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Werk:Sophistes (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

Über diese Seite Werk

Sophistes

SOPHISTES. (De eo quod est) Der Sophist.

2. Teil: Sophistes 2 (Platon)

3. Teil: Sophistes 3 (Platon)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke. Zweiten Teiles zweiter Band, dritte Auflage, Berlin 1857, bearbeitet.

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[216 St.1 A] THEODOROS: Der gestrigen Verabredung gemäß, o Sokrates, stellen wir selbst uns gebührend ein, und bringen auch hier noch einen Gast mit, seiner Abkunft nach aus Elea, und einen Freund derer die sich zum Parmenides und Zenon halten, einen gar philosophischen Mann.

SOKRATES: Solltest du etwa, Theodoros, dir keinen gewöhnlichen Gast, sondern einen Gott mitbringen, nach der Ausdrucksweise des Homer, welcher ja sagt, dass sowohl andere Götter solche Menschen, [B] die an Recht und Scham festhalten, als auch besonders der gastliche, zu geleiten pflegen um den Übermut und die Frömmigkeit der Menschen zu beschauen. Vielleicht also begleitet auch dich auf dieselbe Art dieser, einer der Höheren, um uns, die wir noch so begierig sind im Reden, heimzusuchen und zu überführen, ein überführender Gott?

THEODOROS: Nicht ist dieses die Weise unseres Gastes, o Sokrates, sondern bescheidener ist er als die gewerbsmäßigen Streitredner. Und es dünkt mich der Mann ein Gott zwar keineswegs zu sein, [C] göttlich aber gewiss, denn alle Philosophen möchte ich so benennen.

SOKRATES: Und richtig, o Freund. Nur mag wohl dieses Geschlecht, dass ich es heraussage, nicht viel leichter zu erkennen sein, als das der Götter. Denn in gar mancherlei Gestalten erscheinen wegen der Unwissenheit der andern, diese Männer, die nicht angeblichen sondern wahrhaften Philosophen, und gehen durch die Gegenden der Menschen, betrachtend von oben her der Niederen Leben, doch einigen scheinen sie gar nichts wert zu sein, anderen über alles zu schätzen, und werden bald für Staatsmänner angesehen, bald für Sophisten, ja bisweilen sind sie einigen schon vorgekommen als gänzlich verwirrte. Von unserm Gast nun möchte ich gern vernehmen, wenn es auch ihm gelegen wäre, was doch die dortigen Ortes hiervon hielten [217 St.1 A] und sagten.

THEODOROS: Wovon denn?

SOKRATES: Vom Sophisten, Staatsmann, Philosophen.

THEODOROS: Was doch eigentlich? Und was für Ungewissheit hast du hierüber, dass dir dies zu fragen eingefallen ist?

SOKRATES: Diese, ob sie dies Alles für einerlei hielten oder für zweierlei, oder ob sie, so wie die drei Wörter, so auch drei Arten unterscheidend, nach der Zahl der Namen mit jedem auch einen besonderen Begriff verknüpften?

THEODOROS: Er wird ja, wie ich meine, kein Bedenken haben, dies durchzugehen. Oder was, o Gastfreund, [B] wollen wir sagen?

GAST: Eben dies, Theodoros. Denn weder habe ich ein Bedenken, noch ist es schwer zu sagen, dass sie es ja wohl für dreierlei hielten. Einzeln aber genau zu bestimmen, was jedes ist, das ist keine kleine noch leichte Aufgabe.

 

THEODOROS: Recht glücklich, o Sokrates, hast du einen dem ganz verwandten Gegenstand ergriffen, worüber wir, schon ehe wir hierher gingen, mit diesem in Frage standen. Er aber hat dasselbe, was jetzt gegen dich, auch vorher gegen uns vorgeschützt. Denn genug darüber gehört zu haben bekennt er, und auch [C] dass es ihm nicht entfallen ist.

SOKRATES: Also, o Gastfreund, bescheide uns ja nicht abschlägig, indem wir eben die erste Gunst von dir erbitten. Sondern nur dies sage uns zuvor, ob du gewohnt bist, lieber für dich allein in fortlaufender Rede sprechend dasjenige durchzuführen, was du jemanden darstellen willst, oder in Fragen, welcher Art und Weise ich einst den Parmenides sich bedienen und treffliche Sachen durchführen hörte in meinem Beisein, da ich noch ein junger Mensch war, er aber schon ziemlich bei Jahren war.

GAST: Mit einem, o Sokrates, der [D] ohne Verdruss und lenksam mitzusprechen weiß, lieber leichter so gesprächsweise, wenn aber das nicht, dann allein.

SOKRATES: Demnach nun steht dir frei von den Anwesenden welchen du willst auszuwählen, denn alle werden dir willig folgen. Nimmst du aber meinen Rat an, so wirst du einen von den Jünglingen wählen, etwa hier den Theaitetos, oder welcher von den Andern nach deinem Sinne sein mag.

GAST: O Sokrates, eine gewisse Scham ergreift mich doch, dass ich jetzt zum ersten Male [E] unter Euch, nicht soll kurzes Gespräch Wort um Wort mit Euch führen, sondern mich ausbreitend eine zusammenhängende Rede, geschehe es nun allein oder mit einem Andern, als ob ich mich vor Euch zeigen wollte. Denn das Aufgegebene ist in der Tat nicht so kurz als einer, wenn es so gefragt ist, erwarten könnte, sondern es bedarf einer gar langen Auseinandersetzung. Auf der andern Seite aber Dir nicht gefällig zu sein und diesen, zumal nach dem was du gesagt, scheint mir ungastlich zu sein und ungesittet. [218 St.1 A] Denn dass Theaitetos der Gesprächsgenosse sei, ist mir auf alle Weise genehm, sowohl in Folge dessen was ich schon selbst vorher mit ihm gesprochen, als auch weil du ihn jetzt dazu empfiehlst.

THEAITETOS: Wirst du so aber auch, wie Sokrates sagte, Allen gefällig sein, o Gastfreund?

GAST: Hierüber scheint nichts mehr zu sagen nötig, Theaitetos, und an dich soll von nun an, wie es scheint, meine Rede ergehen. Wenn es dich aber auf die Länge anstrengt und dir beschwerlich wird, so gib die Schuld davon nicht mir, sondern diesen deinen Freunden.

THEAITETOS: Ich hoffe ja, dass ich jetzt gerade nicht so ermüden werde. Sollte mir aber dergleichen [B] begegnen, so wollen wir auch diesen Sokrates dazunehmen, der dem Sokrates dem Namen, mir dem Alter nach gleich ist und mein Übungsgenosse, und dem daher mancherlei mühsam mit mir zu bestehen nicht ungewohnt ist.

GAST: Wohl gesprochen, und hierüber magst du selbst mit dir zu Rate gehen im Verfolg unserer Rede. Jetzt aber musst du gemeinschaftlich mit mir zur Untersuchung schreiten, zuerst beginnend, wie mich dünkt, vom Sophisten zu suchen, und durch die Rede aufzuhellen, was er wohl ist. Denn jetzt haben ich und du von ihm nur [C] erst den Namen gemein, die Sache aber, der wir ihn beilegen, mag vielleicht jeder von uns bei sich selbst besonders vorstellen. Immer aber muß man in allen Dingen über die Sache lieber durch Erklärungen sich verständigen als nur über den Namen ohne Erklärung. Der ganze Stamm aber, den wir jetzt vorhaben zu suchen, ist wohl nicht eben vor andern leicht zu ergreifen, wohin er gehört der Sophist. Was aber Großes wohl gelingen soll, darüber sind alle von [D] je her einig, dass man es zuvor an kleinem und leichterem üben müsse, ehe als an dem größten selbst. So auch jetzt, o Theaitetos, rate ich wenigstens uns beiden, weil wir die Art des Sophisten für mühsam und schwer einzufangen halten, zuvor an etwas anderen leichterem das Verfahren zu versuchen, wenn du nicht etwa anders woher einen anderen leichteren Weg anzugeben hast.

[E] THEAITETOS: Den habe ich nicht.

GAST: Sollen wir uns also etwas ganz geringes holen, und daran versuchen ein Vorbild aufzustellen für das größere?

THEAITETOS: Ja.


GAST: Was sollen wir also vornehmen als leicht zu erkennendes und kleines, dennoch aber nicht kürzerer Erklärung bedürfendes als das größere? Etwa der Angelfischer, ist der nicht etwas Allen bekanntes und viel Mühe auf ihn zu wenden gar nicht wert?

THEAITETOS: So ist er.

GAST: Ein Verfahren aber soll er uns, hoffe ich, zeigen und [219 St.1 A] eine Erklärung gar nicht unangemessen für das was wir wollen.

THEAITETOS: Das wäre vortrefflich.

GAST: Wohlan denn, lasse uns so mit ihm beginnen. Sage mir, wollen wir ihn als einen Künstler setzen oder als einen Kunstlosen dem aber irgendein anderes Vermögen zukommt?

THEAITETOS: Keineswegs doch als einen Kunstlosen. GAST: Von allen Künsten aber gibt es etwa zwei Arten. THEAITETOS: Wie das?

GAST: Der Ackerbau nämlich und jegliche Bemühung um einen sterblichen Körper, und wiederum was sich auf das zusammengefügte und gestaltete bezieht, [B] was wir Gerätschaft nennen, dann die nachahmende Kunst, alles dieses kann mit recht durch eine einzige Benennung bezeichnet werden.

THEAITETOS: Wie und durch welche?

SOKRATES: Wo nur immer jemand, was zuvor nicht war, hernach zum Dasein bringt, sagt man, dass der Bringende es mache, das Gebrachte aber gemacht werde.

THEAITETOS: Richtig.

GAST: Was wir nun eben angeführt haben, hatte sämtlich hierin seine Bedeutung.

THEAITETOS: [C] Hierin allerdings.

GAST: So könnte man demnach dies alles zusammenfassend die hervorbringende Kunst nennen. THEAITETOS: So sei es.

GAST: Alle Arten des Erlernens aber auf der andern Seite und der Erkenntnis, alles Geldverdienen ferner und Kämpfen und Jagen, da keine davon etwas verfertigt, sondern nur das bereits vorhandene und gewordene teils durch Worte und Taten in ihre Gewalt bringt, teils es denen welche es in ihre Gewalt bringen nicht vergönnt, so könnte deshalb am besten eine Kunst, welche man die [D] erwerbende nennte, alle diese Arten von Tätigkeit beschreiben.

THEAITETOS: Ja, das ginge wohl.

GAST: Wenn nun alle Künste zu erwerbenden oder hervorbringenden gehören, unter welche, o Theaitetos, wollen wir den Angelfischer setzen?

THEAITETOS: Unter die erwerbende offenbar.

GAST: Gibt es aber von der erwerbenden nicht zwei Arten, deren eine jegliches auf beiden Seiten gutwillige Umsetzen ist durch Geschenk sowohl als Kauf oder Miete, das übrige insgesamt aber, [E] jegliche Bezwingung, geschehe sie nun wörtlich oder tätlich, in sich schließende hieße die bezwingende.

THEAITETOS: Es ist deutlich aus dem Gesagten.

GAST: Wie aber? Sollen wir die bezwingende nicht wieder in zweie aufteilen?

THEAITETOS: Auf welche Art?

GAST: Indem wir nämlich alles offenbare als Kampf setzen, das heimliche in ihr aber insgesamt als Nachstellung.

THEAITETOS: Gut.

GAST: Die Nachstellung nun wäre es unvernünftig nicht wieder in zweie zu teilen. THEAITETOS: Sage wie?

GAST: Die eine für das leblose absondernd, die andere für das belebte.


THEAITETOS: Warum sollte man nicht, wenn es doch beides gibt?

GAST: Wie gäbe es das nicht! Und die [220 St.1 A] des leblosen, welche bis auf einige Teile der Taucherkunst und andere dergleichen kleinere unbenannt ist, müssen wir liegen lassen, die des belebten aber, welche nun die Nachstellung gegen Tiere ist, die Tiernachstellung oder die Jagd nennen.

THEAITETOS: So sei es.

GAST: Von der Jagd aber könnte man nicht eine zwiefache Art mit Recht anführen? Eine, welche auf die Gattung der Landtiere gehend in viele Arten und Namen geteilt ist, die Landjagd, die andere, ganz auf [B] die schwimmenden Tiere gehend, die Jagd im Wasser.

THEAITETOS: Allerdings.

GAST: Von den schwimmenden Tieren aber sehen wir ein befiedertes Geschlecht und ein im Wasser lebendes?

THEAITETOS: Wie sollten wir nicht?

GAST: Und die gesamte Jagd auf das gefiederte Geschlecht heißt doch wohl die Vogeljagd?

THEAITETOS: So heißt sie allerdings.

GAST: Und die auf das im Wasser lebende insgemein die Fischerei?

THEAITETOS: Ja.

GAST: Und wie? Möchten wir nicht auch diese Jagd wiederum in zwei große Teile teilen?

THEAITETOS: In was für welche?

GAST: Inwiefern der eine durch Gehege allein den Fang vollbringt, der andere durch [C] Verwundung.

THEAITETOS: Wie meinst du das? Und wonach trennen sich beide?

GAST: Die einen, weil alles, was etwas um es zurückzuhalten umgibt, wohl ein Gehege heißen muß.

THEAITETOS: Freilich.

GAST: Reusen also und Netze, Schlingen, Geflechte und dergleichen, soll man das anders als Gehege nennen?

THEAITETOS: Nicht anders.

GAST: Netzfang also würden wir diesen Teil der Jagd nennen, oder so ungefähr. THEAITETOS: Ja.

GAST: Der aber mit Haken und Harpunen durch Verwundung geschieht, [D] den würden wir von jenem unterscheidend jetzt mit einem Worte die Verwundungsfischerei nennen müssen. Oder wie, Theaitetos, könnte man sie besser benennen?

THEAITETOS: Lasse es sein mit dem Namen, denn auch dieser ist gut genug.

GAST: Die nächtliche Art Verwundungsfischerei nun, die beim Scheine des Feuers getrieben wird, heißt bei denen, die ihr obliegen, schon die Fackelfischerei.

THEAITETOS: Freilich.

GAST: Die aber bei Tage, mit Haken an der Spitze und mit Harpunen, heißt im allgemeinen die Hakenfischerei.

THEAITETOS: So heißt [E] sie.

GAST: Was nun bei dieser zur Verwundungsfischerei gehörigen Hakenfischerei von oben nach unten stoßend geschieht, das wird, weil man sich der Harpunen vornehmlich auf dies Art bedient, die Harpunfischerei genannt.

THEAITETOS: So nennen sie Einige.

GAST: Das übrige ist nun nur noch eine Art. THEAITETOS: Was für eine?


GAST: Die durch den entgegengesetzten Zug mit dem Angelhaken betrieben wird, und die Fische nicht gleichviel an welchem Teile des Leibes trifft, [221 St.1 A] wie mit der Harpune, sondern allemal am Kopf und Maul, und den gefangenen dann mittelst Rute und Rohr von unten heraufzieht. Und wie sollen wir sagen, Theaitetos, dass diese müsse genannt werden?

THEAITETOS: Mich dünkt, was wir uns eben vorgesetzt hatten zu finden, nun wirklich vollbracht zu sein.

GAST: Nun also sind wir, du und ich, von der Angelfischerei nicht nur über den Namen einig, sondern haben auch die Erklärung über die Sache [B] selbst zur Genüge erlangt. Denn von der gesamten Kunst war die eine Hälfte die erwerbende, von der erwerbenden die bezwingende, von der bezwingenden die nachstellende, von der nachstellenden die jagende, von der jagenden die im Wasser jagende, von der im Wasser jagenden war der ganze untere Abschnitt die Fischerei, [C] von dieser ein Teil die verwundende, von der verwundenden die Hakenfischerei, und von dieser hat uns die Art vermittelst einer von unten nach oben gezogenen und den Fisch daran hängenden Wunde, den der Tat selbst nachgebildeten Namen der Angelfischerei erhalten.

THEAITETOS: Auf alle Weise ist dies nun hinreichend aufgehellt.

GAST: Wohlan denn, wollen wir nach eben diesem Muster wie hier, auch den Sophisten versuchen aufzufinden was er wohl ist?

THEAITETOS: Allerdings freilich.

[D] GAST: Jenes war also doch die erste Frage, ob wir den Angelfischer sollten als einen Unwissenden oder als eine Kunst besitzend ansehen?

THEAITETOS: Ja.

GAST: So auch jetzt, Theaitetos, wollen wir diesen als einen Unwissenden setzen, oder auf alle Weise doch als einen wirklich klugen?

THEAITETOS: Keineswegs als unwissend, denn ich verstehe was du meinst, dass auf alle Weise von der letzten Art sein muß, wer diesen Namen führt.

GAST: Also als im Besitz einer Kunst müssen wir ihn auf alle Weise setzen. [E] THEAITETOS: Aber was für einer wohl?

GAST: Ist etwas gar, bei den Göttern, uns entgangen, dass der Mann mit dem Andern verwandt ist?

THEAITETOS: Wer mit wem?

GAST: Der Angelfischer mit dem Sophisten?

THEAITETOS: Wie so?

GAST: Jäger scheinen sie mir ganz bestimmt beide zu sein.

THEAITETOS: In welcher Jagd der Eine? Denn von dem Andern haben wir es gesagt.

GAST: Haben wir nicht eben die gesamte Jagd in zwei Teile geteilt, den einen für die Schwimmenden abteilend, den andern für die Gehenden?

THEAITETOS: Ja.

GAST: Und sind von dem einen durchgegangen, was sich auf die im Wasser schwimmenden bezog, die Landjagd aber haben wir ungespaltet gelassen, und nur erwähnt sie wäre sehr vielartig?

THEAITETOS: [222 St.1 A] So geschah es.

GAST: Bis hierher nun sind der Sophist und der Angelfischer von der erwerbenden Kunst aus

miteinander gegangen.

THEAITETOS: So scheinen sie wenigstens.

GAST: Sie trennen sich aber bei der Tiernachstellung, der eine nach dem Meere und den Strömen und Seen hin, um den dort befindlichen Tieren nachzustellen.

THEAITETOS: Offenbar.

 

GAST: Der andere aber aufs Land und zu ganz anderen Strömen, nämlich des Reichtums und der Jugend, dass ich so sage, üppigen Wiesen, um der hier befindlichen Geschöpfe sich zu bemächtigen.

THEAITETOS: Wie meinst du das?

GAST: Von der Landjagd [B] gibt es zwei ganz große Teile. THEAITETOS: Welches sind sie beide?

GAST: Die der zahmen und die der wilden.

THEAITETOS: Gibt es denn eine Jagd auf zahme Tiere?

GAST: Wenn anders der Mensch ein zahmes Tier ist! Setze aber was dir gefällt, entweder dass es gar keine zahmen Tiere gebe, oder dass es deren zwar gebe, der Mensch aber ein wildes sei, oder du magst auch den Menschen zwar ein zahmes nennen, aber nicht glauben, dass es eine Nachstellung auf den Menschen gebe, was du hiervon am liebsten möchtest behauptet haben, darüber erkläre dich nur.

THEAITETOS: [C] So halte ich denn den Menschen für ein zahmes Tier, o Gastfreund, und sage auch, dass es eine Nachstellung auf Menschen gebe.

GAST: Zwiefach, sagen wir nun auch wieder, sei die zahme Jagd. THEAITETOS: Weshalb sagen wir das?

GAST: Die Räuberei, die Sklavenfängerei, die Tyrannei und die gesamte Kriegskunst, dies sämtlich bestimmen wir als die gewaltsame Nachstellung.

THEAITETOS: Schön.

GAST: Die vor Gericht aber und die volksrednerische und die im Umgang gebräuchliche, insgesamt als eines, wollen wir eine Kunst, [D] die überredende, nennen.

THEAITETOS: Richtig.

GAST: Von der Überredungskunst aber setzen wir zwei Gattungen.

THEAITETOS: Was für welche?

GAST: Eine die unter Einzelnen, die andere die öffentlich getriebene.

THEAITETOS: Beide Arten gibt es allerdings.

GAST: Von der nicht öffentlichen nun ist wiederum die eine die Lohnfordernde, die andere die Geschenkbringende.

THEAITETOS: Das verstehe ich nicht.

GAST: So scheinst du auf die Nachstellung der Liebenden wohl noch nie geachtet zu haben. THEAITETOS: Wie so?

GAST: Wie sie den Gefangenen noch Geschenke dazu geben.

[E] THEAITETOS: Du hast ganz recht.

GAST: Diese Art sei also die der Liebeskunst.

THEAITETOS: Ganz wohl.

GAST: Von der Lohnfordernden aber gibt es zunächst eine Art, welche immer lieblich redend und die Lust überall als Lockspeise brauchend als einzigen Lohn Nahrung fordert, welche wir, glaube ich, als die einschmeichelnde alle für eine [223 St.1 A] ergötzliche Kunst erklären würden.

THEAITETOS: Wie denn anders?

GAST: Die andere aber, welche um der Tugend willen Umgang zu pflegen verheißt, und sich Geld zum Lohne reichen lässt, lohnt es nicht, dass wir diese Art mit einem andern Namen benennen?

THEAITETOS: Allerdings.

GAST: Aber mit welchem wohl, das versuche zu sagen.

THEAITETOS: Es ist klar. Denn den Sophisten haben wir, dünkt mich, gefunden. Ich wenigstens glaube, indem ich ihn für dieses erkläre, ihn mit dem gebräuchlichsten Namen zu benennen.


GAST: Nach dieser jetzigen Rede also, o Theaitetos, [B] wäre die von der nachstellend bezwingenden aneignenden Kunst, und zwar von der Tiernachstellung zu Lande auf Menschen, nämlich der nicht öffentlichen Überredungskunst lohnforderndem, für Geld sich verkaufendem, scheinbar belehrendem Teil auf reiche angesehene Jünglinge angestellte Jagd, wie diese Rede uns ausgegangen ist, die sophistische Kunst zu nennen.

THEAITETOS: So ist es allerdings.

GAST: Auch so lasse uns aber noch zusehen. Denn nicht [C] einer geringen Kunst ist teilhaftig was wir jetzt suchen, sondern einer gar mannigfaltigen. Denn auch aus dem vorher gesagten ergibt sich ein Schein, als sei es nicht das was wir jetzt sagen, sondern noch eine andere Art.

THEAITETOS: Wie so doch?

GAST: Von der erwerbenden Kunst gab es doch zwei Arten, indem sie sowohl einen jagenden Teil hat als einen tauschenden.

THEAITETOS: So war es.

GAST: Dem Tausch wollen wir nun wieder [D] zwei Arten geben, die eine das Schenken, die andere das Kaufen oder den Handel.

THEAITETOS: Das soll gelten.

GAST: Weiter wollen wir sagen, dass auch der Handel in zwei Teile zerfalle.

THEAITETOS: Wie?

GAST: Absondernd den Eigenhandel der Selbstverfertiger von dem Zwischenhandel derer, welche fremde Arbeit umtauschen.

THEAITETOS: Sehr wohl.

GAST: Wie aber? [E] Was von dem Zwischenhandel städtischer Verkauf ist, gewiss fast die Hälfte desselben, nennt man nicht Krämerei?

THEAITETOS: Ja.

GAST: Den Handel aber, welcher von einer Stadt zur andern durch Kauf und Verkauf getrieben wird, nennt man den nicht Großhandel?

THEAITETOS: Freilich.

GAST: Und haben wir etwa nicht bemerkt, dass dieses Großhandels einer Teil das, wovon der Leib sich nährt und Gebrauch macht, der andere das wovon die Seele, im Verkauf gegen Geld umsetzt?

THEAITETOS: Wie meinst du dies?

GAST: So ist uns wohl das unbekannt von der Seele, denn das andere verstehen wir doch. THEAITETOS: Ja.

GAST: Die gesamte [224 St.1 A] Tonkunst, wollen wir also sagen, indem sie von einer Stadt zur andern, hier eingekauft und dort hingeführt und verkauft wird, und die Malerei und das Gauklerspiel und vieles andere der Seele angehörige was teils der Ergötzung, teils auch ernstlicher Beschäftigung wegen verfahren und verkauft wird, verschafft denen die es verfahren und verkaufen, mit nicht minderem Recht den Namen eines Kaufmannes, als der Handel mit Getreide oder Wein.

THEAITETOS: Du hast ganz Recht.

GAST: Willst du also nicht auch den, welcher Kenntnisse zusammenkauft und sie von einer Stadt zur andern wieder umsetzt gegen Geld, mit demselben Namen benennen?

THEAITETOS: Sicherlich.

GAST: Von diesem [B] Seelengroßhandel nun könnte man mit Recht den einen Teil die Schaustellung heißen, dem andern aber, obgleich nicht minder lächerlich als das vorige, muß man dennoch als einem Handel mit Kenntnissen einen dem Geschäft verschwisterten Namen beilegen.


THEAITETOS: Allerdings.

GAST: Von diesem Kenntnisverkauf nun wollen wir den Teil, der die Kenntnis der andern Künste betrifft, mit einem, den aber auf die Tugend sich beziehenden, [C] mit einem andern Namen benennen.

THEAITETOS: Wie sollten wir nicht.

GAST: Der Namen Kunstverkauf möchte für jenes übrige wohl angemessen sein, diesem aber versuche du den Namen zu geben.

THEAITETOS: Und welchen Namen könnte man ohne zu fehlen der Sache geben, außer wenn man sagt, sie sei das eben jetzt von uns gesuchte, die Sophistik?

GAST: Nicht anders. Komm also, lasse uns das Ganze zusammenstellen und sagen, es sei als [D] der erwerbenden Kunst umsetzenden kaufmännischen Zweiges, und zwar des Zwischenhandels mit Seelengütern, Reden und Kenntnisse über die Tugend verkaufender Teil zum zweiten mal nun erschienen die Sophistik.

THEAITETOS: Vortrefflich.

GAST: Drittens denke ich aber auch, wenn Jemand in der Stadt selbst sich gänzlich niederlassend Kenntnisse über eben diese Gegenstände teils einkaufend teils auch selbst zuschnitzend, wiederum verkaufte, und davon zu leben sich vornimmt, so würdest du ihn mit keinem andern Namen nennen, als dem eben jetzt genannten.

[E] THEAITETOS: Wie sollte ich auch.

GAST: So würdest du also auch der erwerbenden Kunst umsetzenden kaufmännischen Zweiges Krämerei und Selbstverkauf, beides, sobald es nur in diesen Gegenständen zur Kenntnis verkaufenden Art gehört, allemal wie es scheint Sophistik nennen.

THEAITETOS: Notwendig, denn wo die Rede hingeht muß ich folgen.

GAST: Lasse uns denn noch sehen, ob etwa auch diesem noch die jetzt [225 St.1 A] verfolgte Art gleicht.

THEAITETOS: Wem denn?

GAST: Ein Teil der erwerbenden Kunst war uns doch die Kampfgeschicklichkeit?

THEAITETOS: Allerdings.

GAST: Nicht uneben wäre es nun, diese auch wieder zwiefach zu teilen.

THEAITETOS: Auf welche Weise?

GAST: Der eine sei Wettkampf, der andere Gefecht.

THEAITETOS: Gut.

GAST: In welchem Gefechte nun Leib gegen Leib steht, dem dürften wir auf übliche Weise einen solchen Namen geben, dass wir es etwa das gewalttätige nennten.

[B] THEAITETOS: Ja.

GAST: In welchem aber Wort gegen Wort, o Theaitetos, wie sollte man das anders nennen als Wortstreit?

THEAITETOS: Gar nicht anders.

GAST: Was aber unter den Wortstreit gehört, ist wieder zwiefach zu setzen.

THEAITETOS: Wie fern?

GAST: So fern er nämlich mit langen Reden gegen lange über das Recht und Unrecht öffentlich geführt wird, ist er der Rechtsstreit.

THEAITETOS: Ja.

GAST: Den in Fragen und Antworten zerschnittenen aber unter Einzelnen, [C] sind wir den anders zu nennen gewohnt als Wortwechsel?

THEAITETOS: Nicht anders.


GAST: Was nun wortwechselnd im Handel und Wandel gestritten wird durcheinander und kunstlos, dies muß man zwar als die eine Art setzen, da die Erklärung es als ein verschiedenes anerkennt, aber einen Namen hat es weder von den Früheren erhalten, noch verdient [D] es einen durch uns zu erlangen.

THEAITETOS: Gewiß nicht.

GAST: Auch ist es gar zu sehr ins kleine und vielfach geteilt. Den kunstgerechten Wortwechsel aber, sowohl über Rede und Unrecht als über andere Dinge, sind wir nicht gewohnt den das Streitgespräch zu nennen?

THEAITETOS: Wie auch anders?

GAST: Das Streitgespräch aber ist teils geldverzehrend teils geldbringend.

THEAITETOS: Ganz gewiss.

GAST: So lasse uns also den Beinamen, mit dem wir beides bezeichnen müssen, zu bestimmen versuchen.

THEAITETOS: Das ist nötig.

[E] GAST: Mir scheint das Streitgespräch das aus reiner Lust an solcher Verhandlung mit Vernachlässigung eigner Angelegenheiten geschieht, in Hinsicht auf den Vortrag aber von den meisten Hörern nicht mit Vergnügen angehört wird, nach meiner Meinung nicht anders als das geschwätzige genannt werden zu können.

THEAITETOS: So pflegt man es ja zu nennen.

GAST: Wer aber im Gegenteil aus dem Streitgespräch mit Einzelnen Geld erwirbt, diesen versuche du deinerseits mir zu nennen.

THEAITETOS: Und was sollte man wohl ohne fehl zu gehen anders sagen, als dass schon wiederum herauskomme jener wunderbare von uns nun schon zum vierten mal gefundene Sophist?

GAST: [226 St.1 A] So wäre also nichts anderes als die geldbringende Art der streitsprecherischen Kunst, welche von dem Wortwechsel, also der streitenden fechtenden kampfgeschickten und so erwerbenden Kunst ein Teil ist, wie die Rede uns jetzt gezeigt hat, der Sophist.

THEAITETOS: Ganz offenbar.

GAST: Siehst du also, wie richtig das gesagt ist, dass dies gar ein schlaues Tier ist, und wie man im Sprichwort sagt, nicht mit Einer Hand zu fangen?

THEAITETOS: Also müssen wir beide dazu nehmen.

GAST: Das müssen wir und zwar aus allen Kräften tun, [B] indem wir auch noch dieser Spur von ihm nachgehen. Sage mir nämlich, wir haben doch gewisse von häuslichen Dienstverrichtungen gebrauchte Ausdrücke?

THEAITETOS: Gar viele, aber nach welchen von diesen vielen fragst du.

GAST: Solche meine ich wie durchseihen, durchsieben, worfeln und verlesen.

THEAITETOS: Wie werde ich die nicht kennen!

GAST: Und außer diesen noch krämpeln, spinnen, schlagen mit der Weberlade und tausend ähnliche Verrichtungen wissen wir dass es auch in anderen Gewerben gibt. Nicht wahr?

THEAITETOS: Aber um was doch an ihnen allen deutlich zu machen, hast du diese als [C] Beispiele aufgestellt und danach gefragt?

GAST: Aussonderndes ist doch das angeführte insgesamt. THEAITETOS: ja.

GAST: So lasse uns ihm auch nach meiner Weise als einer einzigen Kunst zu diesem Behuf in allen Dingen einen Namen erteilen.

THEAITETOS: Und wie wollen wir sie nennen? GAST: Die Aussonderungskunst.


THEAITETOS: So soll es sein.

GAST: Sieh nun zu, ob wir auch von dieser wiederum zwei Arten erblicken können?

THEAITETOS: Zu schnell für mich trägst du mir die Untersuchung auf.

[D] GAST: Von den genannten Aussonderungen war doch die eine ein Ausscheiden des schlechteren vom Besseren, die andere des Ähnlichen vom Ähnlichen?

THEAITETOS: Nun es gesagt wird, kommt es mir auch wohl ebenso vor.

GAST: Von der einen nun weiß ich keinen üblichen Namen, von jener Aussonderung aber welche das bessere zurücklässt und das schlechte wegwirft weiß ich einen.

THEAITETOS: Sage welchen.

GAST: Eine jede solche Aussonderung wird, soviel ich verstehe, von jedermann eine Reinigung genannt.

THEAITETOS: Das ist richtig.

GAST: Und sollte nicht jeder sehen, [E] dass auch das Reinigen ein Zweifaches ist?

THEAITETOS: Bei Muße vielleicht, jetzt sehe ich wenigstens es noch nicht.

GAST: Die vielen Arten der Reinigungen der Körper wollten wir unter einem Namen zusammenfassen.

THEAITETOS: Was für welche und unter welchem?

GAST: Zuerst die der Lebendigen, wie sie innerlich von der Kunst der Leibesübungen und der Heilkunst durch richtige Aussonderung gereinigt werden, [227 St.1 A] und dann auch von außen, was leicht zu sagen ist, die Badekunst leistet. Dann auch die der unbelebten Körper, welchen die Walkerkunst und die gesamte Putz- und Glättkunst ihre kleinen Dienste leistet unter vielen lächerlichen Namen, wenn man sie alle nennen wollte.

THEAITETOS: Gewiß nicht wenig.

GAST: Freilich wohl, o Theaitetos. Allein dem erklärenden Verfahren liegt nicht mehr noch minder an der Kunst der Badegerätschaften [B] zum Beispiel als an der der Arzneibereitung, wenn auch jene uns nur geringen, diese aber großen Nutzen gewährt durch ihre Reinigung. Denn indem sie nur um Einsicht zu erwerben das verwandte und nichtverwandte in den Künsten zu entdecken sucht, ehrt sie alle gleichermaßen, und der Ähnlichkeit gemäß hält sie keine vor der andern für lächerlich. Für höher und würdiger [C] aber wird sie den, welchen die nachstellende Kunst als Feldherrnkunst bezeichnet, nicht halten als den, der sie als Kammerjägerei ausübt, sondern meistens nur für großsprecherischer. So auch jetzt bei dem was du fragtest, mit welchem Namen wir diese sämtlichen Verrichtungen, welchen obliegt einen sei es belebten oder unbelebten Körper zu reinigen, benennen sollen, wird ihr nichts daran gelegen sein, [D] welcher ihnen etwa als der zierlichste könnte beigelegt werden, er halte nur, die Reinigung der Seele ausgenommen, alles zusammen verbunden was sonst irgendetwas reinigt. Denn das Reinigen an der Seele sollte eben jetzt von allem andern abgesondert werden, wenn wir anders verstehen was unser Verfahren wollte.

THEAITETOS: Wohl ich habe es begriffen, und gebe zu, zwei Arten der Reinigung, von denen die eine für die Seele ist abgesondert von der für den Leib.

[E] GAST: Sehr schön. So höre nun mein nächstes, versuchend auch das eben gesagte entzwei zu schneiden.

THEAITETOS: Wie du mich führen willst will ich versuchen dir nachzuschneiden.

GAST: Bösartigkeit ist uns doch etwas anderes als Tugend in der Seele?

THEAITETOS: Wie sollte sie nicht!

GAST: Und Reinigung war uns doch, das andere zurücklassen, wo es aber irgendetwas untaugliches gibt, dies herauswerfen?

THEAITETOS: Das war die Sache.


GAST: Auch bei der Seele, wo wir eine Hinwegräumung der Schlechtigkeit antreffen, werden wir, wenn wir das Reinigung nennen, wohl gesprochen haben.

THEAITETOS: Gar sehr.

GAST: Zwei Arten von Schlechtigkeit in der Seele sind aber anzuführen.

THEAITETOS: Was für welche?

[228 St.1 A] GAST: Die eine wohnt ihr ein wie dem Leibe die Krankheit, die andere wie die Hässlichkeit.

THEAITETOS: Das habe ich nicht verstanden.

GAST: Vielleicht hältst du Krankheit und Zwietracht nicht für einerlei?

THEAITETOS: Auch darauf weiß ich noch nicht was ich antworten soll.

GAST: Siehst du Zwietracht für etwas anderes an, als für einen in dem von Natur verwandten durch irgendein Verderben entstandenen Zwist?

THEAITETOS: Für nicht anderes.

GAST: Und Hässlichkeit für etwas anders als für das überall, wo es auch sei, widerliche Geschlecht der Ungemessenheit?

THEAITETOS: Keineswegs für etwas [B] anderes.

GAST: Wie nun, merken wir nicht, dass in der Seele das Urteil mit den Begierden, das Gemüt mit den Lüsten, die Vernunft mit der Unlust, und dies alles unter sich bei untauglichen Menschen im Streite liegt?

THEAITETOS: Gar sehr gewiss.

GAST: Und verwandt ist sie doch notwendig dies alles unter sich?

THEAITETOS: Wie sollte es nicht.

GAST: Wenn wir also die Bösartigkeit Zwietracht und Krankheit der Seele nennen, werden wir uns richtig ausdrücken?

THEAITETOS: Vollkommen richtig gewiss.

GAST: Wie aber, wenn etwas der Bewegung zukommt und das ein vorgesetztes [C] Ziel zu erreichen versucht, bei jedem Anlauf daran vorbeigeht und es verfehlt, sollen wir sagen, dass dem dieses aus Wohlgemessenheit beider gegen einander oder aus Ungemessenheit widerfahre.

THEAITETOS: Offenbar aus Ungemessenheit.

GAST: Aber überall irrt jede Seele, das wissen wir, nur unfreiwillig.

THEAITETOS: Gar sehr.

GAST: Das Irren ist ja doch nichts anders als einer nach Wahrheit ausgehenden, an der Einsicht aber vorbeigehenden Seele Vorbeidenken.

THEAITETOS: [D] Sicherlich.

GAST: Eine unverständige Seele also ist als eine hässliche und ungemessene zu setzen.

THEAITETOS: So scheint es.

GAST: Es gibt also, wie sich zeigt, diese zwei Gattungen, des schlechten in ihr, die eine gemeinhin Bösartigkeit genannt ist offenbar ihre Krankheit.

THEAITETOS: Ja.

GAST: Die andere nennen sie Unverstand, dass sie aber allein eine Schlechtigkeit in der Seele sei, wollen sie nicht eingestehen.

THEAITETOS: Offenbar muß man einräumen, was ich, als du es vorher sagtest, noch bezweifelte, dass es zwei Arten der Schlechtigkeit in der Seele gibt, und dass Feigheit, Unbändigkeit, [E] Ungerechtigkeit insgesamt für Krankheit in uns zu halten ist, die oftmaligen und mannigfaltigen Erscheinungen des Unverstandes aber als Hässlichkeit zu setzen.

GAST: Für den Leib gibt es doch dieser zwei Zustände wegen zwei gewisse Künste?


THEAITETOS: Welche sind diese?

GAST: Für die Hässlichkeit die Gymnastik, für die Krankheit die Heilkunst.

[229 St.1 A] THEAITETOS: Offenbar.

GAST: So ist auch wohl für Üppigkeit, Ungerechtigkeit und Feigheit unter allen Künsten die angemessenste die bändigende Kunst der Rechtsverwaltung.

THEAITETOS: Wahrscheinlich ist es, wenigstens menschlichem Urteil nach.

GAST: Wie aber für den sämtlichen Unverstand könnte man wohl eine andere richtiger nennen als die belehrende?

THEAITETOS: Keine.

GAST: Wohl denn! Ob wir sagen sollen, [B] dass es nur eine Art der Belehrung gebe oder mehrere, und vornehmlich zwei wichtigste, das erwäge.

THEAITETOS: Ich erwäge.

GAST: Und ich denke, so werden wir es am schnellsten finden. THEAITETOS: Wie?

GAST: Wenn wir den Unverstand betrachten, ob er selbst etwa einen Einschnitt in der Mitte hat. Denn wenn er zwiefach ist, wird offenbar die Belehrung auch zwei Teile haben müssen, für jede Art von jenem einen.

THEAITETOS: Wie also? Zeigt sich dir etwa schon [C] was wir jetzt suchen?

GAST: Ich glaube eine sehr große und bedeutende Art des Unverstandes abgesondert zu sehen, welche allen andern Teilen derselben das Gleichgewicht hält.

THEAITETOS: Was für eine?

GAST: Wenn, was man nicht weiß, man glaubt zu wissen, woraus wohl alles, was unserer Seele misslingt, allen entstehen mag.

THEAITETOS: Richtig.

GAST: Und diese Art des Unverstandes, denke ich, wird allein Torheit genannt. THEAITETOS: Freilich.

GAST: Wie nun sollen wir [D] den hiervon uns befreienden Teil der Belehrung benennen?

THEAITETOS: Ich denke wenigstens, o Gastfreund, dass das übrige nur lehren im Sinne von Fachkenntnisse beibringen ist, dieses aber, hier wenigstens unter uns, eigentlich Bildung genannt wird.

GAST: Auch wohl bei allen Hellenen, o Theaitetos. Aber uns ist noch nachzusehen, ob nun schon alles unteilbar ist, oder ob es noch eine Einteilung gibt, welche genannt zu werden verdient.

THEAITETOS: So lasse uns denn zusehen.

GAST: Mir scheint auch dies noch [E] eine Teilung zuzulassen.

THEAITETOS: Wie denn?

GAST: Es scheint in der Belehrung durch Reden ein Weg rauer zu sein, der andere glatter. THEAITETOS: Welches soll jeder von beiden sein?

GAST: Der eine ist die altväterliche Weise, wie sie mit ihren Söhnen sonst umgingen, Viele auch noch mit ihnen umgehen, wenn sie in etwas fehlen, [230 St.1 A] bald sie heftig angehend, bald wieder ihnen sanftmütiger zusprechend, das Ganze nennt man am füglichsten das Ermahnen.

THEAITETOS: Ich verstehe.

GAST: Der andere aber, da Viele, die es sich recht überlegt haben, zu glauben scheinen, dass alle Torheit unwillkürlich wäre, und dass keiner darin, worin er schon stark zu sein glaubte, noch etwas würde lernen wollen, und nach vieler Arbeit die ermahnende Art der Unterweisung [B] doch nicht viel ausrichten würde.

THEAITETOS: Woran sie auch wohl ganz recht glaubten.

 

GAST: So schicken sie sich denn zur Vertilgung dieser Meinung auf eine andere Weise an. THEAITETOS: Auf welche doch?

GAST: Sie fragen sie aus in dem worüber einer etwas rechtes zu sagen glaubt, der doch nichts sagt. Dabei forschen sie der unsicher Schwankenden Meinungen gar leicht aus, welche sie dann in der Rede zusammenbringen und nebeneinander stellen, durch diese Zusammenstellung selbst zeigend, dass sie eine der andern zugleich über dieselben Gegenstände in denselben Beziehungen nach demselben Sinne widersprechen. Jene nun, [C] wenn sie dies wahrnehmen, werden unwillig gegen sich und milder gegen die Andern, und auf diese Weise ihrer hohen und hartnäckigen Vorstellungen von sich selbst entledigt, welches die erfreulichste aller Erledigungen ist für den, der es mit anhört, und dem welchem sie begegnet, die zuverlässigste. Denn, lieber Sohn, die [D] Reinigenden glaubend, so wie die Ärzte des Leibes der Meinung sind, der Leib könne die ihm beigebrachte Nahrung nicht eher nutzen bis jemand die Hindernisse in ihm selbst weggeschafft habe, denken ebenso dasselbe von der Seele, dass sie nicht eher von den ihr beigebrachten Kenntnissen Vorteil haben könne bis durch prüfende Zurechtweisung des Zurechtzuweisenden zur Scham gebracht, die den Kenntnissen im Wege stehenden Meinungen ihm abgenommen, und [E] ihm rein darstellt wird was er wirklich weiß, zu wissen glaubend aber nicht mehr.

THEAITETOS: Die vorzüglichste wenigstens und weiseste Gemütsbeschaffenheit ist diese.

GAST: Deshalb nun, Theaitetos, müssen wir auch sagen, dass die prüfende Zurechtweisung die herrlichste und vortrefflichste aller Reinigungen ist, und müsse den ungeprüften, wenn er auch der große König wäre, für höchst unrein halten, und dass er ungebildet und hässlich gerade da ist, wo, wer wahrhaft glückselig sein will, am reinsten und schönsten sein muß.

THEAITETOS: Auf alle Weise.

GAST: Wie nun? Die diese Kunst ausüben, wie sollen wir die nennen? Denn ich fürchte mich noch

sie Sophisten [231 St.1 A] zu nennen.

THEAITETOS: Wie so?

GAST: Damit wir ihnen nicht zu große Ehre erweisen.

THEAITETOS: Aber das eben gesagte gleicht doch einem solchen ziemlich.

GAST: Auch dem Hunde der Wolf, das wildeste dem zahmsten. Der Vorsichtige aber muß sich am meisten mit den Ähnlichkeiten in Acht nehmen, denn es ist eine gar zu gefährliche Art. Dennoch mögen sie es sein. Denn um [B] kleiner Bestimmungen willen, denke ich, wird sich der Streit nicht entspinnen, wenn man sie nur recht in Acht nimmt.

THEAITETOS: Nein, sollte man denken.

GAST: So sei denn ein Teil der sondernden Kunst die reinigende, von der reinigenden werde der Teil für die Seele abgesondert, von diesem die Belehrung und von der Belehrung die Unterweisung, und von der Unterweisung, werde gesagt, [C] sei die auf leere Scheinweisheit gerichtete Prüfung nach der jetzt nebenbei erschienenen Erklärung nichts anders als die edle und vornehme Sophistik.

THEAITETOS: Gesagt werde dies zwar, aber ich bin nun schon ganz bedenklich, weil er uns als so vieles erschienen ist, was man denn nun, wenn man es ernsthaft meint und behauptet, sagen soll, dass der Sophist in Wahrheit sei.

GAST: Mit Recht bist du bedenklich. Aber auch jenem, muß man glauben, sei es nun schon ganz bedenklich, [D] wohinaus er wohl unserer Untersuchung entkommen wolle. Denn richtig ist das Sprichwort: 'Vielen ist nicht leicht ausweichen', jetzt also müssen wir ihm erst am meisten zusetzen.

THEAITETOS: Wohl gesprochen.

GAST: Zuerst lasse uns etwas stillstehen und ausruhen, und lasse uns bei uns selbst überlegen, indem wir ausruhen, als wie vielerlei uns der Sophist erschienen ist. Ich glaube zuerst wurde er gefunden als reicher Jünglinge wohlbelohnter Nachsteller.

THEAITETOS: Ja.


GAST: Zweitens war er ein Großhändler für die Seele [E] und zwar mit Kenntnissen.

THEAITETOS: Richtig.

GAST: Und zeigte er sich nicht drittens als ein Krämer mit eben diesen?

THEAITETOS: Ja, und viertens war er uns doch ein Eigenhändler mit Kenntnissen.

GAST: Richtig erinnert. Das fünfte will ich versuchen anzuführen. Aus der Kampfgeschicklichkeit wurde er nämlich als ein Kunstfechter im Streitgespräch abgesondert.

THEAITETOS: Das war er.

GAST: Das sechste war freilich zweifelhaft, doch haben wir es ihm eingeräumt, und sagen, er sei der von Meinungen, welche in der Seele den Kenntnissen im Wege stehen, reinigt.

THEAITETOS: Auf alle Weise.

GAST: Merkst du [232 St.1 A] nun nicht, dass wenn einer als vieler Dinge kundig sich zeigt, und doch nur mit dem Namen einer einzigen Kunst benannt wird, dies nicht kann eine richtige Vorstellung sein, sondern dass offenbar der, dem dies mit einer Kunst begegnet, dasjenige an ihr nicht zu entdecken weiß, worauf alle jene verschiedenen Kenntnisse abzwecken, weshalb er sie auch mit vielen Namen statt demjenigen, den sie besitzt, benennt?

THEAITETOS: Hiermit mag es wohl diese Bewandtnis eigentlich haben.

GAST: Nicht also soll uns dies bei unserer Untersuchung [B] aus Trägheit begegnen, sondern lasse uns zuerst etwas von dem über den Sophisten gesagten wieder aufnehmen, denn eines hat mir eingeleuchtet als ganz vorzüglich ihn bezeichnend.

THEAITETOS: Welches denn?

GAST: Wir sagen doch, er sei ein Künstler im Streitgespräch. THEAITETOS: Ja.

GAST: Nicht auch dass er eben hierin ein Lehrer werde für andere? THEAITETOS: Unbedenklich.

GAST: So lasse uns denn sehen, worin denn solche Leute sich rühmen andere streitbar zu machen im Gespräch. Unsere Untersuchung gehe aber von Anfang an [C] so. Zuerst über göttliche Dinge, wie sie den meisten verborgen sind, setzen sie sie doch in Stand sich zu streiten?

THEAITETOS: Gesagt wird das ja von ihnen.

GAST: Und was offenbar ist auf der Erde und am Himmel, auch darüber? THEAITETOS: Allerdings.

GAST: Aber auch in geselligen Versammlungen, wenn vom Werden und Sein im Allgemeinen gesprochen wird, wissen wir doch, dass sie selbst gewaltig sind im Widersprechen, [D] und dass sie auch die andern tüchtig machen in dem was sie selbst sind.

THEAITETOS: Auf alle Weise.

GAST: Und über Gesetze und alle Staatsangelegenheiten versprechen sie nicht sie streitbar zu machen?

THEAITETOS: Niemand würde ja wohl, dass ich es gerade heraussage, mit ihnen reden, wenn sie dies nicht versprächen.

GAST: Und wiederum in allen und jeden einzelnen Künsten, wie man jedem Meister darin widersprechen muß, das liegt öffentlich bekannt gemacht und niedergeschrieben da, für jeden der es lernen will.

THEAITETOS: Du meinst wohl die Protagoreischen Sachen über das Ringen [E] und die andern Künste.

GAST: Und ähnliches, o Trefflicher, von vielen Andern. Aber scheint nun nicht diese Kunst des Widerspruchs im Allgemeinen über Alles, hinreichendes Geschick zu besitzen zum Streitgespräch?


THEAITETOS: Man sieht ja fast nicht, dass sie etwas übrig ließe.

GAST: Du aber, Junge, bei den Göttern, hältst du das für möglich? Denn vielleicht seht ihr Jüngeren hierin schärfer und wir stumpfer!

THEAITETOS: Was doch, und worin meinst du? [233 St.1 A] Denn ich verstehe noch nicht was du jetzt fragst.

GAST: Ob es wohl möglich ist, dass irgendein Mensch alles weiß. THEAITETOS: Glückselig, o Gast, wäre dann unser Geschlecht.

GAST: Wie könnte also wohl je im Widerspruch gegen den Kundigen ein selbst Unkundiger etwas Richtiges vorbringen?

THEAITETOS: Auf keine Weise.

GAST: Was wäre also eigentlich das Geheimnis im sophistischen Kunststück? THEAITETOS: In welchem doch.

GAST: Auf welche Weise sie wohl im Stande sind den Jünglingen die Meinung beizubringen, dass in allen Dingen unter Allen sie die kundigsten wären? [B] Denn offenbar, wenn sie weder bündig widersprächen, noch jenen es zu tun schienen, oder auch wenn sie es schienen, aber wegen dieses Streitens um nichts mehr für weise gehalten würden, dann könnten sie, wie du vorher sagtest, wohl warten bis ihnen jemand Geld gäbe um eben hierin ihr Schüler zu werden.

THEAITETOS: Gewiß, sie könnten warten.

GAST: Nun aber werden sie es doch?

THEAITETOS: Gar sehr.

GAST: Also haben sie, denke ich, [C] den Schein dessen kundig zu sein worüber sie sich streiten? THEAITETOS: Wie sollten sie nicht!

GAST: Sie tun das aber über alles. Sagen wir so?

THEAITETOS: Ja wohl.

GAST: In allen Dingen also scheinen sie ihren Schülern weise zu sein.

THEAITETOS: Unbedenklich.

GAST: Ohne es doch zu sein, denn das hatte sich als unmöglich gezeigt.

THEAITETOS: Wie sollte es auch nicht unmöglich sein!

GAST: Eine scheinbare Erkenntnis also von allen Dingen, nicht aber die Wahrheit besitzend, zeigt sich der Sophist.

[D] THEAITETOS: Auf alle Weise, und das jetzt von ihm gesagte scheint unter allem das richtigste zu sein.

GAST: Lasse uns nur ein noch anschaulicheres Beispiel hierzu vorzeichnen. THEAITETOS: Was für eines?

GAST: Dieses. Suche aber ja wohl Acht zu geben und zu antworten. THEAITETOS: Was nur?