Werk:Kriton (Platon)
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Gründet auf dem Werk „Kriton“ Platon
399 n. Chr. hrsg.
Abschrift
unüberarbeitet
ungeprüft
KRITON. (De eo quod agendum est)
Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher
in: Platons Werke. Ersten Teiles zweiter Band, Dritte Auflage, Berlin 1855, bearbeitet.
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[43 St.] SOKRATES: Wie, du kommst schon um diese Zeit, Kriton? Oder ist es nicht noch früh? KRITON: Noch gar sehr.
SOKRATES: Welche Zeit wohl?
KRITON: Die erste Morgendämmerung.
SOKRATES: Da wundere ich mich, dass der Schließer des Gefängnisses dir aufmachen gewollt hat.
KRITON: Er ist schon gut bekannt mit mir, Sokrates, weil ich oft hierher komme. Auch hat es an Erkenntlichkeit meinerseits ihm gegenüber nicht gefehlt.
SOKRATES: Bist du eben erst gekommen oder schon lange?
KRITON: Schon ziemlich lange.
SOKRATES: Warum also hast du mich nicht gleich geweckt, sondern dich so still hingesetzt?
[B] KRITON: Nein, beim Zeus, Sokrates, wollte ich doch selbst lieber nicht so lange gewacht haben in solcher Betrübnis. Aber sogar dir habe ich schon lange verwundert zugesehen, wie sanft du schliefst und recht wohlbedächtig habe ich dich nicht geweckt, damit dir die Zeit noch recht sanft hingehe. Denn oft schon freilich auch sonst im ganzen Leben habe ich dich glücklich gepriesen deiner Gemütsart wegen, bei weitem aber am meisten bei dem jetzigen Unglück wie leicht und gelassen du es erträgst.
SOKRATES: Es wäre ja auch frevelhaft, o Kriton, mich in solchem Alter unwillig darüber zu gebärden, wenn ich endlich sterben muss.
KRITON: Werden [C] doch auch Andere, Sokrates, ebenso bejahrte von solchem Unglück betroffen, aber ihr Alter schützt sie nicht davor, sich nicht unwillig zu gebärden gegen das eintretende Geschick.
SOKRATES: Wohl wahr! Aber warum doch bist du so früh gekommen?
KRITON: Um dir eine traurige Botschaft zu bringen, Sokrates. Nicht dir, wie ich wohl sehe, aber mir und allen deinen Freunden traurig und schwer, und die ich, wie mich dünkt, ganz besonders am schwersten ertragen werde.
SOKRATES: Was doch für eine? Ist etwa das Schiff aus Delos zurückgekommen, nach dessen Ankunft ich sterben soll?
KRITON: Noch ist es zwar nicht hier, aber ich glaube doch, [D] es wird heute kommen, nach dem was Einige von Sunion gekommene berichten, die es dort verlassen haben. Aus dieser Nachricht nun ergibt sich, dass es heute kommt, und dass du also Morgen dein Leben wirst beschließen müssen.
SOKRATES: Also, o Kriton, Glück auf! Wenn es den Göttern so genehm ist, sei es so. Jedoch glaube ich nicht, [44 St.1 A] dass es heute kommt.
KRITON: Woher vermutest du das?
SOKRATES: Das will ich dir sagen. Ich soll doch an dem folgenden Tage sterben, nachdem das Schiff gekommen ist.
KRITION: So sagen wenigsten die darüber zu gebieten haben.
SOKRATES: Daher glaube ich nun nicht, dass es an dem jetzt anbrechenden Tage kommen wird, sondern erst an dem nächsten. Ich schließe das aber aus einem Traume, den ich vor einer kleinen Weile in dieser Nacht gesehen habe, und beinahe mag es sich recht gelegen gefügt haben, dass du mich nicht aufgeweckt hast.
KRITON: Und was träumte dir?
SOKRATES: Es kam mir vor, als ob eine schöne wohlgestaltete Frau mit weißen Kleidern angetan auf mich zukam, mich anrief [B] und mir sagte: O Sokrates,
möchtest du am dritten Tag in die heimatliche Phthia gelangen?
KRITON: Welch ein sonderbarer Traum, o Sokrates!
SOKRATES: Deutlich gewiss, wie mich dünkt, o Kriton!
KRITON: Gar sehr, wie es scheint. Aber du wunderlicher Sokrates, auch jetzt noch folge mir und rette dich. Denn für mich ist es nicht nur ein Unglück wenn du stirbst, sondern außerdem, dass ich eines solchen Freundes beraubt werde, wie ich nie wieder einen finden kann. Es werden auch Viele glauben, die mich und dich nicht genau kennen, dass, ob ich schon im Stande gewesen wäre dich zu retten, [C] wenn ich einiges Geld aufwenden gewollt, ich es doch verabsäumt hätte. Und was für einen schlechteren Ruf könnte es wohl geben, als dafür angesehen sein, dass man das Geld höher achte als die Freunde. Denn das werden die Leute nicht glauben, dass du selbst nicht weggehen gewollt habest, wenn wir alles dazu getan.
SOKRATES: Aber du guter Kriton, was soll uns doch die Meinung der Leute so sehr kümmern? Denn die Besseren, auf welche es eher lohnt Bedacht zu nehmen, werden schon glauben, es sei so gegangen wie es gegangen ist.
KRITON: Aber [D] du siehst doch nun, Sokrates, dass es nötig ist auch um der Leute Meinung sich zu kümmern. Eben das gegenwärtige zeigt ja genug, dass die Leute wohl vermögen nicht ein kleines Übel nur zuzufügen, sondern wohl das größte, wenn Jemand bei ihnen verleumdet ist.
SOKRATES: Möchten sie nur, o Kriton, das größte Übel zuzufügen vermögen, damit sie auch das größte Gut vermöchten. Das wäre ja vortrefflich! Nun aber vermögen sie keines von beiden. Denn weder vernünftig noch unvernünftig können sie machen, sondern sie machen nur was sich eben trifft.
KRITON: Das mag immer so sein. Dies aber, Sokrates, sage mir, ob du auch nicht etwa um mich besorgt bist, und um die anderen Freunde, dass nicht wenn du von hier weggingest, die Angeber uns Händel anrichten, weil wir dir heimlich fortgeholfen hätten, und wir dann entweder unser ganzes Vermögen dran geben müssten, oder doch vieles Geld, und vielleicht noch sonst etwas dazu erleiden. Denn wenn du dergleichen etwas fürchtest, [45 St.1 A] das lass gut sein. Uns gebührt es ja wohl, über deiner Rettung diese Gefahr auf uns zu nehmen, und wenn es sein müsste, eine noch größere. Also folge mir, und tue nicht anders.
SOKRATES: Auch darum bin ich besorgt, auch noch um vieles andere.
KRITON: Also weder dieses befürchte. Denn zuerst ist es nicht einmal viel Geld, wofür Einige dich retten und von hier wegführen wollen. Und dann, siehst du nicht diese Angeber, wie wohlfeil sie sind, und wie gar nicht viel Geld für sie nötig sein würde? Für dich also, glaube ich, würde auch mein Geldvorrat hinreichend sein. Wenn du aber etwa aus Vorsorge für mich nicht leiden wolltest, dass ich von dem meinigen [B] aufwendete, so sind hier die Gäste aus der Fremde bereit es auszulegen. Ja einer hat ausdrücklich hierzu eine hinreichende Summe zur Stelle gebracht, Simmias von Thebai. Auch Kebes ist bereit und gar viele andere. So dass, wie gesagt, weder aus dieser Besorgnis du es aufgeben darfst dich zu retten, noch auch, was du vor Gericht sagtest, dir
hinderlich sein muss, dass du nämlich nach deiner Auswanderung von hier nicht wissen würdest, was du anfangen solltest mit dir selbst. Denn an gar vielen Orten auch anderwärts wohin du nur kämest, würde man dich gern sehen, wolltest du aber [C] nach Thessalien gehen, so habe ich dort Gastfreunde, die dich sehr wert achten und dir solche Sicherheit genug gewähren würden, dass dir Niemand etwas anhaben dürfte in Thessalien. Ferner Sokrates, dünkt mich auch nicht einmal recht zu sein, dass du darauf beharrest dich selbst preis zu geben, da du dich retten kannst, und selbst betreibst, dass es so mit dir werde, wie nur deine Feinde es betreiben könnten und betrieben haben, welche dich verderben wollen. Überdies dünkst du mich, deinen eignen Söhnen untreu zu sein, die du [D] ja auferziehen und ausbilden könntest, nun aber sie verlässt und davon gehst, so dass es ihnen, was dich anlangt, ergehen wird wie es sich trifft. Es wird sie aber wahrscheinlich so treffen, wie es Waisen zu ergehen pflegt im Waisenstande. Denn entweder solltest du keine Kinder erzeugt haben, oder auch treulich aushalten bei ihrer Erziehung und Ausbildung. Du aber scheinst nur das Bequemste zu erwählen, und solltest doch [E] was ein tüchtiger und tapferer Mann wählen würde, nur das wählen, da du ja behauptest dein ganzes Leben hindurch dich der Tugend befleißigt zu haben. Wie denn auch ich, für dich und für uns deine Freunde, mich schäme, dass es fast das Ansehen hat, als ob diese ganze Geschichte mit dir nur durch eine Feigheit von unserer Seite so geschehen sei, sowohl die Einlassung der Klage, dass du dich vor Gericht gestellt hast, da es dir frei stand dich nicht zu stellen, als auch der ganze Rechtshandel selbst, wie er ist geführt worden, und nun gar dieses Ende, recht das lächerlichste von der Geschichte, wird uns nur aus Feigheit [46 St.1 A] ergangen zu sein scheinen, die wir dich nicht gerettet haben, noch du dich selbst, da es gar wohl möglich gewesen wäre, und auch ausführbar, wenn wir nur irgendetwas nutz waren. Dies also, o Sokrates, sieh wohl zu, dass es nicht außer dem Unglück auch zur Schande gereiche dir wie uns. Also berate dich! Oder es ist vielmehr nicht einmal mehr Zeit sich zu beraten, sondern sich beraten zu haben. Und es gibt nur einen Rat. Denn in der nächsten Nacht muss dies alles geschehen sein, oder, wenn wir zaudern, [B] ist es unausführbar und nicht mehr möglich. Also auf alle Weise, Sokrates, folge mir, und tue nicht anders.
SOKRATES: Deine Sorge um mich, du lieber Kriton, ist viel wert, wenn sie nur irgend mit dem Richtigen bestehen könnte, wo aber nicht, so ist sie je dringender um desto peinlicher. Wir müssen also erwägen ob dies wirklich tunlich ist oder nicht. Denn nicht nur jetzt, sondern schon immer habe ich ja das an mir, dass ich nichts anderem von mir gehorche, als den Gründen, die sich mir [C] bei den Untersuchungen als die besten zeigten. Das aber was ich schon ehedem in meinen Reden ausgesprochen habe, kann ich ja nun nicht verwerfen, weil mir dieses Schicksal geworden ist, sondern jene Reden erscheinen mir noch ganz als dieselben, und ich schätze und ehre sie noch ebenso wie vorher. Wenn wir also nicht bessere als diese, jetzt vorzutragen haben, so wisse nur, dass ich dir nicht nachgeben werde, und wenn auch die Macht der Menge noch mehr als schon geschieht, um uns wie Kinder zu erschrecken, Gefangenschaft und Tod [D] auf uns los ließe und Verlust des Vermögens. Wie können wir also dies recht zu unserer Befriedigung untersuchen? Wenn wir zuerst den Satz aufnehmen wegen der Meinung, von dem du sprichst, ob wohl für jeden Fall gut gesagt war oder nicht, dass man auf einige Meinungen zwar achten müsse, auf andere aber nicht? Oder ob es zwar bevor ich sterben sollte, gut gesagt war, nun aber offenbar geworden ist, dass es nur obenhin des Redens wegen gesagt, in der Tat aber nichts war als [E] Scherz und Geschwätz? Ich meines Teils habe Lust, Kriton, dies mit dir gemeinschaftlich zu untersuchen, ob diese Rede mir jetzt etwa wunderlicher erscheinen wird, nun es so mit mir steht, oder noch ebenso, und dem gemäß wollen wir sie entweder gehen lassen oder ihr gehorchen. So aber, glaube ich, wurde sonst immer von denen behauptet, die etwas zu sagen meinten, wie ich jetzt eben sagte, dass von den Meinungen, welche die Menschen hegen, man einige zwar sehr hoch achten müsse, andere aber nicht. Sprich nun, Kriton, hei den Göttern, dünkt dich dies nicht gut gesagt zu sein? Denn du bist doch menschlichem Ansehen nach fern davon morgen [47 St.1 A] sterben zu müssen, und das bevorstehende Schicksal könnte dich nicht berücken. Erwäge also, scheint dir das nicht gut gesagt dass man nicht alle Meinungen der
Menschen ehren muss, sondern einige wohl, andere aber nicht? Und auch nicht aller Menschen, sondern einiger ihre wohl, Anderer aber nicht? Was meinst du? Ist das nicht gut gesagt?
KRITON: Gut.
SOKRATES: Nämlich doch die guten Meinungen soll man ehren, die schlechten nicht?
KRITON: Ja.
SOKRATES: Und die guten, sind das nicht die der Vernünftigen, die schlechten aber die der Unvernünftigen?
KRITON: Wie anders?
SOKRATES: [B] Also fürchten muss er auch nur den Tadel, und Freude haben nur an dem Lobe eines Einen, und nicht der Menge?
KRITON: Offenbar.
SOKRATES: Auf die Art also muss er zu Werke gehen und sich, zum Beispiel, üben und essen und trinken wie dieser Eine es gut findet, der Meister und Sachverständige, vielmehr als wie alle Andere insgesamt.
KRITON: So ist es.
SOKRATES: Wohl! [C] Ist er aber diesem Einen unfolgsam, und achtet seine Meinung und sein Lob gering, höher aber das der andern unkundigen Leute, wird ihm dann nichts Übles begegnen?
KRITON: Wie sollte es ihm nicht?
SOKRATES: Was ist nun wohl dieses Übel? worauf zielt es, und was trifft den Unfolgsamen? KRITON: Seinen Leib offenbar, denn diesen zerrüttet er.
SOKRATES: Wohl gesprochen. Ist es nun nicht ebenso mit allem Andern, Kriton, damit wir nicht alles durchgehen, also auch mit dem gerechten und ungerechten, dem schändlichen und schönen, dem guten und bösen, worüber [D] wir eben jetzt beratschlagen, ob wir hierin der Meinung der Mehresten folgen und sie fürchten müssen, oder nur des Einen seiner, wenn es einen Sachverständigen hierin gibt, den man mehr scheuen und fürchten muss als alle anderen, welchem dann nicht folgend wir uns das verderben werden und verstümmeln, was eben durch das Recht besser wird, durch das Unrecht aber untergeht. Oder gibt es dergleichen nichts?
KRITON: Ja wohl, denke ich wenigstens, Sokrates.
SOKRATES: Wohlan denn! Wenn wir nun das, was durch das Ungesunde zerrüttet, durch das Gesunde aber gebessert wird, indem wir nicht [E] der Sachkundigen Meinung gehorchen, zerrüttet haben, lohnt es wohl noch zu leben nach dessen Zerrüttung? Dies ist aber doch wegen des Leibes? Oder nicht?
KR1TON: Ja.
SOKRATES: Lohnt es nun wohl zu leben mit einem abgeschwächten und zerrütteten Leibe? KRITON: Keineswegs.
SOKRATES: Wohlan, wie wurde wiederum hierüber gesprochen? Ein Mann der Leibesübungen treibt und sich dies zur Aufgabe macht, wird der wohl auf Jedermanns Lob und Tadel und Meinung achten, oder nur auf jenes allein, auf des Arztes oder des Turnmeisters?
KRITON: Auf jenes allein.
SOKRATES: Allein wenn jenes zerrüttet ist, soll es doch noch lohnen zu leben, was eben durch Unrechthandeln beschädiget wird durch Rechthandeln aber gewinnt? Oder halten wir das etwa für schlechter als den Leib, was es auch sei von dem unsrigen, worauf [48 St.1 A] Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sich beziehen?
KRITON: Keineswegs. SOKRATES: Sondern für edler?
KRITON: Bei weitem.
SOKRATES: Also keineswegs, o Bester, haben wir das so sehr zu bedenken, was die Leute sagen werden von uns, sondern was der Eine, der sich auf Gerechtes und Ungerechtes versteht, und die Wahrheit selbst. So dass du schon hierin die Sache nicht richtig einleitest, wenn du vorträgst, wir müssten auf die Meinung der Leute vom Gerechten, Schönen und Guten und dem Gegenteil Bedacht nehmen. Aber doch, könnte wohl jemand sagen, haben die Leute es ja in ihrer Gewalt uns zu töten.
KRITON: Offenbar freilich auch dieses, und so könnte es leicht Jemand sagen, o Sokrates.
[B] SOKRATES: Ganz wahr. Allein, du Wunderlicher, nicht nur dieser Satz selbst, den wir durchgenommen, erscheint mir wenigstens noch immer ebenso wie vorher, sondern betrachte nun auch diesen, ob er uns noch fest steht oder nicht, dass man nämlich nicht das Leben am höchsten achten muss, sondern das gut leben.
KRITON: Freilich besteht der.
SOKRATES: Und dass das Gute mit dem gerecht und sittlich leben einerlei ist, besteht der oder besteht der nicht?
KRITON: Er besteht.
SOKRATES: Also von dem Eingestandenen aus müssen wir dieses erwägen, ob es gerecht ist, dass ich versuche von hier fortzugehen ohne dass die Athener mich fortlassen, oder nicht gerecht. Und wenn [C] es sich als gerecht zeigt, wollen wir es versuchen, wo nicht, es unterlassen. Die du aber vorbringst, o Kriton, die Überlegungen wegen Verlust des Geldes und des Rufs und Erziehung der Kinder, dass das nur nicht recht eigentlich Betrachtungen dieser Leute sind, die leichtsinnig töten und ebenso auch hernach gern wieder lebendig machten wenn sie könnten, alles ohne Vernunft, und dass nur nicht im Gegenteil für uns, da ja unsere Rede es so festsetzt, [D] gar nichts anderes zu überlegen ist, als wie wir eben sagten, ob wir gerecht handeln werden, wenn wir denen, welche mich von hier fortbringen wollen, Geld zahlen und Dank dazu, und wenn wir selbst, ihr mich fortbringt, und ich mich fortbringen lasse, oder ob wir nicht in Wahrheit unrecht handeln werden indem wir dies alles tun! Und wenn sich zeigt, wir können dies nur ungerechterweise ausführen, dass wir dann nur nicht jenes, ob wir sterben müssen, wenn ich hier bleibe und mich ruhig verhalte, oder was sonst erleiden, gar nicht in Anschlag bringen dürfen gegen das Unrecht handeln.
KRITON: Schön dünkt mich das gesagt, [E] Sokrates. Sieh aber, was wir tun wollen.
SOKRATES: Gemeinschaftlich, du Guter, wollen wir das überlegen, und hast du etwas einzureden, wenn ich rede, so rede ein, und ich will dir folgen. Wo aber nicht, so höre auf, mir immer dieselbe Rede zu wiederholen, ich solle wider der Athener Willen von hier fortgehen. Denn es ist mir ja wohl viel wert wenn du mich überredest dieses zu tun, nur nicht wider meinen Willen. Betrachte also den Anfang der Untersuchung ob er dir genützt, und suche das Gefragte zu beantworten [49 St.1 A] nach deiner besten Meinung.
KRITON: Das will ich versuchen.
SOKRATES: Sagen wir, man müsse auf gar keine Weise vorsätzlich unrecht tun? Oder auf einige zwar, nur auf andere nicht? Oder ist auf keine Weise das Unrechthandeln weder gut noch schön, wie wir oft ehedem übereingekommen sind, und auch jetzt eben gesagt worden? oder sind uns alle jene Behauptungen von ehedem seit diesen wenigen Tagen verschüttet? Und so lange, o Kriton, haben wir, so bejahrte Männer, nicht gemerkt, dass wir im ernsthaftesten Gespräch miteinander, [B] doch nichts besser waren als die Kinder? Oder verhält es sich ja auf alle Weise so, wie wir damals sagten, die Leute mögen es nun annehmen oder nicht, und es mag uns nun deshalb noch härter ergehen als jetzt, oder auch besser, das Unrechttun ist doch dem, der es tut schädlich und schändlich auf alle Weise? Wollen wir dies sagen oder nicht?
KRITON: Das wollen wir.
SOKRATES: Auf keine Weise also soll man unrecht tun?
KRITON: Nein freilich.
SOKRATES: Also auch nicht der, dem Unrecht geschehen ist, darf wieder unrecht tun, wie die meisten glauben, [C] wenn man doch auf keine Weise unrecht tun darf?
KRITON: Es scheint nicht.
SOKRATES: Und wie doch? Darf man misshandeln, oder nicht?
KRITON: Man darf es wohl nicht, Sokrates.
SOKRATES: Aber wie, wieder misshandeln, nachdem man schlecht behandelt worden, ist das wie die meisten sagen, gerecht oder nicht?
KRITON: Auf keine Weise.
SOKRATES: Denn Jemanden schlecht behandeln ist nicht unterschieden vom unrecht tun. KRITON: Wahr gesprochen.
SOKRATES: Also weder wiederbeleidigen darf man, noch irgendeinen Menschen misshandeln, und wenn man auch was es immer sei von ihm erleidet. [D] Und siehe wohl zu, Kriton, wenn du dies eingestehst, dass du es nicht gegen deine Meinung eingestehst. Denn ich weiß wohl, dass nur Wenige dieses glauben und glauben werden. Welche also dies annehmen, und welche nicht, für die gibt es keine gemeinschaftliche Beratschlagung, sondern sie müssen notwendig einander gering achten, wenn einer des andern Entschließungen sieht. Überlege also auch du recht wohl, ob du Gemeinschaft mit mir machst, und dies auch annimmst, und wir hiervon unsere Beratung anfangen wollen, dass niemals weder beleidigen [E] noch wiederbeleidigen recht ist, noch auch wenn einem übles geschieht sich dadurch helfen, dass man wieder übles zufügt, oder ob du abstehst und du keinen Teil haben willst an diesem Anfang. Ich meines Teils habe schon immer dieses angenommen und auch jetzt noch. Du aber, nimmst du irgendetwas anderes an, so sprich und trage es vor, bleibst du aber bei dem ehemaligen, so höre nun das Weitere.
KRITON: Allerdings bleibe ich dabei, und nehme es mit dir an. Also sage.
SOKRATES: Ich sage also hierauf weiter, oder vielmehr ich frage, ob, was Jemand jemanden billiges versprochen hat, er auch leisten müsse, oder ob er betrügen dürfe?
KRITON: Leisten muss er es.
SOKRATES: Von hier aus nun schaue um. Wenn wir ohne die Stadt [50 St.1 A] zu überreden von hier weggehen, ob wir dann jemanden schlecht behandeln, und zwar die, welchen es am wenigsten geschehen sollte, oder ob nicht? Und ob wir an dem halten, was wir billiges versprochen haben, oder ob nicht?
KRITON: Darauf weiß ich nicht zu antworten, Sokrates, was du fragest, denn ich verstehe es nicht.
SOKRATES: Erwäge es denn so. Wenn indem wir von hier davon laufen wollten, oder wie man dies sonst nennen soll, die Gesetze kämen und das Gemeinwesen dieser Stadt, und uns in den Weg tretend fragten: Sage nur, Sokrates, was hast du im Sinne zu tun? Ist es nicht so, dass du durch diese Tat welche du unternimmst, uns [B] den Gesetzen und also dem ganzen Staat den Untergang zu bereiten gedenkst, soviel an dir ist? Oder dünkt es dich möglich, dass jener Staat noch bestehe und nicht in gänzliche Zerrüttung gerate, in welchem die abgetanen Rechtssachen keine Kraft haben, sondern von einzelnen Männern können ungültig gemacht und umgestoßen werden? Was sollen wir hierauf und auf mehr dergleichen sagen, Kriton? Denn noch gar vieles könnte einer, und zumal ein Redner, vorbringen zum Besten dieses gefährdeten Gesetzes, welches befiehlt dass die geschlichteten [C] Rechtssachen sollen gültig bleiben. Oder sollen wir zu ihnen sagen: ja, die Stadt hat uns unrecht getan und die Klage nicht recht gerichtet? Dies, oder was wollen wir sagen?
KRITON: Dies beim Zeus.
SOKRATES: Wie nun? Wenn die Gesetze sagten: O Sokrates, war denn auch das unser Abkommen, oder vielmehr, du wollest damit zufrieden sein, wie die Stadt die Rechtssachen schlichtet? Wenn
wir uns nun über ihre Rede wunderten, würden sie vielleicht sagen: Wundere dich nicht, Sokrates, über das Gesagte, sondern antworte, da du ja gewohnt bist in Fragen [D] und Antworten zu reden. Denn sprich, welche Beschwerden hast du gegen uns und die Stadt, dass du suchst uns zu Grunde zu richten? Sind wir es nicht zuerst, die dich zur Welt gebracht haben, und durch welche dein Vater deine Mutter bekommen und dich gezeugt hat? Erkläre also, tadelst du etwas an denen unter uns Gesetzen, die sich auf die Ehe beziehen, was nicht gut wäre? Nichts tadle ich, würde ich dann sagen. Aber an den Gesetzen über des Geborenen Auferziehung und Unterricht, nach denen auch du bist unterrichtet worden? Ist es etwa nicht gut, was die unter uns hierüber gesetzt sind gebieten, indem sie deinem Vater auflegten dich in den Geistesübungen und Leibeskünsten zu unterrichten? Sehr gut, würde ich sagen. Wohl. [E] Nachdem du nun geboren, auferzogen und unterrichtet worden, kannst du zuerst wohl leugnen, dass du nicht unser warst als Abkömmling und Knecht, du und deine Vorfahren? Und wenn sich dies so verhält, glaubst du, dass du gleiches Recht hast mit uns, und dass, was immer wir uns beigehen lassen dir anzutun, auch du das Recht habest uns wieder zu tun? Oder hattest du gegen deinen Vater zwar nicht gleiches Recht, oder gegen deinen Herrn, wenn du einen gehabt hättest, so dass du, was dir geschähe, ihm wieder antun dürfest, noch auch wenn er dich verunglimpfte, widersprechen, [51 St.1 A] noch wenn er dich schlug wiederschlagen und mehreres dergleichen. Gegen das Vaterland aber und gegen die Gesetze soll es dir erlaubt sein, so dass wenn wir darauf ausgingen dich zu Grunde zu richten, indem wir es für gerecht hielten, auch du wieder auf unsern der Gesetze und des Vaterlandes Untergang so viel an dir ist ausgehen und dann sagen dürftest, du handeltest hierin recht, du der sich in Wahrheit der Tugend befleißigt? Oder bist du so weise, dass du nicht weißt, wie viel höher als Vater und Mutter und alle anderen Vorfahren das Vaterland geachtet ist, und wieviel ehrwürdiger und heiliger bei den Göttern [B] und bei allen Menschen, welche Vernunft haben? Und wie man ein aufgebrachtes Vaterland noch mehr ehren und ihm nachgeben und es besänftigen muss als einen Vater, und entweder es überzeugen oder tun was es befiehlt, und was es zu leiden auferlegt ganz ruhig leiden, wenn es auch wäre dich schlagen zu lassen oder dich fesseln zu lassen, oder wenn es dich in den Krieg schickt, wo du verwundet und getötet werden kannst, du dies alles tun musst und es so allein recht ist? Und dass du nicht weichen [C] und nicht weggehen und nicht deine Stelle verlassen darfst, sondern im Kriege und vor Gericht und überall tun was der Staat gebietet und das Vaterland, oder es überzeugen was eigentlich Recht sei? Gewalt aber nicht ohne Frevel gebraucht werden kann gegen Vater oder Mutter und noch viel weniger als gegen sie gegen das Vaterland? Was sollen wir hierauf sagen, o Kriton? Dass es wahr ist, was die Gesetze sagen oder nicht?
KRITON: Mich dünkt, ja.
SOKRATES: Überlege also, o Sokrates, würden die Gesetze vielleicht weiter sagen, wenn wir hiervon mehr gesprochen haben, dass du alsdann nicht mit Recht uns das antun willst, was du jetzt willst. Denn wir, die wir dich zur Welt gebracht, [D] auferzogen, unterrichtet und alles Gute was nur in unserm Vermögen stand, dir und jedem Bürger mitgeteilt haben, wir verkünden dennoch, indem wir Freiheit gestatten jedem Athener der es nur will, dass wenn jemand Bürger geworden ist, und den Zustand der Stadt und uns, die Gesetze, kennen gelernt hat und wir ihm dann nicht gefallen, er das seinige nehmen und fortgehen dürfe, wohin er nur will. Und keins von uns Gesetzen steht im Wege oder verbietet, wenn Jemand von euch, dem wir und die Stadt nicht gefallen, in eine Pflanzstadt ziehen will oder auch anderswohin sich begeben und sich als Schutzverwandter ansiedeln wo er nur will [E] mit Beibehaltung alles des Seinigen. Wer von euch aber geblieben ist nachdem er gesehen wie wir die Rechtssachen schlichten und sonst die Stadt verwalten, von dem behaupten wir dann, dass er uns durch die Tat angelobt habe, was wir nur immer befehlen möchten, wolle er tun. Und wer nicht gehorcht, sagen wir, der tue dreifach Unrecht, weil er uns als seinen Erzeugern nicht gehorcht, und nicht als seinen Erziehern, und weil er, unerachtet er uns angelobt, er wolle gewiss gehorchen, doch weder gehorcht noch uns überzeugt wo wir etwas [52 St.1 A] nicht recht tun, und da wir ihm doch vortragen und nicht auf raue Art gebieten was wir anordnen, sondern freistellen eins von beiden entweder uns zu überzeugen oder zu folgen, er doch hiervon keines tut. Und diese Verschuldungen nun,
behaupten wir, werden auch auf dir, Sokrates, haften, wenn du ausführst was du im Sinne hast, und zwar auf dir nicht am wenigsten unter den andern Athenern, sondern wohl ganz vorzüglich. Wenn ich nun fragte: Weshalb denn das? so würden sie mich wohl ganz recht angreifen, wenn sie sprächen, dass ich ganz vorzüglich vor andern Athenern ihnen das Versprechen geleistet hätte. Denn würden sie sagen, [B] hiervon haben wir große Beweise, dass wir, sowohl als die Stadt, dir wohl gefallen haben. Sonst würdest du ja wohl nicht so vorzüglich vor allen Athenern immer einheimisch darin geblieben sein, wenn sie dir nicht vorzüglich gefiele. Denn weder bist du je zur Schau der großen Feste aus der Stadt herausgegangen, außer einmal auf den Isthmos, noch sonst irgendwohin anders als nur mit dem Heere ziehend, oder hast sonst eine Reise gemacht, wie andere Menschen, noch auch hat dich jemals Lust angewandelt andere Städte und [C] andere Gesetze zu sehen, sondern wir genügten dir und unsere Stadt, so sehr zogst du uns vor, und gelobtest, uns gemäß dein Bürgerleben zu führen, hast auch überdies Kinder in der Stadt erzeugt, weil sie dir gefiel. Ja auch noch während des Rechtshandels konntest du dir ja die Ausweisung zuerkannt haben, wenn du gewollt hättest, und so, was du jetzt gegen den Willen der Stadt unternimmst, damals mit ihrem Willen tun. Du aber tatest damals zwar gar schön, als wärest du gar nicht unwillig wenn du [D] sterben müsstest, sondern wähltest, wie du sagtest, lieber als die Verweisung den Tod, nun hingegen schämst du dich weder vor jenen deinen Reden, noch scheust du uns die Gesetze, sondern versuchst uns zu zerstören und handelst, wie nur der schlechteste Knecht handeln könnte, indem du zu entlaufen versuchst gegen alle Verträge und Versprechungen, nach denen du uns versprochen hast als Bürger zu leben. Zuerst also beantworte uns nur dieses, ob wir die Wahrheit reden, indem wir behaupten, du habest nach unserer Anordnung dein Bürgerleben zu führen uns durch die Tat versprochen nicht bloß durch Worte, oder nicht die Wahrheit? Was sollen wir hierauf sagen, [E] Kriton? Sollen wir es nicht einräumen?
KRITON: Wir müssen wohl, Sokrates.
SOKRATES: Ist es also nicht so, würden sie sagen, dass du deine Verträge mit uns und deine Versprechungen übertrittst? Die du doch nicht gezwungen abgelegt hast, noch überlistet, noch in der Notwendigkeit etwa dich in kurzer Zeit zu beraten, sondern siebzig Jahre lang, während deren du hättest fortgehen können wenn wir dir nicht gefielen und du die Bedingungen nicht für billig hieltest. Du aber hast weder Lakedaimon vorgezogen, noch Kreta, die du doch immer rühmst als wohlgeordnete Staaten, noch irgendeinen anderen von den hellenischen Staaten oder von den unhellenischen, [53 St.1 A] sondern weniger hast du dich von hier entfernt, als die Lahmen, Blinden und andere Verstümmelte. So vorzüglich vor allen Athenern hat dir die Stadt gefallen, und wir die Gesetze also auch. Denn wem würde eine Stadt wohl gefallen ohne die Gesetze! Und nun also willst du doch dem Versprochenen nicht treu bleiben? Wohl, wenn du uns folgst, o Sokrates, wirst du dich nicht lächerlich machen durch deinen Auszug aus der Stadt. Denn erwäge nur, wenn du es übertrittst und etwas davon verletzest, was du Gutes dir selbst bereiten wirst und deinen [B] Freunden. Denn dass deine Freunde ja freilich in Gefahr geraten werden auch selbst flüchtig zu werden und sich der Stadt entsagen zu müssen, oder ihr Vermögen einzubüßen, das ist wohl offenbar. Du selbst aber, wenn du zuerst in eine der nächstgelegenen Städte gehst, sei es nach Theben oder nach Megara, denn wohleingerichtet sind beide, so kommst du als ein Feind ihrer Verfassung, und wer nur seiner eignen Stadt zugetan ist, wird dich scheel ansehen als einen Verderber der Gesetze, und so wirst du nur das Ansehen deiner Richter [C] befestigen, dass sie dafür gelten werden in deiner Sache recht gerichtet zu haben, denn wer der Gesetze Verderber ist, muss wohl gar sehr dafür gehalten werden, auch der jüngeren und noch unvernünftigen Menschen Verderber zu sein. Willst du also etwa die wohleingerichtetsten Staaten und die ehrenwertesten Menschen meiden? Und wenn du dieses tust wird es dir noch lohnen zu leben? Oder willst du dich zu ihnen halten und unverschämt genug sein was doch für Reden vorzubringen, o Sokrates? Oder dieselben wie hier, dass über Tugend und Gerechtigkeit nichts gehe [D] für den Menschen und über Ordnungen und Gesetze? Und glaubst nicht, des Sokrates Sache werde dann ganz unanständig erscheinen? Wohl muss man das glauben! Aber aus diesen Gegenden wirst du dich wohl fortmachen, und dich nach
Thessalien begeben zu den Gastfreunden des Kriton! Denn dort sind ja Unordnung und Ungebundenheit am größten, und die möchten dir wohl mit Vergnügen zuhören, [E] wie lächerlich du aus dem Gefängnis entlaufen bist in irgend ein Stück Zeug eingehüllt, oder mit einem gemeinen Kittel umgetan, oder wie sich sonst die Entfliehenden zu verkleiden pflegen, und nachdem du dich ganz unkenntlich gemacht. Dass du aber als ein alter Mann, dem wahrscheinlich nur noch wenig Lebenszeit übrig ist, dich nicht gescheut hast, mit solcher Gier nach dem Leben zu gelüsten mit Übertretung jedes heiligsten Gesetzes, wird das Niemand sagen? Vielleicht nicht, wenn du Niemanden beleidigst, wenn aber, o Sokrates, dann wirst du auch viel deiner unwürdiges hören müssen. Kriechend also vor allen Menschen wirst du leben, und was denn tun als schmausen in Thessalien? So dass du wie zum Gastgebot wirst hingereist scheinen nach Thessalien! Und jene Reden von der Gerechtigkeit und von den übrigen Tugenden, wo werden uns die bleiben? [54 St.1 A] Doch deiner Kinder wegen willst du leben, um sie selbst aufzuziehen und zu unterrichten! Wie also? Nach Thessalien willst du sie mitnehmen und dort aufziehen und unterrichten? Und sie zu Fremdlingen machen, damit sie dir auch das noch zu verdanken haben? Oder das wohl nicht, sondern hier sollten sie, wenn du nur lebst, besser aufgezogen und unterrichtet werden, obgleich du nicht bei ihnen bist? Deine Freunde nämlich werden sich ihrer annehmen. Ob nun wohl, wenn du nach Thessalien wanderst, sie sich ihrer annehmen werden, [B] wenn du aber zum Hades wanderst, dann nicht? Wenn sie anders etwas wert sind, die deine Freunde zu sein behaupten, so muss man es ja wohl glauben. Also Sokrates gehorche uns, deinen Erziehern, und achte weder die Kinder, noch das Leben, noch irgendetwas anderes höher als das Recht, damit, wenn du nach dem Hades kommst, du dies alles zu deiner Verteidigung anführen kannst den dortigen Herrschern. Denn es zeigt sich ja weder hier für dich besser oder gerechter oder frömmer dies wirklich auszuführen oder für irgendeinen der Deinigen, noch auch wird es, wenn du dort ankommst, besser für dich sein. Sondern [C] wenn du jetzt hingehst, so gehst du hin als einer der Unrecht erlitten hat, nicht zwar von uns Gesetzen, sondern von Menschen. Entfliehst du aber, so schmählich Unrecht und Böses mit gleichem vergeltend, deine eignen Versprechungen und Verträge mit uns verletzend, und allen denen übles zufügend denen du es am wenigsten solltest, dir selbst nämlich, deinen Freunden, dem Vaterlande und uns, so werden nicht nur wir auf dich zürnen, so lange du noch lebst, sondern auch unsere Brüder, die Gesetze im Hades, werden dich nicht freundlich aufnehmen, wenn [D] sie wissen, dass du auch uns zu Grunde zu richten versucht hast, so viel an dir war. Also, dass ja nicht Kriton mehr dich überrede, zu tun, was er sagt, als wir.
Dies lieber Freund Kriton glaube ich zu hören, wie die, welche das Ohrenklingen haben, die Flöte zu hören glauben. Denn auch in mir klingt so der Ton dieser Reden, und macht, dass ich andere nicht hören kann. Also wisse nur, was meine jetzige Überzeugung betrifft, dass wenn du etwas hiergegen sagst, du es vergeblich reden wirst. Dennoch aber, wenn du glaubst, etwas damit auszurichten, so sprich.
KRITON: Nein, Sokrates, ich habe nichts zu sagen.
[E] SOKRATES: Wohl denn, Kriton! So lasse uns auf diese Art handeln, da uns hierin der Gott leitet.