjektiver Jeweiligkeit hat Husserl als ein zentrales Thema für die transzendentalphilosophische Erklärung und Kritik des natürlichen Bewußtseins entdeckt und unter dem Titel der „Gegebenheitsweisen" zum Grundproblem seiner Phänomenologie gemacht. Husserls letztem Werk, der Abhandlung über die „Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie", verdankt die vorliegende Untersuchung die entscheidende Anregung, die Rolle jener Gegebenheitsweisen in der früheren und frühesten Gestalt der Wissenschaft zum Gegenstand eines monumentalischen transzendentalphilosophischen Interesses an der Wissenschaftsgeschichte zu machen[3]. Um die Husserlsche Entdeckung der Gegebenheitsweisen für die vorliegenden Überlegungen fruchtbar zu machen, bedarf es im folgenden eines ausführlicheren Eingehens auf einige seiner Grundgedanken. Die Gegebenheitsweisen als Gegenstand eines monumentalischen Interesses, — gegen diesen Gedanken erhebt sich zunächst vom Standpunkt moderner Wissenschaft aus ein naheliegender Einwand: Das Subjektive der Gegebenheitsweisen ist das, was die gegenwärtige Wissenschaft zu überwinden, hinter sich zu lassen sucht, also das Vergangene im emphatischen Sinne. Wie soll dieses Vergangene künftige Erkenntnismöglichkeiten im Sinne des monumentalischen Interesses bereit halten können? Sind die subjektiven Momente in der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht eine quantite negligeable? Diesem Einwand ist nur zu begegnen, wenn sich zeigen läßt, daß die Gegebenheitsweisen für die wissenschaftliche Erkenntnis selbst mehr sind als bloß die zu eliminierenden Störungsfaktoren im Fortschritt zu immer größerer Objektivität.

Zweifellos wird jedermann zugeben, daß die subjektiven Gegebenheitsweisen in jeglicher wissenschaftlichen Erkenntnisbemühung als dasjenige im Spiel sind, wovon sich die wissenschaftliche Erkenntnis gewissermaßen beständig abstößt. Diese negative Beziehung auch noch der gegenwärtigen Wissenschaft zu den Gegebenheitsweisen läßt sich zwar für ihren gegenwärtigen Forschungsstand nicht leugnen, aber es könnte scheinen, als sei ein fortgeschritteneres oder fortgeschrittenstes Stadium objektiver Erkenntnis zumindest als Zielvorstellung denkbar, in dem sogar jene negative Bezogenheit wissenschaftlicher Erkenntnis auf die Gegebenheitsweisen beseitigt wäre. Als (wenn auch vielleicht in unendlicher Ferne liegende) Vollendung objektiver Erkenntnis wäre eine Erkenntnis ohne Relativität auf die situative Jeweiligkeit des oder der Erkennenden zu denken. Sofern die neuere Wissenschaft sich insgeheim oder offen von dieser Zielvorstellung leiten läßt, heißt sie bei Husserl in der Krisis-Abhandlung objektivistisch. Dieser Objektivismus läßt sich nun offenbar sehr schnell als ein Widerspruch in sich durchschauen; denn eine Erkenntnis ohne Relativität auf einen erkennenden Jemand in seiner jeweiligen Situation bedeutete etwas Erkanntes ohne Erkennenden; Erkanntsein ist aber Erkanntsein durch jemanden. Jegliche Bezogenheit von Erkenntnis auf die Gegebenheitsweisen aufheben, hieße: Erkenntnis selber aufheben.

Durch diese einfache Überlegung, die Husserls vielfältige Reflexionen auf die Situation der modernen Wissenschaft in der Krisis-Abhandlung geleitet hat, kommt sogleich etwas außerordentlich Merkwürdiges zum Vorschein: Der modernen, objektivistischen Wissenschaft wohnt die Tendenz inne, jegliches subjektive Erkenntnismoment fortschreitend zu eliminieren. Bei dieser Bemühung ist sie überaus erfolgreich. Dieser Erfolg spricht durchschlagend dafür, daß der Objektivismus der Wissenschaften einen vernünftigen Sinn hat. Andererseits läßt sich nicht bestreiten, daß die Zielvorstellung, von der jene Tendenz geleitet ist, in ihrer Reinheit genommen eine Absurdität darstellt. Dieser Widerspruch ist nicht zu beseitigen: Die Wissenschaft muß die Relativität ihrer Erkenntnis auf die Gegebenheitsweisen um ihrer Verbindlichkeit willen negieren. Sie muß die gleiche Relativität aber auch aufrechterhalten und wollen, wenn das Ziel der Forschung nicht absurd werden soll. Mit diesem Widerspruch wird der Sinn moderner Wissenschaft überhaupt problematisch, und es stellt sich unabweisbar die Frage, wie das zugleich negative und affirmative und in diesem Sinne, wenn man so will, dialektische Verhältnis der objektiven Wissenschaft zu den Gegebenheitsweisen zu verstehen sei.

Bevor die Lösung dieser Aufgabe in Angriff genommen werden kann, ist die Vorfrage zu stellen, in wessen Kompetenz diese Lösung fällt. Welche Disziplin oder welche Erkenntnisart ist geeignet und imstande, das „dialektische" Verhältnis der Wissenschaften zu den Gegebenheitsweisen sachgemäß methodisch auseinander zu legen und verständlich zu machen? Offenbar nicht die moderne Wissenschaft selbst in ihrem Streben nach immer mehr Objektivität: Die Wissenschaft hat zwar als konkrete Forschung insofern beständig mit den Gegebenheitsweisen zu tun, als sie sich bemüht, ihre Ergebnisse davon unabhängig zu machen. Sie hat die Gegebenheitsweisen überdies sogar ausdrücklich dann zum Thema, wenn sie sich in methodologischen oder wissenschaftstheoretischen Fragestellungen eigens darum bemüht, die Zuverlässigkeit und Effizienz ihrer Verfahren zu prüfen und abzusichern. Alle diese Bemühungen sind aber in der für die anstehende Frage entscheidenden Hinsicht in einer „Voreingenommenheit" befangen. Der Forscher ist als solcher voreingenommen für das Ziel der Objektivität. Ihm geht es — auf welchem objektbezogenen oder metatheoretischen Wege auch immer — grundsätzlich um die Maximierung von Objektivität und entsprechend um die Minimierung von „Subjektivität". Er nimmt also einseitig das negative Verhältnis zu den Gegebenheitsweisen ein.

Wenn hier von „Einseitigkeit" und „Voreingenommenheit" die Rede ist, so sind diese Kennzeichnungen rein deskriptiv gemeint. Es wäre unsinnig, den Wissenschaftler zu tadeln wegen seines Objektivitätsstrebens oder ihm dies ausreden zu wollen. Eine solche romantische Kritik an der Wissenschaft liegt im übrigen auch Husserl in der Krisis-Abhandlung fern. Im Gegenteil: moderne Wissenschaft ist nur als solches Streben möglich. Gleichwohl stellt dieses legitime Streben eine Befangenheit dar, weil es das Verhältnis zu den Gegebenheitsweisen nur als negative Beziehung kennt. In Wahrheit aber muß dieses Verhältnis auch eine affirmative Seite haben; denn ohne diese würde das Objektivitätsstreben, wie sich eben zeigte, von seinem Endziel her absurd. Die Voreingenommenheit für die Objektivität, d. h. die Vergessenheit der affirmativen Beziehung zu den Gegebenheitsweisen, ist für die moderne Wissenschaft konstitutiv. Wenn es aber so steht, kann das „dialektische" Verhältnis von negativer und affirmativer Beziehung zu den Gegebenheitsweisen als solches nicht Gegenstand der Wissenschaft sein. Die Erörterung dieser Problematik muß einer denkenden Besinnung zufallen, die imstande ist, sich aus jener Vergessenheit oder Befangenheit zu lösen.


Nach Husserls These in der Krisis-Abhandlung ist diese Besinnung das Geschäft einer transzendentalphilosophischen Reflexion. Das Eigentümliche dieser transzendentalen Reflexion gegenüber den früheren Gestalten von Transzendentalphilosophie besteht darin, daß ihr zentrales Thema die Gegebenheitsweisen sind. Diese wurden als die Weisen bestimmt, wie etwas jeweils jemandem oder jemanden situationsbedingt erscheint. Als solche Erscheinungsweisen heißen sie bei Husserl Phänomene. Die Besinnung auf das „dialektische" Verhältnis von Negation und Affirmation in der Beziehung der Wissenschaften zu den Gegebenheitsweisen ist daher die Aufgabe einer phänomenologischen Reflexion.Mit welchem Recht behauptet Husserl, daß diese Reflexion eine Gestalt von Transzendentalphilosophie sei? Wenn diese Behauptung zu Recht besteht, dann bestätigt sich damit die Vermutung, die diese Überlegungen auslöste: daß nämlich gerade die Reste außerwissenschaftlicher Erkenntnisart, die retardierenden Momente im Fortschritt der Wissenschaften, d.h. die subjektiven Gegebenheitsweisen, für die transzendentalphilosophische Erklärung und Kritik des außerphilosophischen Lebens von sachlichem Interesse seien. Und wenn dies zutrifft, dann eröffnet sich damit ein Weg, auf dem sich ein monumentalisches transzendentalphilosophisches Interesse an der Wissenschaftsgeschichte hinreichend motivieren läßt.

Indem wir auf die Beziehung der Wissenschaft zu den Gegebenheitsweisen reflektieren, machen wir die wissenschaftliche Erkenntnis zum Gegenstand unserer Betrachtung. Gegenstand transzendentalphilosophischer Reflexion ist das natürliche Bewußtsein als fraglose selbstvergessene Überzeugung von der Bewußtseinsunabhängigkeit des Seins der Welt. Was hat die wissenschaftliche Erkenntnis mit dem so verstandenen natürlichen Bewußtsein zu tun? Die moderne Wissenschaft stellt sich objektivistisch unter den Anspruch, fortschreitend jegliches subjektive Moment aus ihren Erkenntnissen zu eliminieren. Diese Bemühung kann nur den Sinn haben, die Welt rein in dem, was sie „an sich" ist, hervortreten zu lassen. Damit wird vorausgesetzt, daß die Welt das, was sie ist, ist — gleichgültig, ob und wie jemand dies erkennt oder nicht. Das Objektivitätsstreben der Wissenschaft beruht somit auf der ganz selbstverständlich geltenden Grundüberzeugung, daß das Sein der Welt unabhängig vom erkennenden Bewußtsein stattfindet. Die objektivistische Wissenschaft ist mithin eine Gestalt von natürlichem Bewußtsein. Die fraglose natürliche Überzeugung vom An-Sich-Sein der Welt hat in der neuzeitlichen Wissenschaft in einem hier nicht zu verfolgenden geschichtlichen Prozeß im Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit die Gestalt des Bewußtseins von der methodischen Eliminierbarkeit aller subjektiven Momente aus der wissenschaftlichen Erkenntnis angenommen. Damit hat sich bereits in allgemeiner Weise herausgestellt, daß die phänomenologische Besinnung auf das Verhältnis von wissenschaftlichem Objektivitätsanspruch und subjektiven Gegebenheitsweisen ihren Ort innerhalb einer transzendentalphilosophischen Reflexion über eine besondere Gestalt natürlichen Bewußtseins hat.

Es bleibt die Aufgabe, diese transzendentale Reflexion zu konkretisieren, d.h. das „dialektische" Verhältnis des wissenschaftlichen Objektivitätsbewußtseins zu den Gegebenheitsweisen zu erklären. Die vorangegangenen Überlegungen waren bereits die ersten Schritte dieser Besinnung: Sie haben ergeben, daß die Wissenschaft in einem merkwürdig zwiespältigen Verhältnis zum außerwissenschaftlichen und außerphilosophischen Leben steht. Auf der einen Seite beansprucht sie, wie sich zunächst zeigte, auf Grund der Verbindlichkeit ihrer Erkenntnisse eine Überlegenheit gegenüber dem vorwissenschaftlichen Leben. In dieser Hinsicht steht sie auf Seiten der Philosophie. Das außerwissenschaftliche und das außerphilosophische Leben erscheinen so als identisch. Auf der anderen Seite erwies sich zuletzt die einseitig negative Beziehung der modernen Wissenschaft zu den Gegebenheitsweisen, d. h. die Vergessenheit der affirmativen Seite dieses Verhältnisses, als eine Gestalt natürlichen Bewußtseins. In dieser Hinsicht steht die Wissenschaft nicht auf Seiten der Philosophie; sie fällt selbst noch ins außerphilosophische Leben. Das Leben, dem gegenüber Philosophie und Wissenschaft ihre Erkenntnis-Überlegenheit beanspruchen, gerät so in eine Doppeldeutigkeit: Bald scheint es nur das von der Philosophie Unterschiedene zu sein und die Wissenschaften mit zu umfassen, bald stellt es sich als das auch von der Wissenschaft Unterschiedene dar. Diese Doppeldeutigkeit läßt sich nur erklären durch eine eingehendere transzendentale Analyse der Rolle, die die Gegebenheitsweisen im Leben überhaupt spielen. Im folgenden Abschnitt sei daher in einer Anknüpfung an Husserl, bei der wir einige bei ihm z. T. verstreut entwickelte Gedanken im Hinblick auf unsere Problematik systematisieren, ein Überblick über die Hauptergebnisse einer solchen Analyse gegeben, soweit sie hier von Belang sind.

  1. ↑
  2. ↑
  3. ↑