Werk:Kratylos (Platon)
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Gründet auf dem Werk „Kratylos“ Platon
404 n. Chr. hrsg.
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unüberarbeitet
ungeprüft
KRATYLOS. (De recta nominum ratione)
Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher
in: Platons Werke. Zweiten Teiles zweiter Band, dritte Auflage, Berlin 1857, bearbeitet.
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[383 St.1 A] HERMOGENES: Willst du also, dass wir auch den Sokrates unserer Unterredung hinzuziehen?
KRATYLOS: Wenn du meinst.
HERMOGENES: Kratylos hier, o Sokrates, behauptet, jegliches Ding habe seine von Natur ihm zukommende richtige Benennung, und nicht das sei ein Name, wie Einige unter sich ausgemacht haben etwas zu nennen, indem sie es mit einem Teil ihrer besonderen Sprache anrufen, sondern es gebe eine [B] natürliche Richtigkeit der Wörter, für Hellenen und Barbaren insgesamt die nämliche. Ich frage ihn also, ob denn Kratylos in Wahrheit sein Name ist, und er gesteht zu, ihm gehöre dieser Name. Und dem Sokrates? fragte ich weiter. Sokrates, antwortet er. Haben nun nicht auch alle andern Menschen jeder wirklich den Namen wie wir jeden rufen? Wenigstens der deinige, sagte er, ist nicht Hermogenes, und wenn dich auch alle Menschen so rufen. Allein wie ich ihn nun weiter frage, und gar zu gern wissen will was er eigentlich meint, erklärt er sich [384 St.1 A] gar nicht deutlich, und zieht mich noch auf, wobei er sich das Ansehen gibt als hielte er etwas bei sich zurück was er darüber wüsste, und wodurch er mich, wenn er es nur heraussagen wollte, auch zum Zugeständnis bringen könnte, und zu derselben Meinung wie er. Wenn du also irgendwie den Spruch des Kratylos auszulegen weißt, möchte ich es gern hören. Oder vielmehr, wie du selbst meinst, dass es mit der Richtigkeit der Benennungen stehe, das möchte ich noch lieber erfahren, wenn es dir gelegen ist.
SOKRATES: Es ist ein altes Sprichwort, Sohn des Hipponikos, dass das Schöne schwierig ist, [B] zu lernen wie es sich verhält und so ist auch dies von den Wörtern kein kleines Lehrstück. Hätte ich nun schon bei dem Prodikos seinen Vortrag für fünfzig Drachmen gehört, den man, wie er behauptet, nur zu hören braucht um hierüber vollständig unterrichtet zu sein, dann sollte dir nichts im Wege stehen, sogleich das Wahre über die Richtigkeit der Benennungen zu erfahren. Nun aber [C] habe ich ihn nicht gehört, sondern nur den für eine Drachme, also weiß ich nicht, wie es sich eigentlich mit dieser Sache verhält. Gemeinschaftlich jedoch mit dir und dem Kratylos sie zu untersuchen bin ich gern bereit. Dass er aber leugnet, Hermogenes sei in Wahrheit dein Name, daran merke ich, dass er spöttelt. Denn er meint wohl gar, du möchtest gern reich werden aber gar nicht wie vom Hermes abstammend, verfehltest du es immer. Allein, wie ich eben sagte, es ist schwer dergleichen zu wissen, gemeinschaftlich aber müssen wir es vornehmen und zusehen, [D] ob es sich so wie du meinst, verhält, oder wie Kratylos.
HERMOGENES: Ich meines Teils, Sokrates, habe schon oft mit diesem und vielen Andern darüber gesprochen, und kann mich nicht überzeugen, dass es eine andere Richtigkeit der Namen gibt, als die sich auf Vertrag und Übereinkunft gründet. Denn mich dünkt, welchen Namen jemand einem Dinge beilegt, der ist auch der Rechte, und wenn man wieder einen andern an die Stelle setzt und jenen nicht mehr gebraucht, [E] so ist der letzte nicht minder richtig als der zuerst beigelegte, wie wir unsern Knechten andere Namen geben. Denn kein Name keines Dinges gehört ihm von Natur, sondern durch Anordnung und Gewohnheit derer, welche die Wörter zur
Gewohnheit machen und gebrauchen. Ob es sich aber anderswie verhält, bin ich sehr bereit es zu lernen und zu hören, nicht nur vom Kratylos, sondern auch von jedem Andern.
[385 St.1 A] SOKRATES: Vielleicht ist doch etwas in dem was du sagst, Hermogenes. Lasse uns nur zusehen. Wie jemand festsetzt jedes zu nennen, das ist denn auch eines jeden Dinges Namen?
HERMOGENES: So dünkt mich.
SOKRATES: Nenne es nun ein Einzelner so, oder auch der Staat? HERMOGENES: Das behaupte ich.
SOKRATES: Wie nun, wenn ich irgend ein Ding benenne, wie was wir jetzt Mensch nennen, wenn ich das Pferd rufe, und was jetzt Pferd, Mensch, dann wird dasselbe Ding öffentlich und allgemein Mensch heißen, bei mir besonders aber Pferd, und das andere [B] wiederum bei mir besonders Mensch, öffentlich aber Pferd. Meinst du es so?
HERMOGENES: So dünkt es mich.
SOKRATES: Wohlan sage mir dies. Nennst du etwas wahr reden, und etwas falsch?
HERMOGENES: O ja.
SOKRATES: Also wäre auch eine Rede wahr und eine andere falsch?
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Und nicht wahr, die von den Dingen aussagt, was sie sind, ist wahr, die aber, was sie nicht sind, ist falsch?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Also findet dieses doch statt, durch eine Rede aussagen was ist, und auch was nicht ist?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Die [C] wahre Rede aber, ist die zwar ganz wahr, ihre Teile aber nicht wahr?
HERMOGENES: Nein, sondern auch ihre Teile.
SOKRATES: Und sind etwa nur die größeren Teile wahr, die kleineren aber nicht? Oder alle?
HERMOGENES: Alle, denke ich doch.
SOKRATES: Und kannst du wohl einen kleineren Teil einer Rede sagen als ein Name?
HERMOGENES: Nein, dies ist der kleinste.
SOKRATES: Also auch das Wort in einer wahren Rede wird wahr gesagt?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und ist dann ein wahres, wie du behauptest?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und ist der Teil einer falschen Rede nicht falsch?
HERMOGENES: Das behaupte ich.
SOKRATES: Also kann man falsche Namen und wahre sagen, wenn auch solche [D] Sätze und Reden.
HERMOGENES: Wie anders!
SOKRATES: Und soll noch, was jeder als eines Dinges Namen angibt, auch eines jeden Namen sein?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Etwa auch so viele Namen einer sagt dass ein Ding habe, so viele hat es auch, und dann, wenn er es sagt?
HERMOGENES: Ich wenigstens, Sokrates, weiß von keiner andern Richtigkeit der Benennungen als von dieser, dass ich jedes Ding mit einem andern Namen benennen kann, den ich ihm beigelegt habe, und du wieder mit einem andern, den du. Und so sehe ich auch, [E] dass für dieselbe Sache
bisweilen einzelne Städte ihr eigenes eingeführtes Wort haben, und Hellenen ein anderes als andere Hellenen, und Hellenen auch wiederum andere als andere Völker.
SOKRATES: Wohlan lass uns sehen, Hermogenes, ob dir vorkommt, dass es auch mit den Dingen ebenso steht, dass ihr Sein und Wesen für jeden besonders ist, wie Protagoras meinte, wenn er sagt, der Mensch sei das Maß aller Dinge, [386 St.1 A] dass also die Dinge, wie sie mir erscheinen, so auch für mich wirklich sind, und wiederum wie dir, so auch für dich? Oder dünkt dich dass sie in sich eine Beständigkeit ihres Wesens haben?
HERMOGENES: Ich bin wohl sonst schon in der Verlegenheit auch dahin geraten, Sokrates, auf dasselbe, was auch Protagoras sagt, ganz und gar so, glaube ich jedoch nicht, dass es sich verhalte.
SOKRATES: Wie aber? Bist du auch darauf schon geraten, dass du nicht glauben konntest, ein Mensch sei gar schlecht?
HERMOGENES: Nein, [B] beim Zeus, vielmehr ist mir schon oft begegnet, dass mir Menschen gar schlecht vorgekommen sind, und zwar recht viele.
SOKRATES: Und wie? Gar gut hast du noch nicht geglaubt, dass Menschen wären? HERMOGENES: Nur sehr wenige.
SOKRATES: Also doch welche?
HERMOGENES: O ja.
SOKRATES: Wie aber meinst du es? Etwa so, dass die gar guten auch gar vernünftig sind, und die gar schlechten auch gar unvernünftig?
HERMOGENES: Ich meine es gerade so.
SOKRATES: Können nun wohl, wenn Protagoras [C] wahr redete, und dies die Wahrheit ist, dass für jeden, wie ihm etwas erscheint, so es auch ist, alsdann Einige von uns vernünftig sein und Andere unvernünftig?
HERMOGENES: Nicht füglich.
SOKRATES: Auch dies, denke ich, glaubst du gar sehr, dass wenn es Vernunft und Unvernunft gibt, dann eben gar nicht möglich ist, dass Protagoras Recht habe. Denn es wäre ja in Wahrheit nicht Einer vernünftiger als der Andere, wenn was Jedem schiene auch für jeden wahr wäre.
HERMOGENES: Das ist richtig.
SOKRATES: Aber auch nicht mit dem Euthydemos, denke ich, hältst du es, dass allen alles auf gleiche Weise zugleich und immer zukommt. Denn auch so können nicht [D] Einige gut und Andere schlecht sein, wenn gleichermaßen Allen immer Tugend und Laster zukommt.
HERMOGENES: Ganz recht.
SOKRATES: Also wenn weder Allen Alles auf gleiche Weise zugleich und immer zukommt, noch auch jedes Ding für jeden auf eine besondere Weise da ist, so ist offenbar, dass die Dinge an und für sich ihr eignes bestehendes Wesen haben, und nicht nur je nachdem wir sind, oder von uns [E] hin und her gezogen nach unserer Einbildung, sondern für sich bestehend, je nach ihrem eigenen Wesen seiend, wie sie geartet sind.
HERMOGENES: So verhält es sich meines Erachtens, Sokrates.
SOKRATES: Sollen nun sie selbst zwar so geartet sein, ihre Handlungen aber nicht nach der selbigen Weise? Oder sind nicht auch diese eine eigene Art dessen was ist, die Handlungen?
HERMOGENES: Allerdings auch diese.
SOKRATES: Also [387 St.1 A] auch die Handlungen gehen nach ihrer eigenen Natur vor sich, und nicht nach unserer Vorstellung. Wie wenn wir unternehmen etwas zu schneiden, teilen, sollen wir dann jedes schneiden wie wir wollen und womit wir wollen? Oder werden wir nur dann, wenn wir jedes nach der Natur des Schneidens und Geschnittenwerdens, und mit dem ihm angemessenen schneiden wollen, nur dann es wirklich schneiden und auch einen Vorteil davon haben, und die Handlung recht verrichten, wenn aber gegen die Natur, dann es verfehlen und nichts ausrichten?
HERMOGENES: So dünkt [B] es mich.
SOKRATES: Nicht auch, wenn wir etwas unternehmen zu brennen, müssen wir es nicht nach jeder Weise wie sie uns zuerst einfällt brennen, sondern nach der richtigen, und das ist die, wie eines jeden Natur ist zu brennen und gebrannt zu werden und womit?
HERMOGENES: Gewiss.
SOKRATES: Nicht auch so in allem übrigen? HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Ist nun nicht auch das Reden eine Handlung? HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Wird also [C] wohl Einer, wenn er so redet wie er eben glaubt, dass man reden möge, richtig reden? Oder nur dann, wenn er auf die Weise und vermittelst dessen, wie es der Natur des Sprechens und Gesprochenwerdens angemessen ist, von den Dingen redet, nur dann Vorteil davon haben und wirklich etwas sagen, wenn aber nicht, dann es verfehlen und nichts damit ausrichten?
HERMOGENES: So dünkt es mich, wie du sagst.
SOKRATES: Und ein Teil des Redens ist doch das Benennen. Denn durch [D] Benennung besteht jede Rede?
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Also ist auch das Benennen eine Handlung, wenn das Reden ein Handeln mit den Dingen war?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Die Handlungen aber waren, wie sich gezeigt hatte, nicht nur je nachdem wir waren, sondern hatten jede ihre eigene Natur?
HERMOGENES: So ist es.
SOKRATES: Also auch benennen muss man so, und vermittelst dessen, wie es in der Natur des Benennens und Benanntwerdens der Dinge ist, [E] nicht aber so wie wir etwa jedesmal möchten, wenn uns anders dies mit dem vorigen übereinstimmen soll, und nur so werden wir etwas davon haben und wirklich benennen, sonst aber nicht?
HERMOGENES: Offenbar.
SOKRATES: Wohlan! Was man schneiden musste, musste man doch, sagen wir, vermittelst etwas schneiden.
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und was weben, vermittelst etwas weben, und was bohren, mittelst etwas bohren?
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Also auch was man benennen musste, musste man mittelst etwas benennen?
[388 St.1 A] HERMOGENES: So ist es.
SOKRATES: Was ist nun jenes, womit man bohren muss?
HERMOGENES: Der Bohrer.
SOKRATES: Und womit man weben muss?
HERMOGENES: Die Weberlade.
SOKRATES: Und wie, womit benennen?
HERMOGENES: Der Name.
SOKRATES: Richtig. Ein Werkzeug ist also auch der Name.
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Wenn ich nun fragte: Was für ein Werkzeug war doch die Weberlade? [B] Nicht das, womit man webt?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Was tut man aber wenn man webt? Nicht dass wir den Einschlag und die ineinander verworrene Kette wieder sondern?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und ebenso wirst du mir auch über den Bohrer und die übrigen antworten können.
HERMOGENES: Gewiss.
SOKRATES: Kannst du mir nun ebenso auch über den Namen Rechenschaft geben? Indem wir mit dem Namen als Werkzeug benennen, was tun wir?
HERMOGENES: Das weiß ich nicht zu sagen.
SOKRATES: Lehren wir etwa einander etwas und sondern die Gegenstände voneinander, je nachdem sie beschaffen sind?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Der Name ist also ein belehrendes Werkzeug, [C] und ein das Wesen unterscheidendes und sonderndes, wie die Weberlade das Gewebe sondert.
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und die Lade gehört zur Weberei?
HERMOGENES: Wie anders!
SOKRATES: Der Weberkünstler also wird die Lade recht zu gebrauchen wissen, recht aber heißt weberkünstlerisch. Und der Lehrende den Namen, und recht heißt belehrend.
HERMOGENES: Ja.
[D] SOKRATES: Und wessen Werk gebraucht dann der Weber recht, wenn er die Weberlade gebraucht?
HERMOGENES: Des Tischers Werk.
SOKRATES: Und ist Jeder ein Tischer, oder nur wer diese Kunst inne hat?
HERMOGENES: Nur der letzte.
SOKRATES: Und wessen Werk gebraucht der Bohrende recht, wenn er den Bohrer braucht?
HERMOGENES: Des Kleinschmieds.
SOKRATES: Und ist Jeder ein Kleinschmied, oder der die Kunst inne hat?
HERMOGENES: Der die Kunst innehat.
SOKRATES: Wohl! Wessen Werk [E] gebraucht nun aber jener Lehrende, wenn er den Namen gebraucht?
HERMOGENES: Auch das weiß ich wieder nicht.
SOKRATES: Weißt du auch das nicht zu sagen, wer uns die Namen überliefert, die wir gebrauchen?
HERMOGENES: Auch nicht.
SOKRATES: Dünkt es dich nicht der Gebrauch und die eingeführte Ordnung zu sein, was sie uns überliefert?
HERMOGENES: Das scheint wohl.
SOKRATES: Es ist also ein Werk dessen, der die Gebräuche einrichtet, des Gesetzgebers, dessen jener Belehrende sich bedient, wenn er sich der Namen bedient?
HERMOGENES: So scheint es mir.
SOKRATES: Und meinst du, dass jedermann ein Gesetzgeber ist, oder nur der die Kunst inne hat? HERMOGENES: Der die Kunst innehat.
SOKRATES: Also, o Hermogenes, kommt es nicht Jedem zu Namen einzuführen, [389 St.1 A] sondern nur einem besonderen Namensgeber. Und dieser ist, wie es scheint, der Gesetzgeber, von allen Künstlern unter den Menschen der seltenste.
HERMOGENES: So scheint es.
SOKRATES: Wohl, so betrachte nun weiter, [B] worauf der Gesetzgeber wohl sieht, indem er die Namen bestimmt. Mache es dir nur aus dem vorigen klar. Worauf wohl der Tischer, wenn er die Weberlade macht? Nicht auf so etwas, dessen Natur und Wesen eben dies ist, das Gewebe zu schlagen?
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Und wie wenn ihm die Lade während der Arbeit noch zerbricht, wird er eine andere wieder machen indem er auf die zerbrochene sieht, oder wieder auf jene selbige Vorstellung, nach welchem er auch die zerbrochene gemacht hatte?
HERMOGENES: Auf jenes dünkt mich.
SOKRATES: Jenes also könnten wir mit Recht die wahre Weberlade nennen, das was sie wirklich ist. HERMOGENES: Das meine ich auch.
SOKRATES: Also wenn [C] für dichtes Zeug oder für klares, für leinenes oder für wollenes, oder wofür sonst eine Weberlade zu machen ist, so müssten diese insgesamt der Vorstellung der Weberlade entsprechen, wie sie aber nun für jedes insbesondere am besten geeignet wäre, diese Eigenschaft müsste ebenfalls in jedes Werk hineingelegt werden.
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und mit allen anderen Werkzeugen auf die nämliche Weise. Das seiner Natur nach jedem [D] angemessene Werkzeug muss man ausgefunden haben, und dann in dem niederlegen, woraus das Werk so gemacht werden soll, nicht wie es Jedem einfällt, sondern wie es die Natur mit sich bringt. Denn wie für ein jedes insbesondere der Bohrer geartet sein muss, diese Art muss man wissen, in das Eisen, aus dem der Bohrer gemacht wird, hineinzulegen.
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Also die für jedes von Natur geeignete Weberlade in das Holz?
HERMOGENES: So ist es.
SOKRATES: Denn von Natur gehört wie wir sahen jeder Art von Gewebe seine besondere Weberlade, und so in allen indem Dingen?
[E] HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Also, Bester, muss wohl auch den für jedes seiner Art nach gearteten Namen jener Gesetzgeber wissen in den Tönen und Silben niederzulegen, und so indem er auf jenes sieht, was der Name wirklich ist, alle Namen machen und bilden, wenn er ein tüchtiger Namensgeber sein will. Wenn aber nicht jeder solche Gesetzgeber den Namen in dieselben Silben niederlegt, das muss uns nicht irren. Denn auch nicht jener Schmied, der zu demselben Zweck dasselbe Werkzeug macht, legt dieselbe Vorstellung in dasselbe Eisen hinein. Dennoch so lange er nur dieselbe Gestalt wiedergibt, wenn [390 St.1 A] auch in anderem Eisen, ist doch das Werkzeug ebenso gut und richtig gemacht, mag es einer hier oder unter den Barbaren gemacht haben. Nicht wahr?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Eben so wirst du auch dafür halten, dass unser Gesetzgeber, der hiesige wie der unter den Barbaren, so lange er nur die Vorstellung des Namens, wie sie jedem insbesondere zukommt, wiedergibt, in was für Silben es auch sei, alsdann der hiesige [B] kein schlechterer Gesetzgeber ist, als einer irgendwo anders?
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Wer wird nun aber erkennen, ob die gehörige Vorstellung der Weberlade in irgendeinem Holze liegt? Der sie gemacht hat, der Tischer, oder der sie gebrauchen soll, der Weber?
HERMOGENES: Wohl eher, o Sokrates, der sie gebrauchen soll.
SOKRATES: Wer ist es nun, der des Kitharenmachers Werk gebrauchen soll, und ist er nicht auch der, welcher am besten bei der Verfertigung die Aufsicht führen, und die verfertigten auch am besten [C] beurteilen würde, ob sie gut gearbeitet sind oder nicht?
HERMOGENES: Gewiss.
SOKRATES: Aber wer?
HERMOGENES: Der Kitharenspieler.
SOKRATES: Und wer das Werk des Schiffbauers? HERMOGENES: Der Steuermann.
SOKRATES: Wer aber könnte am besten über dieses Geschäft des Gesetzgebers die Aufsicht führen und seine Arbeit beurteilen, hier sowohl als unter den Barbaren? Nicht der, der sie auch gebrauchen soll?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Ist das [D] nun nicht der, welcher zu fragen versteht?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Und derselbe doch auch zu antworten?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und der zu fragen und zu antworten versteht, nennst du den anders als einen Dialektiker?
HERMOGENES: Nein, sondern so.
SOKRATES: Des Zimmermanns Geschäft also wäre ein Steuerruder zu machen unter Aufsicht des Steuermannes, wenn das Ruder gut werden soll.
HERMOGENES: Richtig.
SOKRATES: Des Gesetzgebers aber, wie es scheint, auch Namen, wobei er zum Aufseher hätte einen dialektisch gebildeten Mann, [E] wenn er die Namen gut bilden soll.
HERMOGENES: Offenbar.
SOKRATES: Also mag es doch wohl nichts so geringes sein, wie du glaubst, Hermogenes, Namen zu bilden und Benennungen festzusetzen, auch nicht schlechter Leute Sache oder des ersten Besten, sondern Kratylos hat Recht, wenn er sagt, die Benennungen kämen den Dingen von Natur zu, und nicht jeder sei ein Meister im Namengeben, sondern nur der, welcher auf die einem jeden von Natur eigene Benennung achtend, ihre Art und Eigenschaft in die Buchstaben und Silben hineinzulegen versteht.
HERMOGENES: Ich weiß freilich nicht, Sokrates, inwiefern ich, dem was du sagst, widersprechen soll. Es mag aber wohl nicht leicht sein, auf diese Art [391 St.1 A] so schnell überzeugt zu werden, allein ich glaube, so würde ich leichter überzeugt werden, wenn du mir zeigtest, worin denn jene natürliche Richtigkeit der Benennungen bestehen soll.
SOKRATES: Ich, du guter Hermogenes, weiß ja von gar keiner, sondern du hast vergessen, was ich nur eben noch sagte, dass ich es nicht wüsste, aber es wohl mit dir untersuchen wollte. Nun aber ist durch unsere Untersuchung dir und mir so viel schon klar gegen das vorige, dass der Name [B] von Natur eine gewisse Richtigkeit hat, und dass nicht jeder versteht es irgendeinem Dinge gehörig beizulegen. Oder nicht?
HERMOGENES: Gewiss.
SOKRATES: Also nächst dem müssen wir untersuchen, wenn du es zu wissen begehrst, was nun eigentlich die Richtigkeit desselben sei.
HERMOGENES: Freilich begehre ich es zu wissen. SOKRATES: So überlege denn!
HERMOGENES: Wie soll ich es überlegen?
SOKRATES: Die richtigste Überlegung, Freund, ist die man mit den Sachverständigen anstellt, denen man Geld dafür [C] zahlt, und noch Dank dazu weiß. Dies sind aber die Sophisten, denen auch dein Bruder Kallias so viel Geld eingebracht, dass er nun wohl für weise gilt. Da du nun nicht im Besitz des väterlichen Vermögens bist, so musst du deinem Bruder schön tun, und ihn bitten, dass er dich lehre, was hierin richtig ist, wie er es vom Protagoras gelernt hat.
HERMOGENES: Ungereimt wäre doch wohl die Bitte von mir, Sokrates, wenn ich die Wahrheit des Protagoras im allgemeinen gar nicht annehme, [D] doch aber mit dem, was in Folge dieser Wahrheit gesagt wird, zufrieden sein wollte, als wäre es etwas wert.
SOKRATES: Also wenn dir das wieder nicht gefällt, so müssten wir es vom Homer lernen und von den andern Dichtern.
HERMOGENES: Und was sagt denn Homer von der Richtigkeit der Benennungen, o Sokrates, und wo?
SOKRATES: An gar vielen Orten, vorzüglich aber und am schönsten da wo er an den selbigen Dingen unterscheidet, welche Namen die Menschen ihnen beilegen und welche die Götter. Oder meinst du nicht, dass er an diesen Stellen [E] vortreffliche und wunderbare Dinge sagt von der Richtigkeit der Wörter? Denn offenbar werden doch die Götter wohl vollkommen richtig mit den Wörtern benennen, die es von Natur sind. Oder meinst du nicht?
HERMOGENES: Soviel weiß ich ja wenigstens, dass wenn sie etwas benennen, sie es auch richtig benennen. Aber was meinst du nur eigentlich?
SOKRATES: Weißt du nicht, dass er von dem Fluss bei Troja, welcher einen Zweikampf mit dem Hephaistos hatte, sagt:
Xanthos im Kreis der Götter genannt, von Menschen Skamandros?
HERMOGENES: Das weiß ich, und was dann?
SOKRATES: Glaubst du nicht, [392 St.1 A] dass das etwas hochwichtiges sein muss, zu verstehen, wieso es richtiger ist, jenen Fluss Xanthos zu nennen als Skamandros? Oder wenn du lieber willst, wegen jenes Vogels von dem er sagt, er werde
Chalkis von Göttern genannt, und Nachtaar unter den Menschen,
hältst du es für eine geringfügige Einsicht wie viel richtiger es ist, dass dieser Vogel Chalkis heiße als Nachtaar? Oder Batieia und springgeübte Myrine, [B] und viel Anderes bei diesem Dichter und andern? Doch dergleichen ist vielleicht zu groß, als dass ich und du es herausbringen sollten, von Skamandrios und Astyanax aber, welche Namen beide, wie er sagt, der Sohn des Hektor gehabt, mag es menschenmöglicher sein wie mich dünkt und leichter aufs reine zu bringen, wie er es wohl mit ihrer Richtigkeit meint. Du kennst doch wohl die Verse worin das steht was ich meine?
HERMOGENES: [C] Allerdings.
SOKRATES: Von welchem Namen also meinst du, dass Homer geglaubt, er sei dem Kinde richtiger beigelegt worden, Astyanax oder Skamandrios?
HERMOGENES: Das weiß ich nicht zu sagen.
SOKRATES: Überlege es nur so. Wenn dich jemand fragte: Wer glaubst du wohl, kann richtiger Namen beilegen, die Vernünftigeren oder die Unvernünftigeren?
HERMOGENES: Offenbar die Vernünftigeren, würde ich sagen.
SOKRATES: Scheinen dir nun wohl die Weiber die Vernünftigeren in der Stadt zu sein oder die Männer, wenn man es so im Allgemeinen sagen soll?
[D] HERMOGENES: Die Männer.
SOKRATES: Nun weißt du doch, Homer sagt das Söhnchen des Hektor sei von den Troern Astyanax genannt worden, also Skamandrios wohl von den Weibern, wenn die Männer ihn Astyanax nannten?
HERMOGENES: So scheint es ja.
SOKRATES: Nun hielt doch auch Homer wohl die Troer für verständiger als ihre Weiber? HERMOGENES: So glaube ich wenigstens.
SOKRATES: Also glaubte er, der Knabe hieße richtiger Astyanax als Skamandrios. HERMOGENES: Das ist deutlich.
SOKRATES: Lass uns denn zusehen, weshalb wohl. Oder gibt er [E] uns selbst das Warum am besten an die Hand? Er sagt nämlich,
denn er allein beschirmte die Stadt und die türmenden Mauern.
Darum mag es ganz Recht sein des Beschützers Sohn Astyanax, einen Stadtherrn, zu nennen dessen was sein Vater beschützte, wie Homer sagt.
HERMOGENES: Das leuchtet mir ein.
SOKRATES: Wieso denn? Ich selbst verstehe es ja jetzt noch nicht recht, und du verstehst es?
HERMOGENES: Nein, beim Zeus, ich auch nicht.
[393 St.1 A] SOKRATES: Hat etwa, du Guter, auch dem Hektor selbst Homer seinen Namen beigelegt?
HERMOGENES: Wie so?
SOKRATES: Weil es mir damit fast ebenso zu sein scheint wie mit dem Astyanax, und diese Namen ganz hellenischen gleichen. Denn Anax, Herr, und Hektor, Inhaber, bedeuten fast dasselbe, und scheinen beides [B] königliche Namen zu sein. Denn worüber einer Herr ist, davon ist er auch Inhaber, denn offenbar beherrscht er es und besitzt es und hat es. Oder scheine ich dir nichts zu sagen und täusche mich, indem ich glaube die Spur ausgefunden zu haben von Homers Meinung über die Richtigkeit der Benennungen?
HERMOGENES: Nein, beim Zeus, das nicht, wie mich dünkt, sondern du hast wahrscheinlich wohl etwas gefunden.
SOKRATES: Recht ist es wenigstens, wie mir scheint, eines Löwen Abkömmling Löwen zu nennen, und eines Pferdes Abkömmling Pferd. Nicht so meine ich es, wenn, als ein Wunder, einmal von einem Pferde etwas anderes geboren würde als ein Pferd, sondern was einer Gattung Abkömmling ist der Natur nach, das meine ich, so dass, [C] wenn ein Pferd widernatürlich ein Kalb geboren hätte, was seiner Natur nach Abkömmling eines Stieres ist, man dies auch nicht Füllen nennen müsste, sondern Kalb. Eben so wenig, meine ich, müsste man, wenn was von einem Menschen geboren würde nicht eines Menschen Abkömmling ist, sondern ein anderer, diese Ausgeburt Mensch nennen. Und ebenso mit Bäumen und allem anderen. Oder dünkt dich nicht so?
HERMOGENES: Mich ebenfalls.
SOKRATES: Wohl gesprochen. Hüte mich nur, dass ich dich nicht übervorteile. Denn nach demselben Verhältnis muss nun auch was von einem Könige geboren wird König genannt werden. Ob aber in solchen oder in anderen Silben dasselbe bedeutet wird, daran liegt nichts, auch nicht ob ein Buchstabe zugesetzt oder weggenommen wird, auch das ist keine Sache, so lange nur das Wesen des benannten Dinges sich durch den Namen zu offenbaren.
HERMOGENES: Wie meinst du das?
SOKRATES: Gar nichts Besonderes, sondern wie du weißt, dass wir auch die Buchstaben mit Namen nennen, und nicht unmittelbar sie selbst, die bekannten Selbstlaute E, Y, O und A ausgenommen, den übrigen aber, Selbstlauten und [E] Mitlauten, weißt du wohl, fügen wir noch andere Buchstaben bei, und bilden einen Namen daraus. Allein so lange wir nur die Eigentümlichkeit des Buchstaben mit hineinbringen, und sie sich darin zeigt, ist es ganz recht, ihn bei diesem Namen zu nennen, der ihn uns zu erkennen gibt. Wie beim Zeta, siehst du wohl, dass die Hinzufügung dieses e und t keinen Schaden tut, dass sich nicht dennoch durch den ganzen Namen die Natur jenes Buchstaben kundgeben sollte, den der Gesetzgeber wollte. So gut verstand er den Buchstaben ihre Namen beizulegen.
HERMOGENES: Du scheinst mir Recht zu haben.
SOKRATES: Ist es nun nicht mit dem Könige ebenso? Denn von [394 St.1 A] einem Könige kommt doch ein König, von einem Guten ein Guter, von einem Schönen ein Schöner, und so in allem übrigen, aus jedem von einer Gattung ein eben solcher Abkömmling, wenn kein Wunder geschieht. Also ist dieser mit demselben Namen zu benennen, abwechseln aber kann man mit den Silben, so dass es dem Unkundigen scheint, als hätte jeder einen andern Namen, ungeachtet es dieselben sind, so wie uns die Mittel der Ärzte durch färbende und riechende Stoffe vermannigfaltigt andere zu sein scheinen, obgleich sie dieselben sind, der Arzt aber, welcher nur auf die Wirkung der Mittel seht, erkennt sie als dieselben und lässt sich nicht irre machen durch die [B] Beimischungen. Ebenso sieht auch wohl, wer sich auf die Namen versteht, nur auf die Bedeutung als ihre Wirkung, und wird nicht irre, wenn wo ein Buchstabe hinzugetan oder weggenommen oder versetzt ist, oder wenn auch in ganz andere Buchstaben die Bedeutung des Wortes gelegt ist. So haben in unserm jetzigen Beispiel Astyanax und Hektor gar keinen Buchstaben gemein als nur das t, und bedeuten doch einerlei. Auch Archepolis, der in der Stadt regiert, wieviel hat es wohl von den Buchstaben der vorigen, und bedeutet doch dasselbe? Und so gibt es noch viele andere Benennungen, die alle [C] einen König anzeigen, und wiederum andere einen Heerführer, wie Agis, Führer; Polemarchos, Kriegesherr; Eupolemos, Gutkampf. Andere beziehen sich auf die Heilkunst wie Iatrokles, Heilbekannt; und Akesimbrotos, Heilmann; und so könnten wir noch mehrere finden, die in Buchstaben und Silben ganz ungleich klingen, der Bedeutung nach aber dasselbe aussprechen. Scheint es dir so oder nicht?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Das naturgemäß entstandene also muss auch denselben Namen empfangen. HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Wie aber was widernatürlich nach Art eines Wunders entstanden ist? Wie wenn von einem guten und frommen Manne [D] ein Gottloser abstammt? Nicht auch, wie vorher, wenn ein Pferd geboren hätte was eigentlich von einem Stier abstammt, uns dies nicht nach dem Erzeugenden seine Benennung erhalten durfte, sondern nach der Gattung, der es angehört?
HERMOGENES: So war es.
SOKRATES: So auch der von dem Frommen abstammende Ruchlose muss seinen Namen erhalten von seiner Art?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Also nicht Theophilos, Gottlieb; wie es scheint, auch nicht Mnesitheos, Fürchtegott; [E] oder dergleichen etwas, sondern was das Gegenteil hiervon bedeutet, wenn anders Richtigkeit in der Benennung sein soll.
HERMOGENES: Auf alle Weise, Sokrates.
SOKRATES: So scheint auch Orestes, wenn du an Oreinon denkst, ganz richtig genannt zu sein, es sei nun, dass ihm ein Zufall den Namen beigelegt, oder auch ein Dichter um das wilde, raue, rastlose seiner Gemütsart, wie durch die Ähnlichkeit mit einem rauen Gebirge, in seinem Namen anzudeuten.
HERMOGENES: So scheint es [395 St.1 A] allerdings, Sokrates.
SOKRATES: Auch sein Vater scheint einen seiner Natur ganz angemessenen Namen gehabt zu
haben.
HERMOGENES: Das glaub ich wohl.
SOKRATES: Denn ein solcher scheint doch Agamemnon zu sein, dass, wenn er beschlossen hat etwas durchzuführen und darauf zu bestehen, er seine Beschlüsse auch durch Tapferkeit zum Ziele bringt. Beweis seiner Beharrlichkeit ist ja seine Ausdauer vor Troja mit einem solchen Heer. Dass also dieser Mann [B] bewundernswürdig ist im Ausharren, Agastos, in der Epimone, bedeutet sein Name Agamemnon. Vielleicht ist auch Atreus, von Atereus, ebenso richtig. Denn die Ermordung des Chrysippos, und was er Grausames gegen den Thyestes verübte, alles dies ist
doch ganz verderblich und unverträglich, atera, mit sittlicher Art. Ein wenig weicht freilich dieser Name ab und versteckt seine Bedeutung, dass er nicht jedem gleich die Natur des Mannes [C] kundgibt. Aber denen, die sich auf Namen verstehen offenbart er hinlänglich was Atreus sagen will. Denn man nehme nun das ateiros, unbeugsam, heraus, oder atreiston, furchtlos, oder das ateron, frevelhaft, von allen Seiten ist der Name richtig. Ebenso angemessen scheint auch dem Pelops der seinige beigelegt, denn er deutet darauf, dass einer der nur auf das Nahe sieht, von pelas und ops, solchen Namens würdig ist.
HERMOGENES: Wieso?
SOKRATES: Was ja über den Mann gesagt wird wegen Ermordung des Myrtilos, wie er gar nicht fähig war [D] vorauszusehen oder zu ahnen was in der Ferne lag für sein Geschlecht und wie er es mit Unheil überlud, sondern nur das Nahe und Augenblickliche sehend, und das heißt doch Pelas, als er so alles daran setzte, um nur auf alle Weise die Ehe mit der Hippodameia zu vollziehen. Wie richtig aber und natürlich dem Tantalos sein Namen gegeben ist, das kann Jeder sehen, wenn nämlich wahr ist, was man von ihm erzählt.
HERMOGENES: Was doch?
SOKRATES: Das vielfältige [E] und schwere Unglück was ihm bei seinem Leben widerfuhr, und sich mit der gänzlichen Zerstörung seines Vaterlandes endigte, und dann auch nach seinem Tode jenes Schweben, Talanteia, des Steines über seinem Haupte stimmt wunderbar gut zu seinem Namen, und es sieht offenbar aus, als ob ihn jemand hätte den allerelendesten, Talantatos, nennen gewollt, statt dessen aber, um es zu verbergen, Tantalos gesagt, so etwa scheint auch diesen Namen die Sage zufällig gebildet zu haben. Auch für seinen angeblichen Vater Zeus eignet sich offenbar dessen Namen gar herrlich, nur ist es nicht leicht zu merken. [396 St.1 A] Nämlich ordentlich wie eine Erklärung ist der Name des Zeus, nur haben wir ihn geteilt und Einige bedienen sich der einen, Andere der anderen Hälfte. Die Einen nämlich nennen ihn Zeus, die Anderen Dis, beide aber zusammengestellt offenbaren uns das Wesen des Gottes, welches ja eben, wie wir sagen, ein Name soll ausrichten können. Denn keiner ist [B] für uns und alles insgesamt so sehr die Ursache des Lebens, als der Herrscher und König über alles. Ganz richtig also wird dieser Gott benannt als der durch welchen zu leben alle Lebendigen sich rühmen. Nur wie gesagt, der Namen, der eigentlich einer ist, ist geteilt in Dis von durch und Zen oder Zeus von leben. Dass nun dieser der Sohn des Kronos ist, könnte anfänglich frevelhaft scheinen, wenn man es nur schnell und überhin hört. Natürlich ist aber doch, dass Zeus der Abkömmling einer großen Verstandeskraft ist, und so bedeutet das Koros in diesem Namen nicht Kind, sondern das reine und ungetrübte des Geistes, Nus. Dieser selbst ist wiederum ein Sohn des Uranos, und mit Recht wird die Hinaufsicht zur Höhe, mit diesem Namen die himmlische, urania, genannt, welche sieht was oben ist, horosa to ano, von wannen ja eben, wie die Himmelskundigen sagen, der reine Verstand herkommen soll, dass also Uranos seinen Namen mit Recht führt. [D] Hätte ich nun die Beschreibung der Geschlechter des Hesiod nur in Gedanken, was für Vorfahren er noch von diesen höher hinauf angibt, so würde ich kein Ende finden, zu zeigen, wie richtig ihre Namen ihnen beigelegt sind, bis ich diese Weisheit ganz durchgeprüft hätte, ob sie mir versagen würde oder nicht, die jetzt so plötzlich über mich gekommen ist, ich weiß nicht woher.
HERMOGENES: Allerdings, Sokrates, scheinst du ordentlich wie ein Begeisterter auf einmal Orakel von dir zu geben.
SOKRATES: Ich vermute wohl, Hermogenes, [E] dass sie vornehmlich durch Euthyphron aus Prospalte über mich gekommen ist. Denn ich war diesen Morgen viel mit ihm und hörte ihm zu. Und so scheint es, dass er in seiner Begeisterung mir nicht nur die Ohren angefüllt hat mit seiner herrlichen Weisheit, sondern auch die Seele muss sie mir ergriffen haben. Mich dünkt also, wir wollen es so halten, dass wir sie heute nun schon gewähren lassen, und auch das übrige noch durchnehmen von den Namen, morgen aber, wenn ihr auch der Meinung seid, wollen wir sie schließlich davon schicken und uns reinigen, wenn wir einen finden können, der es versteht uns hiervon zu reinigen, sei es nun ein Priester [397 St.1 A] oder ein Sophist.
HERMOGENES: Ich bin es sehr zufrieden, denn gar gern möchte ich auch noch das weitere über die Namen hören.
SOKRATES: Also wollen wir deinen Wunsch erfüllen. Wobei sollen wir nun unsere Untersuchung anfangen, da wir einmal auf eine gewisse Zuordnung geraten sind. Um nun zu erfahren, ob die Benennungen selbst uns Bestätigung dafür geben werden, dass sie keineswegs nur aufs Geratewohl jedem [B] beigelegt werden, sondern dass sie eine gewisse Richtigkeit haben? Die üblichen Namen von Menschen und Heroen könnten uns nun wohl leicht hintergehen. Viele nämlich werden beigelegt nach Benennungen der Vorfahren, und sind einigen gar nicht angemessen, wie wir auch anfangs sagten, viele wiederum teilt man aus als gute Wünsche, wie Eutychides gleichsam Glückskind, Sosias, wohlbehalten, Theophilos, Gottlieb, und viele andere. Dergleichen, denke ich, müssen wir beiseitelassen, und vermuten, [C] dass wir das richtige vornehmlich bei demjenigen finden werden, was immer da ist und in der Natur fortbesteht, denn hierauf muss sich doch wohl die Bildung der Namen am meisten befleißiget haben, und vielleicht sind auch einige von diesen durch eine göttlichere, als der Menschen Kraft festgesetzt worden.
HERMOGENES: Sehr richtig scheint mir was du sagst, Sokrates!
SOKRATES: Ist es nun nicht billig von den Göttern die Untersuchung anzufangen, [D] wie wohl eben diesen Namen die Götter mit Recht bekommen haben?
HERMOGENES: Ganz billig.
SOKRATES: Hierüber nun vermute ich dieses. Es scheint mir, dass die ältesten Bewohner von Hellas die allein für Götter, Deos, gehalten haben, welche auch jetzt noch vielen Barbaren dafür gelten, nämlich Sonne, Mond und Erde, die Gestirne und den Himmel, wie sie nun dies alles immer in seiner Bahn sich bewegen, und im Lauf, deionta, sahen, so haben sie sie von dieser Eigenschaft des Umlaufens Götter genannt. Hernach als ihnen auch die andern bekannt geworden, haben sie auch diese insgesamt mit demselben Namen angeredet. Sieht dir das aus wie etwas Wahres, was ich sage oder nicht?
HERMOGENES: Gar sehr sieht es so aus.
SOKRATES: Was sollen wir nun nächstdem vornehmen?
[E] HERMOGENES: Offenbar doch die Dämonen, Daimon; die Heroen, Heros; und die Menschen, Anthropos.
SOKRATES: Die Dämonen? Ja in der Tat, Hermogenes, was soll wohl dieser Name Daimon bedeuten? Sieh zu, ob dir das gefallen wird was ich sage.
HERMOGENES: Sage nur.
SOKRATES: Du weißt doch, was Hesiod sagt, was die Dämonen wären.
HERMOGENES: Ich entsinne mich nicht.
SOKRATES: Auch nicht, dass er sagt, das erste Geschlecht der Menschen wäre das goldene gewesen?
HERMOGENES: Ja, das weiß ich wohl. SOKRATES: Von diesem nun sagt er:
Aber nachdem nun jenes Geschlecht entrückte das Schicksal [398 St.1 A] Werden sie fromme Dämonen der oberen Erde genennet,
Gute, des Wehs Abwehrer, der sterblichen Menschen Behüter. HERMOGENES: Und wie weiter?
SOKRATES: Ich denke nämlich, er meint das goldene Geschlecht nicht so, als ob es von Gold gewesen wäre, sondern dass es gut war und edel. Schließen kann ich das daraus, dass er auch uns das eiserne Geschlecht nennt.
HERMOGENES: Richtig.
SOKRATES: Also glaubst du doch, er würde, wenn es auch unter den jetzt Lebenden Gute gibt, auch von diesen sagen, dass sie [B] zu dem goldenen Geschlecht gehören?
HERMOGENES: Gewiss.
SOKRATES: Und die Guten sind die nicht vernünftig? HERMOGENES: Vernünftig.
SOKRATES: Und dies, dünkt mich, will er eben vor allem sagen, sei den Daimonen begegnet, weil sie vernünftig waren. Daher sagt er ganz recht, wie auch viele andere Dichter tun, dass wenn ein Guter stirbt, er großer Ehre und Glückes teilhaftig und ein Daimon wird. Eben das nun nehme ich an, dass jeder der [C] tugendhaft ist, dämonisch, daimonios, ist im Leben und im Tode, und wird mit Recht ein Daimon genannt.
HERMOGENES: Darin, o Sokrates, werde auch ich, dünkt mich, dir ganz beistimmen. Aber ein Heros, was bedeutet das wohl?
SOKRATES: Das ist gar nicht schwer zu sehen. Denn nur ein klein wenig ist der Namen verändert, und deutet darauf, dass die Heroen ihre Entstehung dem Eros verdanken.
HERMOGENES: [D] Wie meinst du das?
SOKRATES: Weißt du nicht, dass die Heroen Halbgötter sind? HERMOGENES: Ja, und nun?
SOKRATES: Also sind sie alle entstanden dadurch, dass Eros entweder einen Gott einer Sterblichen, oder eine Göttin einem Sterblichen zuführte. Du musst nur auch dieses nach der alten attischen Mundart betrachten um es noch leichter zu finden, denn dann wirst du sehen, dass von dem Eros woher die Heroen entstehen, nur ein weniges abgewichen ist des Namens wegen. Also entweder will der Name dieses von den Heroen sagen, oder weil rufen und auch wohl reden ehedem haren hieß, sagt er dass sie weise waren, [E] gewaltige Redner und dialektische Männer, so dass die Heroen Redner bedeuten und Ausfrager, erotan, so dass dieser ganze heroische Stamm ein Geschlecht von Rednern und Sophisten wird. Dies war also nicht schwer einzusehen, weit mehr aber von wegen der Menschen, warum die doch Menschen heißen. Weißt du es zu sagen?
HERMOGENES: Woher doch, du Guter, sollte ich es wissen? Und wenn ich auch vielleicht im Stande wäre es zu finden, verzichte ich doch auf die Anstrengung, weil ich glaube, du wirst es weit besser finden als ich.
[399 St.1 A] SOKRATES: Also hältst du etwas auf die Eingebung des Euthyphron, wie es scheint? HERMOGENES: Ganz sicher.
SOKRATES: Du hast schon recht. Denn auch dies, glaube ich, habe ich gar sinnvoll gefasst, und werde am Ende, wenn ich mich nicht bescheide, heute noch weiser sein als ich sollte. Sieh nur zu, was ich meine. Zuerst aber musst du dir dies merken wegen der Namen, dass wir oft Buchstaben einsetzen, oft auch herauswerfen, wenn wir etwas wovon benennen wollen, und ebenso auch oft den [B] Ton versetzen. Wie zum Beispiel an Dii philos, gottgeliebt, damit uns hieraus ein Wort werde anstatt eines ganzen Satzes, werfen wir das Ende des einen Wortes heraus, und das andere stumpfen wir ab, dass es unbetont gesprochen wird, da es vorher betont war und sagen Diphilos. Bei andern Wörtern wiederum setzen wir Buchstaben dazwischen und schärfen das unbetonte.
HERMOGENES: Richtig.
SOKRATES: Dergleichen etwas ist nun auch bei der Benennung Anthropos, Mensch, begegnet, wie mich dünkt. Denn es ist ein ganzer Satz zu einem Worte geworden, dadurch, dass man Anfang und Ende herausgeworfen, und [C] dafür einer stumpfen Silbe den Ton gegeben und sie geschärft hat.
HERMOGENES: Wie meinst du das?
SOKRATES: So. Dieser Name Anthropos, Mensch, bedeutet, dass die andern Tiere von dem was sie sehen nichts betrachten noch vergleichen oder forschend erwägen, der Mensch aber sobald er gesehen hat auch forschend betrachtet, anathrei, und erwägt. Daher wird unter allen Tieren der Mensch allein Anthropos, Mensch, genannt, weil er betrachtet was er gesehen hat, anathron ha opopein.
[D] HERMOGENES: Wie nun? Soll ich dir sagen, was ich nächst dem gern wüsste? SOKRATES: Allerdings.
HERMOGENES: Mich wenigstens dünkt unmittelbar an diesem hier etwas zu hängen. Denn dem Menschen schreiben wir doch zu Leib, Soma, und Seele, Psyche?
SOKRATES: Wie sollten wir nicht?
HERMOGENES: Versuchen wir also auch diese abzuleiten wie das vorige?
SOKRATES: Du meinst, wir sollen untersuchen, woher doch wohl die Seele verständigerweise diesen Namen trägt, und dann auch der Körper.
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Wenn ich nun jetzt im Augenblick [E] etwas hierüber sagen soll, so meine ich, diejenigen, welche die Psyche, Seele, so benannten, haben sich dieses dabei gedacht, dass sie, wenn sie sich bei, oder wie man sonst sagte, im Leib verharrend, die Ursache ist, dass er lebt, weil sie ihm das Vermögen des Atmens mitteilt, und ihn dadurch als ein Selbst hält und erfrischt, anapsychon, sobald aber dieses selbige fehlt, kommt der Leib um und stirbt, deshalb, glaube ich, haben sie sie Seele genannt. Aber noch besser, warte nur, denn ich glaube etwas zu sehen, was Leuten wie Euthyphron viel wahrscheinlicher vorkommen wird als das vorige. [400 St.1 A] Denn jenes fürchte ich werden sie uns verachten, und für plump und ungeschickt halten. Aber dieses erwäge nun, ob es auch dir gefällt.
HERMOGENES: Sage es nur.
SOKRATES: Die Natur, Physis, des ganzen Leibes, so dass er lebt und umhergeht, wodurch glaubst du wird wohl diese gehalten und geleitet, eichein tei kai ochein, als durch die Seele?
HERMOGENES: Durch nichts anders.
SOKRATES: Und wie? Glaubst du nicht dem Anaxagoras, dass auch was aller andern Dinge Sein ordnet und leitet, Geist und Seele ist?
HERMOGENES: Das glaube ich.
SOKRATES: Sehr gut also [B] schickte sich dieser Name Physeiche, naturerhaltend, für dasjenige, welches das Sein leitet und ist demnach so zu nennen. Und dann kann man es noch schön machen und Psyche, Seele, sagen.
HERMOGENES: Sehr schön, und dies dünkt mich allerdings sachgerechter zu sein als jenes.
SOKRATES: Das ist es auch, aber ganz lächerlich kommt offenbar das Wort heraus, wenn man es genau so nimmt wie es heißt.
HERMOGENES: Aber was sollen wir nun von dem andern sagen? SOKRATES: [C] Dem Soma, Körper, meinst du?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Auf vielerlei Weise dünkt mich dies möglich zu sein, wenn man auch nur gar wenig ändert. Denn Einige sagen, die Körper wären das Grabmal, Sema, der Seele, als sei sie darin begraben liegend für die gegenwärtige Zeit. Und wiederum weil durch ihn die Seele alles begreiflich macht, was sie andeuten will, auch deshalb heißt er mit Recht so gleichsam Kennzeichen, Sema. [D] Am richtigsten jedoch scheinen mir die Orphiker diesen Namen eingeführt zu haben, weil nämlich die Seele, weswegen es nun auch sei, Strafe leide, und deswegen nun diese Verwahrung, sozetai, habe, damit sie doch wenigstens erhalten werde wie in einem Gefängnis. Dieses also sei nun für die Seele, bis sie ihre Schuld abgebüßt hat, genau was er heißt, so dass man kaum einen Buchstaben zu ändern brauche, der Körper, Soma, ihr Kerker.
HERMOGENES: Das scheint mir gut genug gesagt zu sein, Sokrates. [E] Aber könnten wir auch von andern Göttern, wie du es vorher vom Zeus erklärt hast, auf dieselbe Weise untersuchen, in welcher Beziehung wohl ihre Namen ihnen mit Recht beigelegt sind?
SOKRATES: Ja beim Zeus, Hermogenes, können wir es, wenn wir doch Vernunft haben, auf eine und zwar die schönste Weise, dass wir nämlich von den Göttern nichts wissen, weder von ihnen
selbst noch von ihren Namen, wie sie sich unter einander nennen. Denn offenbar werden sie selbst sich richtig benennen. Die nächst dieser am meisten richtige Art aber wäre, wie es bei den Gebeten Gebrauch ist, dass, wie und woher sie selbst begehren genannt zu werden, so auch wir sie nennen, weil wir nämlich weiter von nichts wissen. [401 St.1 A] Denn das scheint mir ein sehr guter Gebrauch. Willst du also, so wollen wir den Göttern dies gleichsam vorher bedeuten, dass wir über sie gar keine solche Untersuchung anstellen wollen, denn wir bilden uns gar nicht ein, dies zu können, sondern nur über die Menschen, von was für Gedanken sie wohl ausgegangen sind [B] bei Bestimmung ihrer Namen. Denn dies ist wohl ohne Frevel?
HERMOGENES: Das ist ja gar bescheiden gesprochen, Sokrates, und so wollen wir es demnach machen.
SOKRATES: So lasse uns denn, wie es Sitte ist, von der Hestia anfangen. HERMOGENES: Ganz recht.
SOKRATES: Was soll man also sagen, dass sich der mag gedacht haben, der die Hestia so genannt hat?
HERMOGENES: Beim Zeus, auch das scheint mir gar nicht leicht.
[C] SOKRATES: Es mögen wohl, mein guter Hermogenes, die ersten, welche Namen festgesetzt haben, keine einfältigen Leute gewesen sein, sondern von den Naturkundigen und Dialektikern welche.
HERMOGENES: Wie so?
SOKRATES: Mir wird es ganz klar, dass die Bestimmung der Namen von solchen Leuten herrührt, und wenn man die fremden Wortformen mit in Betrachtung zieht, findet man erst recht was Jeder sagen will. [D] So auch hierbei, das Sein, welches wir Usia nennen, nennen Einige Esia und Andere wieder Osia. Zuerst nun nach der einen von diesen Spracharten hat es ja ganz guten Grund, dass das wahre Sein und Wesen der Dinge Hestia genannt wird, so auch wenn wir wiederum das was an diesem Sein Anteil hat Hestia nennen, so wäre auch das in dieser Beziehung richtig, denn auch wir mögen statt Usia ehedem Esia gesagt haben. Ja auch wenn man bedenkt, wie es bei den Opfern gehalten wird, muss man glauben, bei Festsetzung dieses Namens sei hieran gedacht worden. Denn ganz angemessen opfern wohl diejenigen vor allen andern Göttern [E] zuerst der Hestia, welche das Wesen aller Dinge Hestia nannten. Die aber Osia gesagt haben, mögen wohl, sollte man denken, mit dem Herakleitos geglaubt haben, alles Seiende gehe, und es bleibe nichts fest, die Ursache also und das Regierende für Alles sei das stoßende, othun, woher es denn mit Recht Osia genannt wurde. Auch das aber wollen wir nur als Nichtwissende gesagt haben. Nach der Hestia nun wenden wir uns billig zur Rhea und dem Kronos. Doch des Kronos Namen haben wir ja schon durchgenommen. Aber vielleicht ist es Nichts, was ich sagen will.
HERMOGENES: Was doch, Sokrates?
SOKRATES: O Guter, ich erblicke einen ganzen Schwarm von Erkenntnissen.
HERMOGENES: Was doch für einen?
SOKRATES: Lächerlich ist es freilich zu sagen, aber ich glaube doch, [402 St.1 A] es hat seine Wahrscheinlichkeit.
HERMOGENES: In welcher Art denn?
SOKRATES: Ich glaube zu sehen, dass Herakleitos gar alte Weisheit vorbringt, offenbar dasselbe von Kronos und Rhea was auch Homer schon gesagt hat.
HERMOGENES: Wie meinst du das?
SOKRATES: Herakleitos sagt doch, dass alles, Chorein, davon geht und nichts bleibt, und indem er alles Seiende einem strömenden Fluss vergleicht, [B] sagt er, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
HERMOGENES: Ganz richtig.
SOKRATES: Wie nun? Dünkt dich der viel anders gedacht zu haben als Herakleitos, der aller andern Götter Urahnen Kronos und Rhea genannt hat? Oder meinst du, es sei ohne Absicht, dass er beiden ihre Namen von Flüssen gegeben hat? Wie auch Homer den Okeanos den Vater der Götter nennt, und Tethys die Mutter, und ich glaube auch Hesiod. Ja auch Orpheus sagt
[C] wo erst Okeanos selbst der geräuschige schreitet zur Ehe, Der sich mit Tethvs von Mutterseit' ihm Schwester begattet.
Betrachte nur, wie dies Alles unter sich zusammenstimmt, und wie es auch alles auf des Herakleitos Lehre sich bezieht.
HERMOGENES: Daran scheint wohl etwas zu sein, Sokrates, nur sehe ich noch nicht, was der Namen der Tethys will.
SOKRATES: Das erklärt sich ja von selbst, dass es nur etwas versteckt der Namen einer Quelle ist. Denn das sickernde und tanzende [D], diattomenon und athumenon, ist das Bild einer Quelle, und aus diesen beiden Worten ist der Namen Tethys zusammengesetzt.
HERMOGENES: Das war gar herrlich, Sokrates.
SOKRATES: Was wollte es nicht! Aber wie weiter? Den Zeus haben wir schon gehabt?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Wollen wir also seine Brüder erklären, den Poseidon, und Pluton, nebst dem andern Namen, den man diesem beilegt?
HERMOGENES: Das wollen wir.
[E] SOKRATES: Poseidon nun mag wohl deswegen so benannt worden sein von dem, der ihn zuerst so nannte, weil ihn im Gehen die Gewalt des Meeres aufhielt und ihn nicht weiter schreiten ließ, sondern ihm gleichsam eine Fessel wurde für seine Füße. Daher nannte er den diese Gewalt beherrschenden Gott Poseidon, weil er ein Posidesmos war, und das ist vielleicht nur der Schicklichkeit wegen zum ei verlängert. Vielleicht aber wollte er auch das nicht sagen, sondern es waren anstatt des s zwei l, [403 St.1 A] weil nämlich der Gott ein Polla eidos ist, vieles weiß. Vielleicht heißt er aber auch der Erschütternde, ho seion, und das p und d sind nur hineingesetzt.
Pluton aber ist offenbar in Beziehung auf die Gabe des Reichtums, Plutos, so genannt worden, weil nämlich der Reichtum von unten aus der Erde kommt. Über den Namen Hades aber dünkt mich, die meisten Menschen meinen, dass er eigentlich ein Unsichtbares und ein Dunkel, Aeides, bezeichnet, darum scheuen sie auch diesen Namen und nennen ihn [B] lieber Pluton.
HERMOGENES: Was meinst aber du davon, Sokrates?
SOKRATES: Mir scheinen auf gar vielerlei Art die Menschen das eigentliche Wesen dieses Gottes zu verkennen, und ihn zu fürchten ohne seine Schuld. Denn dass, wer von uns einmal gestorben ist, immer dort bleibt, davor fürchten sie sich, und auch dass die Seele vom Leibe entblößt dorthin zu ihm geht, auch das schreckt sie, mir aber scheint, dies Alles auf eins und dasselbe hinzuzielen, sowohl die Macht des Gottes als sein Namen.
HERMOGENES: Wie doch?
SOKRATES: Ich will dir sagen wie ich es mir denke. [C] Sage mir nur, welches von beiden ist wohl für jedes Lebende, wenn es irgendwo bleiben soll, das stärkere Band, der Zwang oder das Verlangen.
HERMOGENES: Bei weitem stärker, Sokrates, ist das Verlangen.
SOKRATES: Meinst du nun nicht, dass dem Hades Viele entfliehen würden, wenn er nicht die dort hingegangenen mit den stärksten Banden bände?
HERMOGENES: Offenbar.
SOKRATES: Also wie es scheint, bindet er sie mit irgendeinem Verlangen, wenn er sie mit dem stärksten Bande bindet, nicht durch Zwang.
HERMOGENES: Das leuchtet ein.
SOKRATES: [D] Gibt es aber nicht auch vielerlei Verlangen? HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Mit dem mächtigsten Verlangen also unter allen bindet er sie, wenn er sie durch das stärkste Band festhalten soll?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Gibt es nun wohl ein stärkeres Verlangen, als wenn Jemand glaubt, durch den Umgang mit einem ein besserer Mann zu werden.
HERMOGENES: Ein stärkeres auf keine Weise, Sokrates.
SOKRATES: Deshalb also, das wollen wir sagen, hat keiner Lust von dort hierher zurückzukehren, selbst die Sirenen nicht, sondern diese sind ebenso gut bezaubert wie alle anderen, so vortreffliche Reden, scheint es, [E] weiß Hades ihnen zu halten, und so wäre, wenigstens wie hieraus folgen würde, dieser Gott ein vollendeter Lehrer und ein großer Wohltäter derer die bei ihm sind, wie er denn auch denen die noch hier leben so großes Gut herauf schickt, so viel Überfluss hat er dort und eben davon führt er auch den Namen Pluton. Ferner dass er nicht mit Menschen verkehren will, die noch ihre Leiber haben, sondern erst dann mit ihnen umgeht, wenn die Seele rein ist von allen dem Leibe anhängenden [404 St.1 A] Übeln und Begierden, dünkt dich das nicht recht eines Weisen würdig, der sich wohl überlegt, dass er sie in diesem Zustande wohl, gebunden mit dem Verlangen nach der Tugend, festhalten könnte, so lange sie aber mit den Trieben und der Wut des Leibes behaftet sind, nicht einmal sein Vater Kronos sie bei sich festhalten könnte, wenn er sie auf die Art bände die wir seine Bande nennen?
HERMOGENES: Darin magst du wohl Recht haben, Sokrates.
SOKRATES: [B] Und weit gefehlt, dass der Namen Hades von dem Dunkel, Aeides, sollte hergenommen sein, ist der Gott vielmehr deshalb, weil er alles Schöne, aei eidenai, weiß, von dem Namengeber Hades genannt worden.
HERMOGENES: Gut. Aber die Demeter und Hera, den Apollon und die Athene, den Hephaistos und Ares und die übrigen Götter, wie erklären wir die?
SOKRATES: Die Demeter scheint mir von dem Verleihen der Nahrung, weil sie diese als Mutter gibt, didusa meter, Demeter genannt zu sein.
[C] Die Hera aber als eine liebenswürdige, Erate, wie auch vom Zeus gesagt wird, dass er immer verliebt in sie bleibe. Vielleicht aber hat auch als ein naturkundiger Namengeber die Luft, Aer, Hera genannt, halb versteckt, indem er den Anfang als Ende setzte, und wenn du den Namen Hera oft hinter einander aussprichst, musst du merken, dass er so herauskommt.
Den Namen der Pherrhephatta, den fürchten ebenfalls Viele, auch den Apollon, offenbar aus Unkenntnis der richtigen Beziehung der Namen. [D] Denn weil sie ihn verändern und so die Phersephone betrachten, kommt er ihnen schrecklich vor. Er bedeutet aber nichts, als dass die Göttin weise ist. Denn wenn alle Dinge sich bewegen, so ist doch, was sie berührt und betastet und ihnen zu folgen vermag, Weisheit. Wegen ihrer Weisheit also, mit der sie das bewegliche ergreift, wegen der Epaphe des Pheromenon, hieße die Göttin mit Recht Pherepapha oder so ungefähr, [E] und darum lebt auch der weise Hades mit ihr, weil sie eine solche ist. Nun aber verdrehen sie ihren Namen, weil sie den Wohlklang höher achten als die Wahrheit, so dass sie sie Pherrhephatta nennen. Ebenso ist es mit dem Apollon wie ich sage. Viele sind bange vor dem Namen des Gottes, als deute er auf etwas furchtbares. Oder hast du das nie bemerkt?
HERMOGENES: Allerdings, und du hast sehr recht.
SOKRATES: Mir aber scheint er ganz herrlich sich zu schicken für die Eigenschaft des Gottes. HERMOGENES: Wie so?
SOKRATES: Ich will versuchen dir zu erklären was ich meine. Unmöglich nämlich könnte sich [405 St.1 A] ein einziger Namen besser schicken zu den vier Eigenschaften des Gottes, so dass er auf alle anspielte, und gewissermaßen die Tonkunst und das Weissagen und die Heilkunst und die Kunst des Schützen bezeichnete.
HERMOGENES: Sprich nur, denn gar wunderbar kündigest du den Namen an.
SOKRATES: Sehr wohl gesetzt ist er, wie es dem Gotte der Tonkunst geziemt. Zuerst nämlich das Waschen und die Reinigungen in der Heilkunst sowohl als beim Wahrsagen und, [B] es sei nun mit Arzneien oder Reinigungsmitteln, alle Räucherungen und Bäder und Besprengungen, welche dabei vorgehen, diese haben alle einen und denselben Zweck, nämlich den Menschen rein darzustellen an Leib und Seele. Oder nicht?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Der reinigende und abwaschende Gott und der erlösende von solchen Übeln also wäre dieser?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Also in Beziehung auf die Abwaschungen und Erlösungen von solchen Übeln [C] könnte er als Arzt mit Recht Apolyon heißen. Aber wegen des Weissagens und des wahren und einfältigen, haplun, darin, denn das ist einerlei, würde er mit Recht so heißen wie ihn die Thessalier nennen, in ganz Thessalien nämlich nennt man diesen Gott Aplon. Weil er ferner als Schütze immer seines Zieles gewiss ist, deswegen heißt er der stets treffende, Aei Ballon. [D] Der Tonkunst wegen endlich muss man annehmen, dass, wie in Akoluthos, Begleiter, und Akoitis, Lagergenossin, auch sonst oftmals das A soviel bedeutet als zugleich, und dadurch sein Mitgehen, homa Polesis, angedeutet worden, teils das um den Himmel, die Pole, teils auch in jener Zusammenstimmung beim Gesange welche man Harmonie nennt, wie denn auch die, welche sich auf Tonkunst und Astronomie verstehen wollen, [E] behaupten, dass auch jenes alles zusammen in einer gewissen Harmonie gehe. Der Harmonie nun steht dieser Gott vor, und führet so dies alles mit einander bei Göttern und Menschen. Wie wir nun einen Beigänger, homokeleuthos, und eine Beischläferin, homokoitis, durch Zusammenziehung des 'homo in a Akoluthos' nennen und Akoitis, so nennen wir auch jetzt den Gott, der ein Begleiter, Homopolon, ist, Apollon, indem wir noch ein l hineinsetzen, weil er sonst gleichnamig würde mit dem harten Worte, welches auch jetzt noch Einige darin zu sehen glauben, und darüber die eigentliche Bedeutung des Namens unrichtig auffassen, so dass sie ihn fürchten, als bedeute er irgend ein Verderben, da er vielmehr, wie eben gezeigt ist, [406 St.1 A] auf alle Eigenschaften des Gottes zugleich anspielt, auf seine Wahrhaftigkeit, seine Sicherheit im Treffen, sein erlösendes Abwaschen und seine ordnende Umherführung, und also in sich enthält den haplos, aei ballon, apoluon und homopolon. Die Musen aber und überhaupt die Musik hat er wohl offenbar vom Nachsinnen (Mosthai) also von der Liebe zum Nachforschen und zur Weisheit so genannt.
Die Leto ferner von der Gutmütigkeit der Göttin, und weil sie sich willig beweiset, wenn einer etwas bedarf. Vielleicht ist es auch wie die Ausländer sprechen, [B] deren viele Letho sagen, und dann schiene sie von denen die sie so nennen, weil sie keine raue Gemütsart hat, sondern eine sanfte und zarte, leion ethos, deshalb Letho genannt zu sein.
Artemis aber bedeutet das unverletzte und züchtige, artemes, wegen ihrer Liebe zur Jungfräulichkeit, Artemes. Vielleicht wollte auch der Benennende sie eine Kennerin der Tugend (Aretes histora) nennen. Vielleicht auch weil sie die Beiwohnung des Mannes hasst (ton aroton miseusa), [C] aus einer von diesen oder aus allen diesen Ursachen hat die Göttin ihren Namen bekommen.
HERMOGENES: Wie aber Dionysos und Aphrodite?
SOKRATES: Da fragst du schwere Dinge, Sohn des Hipponikos! Doch es gibt ja sowohl eine ernsthafte als eine scherzhafte Art, die Namen dieser Götter auszulegen. Nach der ernsthaften Frage bei gewissen anderen, die scherzhafte aber hindert uns nichts durchzugehen, denn diese Götter selbst [D] lieben den Scherz. Dionysos nun könnte als der Geber des Weines, didus oinon, Didoinysos im Scherze genannt worden sein, und der Wein selbst, weil er vielen Trinkenden die Meinung erregt Verstand zu haben, obschon sie ihn nicht haben, wird gewiss mit vollem Recht Oionus genannt.
Wegen der Aphrodite ist nicht Not dem Hesiod zu widersprechen, [E] sondern man kann ihm zugeben, sie sei wegen ihrer Entstehung aus dem Schaume des Meeres, aphros, so genannt worden.
HERMOGENES: Aber Sokrates, du wirst doch nicht als Athener die Athene vergessen, oder den Hephästos und Ares?
SOKRATES: Das wäre wohl auch nicht recht.
HERMOGENES: Freilich nicht.
SOKRATES: Der eine von ihren Namen ist wohl gar nicht schwer zu erklären, woher er rührt. HERMOGENES: Was für einer?
SOKRATES: Wir nennen sie doch Pallas?
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Wenn wir nun glaubten, dieser sei ihr beigelegt wegen des Waffentanzes, so würden wir, denke ich, ganz recht glauben. Denn sich selbst oder etwas anderes von der Erde in die Höhe heben, oder in den Händen so halten, [407 St.1 A] das nennen wir doch schweben und schwingen, pallein?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Also Pallas insofern.
HERMOGENES: Und ganz richtig. Aber den andern Namen, wie erklärst du den? SOKRATES: Athene meinst du?
HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Das ist schon schwieriger, Freund. Es scheinen aber die Alten von der Athene eben das gehalten zu haben, was noch jetzt die, welche sich auf den Homer verstehen. Denn die meisten von diesen sagen auch bei ihren Auslegungen des Dichters, [B] er habe durch die Athene Verstand und Einsicht vorgestellt, und eben dergleichen etwas scheint auch, wer die Namen bestimmt, von ihr gedacht zu haben, nur drückte er es noch stärker aus, indem er sie gleichsam Gottes Vernunft, 'Theu noesin' nennt, so dass sie 'ha Theonoa' ist, indem er sich nur auf ausländische Art des a statt e bedient. [C] Doch vielleicht auch nicht einmal so, sondern weil sie das göttliche bedenkt, 'theia noei', hat er sie vorzüglich vor allen Theonoe genannt. Auch steht nichts im Wege, dass er das Vernünftige in der Gesinnung, was eben diese Göttin sein soll, habe Ethonoe nennen gewollt, und nur er selbst oder Andere nach ihm es verschönern wollten, wie sie meinten, und sie dann Athenai nannten.
HERMOGENES: Wie aber mit dem Hephaistos, wie erklärst du den?
SOKRATES: Meinst du den rechten, der sich auf das Licht versteht, 'Phaeos histora'?
HERMOGENES: Ja wohl.
SOKRATES: Ist das nicht [D] Jedem einleuchtend, dass dieser eigentlich Phaistos heißt, und das E nur vorgesetzt ist?
HERMOGENES: Das mag wohl sein, wenn dir nicht etwa, wie ich fast glaube, noch etwas anderes einfällt.
SOKRATES: Damit das nicht geschehe, so frage lieber gleich nach dem Ares. HERMOGENES: Ich frage also.
SOKRATES: Also wenn du willst kann dieser von dem mannhaften und tapfern, arrhen und andreion, Ares heißen. Oder auch von seinem harten unbiegsamen Wesen, was ja arrhaton heißt, auch hiervon dürfte ein ganz [E] kriegerischer Gott Ares genannt werden.
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Aber nun lass uns, bei den Göttern, von den Göttern aufhören, denn es ängstigt mich von ihnen zu reden. Willst du aber irgend andere, die lege mir nur vor, dass du erkennest, wie doch Euthyphrons Rosse geübt sind.
HERMOGENES: Das will ich tun. Nur um einen frage ich dich noch vorher, nämlich den Hermes, weil doch Kratylos leugnet, dass ich ein Hermogenes sei. Versuchen wir also von dem Hermes auch auszufinden, was sein Namen bedeutet, damit wir auch sehen, ob wohl dieser irgend Recht hat.
SOKRATES: Auf alle Weise muss doch Hermes etwas auf die Rede bezügliches bedeuten, denn dass er Dolmetscher ist und Bote, auch hinterlistig und betrügerisch in Reden, [408 St.1 A] und auf dem Markte Verkehr treibt, dieses ganze Geschäft beruht doch auf der Kraft der Rede. Wie wir nun auch schon vorher sagten, 'to eirein' ist der Gebrauch der Rede, und was beim Homer so oft vorkommt, 'emesato' bedeutet erfinden. Aus diesen beiden zusammen befiehlt uns also der Namengeber gleichsam, [B] den welcher das Reden und die Rede erfunden hat, diesen Gott, ihr Leute, müsstet ihr doch billig Eiremes nennen. Nun aber, wie mir scheint, putzen wir den Namen aus, und nennen ihn Hermes. Auch die Iris ist offenbar von 'eirein' benannt, weil sie Botin war.
HERMOGENES: So mag, beim Zeus, Kratylos wohl ganz Recht gehabt haben, dass ich kein Hermogenes bin, denn keineswegs [C] bin ich erfinderisch im Reden.
SOKRATES: Und dass Pan, der Sohn des Hermes, so zwitterhaft ist, das lässt sich auch sehr gut begreifen, Freund.
HERMOGENES: Wie so?
SOKRATES: Du weißt doch, dass die Rede Alles, 'to pan', andeutet, und immer umher sich wälzt und geht, und dass sie zwiefach ist, wahr und falsch?
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Also das wahre an ihr ist glatt und göttlich, und wohnt oben unter den Göttern, [D] das falsche aber unten unter dem großen Haufen der Menschen, und ist rau und böckisch, was tragisch auch bedeutet, wie denn auch die meisten Fabeln und Unwahrheiten sich finden auf dem Gebiete des tragischen.
HERMOGENES: Freilich.
SOKRATES: Mit recht also ist der alles andeutende und immer wandelnde, 'Aei polon', Pan 'Aipolos' genannt worden, der zwitterhafte Sohn des Hermes, oben glatt, unten aber rau und bocksähnlich. Und offenbar ist doch Pan die Rede [E] oder der Bruder der Rede, wenn er ein Sohn des Hermes ist, und dass Geschwister einander ähnlich sehen, ist ganz natürlich. Aber wie ich sagte, lass uns nun machen, Bester, dass wir von den Göttern fortkommen.
HERMOGENES: Von diesen wohl, Sokrates, wenn du willst. Aber was hindert dich jene andern durchzugehen, wie Sonne, Mond und Sterne, Erde und Äther, Luft, Feuer, Wasser, Jahr und Jahreszeiten.
SOKRATES: Gar vielerlei legst du mir da auf. Indes, wenn es dir nur recht sein wird, so will ich wohl.
HERMOGENES: Sehr recht gewiss.
SOKRATES: Was willst du also zuerst? Oder sollen wir, wie auch du eben, mit der Helios, Sonne, anfangen.
HERMOGENES: Ganz recht.
SOKRATES: Diese nun könnte so heißen, weil sie, wenn sie aufgegangen ist, die Gegenstände voneinander sondert, denn die Dorier nennen sie Halios, [409 St.1 A] auch deshalb weil sie sich in ihrem Laufe um die Erde immer so wendet, auch weil sie was aus der Erde hervorwächst während ihres Umlaufes mit Farben schmückt, aiolein, so dass das Sehen eine Wonne wird.
HERMOGENES: Wie aber der Selene, Mond?
SOKRATES: Dieser Namen scheint den Anaxagoras in Bedrängnis zu bringen. HERMOGENES: Wie so?
SOKRATES: Er scheint kund zu machen, dass das schon etwas älteres ist was [B] dieser erst neuerlich gesagt hat, dass nämlich der Mond sein Licht von der Sonne hat.
HERMOGENES: Wie das?
SOKRATES: Glanz, Selas, und Licht sind doch dasselbe? HERMOGENES: Ja.
SOKRATES: Und neu, neon, und alt, enon, ist dieser Schein immer am Monde, wenn anders die Anaxagoreer Recht haben. Denn so oft die Sonne im Kreise um ihn herumgeht, wirft sie immer neuen Schein auf ihn, der alte aber ist der vom vorigen Monat.
HERMOGENES: So ist es.
SOKRATES: Es nennen ihn aber viele Selanaia.
HERMOGENES: Allerdings.
SOKRATES: Weil nun der Mond immer neuen und alten Schein hat, kann er mit Recht eigentlich [C] Selaënneoaeia heißen, und zusammengezogen heißt das Selanaia.
HERMOGENES: Das ist ja gar ein dithyrambischer Namen, Sokrates. Aber was machst du aus dem Monat und den Sternen?