Werk:Metaphysik (Aristoteles)/Vorrede
Läßt sich Aristoteles Metaphysik in deutscer Wiedergabe zu einem lesbaren und anziehenden Buche gestalten? Vielleicht mindestens z u einem lesbareren und anziehenderen, als es bisher vorliegt. Jedenfalls, ich hab' es gewagt, und jetzt mag man mich zausen. Ich habe lange genug gezögert, was ich in stillen Stunden für mich zurecht gemacht, der Offentlichkeit zugänglich zu machen, und vergebens auf den anderen gewartet, der kommen sollte. Erst nachdem auch der zuletzt Erhoffte völlig versagt hatte, habe ich mich entschlossen. Bessere würden's besser machen, das weiß ich; aber diese Besseren haben meistens Besseres zu tun. Vielleicht ist die Möglichkeit doch nicht ganz ausgeschlossen, daß das Grundbuch aller Wissenschaft, die diesen Namen verdient, zum allgemeinen Lesebuch für alle werde, die in deutscher Sprache philosophieren. Der Gewinn wäre unermeßlich, wenn jeder, der sich als Philosophen gibt, die in diesem Buche vorgetragenen Gedankengänge ernstlich erwogen hätte.
Aristoteles Metaphysik gebe ich i n ihrem ganzen Umfange wieder; aber die Reihenfolge der einzelnen Teile, wie sie uns aus dem Altertum überliefert ist, ist nicht genügend begründet, um beibehalten werden zu müssen. Der allgemeinen Ansicht folgend, wie sie sich der Hauptsache nach übereinstimmend allmählich herausgebildet hat, habe ich die Bücher Α, Β, Γ und Ε–Θ nebst Λ als den einheitlichen Hauptkörper des Werkes bezeichnet und das Buch α, an dessen aristotelischem Ursprung nicht gezweifelt werden sollte, wie eine Art von Vorrede oder Eröffnungsvorlesung vorausgeschickt. Es nimmt dann eine ähnliche Stellung zu den Büchern der Metaphysik ein, wie die ersten 3 Kapitel der Nikomachischen Ethik zum Ganzen dieses Buches. Als eine Art von Anhang folgen dann im 2. Teil die „angefügten Stücke": die Bücher Ι, Κ, Μ, Ν und als letztes Δ. Die Meinung kann dabei nicht sein, die ursprüngliche Form des Buches wiederherzustellen. Es ist selbst das fraglich, ob die im Altertum zusammengestellten Materialien jemals auf eine einheitliche Schrift angelegt gewesen sind. Jedenfalls, was uns unter dem Namen der Metaphysik vorliegt, ist ein Ganzes aus sehr verschiedenen Bestandteilen sehr verschiedenartigen Ursprungs: eigene Niederschriften des Aristoteles, teils stilistisch wie zur Veröffentlichung durchgebildet, teils nur skizziert behufs späterer reicherer schriftlicher Ausführung oder als Material für den mündlichen Vortrag. Dazu kommen, wie es scheint, Nachschriften der gehaltenen Vorlesungen durch die Zuhörer; Aristoteles mag sie durchgesehen, korrigiert oder gebilligt, als Vorlage für künftige Vorlesungen benutzt haben; auch das ist nicht ausgeschlossen, daß von Saülern gemachte Auszüge aus Aristotelischen Schriften unter diese Materialien geraten sind. Die astronomische Ausführung Δ, 8 schien am angemessensten als Anmerkung nach moderner Art am unteren Rande der Seite wiedergegeben zu werden. Es ist allerdings wahrscheinlicher, daß die Ausführung gar nicht für diese Stelle gedacht war, sondern ursprünglich eine Skizze für sich bildete, die der Redaktor an dieser Stelle einzuschieben für passend hielt, und die zu diesem Zwecke eine geeignete Umbildung erfahren hat. Über alle diese Dinge will ich mit niemanden streiten, der anderer Ansicht ist. Es genügt, wenn durch die hier gebotene Anordnung der Gedankenschatz des Buches dem Leser zugänglicher wird. Denn ob von Aristoteles selbst i n dieser Form niedergeschrieben oder nicht: das Ganze trägt durchaus das Gepräge des aristotelischen Geistes und bildet ein vollgültiges Zeugnis nicht bloß für die Lehre, die Aristoteles vorgetragen hat, sondern meist auch für die Form, in der er sie vorgetragen hat.
In der Wiedergabe habe ich mich an die Ausgabe von W. Christ (Lipsiae, B. G. Teubner, 1895) angeschlossen. Wo ich mich von dem dort vorliegenden Texte entfernt habe, wird der Kundige diejenige der in dieser Ausgabe mitgeteilten Lesarten leicht erkennen, die ich vorgezogen habe. Nach eigener Vermutung habe ich nur an sehr wenigen Stellen mir den Text mit meist leichter Änderung so gestaltet, wie e r dem Gedanken am nächsten zu entsprechen schien.
Es galt nicht, in deutscher Sprache die Eigentümlichkeiten der Form des vorliegenden Textes nachzubilden, was auch dann unratsam wäre, wenn es möglich scheinen könnte; die Aufgabe war vielmehr, den Gedankeninhalt so treu und richtig wiederzugeben, wie es mit den zu dieser Zeit vorhandenen Hilfsmitteln möglich ist, i n einem Ausdruck, der dem Genius der deutschen Sprache und dem heutigen wissenschaftlichen Sprachgebrauch gemäß ist und dem philosophisch geschulten Leser ein volles Verständnis ohne besondere Erläuterungen zugänglich macht. Wenigstens durch unbeholfenes Lallen oder durch der Sprache angetane Gewalt den Leser abzustoßen und anzuwidern, sollte vermieden werden. Wenn man mir nachweist, daß manche Stelle anders zu verstehen ist, als ich sie gefaßt babe, so werde ich darin eine Förderung für mich und für die Sache erblicken; was ich wünsche, ist nur das Zugeständnis, daß man in meiner Wiedergabe wenigstens wirklich überall deutlich erkennen kann, welchen Gedanken ich bei Aristoteies gefunden zu haben meine.
Seit der Zelt, wo Männer wie Trendelenburg und Bonitz, Waitz und Schwegler das Studium des Aristoteles gefördert haben, ist eine andere Stimmung aufgekommen. Aristoteles ist weniger beliebt; für Plato ist das Interesse lebendiger geblieben, sicher nicht ganz ohne erfreulichen Erfolg. Das sehr verdienstliche Werk von Heinrich Maier über die Syllogistik des Aristoteles büßt an Einfluß leider durch seinen Umfang ein. Könnte in den modernen Betrieb etwas mehr Scholastik getragen werden, so würde das, scheint es, überwiegend vorteilhaft wirken. Auch für uns noch und für alle Zeiten ist Aristoteles die notwendige Ergänzung zu Plato. Aristoteles weiß sich und gibt sich als Platoschüler; was er vorträgt, ist verbesserte platonische Lehre. Verbesserung aber heißt von je Polemik, und daß diese immer und bei allen frei von Heftigkeit oder herbem Spott sein könne, ist ausgeschlossen und wäre nicht einmal wünschenswert. Die Polemik gegen Plato ist nicht durch persönliches Belieben, sondern durch den Zwang der Sache die Form geworden, in der Aristoteles seine Lehre begründet hat. Die Geschichte wollte es so. Der Dualismus in seiner verführerischsten Form mußte durch den energischsten und konsequentesten Monismus des Geistes den die Welt bis auf Hegel gesehen hat, endgültig aufgehoben werden. Das hat Aristoteles geleistet, und dadurch ist er im Verein mit seinem großen Lehrer und Geistesgenossen Plato der Lehrer aller menschlichen Geschlecter nach ihm geworden.
Vor allem muß dies betont werden: die Darstellung, die uns Aristoteles von der Lehre Platos zum Teil in polemischer Absicht gegeben hat, ist die allein gesicherte Grundlage für unsere Kenntnis des platonischen Systems. Wie liegt doch die Sache? Zwanzig Jahre lang ist Aristoteles in Platos Schule gewesen; er hat höchst wahrscheinlich manche seiner Einwendungen dem Meister selbst noch vortragen können und ihn zu Versuchen diesen Einwänden gerecht zu werden angeregt. Mit den bedeutendsten Anhängern Platos war er eng befreundet. Es können längstens dreizehn bis fünfundzwanzig Jahre nach Platos Tode gewesen sein, wo Aristoteles seine Polemik gegen Plato Zuhörern vorgetragen hat, die selbst durd Platos Schule gegangen, zum großen Teil eingefleischte Platoniker waren. Er hat sich dabei nachweisbar von Satz zu Satz solcher Worte und Wendungen bedient, die aus Platos Schriften oder aus seinen mündlichen Vorträgen entlehnt und allen geläufig waren. Wie würden ihm die Kenner auf die Finger geklopft haben, wenn er Mißverständnisse oder Entstellungen mit dreister Sicherheit für Platos Lehre ausgegeben hätte! Die Sache ist ganz undenkbar. Aber die Weisen der letzten Tage, die wissen es besser. 22 Jahrhunderte nach Plato wissen sie mehr von Platos Lehre, als sein größter Schüler zu seiner Zeit es als unmittelbarer Hörer gewußt hat. Aus einzelnen Sätzen einzelner platonischer Dialoge machen sie sich mit mehr oder minder Willkür ein Bild von Platos Lehre zurecht und messen daran die aristotelische Darstellung, um sie als grundfalsch, als Mißverständnis aus Unzulänglichkeit oder bösem Willen nachzuweisen. Aus Platos Schriften aber läßt sich die größte Verschiedenheit von Ansichten mit gleichem Rechte belegen. Plato hat Dialoge geschrieben; nun traut man dem größten, dem feinsten Meister des Stils, den die Menschheit je gesehen hat, die Urteilslosigkeit zu, zum Vortrage seiner Lehre die Form zu verwenden, die von allen die ungeeignetste ist. Plato zeichnet mit dramatischer Lebendigkeit Charaktere, Zustände und Richtungen, die er sich aussprechen läßt; nirgends spricht er selber zu uns. So wenig Sokrates wie der Eleat oder der Pythagoreer können ohne weiteres dafür gelten, Platos Lehre vorzutragen. Wenn die aufgeworfene Frage unerledigt bleibt, hat man ein Recht anzunehmen, Plato habe eine Lösung nicht gehabt? Wenn er anmutige Märchen, Allegorien, Gleidnisse vortragen läßt, darf man schließen, eine Antwort in begrifflichem Ausdruck zu geben sei er unvermögend gewesen? Wenn ein Begriff, ein Satz, eine Untersuchung in einem Dialog vorkommt, in einem andern, wo wir sie erwarten, nicht, hat es einen Sinn υu sagen, an der einen Stelle sei er noch nicht soweit in seiner Lehre gewesen, wie an der anderen? Plato ist unter allen Meistern der Satire, die die Welt gesehen hat, zugleich der heiterste und der grausamste; er liebt den Scherz und spinnt ihn aus; er kleidet am liebsten das Ernsteste in ein heiteres Gewand. Ist es nicht erheiternd zu sehen, wie das alles ganz ernsthaft genommen' und wie aus witzigen, ja mutwilligen Wendungen weit her-geholte tiefsinnige Gedankengänge herausgeklaubt werden? Wenn über denselben Gegenstand in verschiedenen Dialogen verschiedene Ansichten vorgetragen werden, läßt sich das wirklich nur dadurch erklären, daß Plato inzwischen seine Lehre geändert hat? Das alles ist naives Mißverständnis. Es sollte ganz anders verfahren werden. Wenn wir des Aristoteles Zeugnisse wohl beachten, können wir auch in Platos Dialogen Platos Lehre wiederfinden, etwa wie wir aus den Außerungen der Personen in Schillers Dramen, aus dem Gang der Handlung, aus der Gruppierung der Charaktere und aus ihren Schicksalen auf Schillers Ansichten und Gesinnungen schließen können. Man muß nur sorgfältig jeden Schritt in der Untersuchung, jede Wendung im Gespräch, jede Episode, jede Digression auf ihre Tendenz untersuchen, und man wird die Absicht richtig erfassen können, mit der der zeitige Zustand der Wissenschaft, die hauptsächlichen Probleme, die die Zeitgenossen beschäftigten, und der Weg zu ihrer Lösung in charakteristischen Bildern dargelegt oder angedeutet wird.
Es ist im heutigen Deutschland wirklich soweit gekommen, daß es nützlich ist, ausdrücklich als unumstößliches Ergebnis der Wissenschaft festzustellen, was für den Verständigen sich von selbst versteht. Plato, der Verfasser der Republik und anderer geschätzter Dialoge, — was man davon nicht versteht, erklärt man am einfachsten für unecht, — ist in Wahrheit nicht inSchievelbein 1870 nach Christo, sondern nach den besten Quellen 427 vor Christo zu Athen geboren und nicht durch weise Männer in Marburg, sondern durch den weisen Sokrates von Athen in die Philosophie eingeführt worden. Er hat infolgedessen das Unglück gehabt, von Kants Kritik der reinen Vernunft während seiner ganzen Lebensdauer niemals etwas zu erfahren und von der ganzen Transzendentalphilosophie keine blasse Ahnung zu erlangen. Man mag Plato deshalb bedauern, ihm an seinem Ruhme etwas abziehen: aber die Tatsache steht fest und darf nicht geleugnet werden. Wenn es verwerflich ist, kein Transzendentalphilosoph im Kantischen Sinne nach Marburger Auffassung zu sein, so ist Plato mit Aristoteles ganz in der gleichen Verdammnis. Damit sei dieser eine Hauptpunkt der aristotelischen Metaphysik, die Polemik gegen Plato, besonnenerer Erwägung aufs neue empfohlen.
Ob die hier versuchte Wiedergabe der aristotelischen Metaphysik eine Übersetzung genannt werden darf, ob sie besser anders zu benennen ist, mögen andere sehen. Wenn sie sich nur als nützlich bewährt, ja, wenn sie nur den Weg weist, auf dem Tüchtigere besser zum Ziele gelangen können, so ist sie schon dadurch gerechtfertigt. Es ist gewiß ein Glück, aber auch eine Gefahr, wenn der Übersetzer in dem Text, den εr wiedergeben will, seine eigenen Gedanken wiederzufinden meint. Hoffentlich habe ich, was ich Aristoteles sagen lasse, aus ihm heraus, nicht in ihn hinein gelesen. Gedacht ist diese {bertragung als ein allgemein verständlicher Kommentar. Es hätte sich dasselbe auch in einigen Bänden Quaestiones peripateticae sagen lassen; aber die Form, die hier gebraucht ist, schien doch einfacher und wirksamer. Bei weitem das Meiste wird in der hier vorliegenden Form sich selbst erklären. Für das, was auch so noch dunkel bleibt, mag das unschätzbare Meisterwerk des Kommentars von Bonitz eintreten. Wo ich von Bonitz abgewichen bin, da muß der Zusammenhang erweisen, ob die Abweichung gerechtfertigt ist oder nicht. Die übrigen zum Verständnis dienlichen Notizen über Namen und Sachen findet der wißbegierige Leser in den geläufigen Werken über Geschichte der griechischen Philosophie; damit die Übertragung zu belasten, schien überflüssig. Die Stellen, wo ich dem Verständnis durch einen textfremden Zusatz nachgeholfen habe, sind äußerst selten. Eine Analyse des Gedankenganges im einzelnen müßte an anderem Orte gegeben werden; fruchtbar kann sie nur werden im Zusammenhange der Darstellung des aristotelischen Systems. So bitte ich denn, zunächst das hier Vorliegende mit der Nachsicht aufzunehmen, die dem nicht völlig unzulänglichen Vermögen gewährt werden darf, wo der Wille etwas Nützliches zu leisten wenigstens hier und da der Sache zustatten kommt. Eingerichtet habe ich mich nicht bloß auf das Bedürfnis der Anfänger, die nach Hilfsmitteln zum Verständnis sich umtun, sondern auch auf die Forschungslust der Kenner und Eingeweihten, die mit selbständiger Kritik eine fremde Auffassung zu beurteilen vermögen, θm ihr gegenüber die eigene Auffassung zu behaupten oder zu berichtigen. Ich wüßte für diese Arbeit kein glücklicheres Los, als daß sie z u neuer Erörterung des Gegenstandes weithin wirkenden Anstoß gäbe.
Hegel hat einmal die Außerung getan: „Das Beste bis auf die neuesten Zeiten … ist das, was wir von Aristoteles haben. Man muß sich nur die Mühe geben, es kennen zu lernen und es in unsere Weise der Sprache, des Vorstellens, des Denkens zu übersetzen; — was freilich schwer ist." Was Hegel fordert, habe ich zu leisten versucht. Was mir nicht gelungen ist, mag in der Schwierigkeit seine Entschuldigung finden. Vielleicht treibt es andere an, sich um die ernste Aufgabe ernsthaft zu bemühen, ob ihnen ein Erfolg beschieden ist, wo er mir versagt blieb. Das Ziel jedenfalls ist der angestrengtesten Mühe wert.