Werk:TDPC/59.1
▷Sed quomodo deus in se absolute consideratus sit actus omnis posse seu forma sim|plicissima simul et infinitissima, non video aenigma intellectuale propinquius quam si pono lineam infinitam. Declaravi enim in libello Doctae ignorantiae illam si dabilis esset actum esse omnis posse lineae, scilicet terminum omnium per lineam terminabilium et adaequatissimum omnium figurarum lineabilium exemplar. Sic necesse est se habere absolutam entitatem seu formam. Absoluta enim est interminata et infinita. Quare est cuiuslibet terminatae et finitae adaequatissimum exemplar, cum nulli sit aut maior aut minor. Deum autem esse absolutum necesse est, cum praecedat omne non-esse et per consequens omnem alteritatem et contractionem. Ideo nulli alter vel diversus, licet nihil ad eius aequalitatem accedere possit, cum omnia alia sint altera et finita. Unde cum deo nihil sit impossibile, oportet per ea quae in hoc mundo sunt impossibilia nos ad ipsum respicere, apud quem impossibilitas est necessitas. Sicut infinitas in hoc mundo actu est impossibilis, sic magnitudo cuius non est finis est necessitas illa, quae non-ens seu nihil ut sit necessitat.
Aber dem, wie Gott, absolut in sich betrachtet, das Wirklichsein jedes Könnens oder die zugleich einfachste und unendlichste Form sei, sehe ich kein Rätselbild der Vernunft so nahekommen wie die Annahme der unendlichen Linie. Ich habe nämlich in dem Büchlein über Die belehrte Unwissenheit erklärt, daß sie, wenn es sie gäbe, das Wirklichsein jedes Könnens der Linie wäre, nämlich die Grenze alles durch die Linie Begrenzbaren und das gleichkommendste Urbild aller Figuren, die durch Linien gebildet werden können.[1] So muß sie notwendigerweise die absolute Seinsheit oder Form haben, absolut nämlich ist sie unbegrenzt und unendlich. Deshalb ist sie jeder begrenzten und endlichen Linie gleichkommendstes Urbild[2], da sie keiner gegenüber größer oder kleiner ist. Daß aber Gott absolut sei, ist notwendig, da er jedem Nichtsein und infolgedessen jeder Andersheit und jeder Besonderung vorausgeht.[3] Daher ist er keinem gegenüber ein anderer oder verschieden, wenn auch nichts zur Gleichheit mit ihm gelangen kann, weil alles andere anders und begrenzt ist[4]. Daher müssen wir, weil für Gott nichts unmöglich ist[5], gerade durch das in dieser Welt Unmögliche ihn im Auge behalten, bei dem die Unmöglichkeit Notwendigkeit ist[6]. Wie in dieser Welt Unendlichkeit als Wirklichkeit unmöglich ist, so ist die Größe, deren kein Ende ist, jene Notwendigkeit, die das Nichtseiende oder Nichts nötigt, daß es sei[7].
Dafür aber, daß Gott in sich absolut betrachtet, die Wirklichkeit jedes Könnens ist oder die zugleich einfachste und unendlichste Gestalt, dafür sehe ich kein entsprechenderes, vernunfthaftes Gleichnis, als wenn ich die unendliche Linie setze. In dem Buch der Wissenden Unwissenheit habe ich erklärt, daß diese Linie, wenn es sie gäbe, die Wirklichkeit alles Linien-sein-Könnens wäre; also auch die Ziel-Grenze alles durch die Linie Begrenzbaren und das angemessenste Urbild aller Figuren, die durch Linien gebildet werden können. So muß sie die absolute Seiendheit oder Gestalt haben; die absolute Linie ist unbegrenzt und unendlich. Darum ist sie das angemessenste Urbild jeder begrenzten und endlichen Linie, da sie keiner gegenüber größer oder kleiner ist. Gott aber muß das Absolute sein, da er allem Nicht-Sein vorangeht und folglich auch jeder Andersheit und Widersprüchlichkeit. Darum ist er keinem Ding gegenüber anders oder verschieden, wenn auch nichts an seine Gleichheit herankommen kann, weil alles andere anders und endlich ist. Da bei Gott nichts unmöglich ist, müssen wir eben durch das in dieser Welt Unmögliche zu dem hinblicken, bei dem die Unmöglichkeit Notwendigkeit ist. Wie auf dieser Welt die Unendlichkeit als Wirklichkeit unmöglich ist, ist die Größe, die kein Ende hat, jene Notwendigkeit, die das Nicht-Seiende oder das Nichts nötigt, zu sein.