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Werk:Philebos (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

Über diese Seite Werk

Philebos

PHILEBOS. (De voluptate)

2. Teil: Philebos 2 (Platon)

3. Teil: Philebos 3 (Platon)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke. Zweiten Teiles dritter Band, dritte Auflage, Berlin 1861, bearbeitet.

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[11 St.2 A] SOKRATES: Sieh also zu, Protarchos, was für eine Ansicht du jetzt vom Philebos übernehmen willst, und gegen was für eine von unserer Seite streiten, [B] falls sie dir nicht zu Sinne sollte gesprochen sein. Wollen wir sie uns beide noch einmal wiederholen?

PROTARCHOS: Allerdings.

SOKRATES: Philebos nämlich sagt, dass für alles Lebendige das Gute in dem Wohlbefinden bestehe und in der Lust und dem Vergnügen und was sonst damit zusammenstimmt. Von meiner Seite aber ist das Bedenken, dass vielleicht doch nicht dieses, sondern dass Vernunft und die Einsicht und die Erinnerung, und was wiederum hiermit verwandt ist, richtige Meinung und wahrheitsgemäße Überlegungen, [C] besser sein mag als Lust und ersprießlicher als alles, was nur daran teilnehmen kann, und für die, so es können, das vorteilhafteste von allem, hieran teilzuhaben, für die Jetzigen sowohl als für die Künftigen. Behaupten wir nicht dies ungefähr, o Philebos, von beiden Seiten?

PHILEBOS: Ganz unstreitig, o Sokrates.

SOKRATES: Und übernimmst du diese dir jetzt übertragene Ansicht, o Protarchos? PROTARCHOS: Ich muß sie wohl übernehmen, denn Philebos, der Schöne, ist uns ja ermüdet. SOKRATES: Und auf alle Weise soll doch das Wahre darüber [D] herausgebracht werden? PROTARCHOS: Das soll freilich.

SOKRATES: Wohlan! So lass uns außer dem Vorigen auch noch dieses feststellen. PROTARCHOS: Was doch?

SOKRATES: Dass jetzt auch jeder von beiden unternehmen muß, eine gewisse Beschaffenheit und Verfassung der Seele als diejenige aufzuzeigen, welche allen Menschen vermag das Leben glücklich zu machen. Nicht so?

PROTARCHOS: Allerdings so.

SOKRATES: Also ihr, die des Vergnügens, und wir dagegen die des Vernünftigseins? PROTARCHOS: So ist es.

SOKRATES: Wie aber, wenn sich noch eine andere besser zeigt als diese? Werden nicht dann, falls sie sich der Lust verwandter zeigt, zwar wir beide von der jene Beschaffenheit festhaltenden Lebensweise überwunden werden, doch aber dann das Leben [12 St.2 A] der Lust den Sieg davon tragen über das der Einsicht?

PROTARCHOS: Ja.

SOKRATES: Falls aber der Vernünftigkeit verwandter, dann siegt doch die Vernunft über die Lust und diese wird überwunden. Gebt ihr zu, dass dies so fest stehe, oder wie?

 

PROTARCHOS: Mir wenigstens gefällt es.

SOKRATES: Wie aber dem Philebos? Was meinst du?

PHILEBOS: Mir ist auf alle Weise annehmlich, und wird es immer sein, dass die Lust siegt. Du aber, Protarchos, wirst ja selbst wissen.

PROTARCHOS: Nachdem du mir die Rede übergeben, o Philebos, bist du auch nicht mehr Herr [B] darüber, dem Sokrates dies zuzugestehen oder nicht.

PHILEBOS: Richtig gesprochen. Ich will mich auch nur lossagen, und rufe jetzt die Göttin selbst zum Zeugen.

PROTARCHOS: Auch wir wollen dir dies wohl gern mit bezeugen, dass du das gesagt hast, was du sagst. Allein das weitere, o Sokrates, wollen nun wir mit Philebos Beistimmung, oder wie er es sonst halten will, durchzuführen versuchen.

SOKRATES: Das wollen wir versuchen, und zwar von der Göttin selbst anfangend, welche zwar Aphrodite genannt wird, aber wie dieser behauptet, ihr eigentlichster Name sei Lust.

PROTARCHOS: [C] Ganz richtig.

SOKRATES: Meine Angst aber, Protarchos, die ich immer habe wegen der Benennungen der Götter, ist gar nichts gewöhnliches, sondern ärger als jede Furcht. So auch jetzt. Die Aphrodite will ich, wie es ihr selbst lieb ist, benennen. Lust aber weiß ich, ist ein gar verwirrendes Ding, und eben von ihr, wie gesagt, müssen wir anfangen daran zu gehen und zuzusehen, was für eine Natur sie eigentlich hat. Denn so anzuhören ist sie freilich ganz einfach nur Eines, aber vielfältige Gestalten nimmt sie doch an, und die einander auf gewisse Weise wirklich unähnlich sind. Denn [D] sieh nur, Lust zu empfinden, schreiben wir dem ausschweifenden Menschen zu, und Lust auch wiederum dem besonnenen, eben inwiefern er besonnen ist, und ebenso Lust dem Unvernünftigen und mit unvernünftigen Meinungen und Hoffnungen erfüllten, und Lust zu empfinden auch wiederum dem Vernünftigen, eben inwiefern er vernünftig ist, und wer nun von diesen beiden Arten der Lust, dass sie einander ähnlich wären, behaupten wollte, wie sollten wir den nicht mit vollem Recht für unvernünftig halten?

PROTARCHOS: Freilich entstehen diese, o Sokrates, aus entgegengesetzten Dingen, doch aber sind sie selbst einander nicht entgegengesetzt. Denn wie sollte nicht Lust [E] der Lust, dieselbige Sache sich selbst am ähnlichsten sein unter allen Dingen?

SOKRATES: Freilich auch Farbe, du Wunderlicher, wird von der Farbe, wenigstens was dieses selbst betrifft, das Farbesein, auch ganz und gar nicht einmal verschieden sein, aber das Weiße, wissen wir doch alle, ist dem Schwarzen außer der Verschiedenheit auch noch das Allerentgegengesetzteste. Ebenso Gestalt ist mit der Gestalt in derselben Hinsicht der Gattung nach ganz Eines, die einen aber sind den anderen teils ganz entgegengesetzt, teils haben sie tausendfältige Verschiedenheiten [13 St.2 A] untereinander. Und vieles andere werden wir finden, dass es sich ebenso verhält, so dass du dieser Rede nicht trauen darfst, welche auch das Entgegengesetzteste zu Einem macht. Ich fürchte aber, dass wir manche Lust der andern werden entgegengesetzt finden.

PROTARCHOS: Vielleicht! Aber wie soll das unserer Ansicht schaden?

SOKRATES: Weil du sie, werden wir sagen, unähnlich wie sie einander sind, doch alle noch mit einem einzigen andern Namen benennst. Denn du sagst ja, alles Angenehme sei gut. Dass nun das Angenehme nicht alles angenehm wäre, das behauptet niemand. Aber da vieles davon schlecht ist und auch gut, [B] wie wir sagen, sagst du doch von allem aus, sie seien gut, obgleich du zugibst, dass sie einander unähnlich sind, wenn dir es jemand in der Rede abringen will. Was ist nun das Selbige dem Schlechten gleichermaßen wie dem Guten zukommende, weshalb du aller Lust zuschreibst, dass sie gutes ist?

PROTARCHOS: Wie sagst du, Sokrates? Glaubst du wohl, irgendjemand werde einräumen, nachdem er einmal festgesetzt, die Lust sei das Gute, dass er sich hernach gefallen lassen werde, wenn du sagst, einige gewisse Arten der Lust wären zwar gut, andere aber schlecht?


SOKRATES: Doch aber unähnlich wirst du gestehen, [C] dass sie einander sind, und einige auch entgegengesetzt.

PROTARCHOS: Nicht doch sofern sie Lust sind.

SOKRATES: Da werden wir wieder auf dieselbe Rede getrieben, o Protarchos, und werden auch nicht einmal, dass eine Lust von der andern verschieden sei, sondern dass sie alle ähnlich sind, behaupten müssen. Und alle die eben angeführten Beispiele helfen uns nicht, sondern wir werden das aufsuchen und vorbringen, was die schlechtesten unter allen, und die zugleich in solchen Untersuchungen kinderleicht sind.

PROTARCHOS: Was doch meinst du?

SOKRATES: Dass, falls ich dich nachahmen und [D] mich wehren wollte, wenn ich etwa das Herz gehabt hätte zu sagen, dass das unähnlichste dem unähnlichsten von allem am ähnlichsten sei, ich nur dasselbe zu sagen brauchte, und wir zeigen uns dann wohl schülermäßiger als billig, und unsere Untersuchung wird uns festfahren und nicht weiter führen. Also lasse sie uns nur wieder umwenden. Und vielleicht, wenn wir auf die selbigen Wendungen zurückkommen, werden wir miteinander einig werden.

PROTARCHOS: Sage wie?

SOKRATES: Nimm an, dass ich nun meinerseits von dir gefragt würde, o Protarchos. PROTARCHOS: Wonach doch?

SOKRATES: [E] Einsicht und Kenntnis und Vernunft und alles übrige, was ich am Anfang als gut setzte, wird dem nicht, wenn ich nun weiter ausgefragt werde, was doch das Gute ist, eben dasselbe begegnen wie deiner Behauptung?

PROTARCHOS: Wie so?

SOKRATES: Als viele werden uns die sämtlichen Kenntnisse erscheinen, und einige einander unähnlich. Und da auch einige gar irgendwie entgegengesetzte darunter sein werden, [14 St.2 A] würde ich wohl wert sein jetzt diese Untersuchung zu führen, wenn ich eben dies scheuend sagen wollte, keine Erkenntnis werde je der andern unähnlich, so dass demnach diese Untersuchung uns wie eine Fabel ins Nichts entschwände, und wir selbst uns nur mit irgendeiner Unvernunft retteten?

PROTARCHOS: Das darf keineswegs geschehen, außer dem Retten. Und eben dieses Gleiche deiner und meiner Behauptung gefällt mir. Vielerlei Lust und unähnliche soll es also geben, und vielerlei Erkenntnis und verschiedene.

SOKRATES: Diese Verschiedenheit nun, o Protarchos, meines Guten und deines Guten wollen wir uns nicht verbergen, sondern den Mut haben, sie vor uns hinzustellen, ob sie nicht irgendwie weiter durchgeprüft [B] uns zeigen sollte, ob man sagen muß, Lust oder Einsicht sei das Gute, oder ob etwas anderes Drittes. Denn jetzt ist es uns doch wohl nicht darum zu tun, dass das was ich sage den Sieg davon tragen soll, oder das was du, sondern für das richtigste müssen wir doch wohl beide streiten.

PROTARCHOS: Das müssen wir freilich.

[C] SOKRATES: Lasst also zuerst diese Überlegung noch durch Übereinkunft befestigen.

PROTARCHOS: Welche doch?

SOKRATES: Die allen Menschen zu schaffen macht mit ihrem Willen und auch wider ihren Willen manchen und manchmal.

PROTARCHOS: Erkläre dich deutlicher.

SOKRATES: Ich meine die, auf die wir jetzt eben gestoßen sind, die von Natur gar wunderlich geartet ist. Denn dass Eines vieles ist und Vieles eines, ist doch wunderbar zu sagen, und es ist wohl leicht zu streiten mit dem, der das von beidem behauptet.


PROTARCHOS: Meinst du, wenn jemand sagte, dass ich Protarchos, der ich von Natur Einer bin, doch auch [D] wieder Viele wäre und einander entgegengesetzte, indem er mich als groß und klein setzte und als leicht und schwer und dergleichen noch vielerlei?

SOKRATES: Du bringst nur das vor, Protarchos, was schon allbekannt geworden ist von diesen Wunderlichkeiten über das Eine und Viele, und dabei, kurz gesagt, von allen schon eingestanden ist, dass man daran nicht rühren dürfte, und annehmen, dies sei kindisch und leicht und gereiche nur den Untersuchungen zur Verwicklung. Ja auch dass nicht einmal, [E] wenn einer von einer Sache alle Glieder, die zugleich Teile sind, ihrer Beschreibung gemäß abteilend, den, welcher zugäbe, dies alles sei eben zusammen jenes Eine, den auslachte und tadelte, dass er wunderliche Dinge einzuräumen genötigt wäre, dass nämlich das Eine Vieles ist und Unendliches, und das Viele wiederum nur Eines.

PROTARCHOS: Was meinst denn du, o Sokrates, was noch nicht so zugestanden und allgemein geworden ist über diese Behauptung?

[15 St.2 A] SOKRATES: Dass man, mein Junge, das Eine nicht aus dem Werdenden und Vergehenden nehmen darf, wie wir jetzt eben taten. Denn hiervon und von einem solchen Einen, wie wir jetzt eben meinten, ist schon eingestanden, dass man es nicht daraufhin zu überprüfen braucht. Wenn aber jemand den Menschen als Einen setzt, und den Ochsen als Einen, und das Schöne als Eines, und das Gute als Eines, über diese und ähnliche Einzelne wird bei fleißigerer Behandlung und Auseinanderlegung leicht Streitigkeit entstehen.

PROTARCHOS: Wie meinst du?

[B] SOKRATES: Zuerst ob man wohl annehmen darf, dass es dergleichen Einzelnes gebe als wahrhaft seiend. Dann aber auch, wie doch dieses Einzelne, da jedes von ihnen immer dasselbe sei, und weder Werden noch Untergang unterworfen, dennoch zuerst zwar unwandelbar dieses Eine sei, hernach aber in dem Werdenden und Unendlichen wiederum, sei es nun als Zerteiltes Vieles geworden, zu setzen ist, oder ganz von ihnen getrennt und außerhalb ihrer selbst, was doch für das unmöglichste von allem zu halten wäre, dieses selbige und Eine zugleich in Einem sowohl als in Vielem erscheint. Dies [C] ist das in dergleichen Dingen Eine und Viele, nicht aber jenes, o Protarchos, was aller Zweifel Ursache ist, wenn es nicht richtig bestimmt wird, aber auch wieder aller Sicherheit, wenn richtig.

PROTARCHOS: Also müssen wir wohl, o Sokrates, für jetzt zuerst dieses bearbeiten. SOKRATES: Wie ich wenigstens raten möchte.

PROTARCHOS: Und nimm nur immer an, dass wir hier alle dir in dergleichen folgen. Den Philebos aber wäre wohl am besten, für jetzt nicht durch Fragen aufzustören, [D] da er ruhig liegt.

SOKRATES: Wohl! Womit soll man nun aber wohl diese große und vielfältige Überlegung über das Bezweifelte anfangen? Etwa hierbei?

PROTARCHOS: Wobei?

SOKRATES: Wir sagen doch, dass Eines und Vieles dasselbe werdend, sich bei jeder Untersuchung überall zeigt, wo nur etwas geredet wird, immer wieder und so auch wie jetzt. Und dass das weder jemals aufhören wird, noch auch jetzt erst angefangen hat, sondern es ist dies, soviel ich sehe, ein unaufhörliches und nie veraltendes Begegnis in den Untersuchungen selbst unter uns. [E] Wer aber von jungen Leuten zuerst davon hört, der, froh als hätte er einen ganzen Schatz von Weisheit gefunden, ist ganz begeistert vor Freude und voll Vergnügen jegliche Überlegung zu stören, indem er die Sache bald auf die eine Seite wälzt und in eins zusammenrührt, bald wieder sie aufwickelt und zerteilt, zuerst und am meisten sich selbst in Ratlosigkeit stürzend, zunächst aber auch, wen er jedesmal festhält, sei es nun ein Jüngerer oder ein Älterer oder von gleichem Alter mit ihm, ohne weder des Vaters zu schonen [16 St.2 A] noch der Mutter, noch irgend eines andern Hörers, ja fast auch nicht einmal der andern Tiere, nicht nur der Menschen nicht, denn Barbaren würde er gewiss keinen schonen, wenn er nur irgendwoher einen Dolmetscher bekommen könnte.

 

PROTARCHOS: Aber siehst du denn nicht, Sokrates, wieviel wir unserer sind, und alles Jünglinge? Und fürchtest du nicht, dass wir mit dem Philebos über dich herfallen, wenn du uns schmähst? Jedoch, denn wir verstehen recht gut was du meinst, wenn es eine Weise gibt und einen Rat um eine so große Verwirrung in unseren Überlegungen [B] leicht los zu werden, und es einen besseren Weg, als diesen, gibt um zu unseren Ansichten zu finden, so sinne du es nur aus, und wir wollen dir nach Vermögen folgen. Denn nichts Geringfügiges ist unsere dermalige Rede, o Sokrates.

SOKRATES: Freilich nicht, ihr Jünglinge, wie euch Philebos immer anredet. Einen schöneren Weg gibt es nicht und kann es nicht geben, als welchen ich zwar immer sehr schätze, oft aber auch schon, wenn ich ihn verloren hatte, in der Irre und ratlos [C] zurückgeblieben bin.

PROTARCHOS: Welcher ist dieser? Er werde uns nur angezeigt.

SOKRATES: Der zu beschreiben zwar gar nicht schwer ist, einzuschlagen aber sehr schwer. Denn alles, was jemals mit einer Kunst zusammenhängend ist erfunden worden, hat man durch ihn entdeckt. Siehe nun, welchen ich meine.

PROTARCHOS: Sage nur.

SOKRATES: Als eine wahre Gabe von den Göttern an die Menschen, wofür ich es wenigstens erkenne, ist einmal von den Göttern herabgeworfen worden durch den bekannten Prometheus, zugleich mit dem glanzvollsten Feuer, und die alten Besseren als wir und den Göttern näher Wohnenden haben uns diese Sage übergeben, [D] aus Einem und Vielem sei alles, wovon gesagt wird, dass es ist und habe Bestimmung und Unbestimmtheit, in sich verbunden. Deshalb nun müssen wir, da dieses durchgehend so geordnet ist, immer einen Begriff von allem voraussetzen und suchen, denn finden würden wir ihn gewiss. Wenn wir ihn nun ergriffen haben, dann nächst dem einen, ob etwa zwei darin sind, ansehen, wo aber nicht, [E] ob drei oder irgend eine andere Anzahl, und mit jedem einzelnen von diesen darin befindlichen ebenso, bis man von dem ursprünglichen Einen nicht nur, dass es Eines oder Vieles oder unbegrenzt Vieles ist, sieht, sondern auch wie Vieles, des Unbegrenzten Begriff aber für die Menge nicht eher zu verwenden, bis einer die Anzahl derselben erkannt hat, und wenn sie nicht zwischen dem unbegrenzt Vielen und dem Einen liegt, dann erst jedes Einzelne davon im unbegrenzt Vielen aufgehen lassen und als beseitigt ansehen. So nun haben, wie ich sagte, die Götter uns überliefert, zu untersuchen und zu lernen und einander zu lehren. Die jetzigen Weisen unter den Menschen [17 St.2 A] hingegen setzen Eines, wie sie es eben treffen, und Vieles schneller oder langsamer als es sich gehört, nach dem Einen aber gleich das Unbegrenzte, das dazwischen hingegen entgeht ihnen, wodurch doch eben zu unterscheiden ist, ob wir in unsern Reden gegenseitig abwägend oder nur streitsüchtig mit einander verfahren.

PROTARCHOS: In einigem, o Sokrates, glaube ich dich wohl zu verstehen, von anderem aber muß ich erst noch deutlicher vernehmen, wie du es meinst.

SOKRATES: Ganz deutlich, o Protarchos, ist, was ich meine, an den Buchstaben. Fasse es also nur an dem, worin du selbst unterrichtet bist.

[B] PROTARCHOS: Wie so?

SOKRATES: Der Laut ist uns doch wohl Einer, der durch unseren Mund ausgeht, und unendlich mannigfaltig ist er auch wiederum bei allem und jedem.

PROTARCHOS: Wie sollte er nicht!

SOKRATES: Aber durch keines von diesen beiden verstehen wir doch irgendetwas, weder weil wir das unbegrenzt Viele desselben, noch weil das Eine, sondern weil das Wievielerlei und Welcherlei dies ist, was jeden von uns zum Sprachkundigen macht.

PROTARCHOS: Vollkommen richtig.

SOKRATES: Und ebenso, was die Musik macht ist ganz dasselbige. PROTARCHOS: Wie so?


SOKRATES: Der Laut oder Ton ist es doch auch, was jene Kunst ausmacht, und ist nur Einer in ihr?

PROTARCHOS: Wie sollte er nicht!

SOKRATES: Werden wir nun aber auch ein Zweifaches darin sehen, ein Hohes und [C] ein Tiefes, und das Einstimmige als das Dritte? Oder wie?

PROTARCHOS: Allerdings so.

SOKRATES: Aber noch lange verständest du nichts von der Tonkunst, wenn du nur dieses wüsstest, sondern, wenn du auch dieses weißt, bist du, um es grade heraus zu sagen, noch gar nichts wert in dieser Sache.

PROTARCHOS: Freilich nicht.

SOKRATES: Aber Freund, wenn du die Abstände zwischen den Tönen verstanden hast, wieviel deren sind der Anzahl nach, und welcherlei an Höhe und Tiefe und die Erklärungen dieser Abstände, und wie viele Verbindungen wieder aus ihnen entstehen, welche eben die Älteren erkannt und [D] uns, ihren Nachfolgern, überliefert haben, sie die harmonischen zu nennen, und ebenso ähnliche Verhältnisse, die sich in den Bewegungen des Tonsatzes finden, welche man in Zahlen gemessen, wie sie sagen, wiederum Takte und Maße nennen muß, und zugleich bedenken, dass man ebenso jedes, was hierin Eins und Vieles ist, untersuchen muß, wenn du dies so aufgefaßt hast, dann bist du der Sache kundig geworden, und wenn du irgendetwas anderes auf eben diese Weise untersucht und gefasst hast, dann bist du darin zur Einsicht gelangt. Das [E] unbegrenzt Viele aber in jedem Begriff und in jeglichem Dinge macht jedesmal, dass du in der Kenntnis auch nicht zu Ende kommst, und die Sache nicht aufzählen kannst, wenn du ja in keiner Hinsicht niemals irgend auf die Anzahl siehst.

PROTARCHOS: Sehr schön, o Philebos, scheint mit Sokrates, was er jetzt gesagt hat, vorgetragen zu haben.

PHILEBOS: Auch mich dünkte es ebenso. Allein was geht uns doch diese Rede an, [18 St.2 A] dass sie an uns ist gerichtet worden, und was will sie von uns?

SOKRATES: Ganz mit Recht, o Protarchos, hat uns Philebos hiernach gefragt. PROTARCHOS: Allerdings, und antworte ihm also.

SOKRATES: Das will ich tun, sobald ich nur noch ein weniges über eben dieses werde auseinandergesetzt haben. Nämlich, wie wenn jemanden irgendetwas Eines vorgenommen hat, dieser, wie wir sagen, dabei nicht gleich auf das unbegrenzt Viele sehen darf, sondern zuvor die Anzahl suchen soll, so auch auf der andern Seite, wenn jemand genötigt wäre das unbegrenzt Viele zuerst zu nehmen, muß er nicht gleich auf das Eine, sondern wiederum auf die Anzahl, [B] die doch jegliche eine bestimmte Menge beschreibt, hinsehen, und so von dem Allen bei dem Einen endigen. Lasst uns aber wiederum an den Buchstaben das jetzt Gesagte betrachten.

PROTARCHOS: Wie das?

SOKRATES: Nachdem nämlich er zuerst den Laut als ein unbegrenzt Vieles aufgefaßt hatte, war er nun ein Gott, oder irgend ein göttlicher Mensch, wie denn in Ägypten eine Sage geht, welche sagt, es sei dies ein gewisser Theuth gewesen, welcher zuerst die Selbstlaute unter diesen unendlich vielen Lauten unterschied, nicht als Eines, [C] sondern als mehrere, und dann wiederum andere, die zwar keinen Laut eigentlich, wohl aber ein gewisses Geräusch geben, und wie diese ebenfalls eine gewisse Anzahl ausmachen, und der endlich noch eine dritte Art der Laute unterschied, die wir jetzt stumme nennen. Nächst dem aber sonderte er sowohl die laut- und geräuschlosen einzeln ab, als auch die Selbstlaute und die dazwischen liegenden auf dieselbe Weise, bis er ihre Anzahl zusammenfassend, jeden einzeln und alle insgesamt Buchstaben nannte. Und da er sah, dass niemand von uns auch nicht Einen für sich allein ohne sie insgesamt verstehen kann, [D] so fasste er wiederum dieses ihr Band als Eines zusammen und als diese alle vereinigend, und benannte es daher als das Eine zu diesen, die Sprachkunst.


PHILEBOS: Dies habe ich nun noch deutlicher als jenes nämlich in seiner Beziehung unter sich verstanden, o Protarchos. Dieselbe Kleinigkeit aber fehlt mir an der Rede auch jetzt noch wie vorher.

SOKRATES: Etwa, o Philebos, was dies wohl zur Sache beiträgt? PHILEBOS: Ja das ist es, wonach Protarchos und ich schon lange suchen.

[E] SOKRATES: Wahrhaftig, ihr seid schon eben dabei, und sucht es doch, wie du sagst, noch immer?

PHILEBOS: Wie doch?

SOKRATES: War uns nicht von Anfang an die Rede von Vernünftigkeit und Lust, welche von beiden zu wählen wäre?

PROTARCHOS: Wovon anders?

SOKRATES: Und jede von beiden sagen wir doch ist Eines? PHILEBOS: Freilich.

SOKRATES: Eben dieses also fragt die vorige Überlegung uns ab, wie doch jede von beiden Eines ist und Vieles, und wie nicht gleich unendlich Vieles, sondern zuvor jede ihre bestimmte Anzahl hat, [19 St.2 A] ehe das Einzelne von ihnen unendlich viel geworden ist.

PROTARCHOS: In eine gar nicht schlechte Aufgabe, o Philebos, hat uns, ich weiß nicht auf welche Weise rings herumführend, Sokrates hineingeworfen. Siehe daher zu, welcher von uns beiden das jetzt Gefragte beantworten soll. Denn vielleicht ist es wohl lächerlich, wenn ich, der ich die Rede vollständig zu übernehmen mich erklärt habe, nun, weil ich das jetzt Gefragte nicht zu beantworten vermag, es dir wieder zurückschiebe, noch lächerlicher aber bei weitem, glaube ich, wenn keiner von uns beiden es [B] vermöchte. Überlege also, was wir tun sollen. Nach den Arten der Lust nämlich, scheint mir Sokrates jetzt zu fragen, ob es deren gibt oder nicht, und wie viele und was für welche, und nach der Erkenntnis ebenso auf dieselbe Weise.

SOKRATES: Vollkommen richtig, o Sohn des Kallias. Denn wenn wir dies nicht mit jedem Einen und ähnlichen und selbigen zu tun wissen, und ebenso mit dem Gegenteil davon, so wird, wie die eben durchgeführte Überlegung uns nachgewiesen hat, keiner von uns in nichts auch nur irgendetwas wert sein.

PROTARCHOS: So scheint es fast wohl, o Sokrates, sich zu verhalten. Allein, schön ist es freilich alles zu wissen [C] dem Weisen, doch das Nächstbeste wenigstens scheint zu sein, dass man sich selbst nicht verkenne. Was mir damit jetzt gesagt sein soll, will ich dir erklären. Du hast uns allen, o Sokrates, diese Unterredung hier zugestanden und dir selbst, um zu bestimmen, welches wohl unter den menschlichen Besitztümern das vortrefflichste sei. Denn da Philebos behauptete Lust, Vergnügen und Freude, und alles was es dergleichen gibt, seien es, so hast du dem widersprochen, nicht dies wäre es, sondern jenes, was wir uns oft absichtlich wiederholen, [D] und mit Recht, damit dem Gedächtnis wohl eingeprägt beides geprüft werde. Du behauptest nämlich, wie zu sehen ist, was mit Recht ein besseres Gut als die Lust genannt werden könne, sei Vernunft, Kenntnis, Verstand, Kunst, und alles damit verwandte, welches man müsse zu erlangen suchen, nicht aber jenes. Da nun beide Meinungen nicht ohne Widerspruch sind vorgebracht worden, [E] haben wir dich scherzhafterweise bedroht, wir würden dich nicht nach Hause lassen, bis diese Untersuchung zu Ende gekommen sei, indem etwas Genügendes darüber bestimmt wäre. Und du hast eingewilligt, und hierzu uns dich selbst hergegeben. Also sagen wir wie die Kinder, was einmal ordentlich geschenkt ist, kann nicht zurückgenommen werden. Höre demnach auf, dem jetzt Gesagten auf diese Weise zu begegnen.

SOKRATES: Auf welche meinst du?

PROTARCHOS: Dass du uns in die Enge treibst, und [20 St.2 A] immer weiter zurück nach solchen Dingen fragst, worauf wir dir im Augenblick keine befriedigende Antwort zu geben wissen. Denn das wollen wir nicht gelten lassen, dass jetzt die Sache mit unser aller Ratlosigkeit endigen

 

soll, sondern wenn wir es auszurichten unvermögend sind, musst du es ausrichten, denn du hast es versprochen. Gehe also nun selbst mit dir zu Rate, ob du die verschiedenen Arten der Lust und der Erkenntnis aufstellen sollst, oder es lassen, falls du etwa auf eine andere Weise kannst und willst das jetzt unter uns Streitige irgend anderswie deutlich machen.

SOKRATES: Nun habe doch ich [B] nichts Arges mehr zu erwarten, da du dich hierüber so erklärst. Denn dies, wenn du willst, macht aller Furcht über alles ein Ende. Überdies aber hat mir wohl ein Gott selbst etwas in Erinnerung gebracht, zu unserem Besten.

PROTARCHOS: Wie so? Und was?

SOKRATES: Reden, die ich schon lange gehört habe im Traume oder auch wachend, fallen mir jetzt ein, über Lust und Erkenntnis, dass keines von beiden das Gute ist, sondern ein anderes drittes von ihnen verschiedenes [C] und besseres als beide. Zeigte sich uns nun dieses jetzt deutlich, so wäre es mit der Lust schon vorbei, und sie könnte nicht siegen, denn das Gute wäre nicht mehr einerlei mit ihr. Oder wie?

PROTARCHOS: Allerdings so.

SOKRATES: Und der Bestimmung der Arten der Lust bedürften wir dann gar nicht mehr, wie ich meine und wie es die Überlegung selbst im Fortgang es noch deutlicher zeigen wird.

PROTARCHOS: Vortrefflich gesagt, und führe es nun auf diese Weise weiter.

SOKRATES: Nur einiges wenige lasse uns vorher noch mit einander ausmachen.

PROTARCHOS: Was doch?

SOKRATES: Ist das Los des Guten wohl, [D] notwendig vollendet zu sein, oder nicht vollendet? PROTARCHOS: Vor allem andern offenbar doch das Vollendetste, o Sokrates.

SOKRATES: Und wie? Ist das Gute sich selbst genug?

PROTARCHOS: Wie sollte es nicht! Und noch dazu übertrifft es hierin alles andere.

SOKRATES: Und dies muß man doch am allernotwendigsten davon sagen, dass alles Erkennende danach trachtet und strebt, es zu gewinnen und für sich zu haben, und sich um alles übrige [E] nichts kümmert, als nur um das, was mit dem Guten zugleich erlangt wird.

PROTARCHOS: Dagegen ist nichts zu sagen.

SOKRATES: Betrachten wir also, und beurteilen nun das Leben der Lust, und das der Einsicht, indem wir sie getrennt betrachten.

PROTARCHOS: Wie meinst du das?

SOKRATES: Weder soll in dem der Lust irgend Einsicht sein, noch in dem der Einsicht irgend Lust. Denn wenn eines von beiden das Gute ist, darf dies weiter sonst gar [21 St.2 A] nichts bedürfen. Zeigt sich aber eines von beiden noch bedürftig, so kann uns dies nicht mehr das wahrhaft Gute sein.

PROTARCHOS: Wie sollte es auch!

SOKRATES: Wollen wir also den Versuch machen, an dir dieses zu prüfen?

PROTARCHOS: Immerhin.

SOKRATES: So antworte denn!

PROTARCHOS: Sprich nur.

SOKRATES: Möchtest du wohl so leben, o Protarchos, dass du dein ganzes Leben hindurch an allen größten Vergnügungen dich vergnügtest?

PROTARCHOS: Warum nicht?

SOKRATES: Würdest du wohl glauben, dass dir noch etwas fehle, wenn du dies ganz vollkommen tätest?

PROTARCHOS: Keineswegs.


SOKRATES: Sieh doch zu! Von Einsicht und Wissen und gehörigem [B] Folgern, möchtest du davon nichts auch nur sehn?

PROTARCHOS: Und wozu? Denn ich hätte ja alles, weil ich das Vergnügtsein hätte.

SOKRATES: Auf diese Weise also lebend würdest du immer an jeglicher größten Lust dich vergnügen?

PROTARCHOS: Freilich.

SOKRATES: Von Vernunft aber und Erinnerung, von Erkenntnis und richtiger Meinung, auch nicht das mindeste habend, musst du doch zuerst schon dieses, ob du vergnügt bist oder nicht, offenbar nicht wissen, da du ja aller Einsicht leer bist.

PROTARCHOS: Notwendig.

SOKRATES: Und ebenso, da du ja dann gar keine Erinnerung besitzest, kannst du [C] offenbar weder dessen, dass du einst vergnügt warst, dich erinnern, noch kann dir von der Lust, die dir im Augenblick zufällt, auch nur das mindeste Andenken zurückbleiben. Wiederum da du auch keine richtige Meinung hast, kannst du nicht einmal, indem du dich freust, urteilen dass du dich freust. Und da du aller Folgerungen beraubt bist, wirst du auch nicht einmal, dass du in Zukunft noch vergnügt sein wirst, folgern können, und so nicht ein menschliches Leben leben, sondern irgend eines Polypen oder eines Schalentieres wie man sie im Meere findet. [D] Ist es so, oder können wir uns die Sache irgend anderswie vorstellen?

PROTARCHOS: Wie nur!

SOKRATES: Ist uns nun wohl ein solches Leben zu wählen?

PROTARCHOS: Ganz zum Verstummen hat mich diese deine Rede jetzt gebracht.

SOKRATES: Lass uns nur noch nicht zögern, sondern nun auch das Leben der Vernunft vornehmen und betrachten.

PROTARCHOS: Was für eines meinst du?

SOKRATES: Ob wohl [E] einer von uns leben möchte, so dass er zwar alle Einsicht und Vernunft und Wissenschaft und Erinnerung von allem hätte, Lust aber weder viel, noch wenig genösse, und eben so wenig Unlust, sondern für dieses alles ganz unempfänglich wäre?

PROTARCHOS: Keine von diesen beiden Lebensweisen ist mir wünschenswert, noch wird sie wohl irgendeinem andern glaube ich so vorkommen.

SOKRATES: Wie aber eine auf beides gerichtete, o Protarchos, [22 St.2 A] aus beiden ganz gemeinschaftlich gemischte?

PROTARCHOS: Aus Lust meinst du und aus Vernunft und Einsicht? SOKRATES: So, und eben eine solche meine ich.

PROTARCHOS: Diese wird wohl jeder eher als irgendeine von jenen wählen sein, und nicht etwa nur eine davon, und eine andere nicht.

SOKRATES: Verstehen wir nun wohl, was uns aus der bisherigen Rede folgt?

PROTARCHOS: Allerdings. [B] Es sind uns drei Lebensweisen vorgelegt worden. Von ihrer zweien aber war keine genügend noch wünschenswert weder für Menschen noch für irgendein anderes lebendes Wesen.

SOKRATES: Ist nun nicht von diesen schon so viel gewiss, dass keine von beiden aus dem Guten besteht? Denn sonst müsste sie ja genügend sein, und vollständig und allen Gewächsen und Tieren wünschenswert, denen es nur irgend möglich wäre, so ihr ganzes Leben hinzubringen. Und wenn dennoch jemand von uns etwas anderes wählte, so ergriffe er [C] das gegen die Natur des wahrhaft Erwählungswerten, wider Willen aus Unwissenheit oder vermöge sonst einer unseligen Notwendigkeit.

PROTARCHOS: So muß es sich allerdings wohl verhalten.


SOKRATES: Dass man also des Philebos Göttin, und das Gute nicht für einerlei halten darf, das dünkt mich hinlänglich gezeigt zu sein.

PHILEBOS: Aber auch deine Vernunft, o Sokrates, ist nicht das Gute, sondern unterliegt wohl denselben Einwendungen.

SOKRATES: Vielleicht, o Philebos, die meinige wohl. Die wahrhafte und göttliche Vernunft aber glaube ich wohl nicht, sondern mit der wird es sich wohl ganz anders verhalten. Um den ersten Preis also streite ich mich nicht mit jenem gemischten Leben für die Vernunft. [D] Wegen der zweiten Stelle aber, müssen wir nun zusehen und überlegen, was wir tun wollen. Denn von diesem gemischten Leben könnten wir nun jeder, der eine die Vernunft für die Ursache halten, der andere die Lust. Und so wäre zwar keine von diesen beiden das Gute selbst, aber für die Ursache desselben könnte doch einer eine von beiden ansehen. Darüber nun [E] möchte ich noch umso lieber mit unserem Philebos streiten, dass, was das auch sei in diesem gemischten Leben, wodurch es zugleich erwählungswert ist und gut, diesem nicht die Lust sondern die Vernunft das verwandtere und ähnlichere ist. Und sonach könnte man von der Lust weder, dass ihr die erste, noch dass ihr die zweite Stelle zukäme, irgend mit Recht sagen, ja auch noch weiter als die Dritte steht sie zurück, wenn meiner Vernunft für jetzt irgend zu glauben ist.

PROTARCHOS: Allerdings, o Sokrates, scheint mir wenigstens jetzt, die Lust, gleichsam tödlich getroffen, gefallen zu sein von diesen jetzigen Überlegungen. Denn um den ersten Preis kämpfend unterliegt sie. [23 St.2 A] Der Vernunft aber muß man, wie es scheint, nachsagen, dass sie sehr weislich um den ersten Preis sich nicht beworben hat, denn ihr wäre dasselbe begegnet. Geht nun die Lust auch des zweiten Preises verlustig, so würde ihr das ja auf alle Weise zur Schande gereichen bei ihren Verehrern, denn auch denen würde sie nicht mehr so schön wie sonst erscheinen.

SOKRATES: Wie also? Ist es nun nicht besser sie lieber gleich lassen, und nicht, indem wir sie auf die schärfste Probe nehmen und ganz durchprüfen, ihr wehe tun?

PROTARCHOS: Das ist nichts gesagt, Sokrates!

SOKRATES: [B] Etwa weil ich etwas Unmögliches ausgesprochen, der Lust wehtun?

PROTARCHOS: Nicht darum allein, sondern auch weil du nicht bedenkst, dass keiner von uns dich loslassen wird, bis du dies ganz zu Ende führst in deiner Untersuchung.

SOKRATES: Weh also, Protarchos, über die vielen Überlegungen, die wir noch vor uns haben, und die gar nicht leicht sind für jetzt. Denn es zeigt sich wohl, dass noch anderer Künste bedarf, wer für die Vernunft auf den zweiten Preis losgehen will, um andere Spieße zu haben als unsere vorigen Argumente. Doch vielleicht sind einige auch wohl dieselben. [C] Also wollen wir nun?

PROTARCHOS: Wie sollten wir auch nicht.

SOKRATES: Den Anfang aber lass uns ja versuchen recht vorsichtig festzustellen.

PROTARCHOS: Was für einen meinst du?

SOKRATES: Lass uns alles was jetzt ist in dem Ganzen, in zwei Teile teilen, oder lieber, wenn du willst, in dreie.

PROTARCHOS: Wolltest du wohl erklären wonach?

SOKRATES: Einige von den vorigen Überlegungen wollen wir wieder aufnehmen.

PROTARCHOS: Welche denn?

SOKRATES: Der Gott, sagten wir ja wohl, habe von dem Seienden einiges als unbegrenzt gezeigt, anderes mit Begrenzung.

PROTARCHOS: Allerdings.

SOKRATES: Diese also setzen wir als zwei von diesen Gattungen, als die dritte [D] aber, das aus diesen beiden in Eins zusammengemischte. Ich werde aber, wie es scheint, völlig lächerlich, wenn ich nach Gattungen etwas gehörig auseinander halte, und dann zusammenfüge.


PROTARCHOS: Wie meinst du das, Guter?

SOKRATES: Mir kommt schon wieder vor, als ob noch eine vierte Gattung nötig wäre.

PROTARCHOS: Sage welche.

SOKRATES: Sieh doch auf die Ursache der Vermischung dieser beiden miteinander, und setze mir diese zu jenen als die vierte.

PROTARCHOS: Wirst du etwa auch eine fünfte noch brauchen, welche ihre Trennung bewirkt?

SOKRATES: Vielleicht, doch glaube ich, für jetzt wohl nicht. [E] Sollte es indes nötig sein, so wirst du mir schon nachsehen, wenn ich noch auf eine fünfte Jagd mache.

PROTARCHOS: Warum auch nicht.

SOKRATES: Zuerst nun lasse uns von diesen Vieren die Dreie aussondern, und versuchen, da wir die Zweie von ihnen jede gar vielfach zerspalten und zerrissen sehen, ob wir, wenn wir sie jedes in Eins zusammengebracht haben werden, bemerken können, wie wohl jedes von ihnen Eins und Vieles war.

PROTARCHOS: Wenn du mir dies noch deutlicher erklärtest, könnte ich vielleicht folgen.

SOKRATES: Die Zweie also, die ich vorlege, sollen [24 St.2 A] die eben genannten sein, das eine das Unbegrenzte, das andere die Begrenzung. Dass nun das Unbegrenzte gewissermaßen Vieles ist, will ich versuchen dir zu erklären, die Begrenzung aber soll auf uns warten.

PROTARCHOS: Es warte.

SOKRATES: Sieh also. Es ist freilich schwierig und streitig, was ich dich auffordere zu betrachten, aber betrachte es doch. Zuerst an dem Wärmeren und Kälteren, sieh doch, ob du wohl eine Begrenzung bemerken kannst, oder ob nicht das Mehr und Weniger, welches diesen Arten zukommt, so lange es ihnen zukommt, gar kein Ende entstehen lässt, denn [B] sobald ein Ende einträte, wäre es selbst auch zu Ende.

PROTARCHOS: Vollkommen richtig.

SOKRATES: Und immer, behaupten wir doch, ist in dem Kälteren sowohl als im Wärmeren das Mehr und Weniger.

PROTARCHOS: Allerdings.

SOKRATES: Immer also, deutet unsere Überlegung an, werden diese beiden kein Ende haben, und da sie also ohne Ende sind, sind sie doch auf alle Weise unbegrenzt.

PROTARCHOS: Und das gar stark, o Sokrates.

SOKRATES: Sehr gut, lieber Protarchos, hast du dies aufgefaßt und mich erinnert, dass auch dieses 'gar stark', was du jetzt ausgesprochen hast, und das 'gar schwach' ganz dieselbe Bedeutung haben, wie das [C] 'mehr und weniger'. Denn worin sie sich befinden, das lassen sie nicht bestimmter Größe sein, sondern indem sie jeglicher Handlung ein stärkeres als das Schwächere und umgekehrt zuordnen, bewirken sie ein mehr und minder, und machen die bestimmte Größe verschwinden. Denn wie wir eben sagten, wenn sie die bestimmte Größe nicht verschwinden machten, sondern diese gemessene an die Stelle des 'mehr' und 'minder' und 'stark' und 'schwach' treten ließen, so müssten diese ihrer Stelle verloren gehen, in der sie sich befanden. Denn sie wären [D] nicht mehr Wärmeres und Kälteres, wenn sie eine bestimmte Größe annähmen. Denn immer vorwärts schreitet das Wärmere, und bleibt nicht, und ebenso auch das Kältere. Das von bestimmter Größe aber steht still, und ist aufgehalten im Fortschreiten. Dem zufolge also wäre das Wärmere unbegrenzt, und sein Gegenteil auch.

PROTARCHOS: Das leuchtet freilich ein, o Sokrates, aber wie du auch sagtest, es ist nicht leicht zu folgen. Wird es indes wieder und immer wieder vorgetragen, so muß wohl erhellen, dass Fragender und Gefragter [E] hinreichend darüber einverstanden sind.


SOKRATES: Sehr wohl bemerkt, und wir müssen versuchen es so zu machen. Jetzt aber sieh doch zu, ob wir nicht dieses als ein Merkmal von der Natur des Unbegrenzten annehmen wollen, um nicht alles durchgehend die Sache in die Länge zu ziehen.

PROTARCHOS: Welches meinst du?

SOKRATES: Alles woran wir sehen, dass es mehr und weniger wird, und das stärker und schwächer und alles dergleichen annimmt, dies alles müssen wir unter die Gattung des Unbegrenzten [25 St.2 A] als unter Eines zusammenstellen nach unserer vorigen Überlegung, da wir sagten, dass wir alles zerspaltene und zerrissene nach Vermögen müssten suchen als eine Art zu fassen, wenn du dich erinnerst.

PROTARCHOS: Wohl erinnere ich mich.

SOKRATES: Also was nun dieses nicht annimmt, sondern alles entgegengesetzte hiervon annimmt, zunächst das Gleiche und Gleichförmige, und sodann das Doppelte und was sonst in einem Verhältnis einer Anzahl zu einer anderen [B] oder einem Maß zu einem anderen steht, wenn wir dies alles unter die Begrenzung zählten, würden wir wohl ganz recht daran tun. Oder wie meinst du?

PROTARCHOS: Ganz vortrefflich, o Sokrates.

SOKRATES: Wohl! Aber das Dritte aus diesen beiden gemischte, welche Gattung, sollen wir sagen, dass dieses habe?

PROTARCHOS: Auch das, denke ich, wirst du mir wohl sagen.

SOKRATES: Ein Gott wohl, wenn anders einer meine Bitten erhören will von den Göttern.

PROTARCHOS: So bete denn, und sieh zu.

SOKRATES: [C] Ich sehe schon, und es dünkt mich allerdings, o Protarchos, einer von ihnen uns jetzt gewogen zu sein.

PROTARCHOS: Wie meinst du das, und woran erkennst du es?

SOKRATES: Das will ich dir eben sagen, folge du nur meiner Rede. PROTARCHOS: So sage denn.

SOKRATES: Wir nannten doch eben etwas Wärmeres und Kälteres. Nicht wahr? PROTARCHOS: Ja.

SOKRATES: Nimm nun auch noch Trockneres und Feuchteres dazu, und Mehr und Weniger, und Schnelleres und Langsameres, und Größeres und Kleineres, und was wir sonst noch vorher [D] unter das 'mehr oder minder' Annehmende zusammengestellt haben.

PROTARCHOS: Du meinst unter das Unbegrenzte?

SOKRATES: Ja. Und mit diesem vermische hierauf wiederum die Gattung des Begrenzten. PROTARCHOS: Was für eine?

SOKRATES: Die wir auch vor kurzem, wiewohl wir gesollt hätten, so wie wir die des Unbegrenzten in Eines zusammenbrachten, so auch die des Begrenzten zusammenbringen hätten sollen, jedoch nicht zusammengebracht haben. Aber vielleicht wird es auch jetzt noch das nämliche bewirken, denn haben wir diese beiden zusammengebracht, so wird uns auch jene deutlich werden.

PROTARCHOS: Welche und wie meinst du?

SOKRATES: Ich meine die des Gleichen und des Doppelten, und jede welche sonst noch macht, dass das Entgegengesetzte aufhört sich ungleich zu verhalten, und welche durch Gleichheit oder Verhältnismäßigkeit eine Zahl angibt.

PROTARCHOS: Ich verstehe. Du willst nämlich offenbar sagen, dass, wenn ich diese auf bestimmte Weise mische, gewisse Ergebnisse aus jedem derselben herauskommen werden.

SOKRATES: Das will ich offenbar.


PROTARCHOS: Sprich also weiter.

SOKRATES: Pflegt also nicht bei Krankheiten die richtige Zusammenstellung der Gegensätze das Wesen der Gesundheit zu erzeugen?

[26 St.2 A] PROTARCHOS: Allerdings.

SOKRATES: Und wenn in Hohes und Tiefes, in Schnelles und Langsames, als unbestimmt, eben diese selbige richtige Zusammenstellung hineinkommt, wird es nicht, indem es Abgrenzungen erzeugt, zugleich die gesamte Tonkunst aufs vollkommenste darstellen?

PROTARCHOS: Allerdings.

SOKRATES: Und wenn die richtige Zusammenstellung in Kälte und Hitze hineinkommt, so wird das Allzuheftige und Unbegrenzte aufgehoben, und darin das Angemessene und Verhältnismäßige bewirkt?

PROTARCHOS: Wie anders?

SOKRATES: Hieraus entstehen uns die regelmäßigen Jahreszeiten und alles was nur schön ist, [B] wenn das Grenzenlose und das Begrenzende vermischt werden.

PROTARCHOS: Wie anders!

SOKRATES: Und vielerlei anderes übergehe ich anzuführen, wie nächst der Gesundheit auch Schönheit und Stärke, und in der Seele wiederum vielerlei anderes herrliches. Denn Übermut und jegliche Schlechtigkeit aller Art sah diese Göttin wohl, schöner Philebos, dass keine Begrenzung, weder in der Lust noch der in Sättigung sei, und hat daher Gesetz und Ordnung als Begrenzung in sich habend eingerichtet, [C] und du zwar sagtest, sie quäle, ich aber behaupte sie errette. Wie aber erscheint es dir, o Protarchos?

PROTARCHOS: Gar sehr, o Sokrates, ist es so auch nach meinem Sinne. SOKRATES: Diese Dreie also hätte ich abgesprochen, wenn du dich besinnst.

PROTARCHOS: Ich glaube wohl es zu verstehen, eines nämlich, denke ich, erklärst du als das Grenzenlose, eines, das zweite nämlich, als das Begrenzende in den Dingen, das Dritte aber habe ich noch nicht recht inne, was du damit sagen willst.

SOKRATES: Die Menge hat dich eben verwirrt, o Bester, in der Darstellung dieses Dritten. Wiewohl ja auch das Unbegrenzte uns viele Arten darbot, [D] doch aber zusammengefasst unter das 'mehr und weniger' erschien es uns als Eines.

PROTARCHOS: Richtig.

SOKRATES: Die Begrenzte aber hatte weder unbegrenzt vieles unter sich, noch waren es uns auch im mindesten schwierig, dass es vielleicht nicht Eines wäre seiner Natur nach.

PROTARCHOS: Wie konnten wir auch!

SOKRATES: Gar nicht freilich. Unter dem Dritten aber, meinte ich alles, das aus der Verbindung dieser beiden, dieses dann als eines sehend, herstammt, die Erzeugung zum Sein durch die mit der Begrenzung sich ergebenden Maße.

PROTARCHOS: Ich habe verstanden.

SOKRATES: Aber wir behaupteten, [E] es sei noch ein Viertes zu den Dreien zu untersuchen, und das wollen wir gemeinsam untersuchen. Denn sieh nur, ob dich notwendig dünkt, dass alles Werdende kraft einer Ursache werde.

PROTARCHOS: Allerdings, denn wie könnte es wohl ohne diese werden?

SOKRATES: Also das Bewirkende ist nur dem Namen nach von der Ursache verschieden, und das Bewirkende und Ursächliche wird mit Recht Eines genannt.

PROTARCHOS: Mit Recht.

SOKRATES: Eben so das Bewirkte [27 St.2 A] und das Werdende finden wir gewiss auch, wie das obige, nur dem Namen nach verschieden. Oder wie?

 

PROTARCHOS: Allerdings so.

SOKRATES: Und das Bewirkende führt doch immer an, seiner Natur nach, das Bewirkte aber folgt als werdendes jenem.

PROTARCHOS: Freilich.

SOKRATES: Ein anderes also und nicht dasselbe ist die Ursache, und das der Ursache bei dem Werden dienende.

PROTARCHOS: Wie anders?

SOKRATES: Also gaben uns das Werdende und das, woraus etwas wird, jene drei Gattungen?

PROTARCHOS: Allerdings.

SOKRATES: Was aber nun jenes alles [B] bewirkt, wollen wir für das Vierte erklären, die Ursache, als hinlänglich für verschieden von jenen anerkannt.

PROTARCHOS: Das wollen wir.

SOKRATES: Gut wäre es nun wohl, nachdem wir sie alle Viere bestimmt haben, wenn wir sie wegen besserer Erinnerung jedes Einzelne noch einmal der Reihe nach aufzählten.

PROTARCHOS: Sehr gut.

SOKRATES: Das Erste also nenne ich das Unbegrenzte, das Zweite die Begrenzung, dann das Dritte das aus diesen gemischte und gewordene Sein, und wenn ich nun der Mischung und des Werdens Ursache das Vierte nenne, würde ich dann wohl fehlen?

PROTARCHOS: [C] Wie solltest du?

SOKRATES: Wohl! Worauf geht nun weiter unsere Untersuchung? Und weshalb sind wir hierauf gekommen? War es nicht dieses, dass wir, wem der zweite Preis zukäme, untersuchen wollten, ob der Lust oder der Vernünftigkeit? War es nicht so?

PROTARCHOS: So war es freilich.

SOKRATES: Können wir nun nicht jetzt, nachdem wir dies so unterschieden, vielleicht auch das Urteil richtiger abfassen über das Erste und Zweite, worüber wir vorher im Streit waren.

PROTARCHOS: Vielleicht.

SOKRATES: Wohlan! Als Sieger erkannten wir doch das gemischte Leben aus Lust und Vernunft. War es nicht so?

PROTARCHOS: [D] Es war.

SOKRATES: Und dieses Leben sehen wir doch leicht, was für eines es ist, und von welcher Art. PROTARCHOS: Wie sollten wir nicht!

SOKRATES: Und werden wohl, denke ich, behaupten, es sei ein Teil unserer dritten Gattung. Denn nicht aus beliebigen Bestandteilen jener Zwei gemischt ist jene, sondern indem das Unbegrenzte von der Begrenzung gebunden wurde, so dass mit Recht dieses sieggekrönte Leben ein Teil von jener Art wäre.

PROTARCHOS: Mit ganz vollkommenem Recht.

SOKRATES: Wohl! Wie aber nun deines, o Philebos, was nur angenehm und ungemischt ist, unter welche von den beschriebenen Gattungen würden wir es zu setzen haben um es richtig zu setzen? [E] Antworte mir aber so, ehe du dich erklärst.

PHILEBOS: Sprich nur.

SOKRATES: Haben wohl Lust und Unlust eine Grenze? Oder gehören sie zu dem, das dem 'Mehr und minder' zufällt?

PHILEBOS: Ja, zu dem, was das Mehr mit sich bringt, o Sokrates. Denn die Lust wäre ja auch nicht alles Gute, wenn sie nicht unbegrenzt wäre, sowohl der Menge als dem Grade nach.

SOKRATES: [28 St.2 A] Und so doch auch die Unlust, o Philebos, nicht alles Übel. So dass wir wohl auf etwas anderes sehen müssen, als auf die Natur des Unbegrenzten, um den Lüsten einen Anteil an dem Guten zu sichern. Aus diesem Unbegrenzten also sei sie dir hervorgegangen. Vernunft aber und Erkenntnis und Einsicht, welchem von den vorherbeschriebenen, o Protarchos und Philebos, müssen wir diese wohl beigesellen um nicht zu freveln? Denn es dünkt mich nicht wenig darauf zu beruhen, ob wir über diese Frage richtig entscheiden oder nicht.

PHILEBOS: Du willst eben deinen Gott recht hervorheben [B] und verherrlichen, o Sokrates. SOKRATES: Auch du, Freund, deine Göttin. Das Gefragte aber ist uns doch zu beantworten. PROTARCHOS: Daran sagt Sokrates ganz recht, und wir müssen ihm gehorchen.

PHILEBOS: Für mich aber hast du dich ja schon anheischig gemacht zu reden, Protarchos.

PROTARCHOS: Freilich wohl. Jetzt aber weiß ich fast keinen Rat und bitte dich, Sokrates, du wollest selbst unser Wortführer sein, damit wir nicht, gegen deinen Kämpfer uns versündigend, etwas misstöniges vorbringen.

[C] SOKRATES: Darin muß ich dir Folge leisten, o Protarchos, auch legst du mir nichts Schweres auf, sondern ich habe in der Tat, wie Philebos sagt, dich im Scherz durch Feierlichkeit aus der Fassung gebracht, als ich fragte, zu welcher Gattung Vernunft und Erkenntnis gehörten.

PROTARCHOS: Das hast du freilich sehr, o Sokrates.

SOKRATES: Es ist aber gar leicht. Denn alle Weisen stimmen darin zusammen, recht um sich selbst zu verherrlichen, dass die Vernunft der König ist Himmels und der Erden. Und vielleicht haben sie Recht. Lasse uns aber ausführlicher die Untersuchung über ihre Art anstellen.

PROTARCHOS: Führe sie nur wie du willst, und wende nicht ein, sie wäre zu lang, denn dadurch wirst du uns nicht [D] zuwider sein.

SOKRATES: Wohl gesprochen! Und lass uns etwa mit dieser Frage anfangen. PROTARCHOS: Mit welcher?

SOKRATES: Ob wir wohl, o Protarchos, sagen wollen, über alles insgesamt und über dies sogenannte Ganze walte die Gewalt des Vernunftlosen und des Zufälligen und das Ungefähr, oder im Gegenteil, wie auch unsere Vorfahren gesagt haben, eine wundervolle Vernunft und Einsicht beherrsche alles anordnend?

PROTARCHOS: Es ist ja [E] beides nicht zu vergleichen, du wunderlicher Sokrates, denn was du da sagst, ist ja gotteslästerlich. Zu sagen aber, dass Vernunft es alles anordnet, ziemt dem, der Welt und Sonne, Mond und Sterne und alle Umläufe anschaut, und nie möchte ich etwas anderes darüber sagen oder glauben.

SOKRATES: Willst du also, dass auch wir mit den Früheren einstimmend behaupten, dies verhalte sich so, [29 St.2 A] und zwar nicht nur in der Meinung, wir könnten wohl fremdes ohne Gefahr nachsagen, sondern dass wir auch mit die Gefahr tragen und den Tadel teilen, wenn ein gewaltiger Mann sagt, es verhalte sich so nicht, sondern ganz unordentlich.

PROTARCHOS: Wie sollte ich das nicht wollen!

SOKRATES: So komm und sieh, was uns hierüber nun weiter folgt. PROTARCHOS: Sage nur.

SOKRATES: Was zur Natur der Körper aller Lebendigen [B] gehört, Feuer, Wasser, Luft und auch Erde, nach die vom Seesturm Gepeitschten rufen, finden wir doch in der Zusammensetzung des Ganzen enthalten.

PROTARCHOS: Gar recht. Denn beklommenen sind wir wahrhaftig auch aus Ratlosigkeit in unsern jetzigen Verhandlungen.

SOKRATES: Wohl! Von dem allen nun, wie es in uns ist, nimm nur dieses an. PROTARCHOS: Was doch?

 

SOKRATES: Dass von diesen jegliches sich nur gar sparsam in uns findet und schlecht, und nirgend irgendetwas rein und den seiner Natur [C] eigenen Kräften ganz entsprechend. Nimm es nur an einem recht wahr, und sieh dann wie es überall dasselbe ist. Wie, Feuer ist doch in uns, und ist auch in dem Ganzen?

PROTARCHOS: Wie sollte es nicht?

SOKRATES: Und nicht wahr, wenig ist doch dessen in uns, und schwaches und schlechtes, das aber in dem Ganzen ist bewundernswürdig viel und schön und in der vollen Kraft, welche dem Feuer zukommt?

PROTARCHOS: Ganz richtig ist was du sagst.

SOKRATES: Wie aber? Nährt sich etwa und entsteht aus diesem, und wird beherrscht das Feuer des Ganzen von dem Feuer [D] in uns? Oder im Gegenteil hat nicht von jenem das meinige und deinige und das aller andern Lebendigen eben alles dieses?

PROTARCHOS: Diese Frage verdient nicht einmal eine Antwort.

SOKRATES: Ganz recht, und dasselbige denke ich, wirst du auch sagen von der Erde in den Lebendigen hier und der im Ganzen, und von allem übrigen wonach ich nur eben fragte. Antwortest du so?

PROTARCHOS: Wen dürfte man wohl für ganz bei Sinnen halten, wenn er anders antwortete?

SOKRATES: Wohl niemanden. [E] Aber folge nun auch dem nächsten. Alles eben erwähnte, wenn wir es in Eins verbunden sehen, nennen wir es dann nicht Körper?

PROTARCHOS: Wie sollten wir nicht?

SOKRATES: Dasselbe nimm nun auch an, von dem, was wir Welt nennen. Denn ganz auf dieselbe Weise wäre es doch auch ein Körper, da es zusammengesetzt ist aus dem selbigen.

PROTARCHOS: Vollkommen richtig.

SOKRATES: Wird nun wohl von diesem Körper insgesamt unser Körper, oder von dem unsrigen jener genährt werden, und, was wir vorhin schon davon sagten, erhalten und haben?