Werk:Theaitetos (Platon)/Theaitetos 2
3. Teil: Theaitetos 3 (Platon)
THEAITETOS: Notwendig so, Sokrates.
SOKRATES: Dieses haben wir recht mit Mühe endlich geboren, was es auch nun eigentlich sein mag. Nach der Geburt aber müssen wir nun das wahre Umtragen im Kreise damit vornehmen, indem wir durch weitere Untersuchung erforschen, ob nicht das Geborene, vielleicht ohne dass wir es wussten, [161 St.1 A] nicht wert ist auferzogen zu werden, sondern bloß ein Windei. Oder glaubst du, dein Kind müsse man auf alle Fälle auferziehen und nie aussetzen? Oder wirst du es doch ertragen, wenn du siehst, dass es die Prüfung nicht besteht, und nicht allzu verdrießlich werden, wenn es dir jemand, unerachtet es deine erste Geburt ist, wegnimmt?
THEODOROS: Er wird es ertragen, unser Theaitetos, o Sokrates, denn er ist gar nicht hartnäckig. Also, bei den Göttern, sage, ob es sich nun wieder nicht so verhält?
SOKRATES: Offenbar hast du großes Wohlgefallen an solchen Reden, Theodoros, und bist sehr gut, dass du glaubst, ich wäre gleichsam ein Schatzkasten von Behauptungen und dürfte ohne Mühe nur eine herausnehmend sagen, dass sich dies wiederum nicht so verhielte. Wie es aber [B] wirklich damit zugeht, merkst du nicht, dass nämlich keine dieser Behauptungen von mir ausgeht, sondern immer von dem, der sich mit mir unterredet, ich aber weiter nichts weiß als nur dieses
wenige, nämlich die Rede eines anderen Weiseren aufzufassen und gehörig zu behandeln. Und so will ich es auch jetzt mit diesem versuchen, nicht aber selbst etwas sagen.
THEODOROS: Gut berichtigt, Sokrates, und tue nur so!
SOKRATES: Weißt du also, Theodoros, was mich wundert von deinem Freunde Protagoras? THEODOROS: Was doch?
SOKRATES: Das übrige [C] hat mir alles sehr wohl gefallen, was er sagt, dass, was jedem scheint, für ihn auch ist, nur über den Anfang seiner Rede wundere ich mich, dass er nicht gleich seine „Wahrheit“ so beginnt, das Maß aller Dinge sei das Schwein oder der Affe, oder was man noch unter allem, was Wahrnehmung hat, Unvernünftigeres nennen könnte, damit er recht hochsinnig und herabwürdigend begönne zu uns zu reden, indem er zeigte, dass wir zwar ihn bewunderten als einen Gott seiner Weisheit wegen, er aber doch nichts besser wäre an Einsicht [D] als ein quäkender Frosch, geschweige denn als irgend ein anderer unter den Menschen. Oder was wollen wir sagen, Theodoros? Denn wenn einem jeden wahr sein soll, was er mittelst der Wahrnehmung vorstellt, und weder einer den Zustand des andern besser beurteilen kann, noch auch die Vorstellung des einen der andere besser imstande ist in Erwägung zu ziehen, ob sie wahr oder falsch ist, sondern, wie schon oft gesagt ist, jeder nur seine eignen Vorstellungen hat und diese alle richtig und wahr sind, wie soll denn wohl, o Freund, nur Protagoras weise sein, so dass er mit Recht auch von andern zum Lehrer angenommen wird, und das um großen Lohn, wir dagegen unwissender, so dass wir [E] bei ihm in die Schule gehen müssen, da doch jeder Mensch das Maß seiner eignen Weisheit ist? Und wie sollen wir nicht glauben, dass Protagoras dies bloß im Scherz vorbringt? Was nun gar mich betrifft und meine Kunst der Geburtshilfe, so schweige ich ganz davon, welches Gelächter wir billig erregen. Ich glaube aber, es wird auch dasselbe sein mit dem ganzen Geschäft des wissenschaftlichen Unterredens. Denn gegenseitig einer des andern Vorstellungen und Meinungen in Betrachtung ziehen und zu widerlegen suchen, wenn sie doch alle richtig sind, ist das nicht eine langweilige und überlaute [162 St.1 A] Kinderei, wenn anders die „Wahrheit“ des Protagoras wirklich wahr ist und nicht nur scherzend aus dem Allerheiligsten des Buches herausgeredet ist?
THEODOROS: Der Mann, o Sokrates, ist mein Freund, wie du oben sagtest. Darum möchte ich weder, dass Protagoras durch meine Eingeständnisse widerlegt würde, noch auch möchte ich dir gegen meine eigene Meinung zuwider sein. Deshalb nimm dir nur wieder den Theaitetos vor, schien er dir doch auch vorher sehr aufmerksam zu folgen.
SOKRATES: Würdest du denn auch, wenn du nach Lakedaimon kämest, Theodoros, zu den Fechtschulen, und wenn du dort die andern nackt sähest, [B] einige darunter überdies gar nicht ansehnliche Leute, dennoch lieber dich nicht neben ihnen auskleiden und ihnen deine Gestalt zeigen?
THEODOROS: Warum meinst du, dass ich das nicht allerdings vorziehen würde, wenn sie es mir nur vergönnten und sich überreden ließen? So wie ich jetzt euch zu überreden hoffe, mich zuschauen zu lassen und mich, der ich schon ungelenker bin, nicht in den Übungsplatz hineinzuziehen, sondern lieber mit einem Jüngeren und Gelenkigeren zu ringen.
SOKRATES: Wenn es dir so recht ist, Theodoros, ist es mir auch nicht zuwider, wie man zu sagen pflegt. [C] So muss ich denn wieder zu dem guten Theaitetos gehen. Sage also, Theaitetos, zuerst, was wir jetzt eben durchgegangen sind, ob du dich nicht ebenfalls verwunderst, dass sich auf einmal zeigt, du seist nichts schlechter in der Weisheit als einer unter den Menschen oder auch unter den Göttern? Oder glaubst du, dass das Maß des Protagoras weniger von den Göttern gilt als von den Menschen?
THEAITETOS: Beim Zeus, keineswegs, und was du jetzt fragst, verwundert mich freilich sehr. Denn als wir vorher erörterten, weshalb sie wohl sagten, was jedem erscheine, das sei auch für den, dem es erscheine, fand [D] ich, dass dieses vortrefflich gesagt wäre, nun aber ganz im Gegenteil ist es schnell umgeschlagen.
SOKRATES: Du bist eben jung, lieber Junge, deshalb beachtest du schneller verfängliche Reden und lässt sie zu. Denn Protagoras oder ein anderer für ihn würde hierauf sagen: „Ihr trefflichen Knaben und Greise sitzt hier zusammen und führt verfängliche Reden, indem ihr die Götter mit hineinzieht in die Sache, welche ich gänzlich beiseite setze im Reden sowohl als im Schreiben, ob sie sind oder nicht sind, und was [E] auf viele Zuhörer Eindruck machen würde, wenn sie es hörten, dergleichen redet ihr, als wäre es nun etwas Schreckliches, wenn jeder Mensch um gar nichts besser wäre in der Weisheit als irgend ein Tier. Beweise aber und notwendige Schlussfolgen führt ihr gar nicht eine einzige an, sondern begnügt euch mit dem Scheinbaren, welches doch weder Theodoros noch irgendein anderer Mathematiker bei seiner Mathematik anwenden würde, oder er wäre auch gar nichts wert.“ So überlegt nun, du und Theodoros, ob ihr in so wichtigen Dingen solchen Reden Beifall geben wollt, [163 St.1 A] die nur aus Überredungskünsten und wahr Erscheinendem zusammengesetzt sind.
THEAITETOS: Dass dieses billig wäre, Sokrates, würdest weder du noch auch wir sagen wollen.
SOKRATES: Auf eine andere Weise also, wie es scheint, müssen wir die Sache betrachten, wie du behauptest und Theodoros.
THEAITETOS: Allerdings auf eine andere.
SOKRATES: Lasst uns denn auf diese Weise sehen, ob wohl Erkenntnis und Wahrnehmung einerlei ist oder verschieden, denn darauf ging doch unsere ganze Rede aus, und deshalb haben wir so vielerlei Wunderliches aufgeführt. Nicht wahr?
THEAITETOS: Allerdings.
SOKRATES: Sollen wir also eingestehen, was wir durch Sehen wahrnehmen oder durch Hören, [B] dass wir alles dieses auch zugleich verstehen? Zum Beispiel: Ausländer, deren Sprache wir noch nicht gelernt haben, sollen wir leugnen, dass wir die hören, wenn sie darin sprechen? Oder sollen wir sagen, dass wir sie nicht nur hören, sondern auch das verstehen, was sie sagen? Ebenso, wenn wir Buchstaben noch nicht kennen, doch aber unsere Augen auf sie richten, sollen wir behaupten, dass wir sie nicht sehen, oder dass wir sie auch verstehen, wenn wir sie doch sehen?
THEAITETOS: Dasselbe an ihnen, o Sokrates, was wir sehen und hören, werden wir auch zu verstehen behaupten, dass wir nämlich von letzteren die Gestalt und Farbe sehen und auch erkennen, [C] von jenen aber die Höhe und Tiefe hören und auch wissen, dass wir aber, was von beidem die Sprachlehrer und Dolmetscher zeigen, weder wahrnehmen durch das Sehen und Hören, noch also auch verstehen.
SOKRATES: Vortrefflich, Theaitetos, und es wäre nicht recht, dir dieses zu bestreiten, damit dir auch der Mut wachse! Aber betrachte auch dieses andere, welches herbeikommt, und sieh zu, wie wir es uns abwehren wollen!
THEAITETOS: Was denn?
SOKRATES: Dieses, wenn jemand fragte, ob es wohl möglich wäre, [D] dass einer etwas, wovon er einmal Erkenntnis erlangt und wovon er die Erinnerung noch unverloren bei sich bewahrt, dann, wann er sich erinnert, eben das doch nicht erkennte, dessen er sich erinnert. Ich bin aber, wie ich merke, sehr weitläufig, da ich doch nur fragen wollte, ob jemand, was er erfahren, indem er sich dessen erinnert, doch nicht weiß.
THEAITETOS: Und auf welche Weise, Sokrates? Dies wäre ja ein Wunder, was du da sagst.
SOKRATES: Bin ich denn etwa irre? Sieh doch zu! Sagst du nicht, das Sehen sei ein Wahrnehmen und jeder Anblick eine Wahrnehmung?
THEAITETOS: So sage ich.
SOKRATES: Wer nur etwas gesehen hat, der hat eine Erkenntnis bekommen von dem, was er gesehen hat, nach unserm jetzigen Satz?
THEAITETOS: Ja.
SOKRATES: Wie weiter? [E] Gibst du nicht doch auch eine Erinnerung zu? THEAITETOS: O ja.
SOKRATES: An nichts oder an etwas?
THEAITETOS: An etwas, versteht sich.
SOKRATES: Wohl, was einer erfahren und wahrgenommen hat, an etwas davon?
THEAITETOS: Woran sonst?
SOKRATES: Und was jemand gesehen hat, dessen erinnert er sich doch bisweilen?
THEAITETOS: Gewiss erinnert er sich.
SOKRATES: Auch indem er die Augen verschließt? Oder hat er es, sobald er dies tut, vergessen?
THEAITETOS: Das wäre ja arg, o Sokrates, das zu behaupten.
SOKRATES: [164 St.1 A] Und doch müssen wir es, wenn wir nämlich den vorigen Satz retten wollen, wo nicht, so ist es vorbei mit ihm.
THEAITETOS: Auch ich, beim Zeus, merke so etwas, noch begreife ich es aber nicht ganz genau. Sage mir also, wie?
SOKRATES: So: Wer sieht, sagen wir, hat Erkenntnis bekommen davon, was er sieht. Denn Gesicht und Wahrnehmung und Erkenntnis, haben wir zugegeben, ist einerlei.
THEAITETOS: Nun ja.
SOKRATES: Wer nun gesehen und Erkenntnis dessen, was er sah, bekommen hat, erinnert sich dessen zwar, wenn er auch die Augen verschließt, sieht es aber dann nicht. Nicht so?
THEAITETOS: Ganz recht.
SOKRATES: Dies „er sieht nicht“ heißt [B] aber so viel als „er erkennt nicht“, wenn doch „er sieht“ ebenso viel ist als „er erkennt“.
THEAITETOS: Das ist richtig.
SOKRATES: Es folgt also, dass jemand das, wovon er Erkenntnis bekommen hat, indem er sich dessen erinnert, doch nicht erkennt, weil er es nicht sieht, eben das, wovon wir gesagt haben, es würde ein Wunder sein, wenn es geschähe.
THEAITETOS: Vollkommen recht.
SOKRATES: Etwas Unmögliches scheint also zu erfolgen, wenn jemand sagt, Erkenntnis und Wahrnehmung sei dasselbe.
THEAITETOS: So scheint es.
SOKRATES: Man muss also sagen, jedes von beiden sei ein anderes.
THEAITETOS: So wird es sein müssen.
[C] SOKRATES: Was ist also wohl die Erkenntnis? Wir müssen es, wie es scheint, noch einmal von vorne an erklären. Allein, Theaitetos, was sind wir doch im Begriff zu tun?
THEAITETOS: Wieso?
SOKRATES: Es kommt mir vor, als ob wir nach Art eines schlechten Hahns, ehe wir noch gesiegt haben, und von der Sache abspringend unser Siegesgeschrei anstimmten.
THEAITETOS: Wieso denn?
SOKRATES: Gerade als ob es uns nur um des Widerspruchs halber wäre, scheinen wir bloß den Worten nachgehend unsere Gegenbehauptung aufgestellt zu haben und, indem wir durch solche Mittel den Satz überwunden, ganz zufrieden zu sein, und da wir doch behaupten, keine Kunstfechter zu sein, sondern Weisheitsfreunde, [D] tun wir dennoch unvermerkt gerade dasselbe wie jene gewaltigen Männer.
THEAITETOS: Ich verstehe noch immer nicht, wie du es meinst.
SOKRATES: So will ich denn versuchen, dir deutlich zu machen, was ich doch von der Sache merke. Wir fragten, ob wohl, wenn jemand etwas erfahren hat und sich dessen erinnert, er es doch nicht erkenne, und nachdem wir gezeigt hatten, dass, wer etwas gesehen hat und dann die Augen verschließt, sich nun dessen erinnert, es aber nicht mehr sieht, zeigten wir, dass er sich
erinnere, aber nicht mehr erkenne, dieses aber sei unmöglich, und so ging die Sache verloren, die des Protagoras sowohl als auch zugleich die deinige von Erkenntnis und Wahrnehmung, dass beides einerlei ist.
THEAITETOS: Offenbar.
SOKRATES: [E] Sie wäre aber, glaube ich, nicht verloren gegangen, Lieber, wenn nur der Vater der andern Lehre noch lebte, sondern dieser würde ihr noch auf vielerlei Art zu Hilfe gekommen sein. Nun aber, da sie verwaist ist, misshandeln wir sie, zumal auch nicht einmal die Vormünder, welchen Protagoras sie übergeben hat, ihr zu Hilfe kommen wollen, von denen auch Theodoros hier einer ist. Sondern es scheint, wir selbst werden ihr der Billigkeit wegen beistehen müssen.
THEODOROS: Nicht ich, o Sokrates, sondern vielmehr Kallias, der Sohn des Hipponikos, ist [165 St.1 A] Vormund für seine Angelegenheiten. Ich aber habe mich ziemlich bald aus dem anschauungslosen Denken in die Geometrie gerettet. Dennoch aber werde ich es dir Dank wissen, wenn du ihm beistehst.
SOKRATES: Wohlgesprochen, Theodoros! So betrachte nun meine Hilfeleistung. Nämlich es muss jemand noch viel gewaltigere Dinge zugestehen als die vorigen, wenn er nicht genau auf die Worte achthat, so wie wir gewöhnlich pflegen zu bejahen oder zu verneinen. Soll ich dir sagen, wie, oder dem Theaitetos?
THEODOROS: Beiden gemeinschaftlich, Sokrates. Antworten aber mag dir der jüngere, denn wenn er einen Fehler macht, [B] wird es ihm weniger übel stehen.
SOKRATES: So will ich denn gleich die gewaltigste Frage vorbringen. Das ist aber, glaube ich, eine solche: Ist es wohl möglich, dass derselbe Mensch, der etwas weiß, das, was er weiß, zugleich auch nicht wisse?
THEODOROS: Was wollen wir hierauf antworten, Theaitetos? THEAITETOS: Ich meinesteils halte es für unmöglich.
SOKRATES: Keineswegs, wenn du nämlich sagst, das Sehen sei Erkennen. Denn was willst du mit der verfänglichen Frage machen, wenn du einmal, wie man sagt, in die Falle gegangen bist und ein zudringlicher Mensch dir mit der Hand das eine Auge zuhält und dich fragt, ob du mit dem zugehaltenen den Mantel sähest?
THEAITETOS: [C] Ich werde sagen: „Mit diesem zwar nicht, wohl aber mit dem andern“. SOKRATES: Also siehst du doch zu gleicher Zeit dasselbe und siehst es auch nicht. THEAITETOS: Auf gewisse Weise wohl.
SOKRATES: „Ich begehre ja gar nichts,“ sagt er alsdann, „von der Art und Weise, habe auch danach gar nicht gefragt, sondern nur, ob, was du das erkennst, da du dieses auch nicht erkennst? Nun aber zeigt sich, dass du siehst, was du auch nicht siehst. Und eingestanden hast du vorher, das Sehen sei Erkennen und das Nichtsehen Nichterkennen. So überlege nun selbst, was dir hieraus entsteht!“
THEAITETOS: Ich bemerke schon, das Gegenteil dessen, was ich vorausgesetzt.
SOKRATES: Wahrscheinlich, du Wunderbarer, würde dir noch mehr [D] dergleichen begegnen, wenn dich jemand noch außerdem fragte, ob man wohl auch könne scharf erkennen und auch stumpf, oder von nahebei zwar erkennen, von weitem aber nicht, und ebenso laut und leise, und tausend dergleichen, was ein leicht bewaffneter Mann, ein Söldner in Reden in den Hinterhalt legen und, wenn du Erkenntnis und Wahrnehmung als dasselbe gesetzt hast, auf das Hören und Riechen und diese Arten von Wahrnehmungen losgehend dich widerlegen würde, nicht nachlassend, sondern immer eindringend, bis du in Bewunderung seiner verwünschten Weisheit [E] ganz verstrickt würdest, wodurch er dich in seine Gewalt und Gewahrsam bekäme und dich dann loslassen würde nur für so viel Geld, als du mit ihm übereinkommen könntest. Was für eine hilfreiche Rede würde also wohl, fragst du vielleicht, Protagoras für seine Lehre herbeibringen? Sollen wir nicht versuchen, sie vorzutragen?
THEAITETOS: Auf alle Weise.
SOKRATES: Dieses alles nämlich, was wir jetzt sagten, um ihm beizustehen, und er würde, [166 St.1 A] glaube ich, ziemlich verächtlich gerade auf uns losgehen und sprechen: „Dieser ehrliche Sokrates, weil ein Knäblein sich erschrocken hat, als es gefragt ward, ob wohl derselbe Mensch derselben Sache sich erinnern und sie doch nicht erkennen könnte, und vor Schreck es geleugnet, weil es eben nicht vor sich sehen konnte, hat er einen Mann wie mich hernach zum Gelächter gemacht in seinen Reden. Die Sache aber, du mutwilligster Sokrates, verhält sich so: Wenn du etwas von dem Meinigen durch Fragen untersuchst, und der Gefragte wird, indem er das antwortet, was ich selbst geantwortet hätte, [B] des Irrtums überführt, dann werde ich freilich auch überführt. Antwortet er aber etwas anderes, dann geschieht es auch ihm, dem Gefragten, allein. So, um nur bei dem nächsten anzufangen, glaubst du denn, jemand werde dir zugeben, dass einem die Erinnerung an etwas, was ihm begegnete, einwohnt als ein ebensolcher Zustand wie der, da es ihm begegnete, wiewohl es ihm nun nicht mehr begegnet? Weit gefehlt. Oder dass jemand Bedenken tragen werde zu gestehen, es sei möglich, dass derselbe dasselbe wisse und auch nicht wisse? Oder wenn er auch dieses fürchten sollte, dass er jemals zugeben werde, [C] der Veränderte sei noch derselbe, als ehe er verändert ward? Oder vielmehr, es sei überhaupt jemand das und nicht viel mehr die, und zwar unzählig viele Werdende, solange es noch Verunähnlichung gibt, wenn man sich doch hüten soll, dass nicht einer auf die Worte des andern Jagd mache? Vielmehr, du Leichtsinniger,“ würde er sagen, „gehe doch tapferer auf das los, was ich eigentlich behaupte, wenn du nämlich kannst, und widerlege dieses, dass nicht jedem von uns eigentümliche Wahrnehmungen entstehen, oder dass, wenn auch dieses sei, darum doch nicht das Erscheinende für jenen allein werde, [D] oder wenn man Sein sagen soll, sei, dem es erscheint. Sprichst du aber von Schweinen und Affen, so beträgst du dich nicht nur selbst als ein Schwein, sondern überredest auch die, welche dir zuhören, sich ebenso gegen meine Schrift zu betragen, woran du nicht schön handelst. Denn ich behaupte zwar, dass sich die Wahrheit so verhalte, wie ich geschrieben habe, dass nämlich ein jeder von uns das Maß dessen sei, was ist und was nicht, dass aber dennoch der eine unendlich viel besser sei als der andere, eben deshalb, weil dem einen dieses ist und erscheint, dem andern etwas anderes. Und weit entfernt bin ich zu behaupten, dass es keine Weisheit [E] und keinen Weisen gebe, sondern eben den nenne ich gerade weise, welcher, wem unter uns Übles ist und erscheint, die Umwandlung bewirken kann, dass ihm Gutes erscheine und sei. Diese Rede aber greife mir nicht wieder bloß bei dem Worte, sondern vernimm erst folgendermaßen noch deutlicher, was ich meine: Erinnere dich nämlich nur, was zum Beispiel in dem vorigen gesagt wurde, dass dem Kranken bitter scheint und ist, was er genießt, dem Gesunden aber ist und scheint es das Gegenteil. Weiser nun soll man freilich keinen von beiden nennen, es ist auch nicht möglich, [167 St.1 A] auch darf man nicht klagen, der Kranke sei unverständig, weil er dies so vorstellt, der Gesunde aber weise, weil er es anders vorstellt, wohl aber muss man jenem eine Umwandlung bewirken auf die andere Seite, denn die andere Beschaffenheit ist die bessere. Ebenso ist auch in Sachen des Unterrichts von einer Beschaffenheit eine Umwandlung zu bewirken zur andern. Der Arzt nun bewirkt seine Umwandlung durch Arzneien, der Sophist aber durch Reden. Und niemals hat einer einen, der Falsches vorstellte, dahin gebracht, hernach Wahres vorzustellen. Denn es ist weder möglich, das, was nicht ist, vorzustellen, noch überhaupt anderes, als in jedem erzeugt wird, dieses aber ist immer wahr. Sondern [B] nur demjenigen, der, vermöge einer schlechteren Beschaffenheit seiner Seele, auch auf eine ihr verwandte Art vorstellt, kann eine bessere bewirken, dass er anderes und solche Erscheinungen vorstelle, welche dann einige aus Unkunde das Wahre nennen, ich aber nenne nur einiges besser als anderes, wahrer hingegen nenne ich nichts. Und unter den Weisen, o lieber Sokrates, die Frösche zu meinen, bin ich weit entfernt, sondern in Beziehung auf tierische Leiber verstehe ich darunter die Ärzte, in Beziehung auf Gewächse die Landleute. Denn ich glaube, dass auch diese den Pflanzen, anstatt schlechter Wahrnehmungen, wenn sie etwa krank sind, [C] heilsame und gesunde Wahrnehmungen und Wahrheiten beibringen, so wie weise und gute Redner wiederum machen, dass den Staaten anstatt des Verderblichen das Heilsame gerecht erscheint und ist. Denn was jedem Staate schön und gerecht erscheint, das ist es ihm ja auch, solange er es dafür erklärt, der Weise aber macht, dass anstatt des bisherigen Verderblichen ihnen
nun Heilsames so erscheint und ist. Auf eben diese Art nun ist auch der Sophist, der diejenigen, welche sich unterrichten lassen, so zu erziehen versteht, allerdings weise und würdig, große Belohnungen von den Unterrichteten zu empfangen. Und so gilt beides: dass einige weiser sind als andere, und dass doch keiner [D] Falsches vorstellt und auch du, magst du nun wollen oder nicht, dir musst gefallen lassen, ein Maß zu sein. Denn hierdurch wird diese Lehre aufrechterhalten, gegen welche du nun einwenden magst, wenn du aufs neue etwas einzuwenden hast, so dass du in einer Rede das Gegenteil durchführst, oder willst du es lieber durch Fragen, auch so. Denn auch das muss der Verständige nicht scheuen, sondern auf alle Weise angreifen. Nur dieses beobachte: betrüge nicht im Fragen! Es ist ja auch die größte Unvernunft, [E] wenn einer sagt, es sei ihm nur an der Tugend gelegen, und sich dann doch nicht anders als betrügerisch in seinen Reden beweist. Betrügen aber heißt in dieser Sache, wenn jemand nicht dieses beides gänzlich voneinander trennt und anders, wenn er nur zum Streiten seine Unterredungen einrichtet, anders aber wieder, wenn er untersuchen will, und im ersten Falle zwar immerhin scherzt und überlistet, soviel er kann, bei der ordentlichen Untersuchung dagegen ernsthaft ist und den mit ihm Untersuchenden zurechtweist, nur diejenigen Fehler ihm aufzeigend, [168 St.1 A] zu denen er durch sich selbst und durch die, mit denen er früher umging, ist verleitet worden. Wenn du es nun so machst, werden diejenigen, welche sich mit dir unterhalten, sich selbst die Schuld beimessen von ihrer Verwirrung und Ungewissheit, nicht aber dir, und werden dir nachgehen und dich lieben, sich selbst aber hassen und von sich entfliehen in die Philosophie, damit sie andere werden und nicht länger die bleiben, die sie vorher waren. Wofern du aber, wie die meisten, das Gegenteil hiervon tust, so wirst du auch das Gegenteil erfahren, und die, welche mit dir umgehen, anstatt zu Philosophen vielmehr zu Feinden dieser Sache machen, wenn sie werden [B] älter geworden sein. Wenn du mir aber folgst, so wirst du nicht etwa feindselig oder streitsüchtig, sondern mit gelassenem Gemüt untersuchen, wie wir es nur meinen, wenn wir behaupten, dass sich alles bewegt, und dass, was ein jeder vorstellt, für ihn auch ist, für den Einzelnen sowohl als für den Staat. Und hieraus kannst du hernach weiter folgern, ob Erkenntnis und Wahrnehmung einerlei ist oder verschieden, nicht aber wie vorher bloß aus dem gewohnten Gebrauch der Worte und Bezeichnungen, welche die Leute, wie es eben kommt, heranziehen, wodurch sie einander vielfältige Verwirrung bereiten.“
[C] Dieses, o Theodoros, habe ich deinem Freunde zur Hilfe dargebracht, nach Vermögen weniges von wenigem, wenn er aber selbst lebte, würde er dem Seinigen weit glänzender beigestanden haben.
THEODOROS: Du scherzest, Sokrates; denn du hast dem Manne mit recht jugendlichem Mute beigestanden.
SOKRATES: Wohlgesprochen, Freund! Sage mir aber, hast du wohl darauf geachtet, was Protagoras eben sagte, und wie er uns Vorwürfe darüber machte, dass wir, an ein Knäblein unsere Rede richtend, die Furcht dieses Knaben mit [D] gegen ihn ausnutzten. Nannte er nicht dies einen schlechten Scherz und wollte, wie er selbst sein ‚Maß aller Dinge’ sehr tiefsinnig und gründlich behandelte, dass auch wir ernsthaft umgehen sollten mit seiner Rede?
THEODOROS: Wie sollte ich nicht darauf geachtet haben? SOKRATES: Wie also? Rätst du an, ihm zu folgen? THEODOROS: Gar sehr.
SOKRATES: Du siehst aber doch, dass dieses sämtlich Knaben sind, dich ausgenommen. Sollen wir also dem Manne folgen, so müssen wir beide einander fragen und antworten, um seinen [E] Satz ernsthaft zu erwägen, damit er uns wenigstens das nicht vorwerfen könne, dass wir nur spielend mit Kindern seine Rede untersucht hätten.
THEODOROS: Wie? Sollte nicht Theaitetos besser als viele, die große Bärte tragen, der Prüfung eines Satzes nachfolgen können?
SOKRATES: Doch, aber nicht besser, lieber Theodoros, als du! Denke also nur nicht, [169 St.1 A] dass ich zwar deinem verstorbenen Freunde auf alle Weise zu Hilfe kommen müsse, du aber gar
nicht! Sondern komm her, o Bester, und gehe ein wenig mit, nur so weit, bis wir sehen, ob du in mathematischen Zeichnungen das Maß sein sollst, oder ob alle, ebenso gut wie du, sich selbst genügen können auch in der Astronomie und dem übrigen, worin du den Ruf hast, dich auszuzeichnen!
THEODOROS: Es ist wahrlich nicht leicht, Sokrates, wenn man bei dir sitzt, nicht Rede stehen zu müssen, und ich habe eben gar sehr vorbeigeschossen, als ich meinte, du würdest mir wohl erlauben, mich nicht zu entkleiden, und würdest mich nicht zwingen wie die Lakedaimonier. Du aber scheinst dich gar mehr dem Skiron zu nähern. Denn die Lakedaimonier befehlen nur, [B] entweder sich zu entfernen oder sich zu entkleiden. Du aber scheinst deine Sache mehr nach Art des Antaios durchzuführen, denn wer einmal da ist, den lässt du gar nicht los, bis du ihn gezwungen hast, sich zu entkleiden und in Reden mit dir zu streiten.
SOKRATES: Vortrefflich, o Theodoros, hast du meine Krankheit durch diese Vergleichung beschrieben. Nur dass ich noch wackerer bin als jene. Denn gar mancher Herakles und Theseus, mächtig im Reden, hat sich mir schon gestellt und mich tüchtig zusammengehauen, aber ich lasse deshalb doch nicht ab, eine so gewaltige Liebe hat mich ergriffen zu solchen Kampfübungen. Und so missgönne auch du es mir nicht, dich mit mir zu unterreden zu unserm beiderseitigen Nutzen!
THEODOROS: [C] Ich widerspreche nicht länger. Führe mich also, wohin du willst, auf alle Weise werde ich hierin das Schicksal, welches du mir anspinnen wirst, ertragen müssen und widerlegt werden. Weiter jedoch nicht, als du vorher bestimmt hast, werde ich mich dir hergeben können.
SOKRATES: Auch so weit ist es genug. Und gib mir nur ja darauf Achtung, dass wir nicht wieder unvermerkt in eine kindische Art von Reden hineingeraten und uns dies jemand noch einmal vorkommen könne!
THEODOROS: Ich will es wenigstens versuchen, soweit ich kann.
SOKRATES: Eben das also lasse uns auch [D] jetzt wieder zuerst vornehmen, was vorher, und lasse uns sehen, ob wir mit Recht oder mit Unrecht Schwierigkeiten machten und es an dem Satze tadelten, dass er einen jeden sich selbst genügend an Einsicht erklärte, da uns denn Protagoras zugab, dass in Hinsicht auf das Bessere und Schlechtere einige Leute Vorzüge hätten, welche daher auch weise wären. Nicht so?
THEODOROS: Ja.
SOKRATES: Wenn er nun selbst gegenwärtig dieses zugestanden hätte und nicht bloß wir es eingeräumt, die wir ihn vertreten, so würde es nicht einmal nötig sein, noch einmal von vorn anzufangen, um dessen sicher zu sein. Nun aber könnte vielleicht jemand behaupten, [E] wir wären nicht bevollmächtigt, für ihn etwas zuzugestehen. Daher ist es besser getan, eben dieses noch einmal genauer durchzugehen. Denn es macht keinen geringen Unterschied, ob es sich so verhält oder anders.
THEODOROS: Du hast recht.
SOKRATES: Lasse uns daher nirgend anders her, sondern eben aus seinem Satze so kurz als
möglich die Zustimmung hierzu [170 St.1 A] ableiten!
THEODOROS: Wie aber?
SOKRATES: So: Was jeder vorstellt, so sagt er doch, das ist auch für den, der es vorstellt? THEODOROS: Das sagt er freilich.
SOKRATES: Also, Protagoras, sprechen auch wir eines Menschen oder vielmehr aller Menschen Meinung aus und sagen, dass es keinen, wer es auch sei, gebe, der nicht in einigen Dingen sich selbst für weiser halte als die andern, in andern aber auch andere als sich, und dass sie in den größten Gefahren, wenn sie in Feldzügen, in Krankheiten, auf der See in Not geraten, sich zu denen, welche in diesen Umständen die Regierung führen, als zu Göttern wenden und auf sie [B] als ihre Retter hoffen, die sich doch durch nichts anderes unterscheiden als durch das Wissen. Und überall im menschlichen Leben ist es voll von solchen, welche Lehrer und Gebieter suchen
für sich selbst und die andern Geschöpfe und ihre Handlungen, und ebenso auch voll von solchen, welche glauben, dass sie imstande sind zu lehren und imstande zu gebieten. Und in allen diesen Fällen, was können wir anders sagen, als dass die Menschen selbst glauben, es gebe unter ihnen Weisheit und Unverstand?
THEODOROS: Nichts anderes.
SOKRATES: Halten sie nicht [C] die Weisheit für richtige Einsicht, den Unverstand aber für falsche Vorstellung?
THEODOROS: Wofür sonst?
SOKRATES: Was also, o Protagoras, sollen wir mit dieser Rede anfangen? Sollen wir sagen, dass die Menschen immer richtig vorstellen? Oder bisweilen richtig, bisweilen falsch? Denn aus beiden ergibt sich auf jeden Fall, dass sie nicht immer richtig, sondern auf beide Weise vorstellen. Denn bedenke nur, o Theodoros, ob wohl einer von denen, die es mit dem Protagoras halten, oder du selbst behaupten wolltest, dass niemand glaube, ein anderer sei unverständig und mache sich falsche Vorstellungen?
THEODOROS: Das wäre ja unglaublich, Sokrates.
SOKRATES: Und doch kommt in diese Not [D] der Satz, welcher behauptet, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist.
THEODOROS: Wie doch?
SOKRATES: Wenn du bei dir selbst etwas abgeurteilt hast und mir nun deine Vorstellung davon kundtust, so muss nach jenes Behauptung dir zwar dieses Wahrheit sein, steht es aber uns andern nicht frei, auch wieder Richter zu sein über dein Urteil, oder urteilen wir, dass du immer richtig vorstellst? Und werden nicht vielmehr in jedem Fall unzählig viele gegen dich streiten, welche das Gegenteil vorstellen und glauben, dass du falsch meinst und urteilst?
THEODOROS: Jawohl, beim Zeus, o Sokrates, unzählig viele, wie Homer sagt, [E] und die mir allerlei Schwierigkeiten machen.
SOKRATES: Wie also? Willst du, wir sollen sagen, dass du dann dir selbst zwar richtig vorstellst, jenen unzähligen aber falsch?
THEODOROS: So scheint es wenigstens dem Satze nach notwendig zu sein.
SOKRATES: Wie ist es aber mit dem Protagoras selbst? Wird er nicht gestehen müssen, dass, wenn er selbst nicht glaubte, dass der Mensch das Maß ist, noch auch die Leute, wie diese es auch wirklich nicht glauben, dass dann diese Wahrheit, die er geschrieben hat, für niemanden wäre? Und wenn [171 St.1 A] er es glaubt, die Leute aber nicht, so weißt du doch zuerst, dass sie alsdann um desto mehr nicht ist als sie ist, je mehr nicht so vorstellen, als so vorstellen?
THEODOROS: Allerdings, da sie ja nach Maßgabe der einzelnen Vorstellungen auch sein wird und nicht sein.
SOKRATES: Hernach ist doch dieses das Schönste bei der Sache: Er gibt gewissermaßen zu, dass die Meinung der entgegengesetzt Vorstellenden über seine Meinung, vermöge deren sie dafür halten, er irre, wahr ist, indem er ja behauptet, dass alle vorstellen, was ist.
THEODOROS: Allerdings.
SOKRATES: [B] So gäbe er also zu, dass seine eigene falsch ist, wenn er eingesteht, dass die Meinung derer wahr ist, die dafür halten, er irre?
THEODOROS: Notwendig.
SOKRATES: Die andern aber geben von sich nicht zu, dass sie irren?
THEODOROS: Ganz und gar nicht.
SOKRATES: Er aber gesteht auch dieser Vorstellung wiederum zu, dass sie richtig sei, zufolge dessen, was er geschrieben hat.
THEODOROS: So scheint es.
SOKRATES: Von allen also, beim Protagoras angefangen, wird bestritten werden, oder vielmehr von ihm doch zugestanden, wenn er dem, der das Gegenteil von ihm behauptet, zugibt, [C] er stelle richtig vor, dann muss auch Protagoras selbst einräumen, dass weder ein Hund noch auch der erste beste Mensch das Maß ist auch nicht für eine Sache, die er nicht erlernt hat. Nicht so?
THEODOROS: So ist es.
SOKRATES: Wenn dies also von allen bestritten wird, so wäre sie ja für niemanden wahr, diese ‚Wahrheit’ des Protagoras, weder für irgendeinen andern noch auch für ihn selbst.
THEODOROS: Gar heftig, o Sokrates, rennen wir meinen Freund um.
SOKRATES: Aber, Lieber, es ist ungewiss, ob wir auch etwa an dem Richtigen vorbeirennen. [D] Denn zu glauben ist, dass jener so viel Ältere auch weiser ist als wir, und könnte er sich jetzt hier hervorarbeiten nur bis an den Hals, so würde er mich sowohl, dass ich in den Tag hineingeredet, wie sehr wahrscheinlich, hart bestrafen, als auch dich, dass du alles eingeräumt, und würde dann wieder untertauchen und davongehen. Indes werden wir uns, denke ich, mit uns selbst begnügen müssen und nur sagen, was uns jedesmal richtig scheint. So auch jetzt: Können wir etwas anderes sagen, als dass jeder, wer es auch sei, dies zugeben müsse, dass einer weiser ist als andere, aber auch unwissender?
THEODOROS: Mich zum wenigsten [E] dünkt es so.
SOKRATES: Auch etwa, dass der Satz am besten so bestehen werde, wie wir ihn, um dem Protagoras zu helfen, entworfen haben, dass vieles zwar einem jeden, wie es ihm scheint, so auch ist, das Warme nämlich, das Trockene, das Süße und alles zu dieser Art Gehörige. Wenn er aber doch einräumen soll, dass in einigen Dingen einer besser sein soll als der andere, so würde er am liebsten sagen mögen, dass in Absicht auf das Gesunde und Ungesunde nicht jedes Weib oder Kind oder Tier imstande wäre, sich selbst zu heilen durch seine Erkenntnis dessen, was ihm gesund ist, sondern hierin, wenn irgendwo, wäre der eine besser als der andere.
THEODOROS: So wenigstens scheint es mir.
[172 St.1 A] SOKRATES: Ebenso auch in den staatlichen Dingen: das Schöne und Schlechte, das Gerechte und Ungerechte, das Fromme und Unfromme, was in diesen Dingen ein Staat für Meinung fasst und dann feststellt als gesetzmäßig, das ist es nun auch für jeden in Wahrheit, und in diesen Dingen ist um nichts weiser weder ein Einzelner als der andere, noch ein Staat als der andere. In der Festsetzung aber dessen, was ihm zuträglich ist oder nicht zuträglich, hier wiederum wird, wenn irgendwo, zugegeben werden müssen, dass der eine Ratgeber sich unterscheidet vor dem andern und des einen Staates Vorstellung vor des andern in Bezug auf Wahrheit, und [B] keineswegs dürfte er wagen zu behaupten, dass, was ein Staat festsetzt als nützlich für sich, dies ihm auch auf alle Weise nützen werde. Bei jenem vorher Erwähnten aber, dem Recht und Unrecht, dem Frommen und Gottlosen, wollen sie behaupten, dass nichts in dieser Art schon von Natur eine bestimmte Beschaffenheit habe, sondern, was gemeinsam vorgestellt werde, das werde wahr zu der Zeit, wann es dafür gehalten werde, und so lange, als es dafür gehalten werde. Und so viele doch nicht völlig des Protagoras Lehre annehmen, halten sie sich doch hierzu mit ihrer Weisheit. Aber, o Theodoros, wir kommen immer [C] aus einer Untersuchung in die andere, und aus einer kleineren in eine größere.
THEODOROS: Haben wir denn nicht Muße, Sokrates?
SOKRATES: Ja, so scheint es. Deshalb, du herrlicher Mann, habe ich schon oftmals und auch jetzt wieder bedacht, wie natürlich es zugeht, dass die, welche viele Zeit mit wissenschaftlichen Dingen hinbringen, wenn sie einmal in die Gerichtshöfe kommen, als Redner sich lächerlich machen.
THEODOROS: Wie meinst du das?
SOKRATES: Mir scheint, dass diejenigen, welche sich von Jugend auf an den Gerichtsstätten oder dergleichen aufhalten, in Vergleich mit denen, welche bei den Wissenschaften und in solchen Beschäftigungen erzogen werden, wie Knechte erzogen sind [D] im Vergleich mit Freien.
THEODOROS: Inwiefern doch?
SOKRATES: Insofern jenen das, was du eben nanntest, die Muße, niemals fehlt und sie ruhig mit Muße ihre Untersuchungen anstellen, so wie wir jetzt schon die dritte, wie sie eine aus der andern gefolgt sind, anknüpfen, so auch sie, wenn ihnen eine sich eben darbietende besser gefällt als die bereits vorliegende, und es kümmert sie nichts, ob sie lang oder kurz reden, wenn sie nur das Rechte treffen. Die andern aber reden teils immer im Gedränge, denn es treibt sie zur Eile das Wasser der Uhr, welches abfließt, und lässt ihnen nicht zu, worüber sie [E] es am liebsten möchten, Untersuchungen anzustellen, sondern der Gegner steht dabei und hat Zwang für sie und die abgelesenen Punkte, über deren Grenzen hinaus sie nichts reden dürfen. Dann auch beziehen sich ihre Reden immer auf einen ihrer Mitknechte und sind gerichtet an einen Herrn, welcher vor ihnen sitzt und die Gewalt in Händen hat. Und der Streit geht niemals um dies und jenes, sondern immer um die Sache, ja oft geht es um das Leben. So dass sie durch alles [173 St.1 A] dieses zwar scharfsichtig gemacht werden und gewitzt und sich trefflich darauf verstehen, ihrem Herrn mit Worten zu schmeicheln und mit der Tat zu dienen, aber kleinlich und ungerade sind ihre Seelen. Denn die Knechtschaft von Jugend an hat ihnen das Wachstum und das freie gerade Wesen benommen, indem sie sie nötigt, krumme Dinge zu verrichten, und die noch zarte Seele in große Gefahren und Besorgnisse verwickelt, welche sie ohne Verletzung des Gerechten und Wahren nicht überstehen können, so dass sie, sogleich zur Lüge und zum gegenseitigen Unrechttun sich hinwendend, so verborgen [B] und verkrüppelt werden, dass schon nichts Gesundes mehr an ihren Seelen ist, wenn sie aus Jünglingen zu Männern werden, wie gewaltig und weise sie auch geworden zu sein glauben. So nun sind diese beschaffen, Theodoros. Die aber von unserer Schar, willst du, dass wir die auch beschreiben, oder willst du, dass wir sie lassen und uns wiederum zu unserer Rede wenden, damit wir doch nicht die Freiheit und Zwanglosigkeit unserer Reden, von welchen ich eben sprach, allzu stark gebrauchen?
THEODOROS: Keineswegs, Sokrates, sondern beschreiben wollen wir sie. [C] Denn sehr richtig hast du dieses bemerkt, dass wir, die wir uns zu dieser Schar halten, nicht Knechte unserer Reden sind, sondern die Reden gleichsam unsere Dienstleute, welche es erwarten müssen, abgefertigt zu werden, wie es uns gefällt. Denn weder ein Richter, noch wie bei den Dichtern ein Zuschauer, sitzt vor uns mit der Befugnis, uns zu strafen oder zu befehlen.
SOKRATES: So lasse uns denn, da es dir so gefällt, von denen reden, welche an der Spitze stehen. Denn was sollte man auch von denen sagen, welche sich nur auf eine schlechte Art mit der Philosophie beschäftigen? [D] Jene nun wissen von Jugend auf nicht einmal den Weg auf den Markt, noch wo das Gerichtshaus, noch wo das Versammlungshaus des Rates ist, noch wo irgendeine andere Staatsgewalt ihre Sitzung hält. Gesetze aber und Volksbeschlüsse, geschriebene oder ungeschriebene, sehen sie weder noch hören sie. Das Bewerben der Bündnisse um die obrigkeitlichen Ämter und die beratschlagenden Zusammenkünfte und die Feste mit Flötenspielerinnen, dergleichen zu besuchen fällt ihnen auch im Traume nicht ein. Ob ferner jemand edel oder unedel geboren ist in der Stadt, oder was einem von seinen Vorfahren her Übles anhängt von väterlicher oder mütterlicher Seite, davon weiß er so wenig, wie man sagt, [E] dass man eher weiß wieviel es Sand am Meeresstrand gibt. Und von dem allen weiß er nicht einmal, dass er es nicht weiß. Denn er enthält sich dessen nicht, etwa um sich einen Ruf damit zu machen, sondern in der Tat wohnt nur sein Körper im Staate und hält sich darin auf, seine Seele aber, dieses alles für gering haltend und für nichtig, schweift verachtend, nach Pindar, überall umher, was auf der Erde und was in ihren Tiefen ist, messend und am Himmel die Sterne verteilend und überall [174 St.1 A] jegliche Natur alles dessen, was ist, im ganzen erforschend, zu nichts aber von dem, was in der Nähe ist, sich herablassend.
THEODOROS: Wie meinst du dies, Sokrates?
SOKRATES: Wie auch den Thales, o Theodoros, als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd soll verspottet haben, dass er, was am Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bliebe, mit diesem nämlichen Spotte nun reicht man noch immer aus gegen alle, welche in der Philosophie leben. Denn in der Tat, [B] ein solcher weiß nichts von seinem Nächsten und Nachbar, nicht nur nicht, was er betreibt, sondern kaum, ob er ein Mensch
ist oder etwa irgendein anderes Geschöpf. Was aber der Mensch an sich sein mag, und was einer solchen Natur ziemt, anders als alle anderen zu tun und zu leiden, das untersucht er und lässt es sich Mühe kosten, es zu erforschen. Du verstehst mich doch, Theodoros, oder nicht?
THEODOROS: Sehr gut, und sehr wahr ist, was du sagst.
SOKRATES: Daher auch, o Freund, ein solcher, wenn er mit jemand für sich Geschäfte zu treiben hat, oder auch in öffentlichen Angelegenheiten, wie ich anfangs sagte, wenn er etwa vor Gericht oder sonst irgendwo von dem, [C] was vor den Füßen oder sonst vor aller Augen ist, genötigt wird zu reden, so erregt er Gelächter, nicht nur den Thrakierinnen, sondern auch dem übrigen Volk, indem er aus Unerfahrenheit in Gruben und in allerlei Verlegenheit hineinfällt, und seine gewaltige Ungeschicktheit erregt die Meinung, er sei unverbesserlich. Denn wo es darauf ankommt, einen mit Schmähungen anzugreifen, weiß er keinen einzeln anzugreifen, indem er von niemand irgendetwas Übles weiß, weil er sich nie darum bekümmert hat. Weil er nun [D] keinen Rat weiß, erscheint er lächerlich. Und wiederum, wo gelobt und in prächtigen Worten geredet werden soll von andern, zeigt sich, dass er lacht, nicht nur verstellterweise, sondern ganz herzlich, und so erscheint er albern. Denn wo er einen Tyrannen oder König lobpreisen hört, kommt es ihm vor, als hörte er irgend einen Schweinehirten oder Schäfer oder einen Kuhhirten glücklich preisen, weil er viel melkt, nur glaubt er, dass jener ein unlenksameres und boshafteres Tier hütet und melkt als diese, und dass doch ungesittet und ungebildet ein solcher aus Mangel an Muße nicht minder sein muss als andre Hirten, [E] eingezwängt in seine Mauern eben wie jene in die Hürden auf den Bergen. Hört er von tausend Morgen Landes oder noch mehr, als hätte, wer sie besitzt, ein ungeheuer großes Besitztum, so dünkt ihn, er höre eine Kleinigkeit erwähnen, gewohnt wie er ist, über die ganze Erde zu schauen. Und wenn sie gar die Geschlechter besingen, wie irgend ein Edler sieben reiche Ahnherren habe aufzuweisen, so dünkt ihn, [175 St.1 A] ein sehr kurzsichtiges Lob zu hören von solchen, die nur auf das Kleine merken und aus Unwissenheit nicht vermögen, immer auf das Ganze zu blicken noch zu überlegen, dass Großväter und Vorfahren unzählige Tausende ein jeder gehabt hat, worunter Reiche und Arme, Könige und Knechte, Ausländer und Hellenen oftmals zehntausend können gewesen sein bei dem ersten besten. Aber ein Verzeichnis von fünfundzwanzig Vorfahren für etwas Großes ausgeben, die etwa auf Herakles, den Sohn des Amphitryon zurückgehen, das gilt ihm für das Ungereimteste in der Kleinlichkeit, und er lacht, dass sie, wie nun von Amphitryon ab der fünfundzwanzigste doch wieder einer ist, wie es sich ebenso trifft, [B] und der fünfzigste erst recht, dass sie dies nicht einmal vermögen sich zu überlegen und sich dadurch das aufgeblasene Wesen einer törichten Seele zu vertreiben. Wegen alles dessen nun wird ein solcher von der Menge verlacht, indem er hier sich stolz zeigt, wie es ihnen dünkt, dort aber wieder unwissend in dem, was vor seinen Füßen liegt, und ratlos in allem einzelnen.
THEODOROS: Genau wie es geschieht, stellst du es dar, Sokrates.
SOKRATES: Zieht er selbst aber einen zu sich hinauf, Lieber, und will sich einer ihm versteigen von [C] dem „Ob ich dir hierin Unrecht tue oder du mir“ zur Untersuchung der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit selbst, was jede von ihnen ist, und wodurch sie unter sich und von allem übrigen unterschieden sind, oder von dem „Glücklich ist ein König, der viel Goldes besitzt“ zu der Frage vom Königtum selbst und überhaupt von menschlicher Glückseligkeit und Elend, worin beides besteht, und auf welche Weise es der menschlichen Natur zukommt, die eine zu erlangen und dem andern zu entgehen, sobald über eins von diesen Dingen ein solcher Kleingeistiger, Scharfsinniger, [D] in Rechtsstreiten Gewandter Rede stehen soll, dann bezahlt wiederum er das gleiche, schwindelnd wie er von der Höhe aus herunterschaut, und von oben herabschauend aus Ungewohntheit der Sache ängstlich und unbeholfen, der Sprache nicht mächtiger als ein ausländischer Knecht, erregt er wie den Thrakierinnen zwar nicht Gelächter, auch sonst den Ununterrichteten nicht, denn sie bemerken es nicht, wohl aber allen, welche nicht wie Leibeigene, sondern auf die entgegengesetzte Art [E] aufgewachsen sind. Dies nun, o Theodoros, ist die Weise eines jeden von beiden, die eine dessen, der wahrhaft in Freiheit und Muße auferzogen ist, den du einen Philosophen nennst, und dem es ungestraft hingehen mag, dass er einfältig erscheint und nichts gilt, wo es auf knechtische Dienstleistungen ankommt, dass er etwa nicht
versteht, das Bündel zu schnüren, das nachgetragen werden soll, oder eine Speise schmackhaft zu bereiten, oder auch schmeichlerische Worte. Die andere ist die Weise dessen, der alles dieses zwar zierlich und behände zu beschicken weiß, dagegen aber nicht einmal seinen Mantel wie ein freier Mann [176 St.1 A] zu tragen versteht, viel weniger, in Wohlklang der Rede eingreifend, würdig zu preisen das wahrhafte Leben der seligen Götter und Menschen.
THEODOROS: Wenn du, o Sokrates, alle wie mich überzeugtest von dem, was du sagst, so würde mehr Friede und des Bösen viel weniger sein unter den Menschen.
SOKRATES: Das Böse, o Theodoros, kann weder ausgerottet werden, denn es muss immer etwas dem Guten Entgegengesetztes geben, noch auch bei den Göttern seinen Sitz haben. Unter der sterblichen Natur aber und in dieser Gegend zieht es umher jener Notwendigkeit gemäß. Deshalb muss man auch trachten, [B] von hier dorthin zu entfliehen aufs schleunigste. Der Weg dazu ist Verähnlichung mit Gott soweit als möglich, und diese Verähnlichung besteht darin, dass man gerecht und fromm sei mit Einsicht. Allein, o Bester, es ist gar nicht leicht, deutlich zu machen, dass nicht aus der Ursache, weshalb die meisten sagen, dass man die Schlechtigkeit fliehen und der Tugend nachstreben solle, die eine zu suchen ist und die andere nicht, damit man nämlich nicht böse, sondern gut zu sein scheine. Denn dies ist nur, was man nennt der alten Weiber Geschwätz, wie es mir scheint, [C] das Wahre aber wollen wir so vortragen: ein Gott ist niemals und auf keine Weise ungerecht, sondern im höchsten Sinne vollkommen gerecht, und nichts ist ihm ähnlicher, als wer unter uns ebenfalls der Gerechteste ist. Und hierauf geht auch die wahre Meisterschaft eines Menschen, dem entgegen seine Nichtigkeit und Feigheit. Denn die Erkenntnis hiervon [D] ist wahre Weisheit und Tugend, und die Unwissenheit hierin die offenbare Torheit und Schlechtigkeit. Jegliche andere dafür geltende Meisterschaft und Einsicht aber ist, wenn sie in der bürgerlichen Verwaltung sich zeigt, nur etwas Gemeines, wenn sie in den Künsten sich zeigt, etwas Unfreies und Niedriges. Wer also Ungerechtes und Gottloses redet und tut, dem ist es bei weitem am besten, man gebe ihm nicht zu, er habe es zur Meisterschaft gebracht mit arglistigem Wesen, denn sie freuen sich über den Vorwurf und glauben zu hören, dass sie nicht Toren sind, unnütze Lasten der Erde, sondern Leute, wie die sein müssen, denen es im Staate wohlgehen soll. So muss man ihnen demnach die Wahrheit sagen, dass sie nur um desto mehr solche sind, wie sie nicht glauben, weil sie es nicht glauben. Denn unbekannt ist ihnen, [E] was am wenigsten jemandem unbekannt sein sollte, die Strafe der Ungerechtigkeit, nämlich nicht, was sie dafür halten, Leibesstrafe und Tod, wovon ihnen oft nichts widerfährt beim Unrechttun, sondern eine, welcher zu entfliehen unmöglich ist.
THEODOROS: Welche meinst du denn?
SOKRATES: Zwei Vorbilder, o Freund, sind aufgestellt in der Welt: das Göttliche der größten Glückseligkeit und das Ungöttliche des Elendes, sie aber sehen nicht, dass es sich so verhält, und werden aus Torheit und höchstem Unverstande unvermerkt um [177 St.1 A] der ungerechten Handlungen willen diesem ähnlich, immer unähnlicher aber jenem. Wofür sie dann die Strafe leiden, indem sie ein Leben führen, dem angemessen, welchem sie ähnlich geworden. Sagen wir ihnen nun, dass, wenn sie von jener Meisterschaft nicht ablassen, dann auch nach geendetem Leben jener von allen Übeln gereinigte Ort sie nicht aufnehmen werde, sondern sie immer hier ein ihnen, wie sie sind, ähnliches Leben führen werden, als Böse im Bösen lebend, so hören sie das alles [B] doch nur an wie Weise und Überkluge, wenn armselige Toren etwas sagen.
THEODOROS: Ganz gewiss, Sokrates.
SOKRATES: Ich weiß es, Freund. Eines aber begegnet ihnen doch, dass, wenn sie einzeln Rede stehen und Antwort geben sollen von dem, was sie tadeln, und sie wirklich tapfer lange genug aushalten und nicht feige fliehen, dann, mein Guter, endet es wunderlich mit ihnen, dass sie sich selbst nicht gefallen in dem, was sie sagen, und dass ihre Redekunst gleichsam ganz zusammenschrumpft und sie nicht besser erscheinen als Kinder.
[C] Doch lasse uns hiervon, da es ohnedies nur beiläufig gesagt war, nun abstehen, wo nicht, so möchte uns immer neu Zuströmendes die erste Rede ganz verschütten. Lass uns aber zu dem vorigen zurückkehren, wenn es dir so recht ist!
THEODOROS: Mir, o Sokrates, war nicht minder angenehm, dieses zu hören, dem auch in meinen Jahren leichter ist nachzufolgen. Gefällt es dir jedoch, so lass uns wieder zurückgehen!
SOKRATES: Waren wir nicht da bei unserer Rede, wo wir sagten, dass diejenigen, welche das stets bewegliche Sein [D] behaupten, und die behaupten, dass, was jedem jedesmal scheine, auch ihm, dem es scheint, wirklich so sei, dass diese von allem übrigen und so auch besonders vom Recht behaupteten, was ein Staat feststellte als ihm annehmlich, das sei auch für ihn, welcher es feststellt, recht, solange er es stehen ließe, dass aber, was das Gute betrifft, doch wohl keiner von ihnen so mutig wäre, dass er sich unterstände zu behaupten, [E] auch was ein Staat, weil er es dafür hielte, als nützlich aufstellte, das wäre ihm auch, solange er es gelten ließe, wirklich nützlich? Es müsste denn jemand nur von dem Worte reden, und das wäre ja in Beziehung auf das, was wir meinen, nur ein Scherz. Nicht wahr?
THEODOROS: Freilich.
SOKRATES: Man rede also nicht von dem Worte, sondern von der Sache, welche unter diesem Namen in Betrachtung gezogen wird.
THEODOROS: Freilich.
SOKRATES: Was er aber so nennt, das sucht auch jeder Staat bei seiner Gesetzgebung zu treffen und richtet alle Gesetze, soviel er nämlich kann und weiß, so nützlich für sich selbst ein als möglich. Oder sieht er auf etwas anderes, indem er Gesetze gibt?
THEODOROS: [178 St.1 A] Gewiss nicht.
SOKRATES: Erlangt er es nun auch jedesmal? Oder verfehlt nicht auch jeder gar vieles? THEODOROS: Ich glaube, dass sie auch verfehlen.
SOKRATES: Noch mehr würde von hier aus besonders gewiss jeder das nämliche zugeben, wenn man nach der ganzen Gattung fragte, worin auch das Nützliche liegt. Es bezieht sich nämlich allemal auf die künftige Zeit. Denn wenn wir Gesetze geben, so geben wir sie, weil sie nützlich sein sollen auf die nachherige Zeit, und dies nennen wir doch richtig die Zukunft.
THEODOROS: Freilich.
SOKRATES: Nun also lasse uns den Protagoras oder einen andern, [B] der dasselbe wie er behauptet, also fragen: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, wie ihr sagt, o Protagoras, des Weißen, des Schweren, des Leichten, kurz, aller Dinge ohne Ausnahme von dieser Art. Denn er hat das Kennzeichen davon in sich selbst, indem er sie für solches haltend, wie ihm begegnet, richtig vorstellt für sich selbst und wie sie sind. Ist es nicht so?
THEODOROS: Völlig so.
SOKRATES: Sollen wir nun sagen, o Protagoras, dass er auch das Kennzeichen dessen, was sein wird, in sich selbst hat, und dass, welcherlei jeder glaubt, dass für ihn sein werde, solcherlei auch ihm, dem Glaubenden, entsteht? Wie etwa [C] mit der Wärme, wenn irgend ein Unkundiger glaubt, das Fieber werde ihn ergreifen, und diese Wärme werde ihm entstehen, ein anderer aber, ein Arzt, glaubte das Gegenteil. Sollen wir sagen, die Zukunft werde nach einer von beiden Meinungen ablaufen, oder etwa nach beider? Und wird er für den Arzt nicht warm und nicht fieberhaft werden, für sich aber beides?
THEODOROS: Lächerlich wäre das ja.
SOKRATES: So, glaube ich, ist über den künftigen süßen oder herben Geschmack des Weines die Meinung des Winzers, nicht aber die des Tonkünstlers entscheidend.
THEODOROS: Wie sonst!
SOKRATES: Ebenso wenig [D] kann wohl von dem, was gut oder übel klingen wird, ein Turnmeister eine richtigere Vorstellung haben als ein Tonkünstler, selbst von dem, was hernach auch ihm, dem Turnmeister, wohlklingend erscheinen wird.
THEODOROS: Keineswegs.
SOKRATES: So ist auch, wenn ein Mahl bereitet wird, das Urteil dessen, der später bewirtet wird und der kein Speisekünstler ist, minder gültig als des Kochs Urteil über die daraus zu erwartende Sinnenlust. Denn über das Angenehme, was jedem bereits ist oder geworden ist, wollen wir nicht weiter aufs neue einen Streit erregen, sondern nur über das, was künftig einem jeden scheinen und sein wird, ob auch da ein jeder für sich selbst [E] der beste Richter ist, oder ob du, Protagoras, was jedem von uns vor Gericht durch Reden glaublich gemacht werden kann, besser im Voraus vorstellen wirst als irgend ein der Sache Unkundiger?
THEODOROS: Ei wohl, o Sokrates, hierin eben verhieß er ja vorzüglich besser zu sein als irgendeiner.
SOKRATES: Gar recht, du Lieber. Oder es hätte ja gewiss [179 St.1 A] niemand viel Geld für seine Unterhaltung bezahlt, wenn er seine Zuhörer nicht überredete, dass das, was in Zukunft scheinen und sein wird, weder ein Seher noch sonst ein anderer besser beurteilen könne als eben er.
THEODOROS: Vollkommen wahr.
SOKRATES: Gehen nun nicht auch die Gesetzgebungen und das Nützliche auf die Zukunft? Und muss nicht doch jeder gestehen, dass ein gesetzgebender Staat oft das Nützlichste verfehle?
THEODOROS: Sicher.
SOKRATES: Abschließend also können wir zu deinem [B] Lehrer sagen, dass er notwendig eingestehen muss, einer sei weiser als der andere, und nur ein solcher sei ein Maß, ich aber, der Unwissende, könne auf keine Weise gezwungen werden, ein Maß zu sein, wie doch nur eben die für ihn gesprochene Rede mich zwang, ich mochte wollen oder nicht, eins zu sein.
THEODOROS: An diesem Ort, o Sokrates, scheint nur der Satz am besten gefangen zu werden, wie er auch da gefangen ist, wo er die Meinungen anderer gelten lässt, welche doch offenbar [C] seine Sätze nicht für wahr halten wollten.
SOKRATES: Noch an vielen andern Orten, o Theodoros, kann ein solcher Satz gefangen werden, dass jede Vorstellung eines jeden wahr sein soll. Was aber den gegenwärtigen Zustand eines jeden betrifft, woraus die Wahrnehmungen und die sich auf sie beziehenden Vorstellungen entstehen, so ist es schwerer zu zeigen, dass diese nicht wahr sein sollen. Oder vielmehr ist das nichts gesagt, und diese sind vielleicht ganz unwiderleglich, so dass diejenigen, welche behaupten, diese wären untrüglich und Erkenntnisse, vielleicht wohl das Richtige sagen mögen und also auch unser Theaitetos nicht weit vom Ziele getroffen hat, als er festsetzte, dass Wahrnehmung und Erkenntnis dasselbe wären. Wir müssen also näher darauf zugehen, wie die [D] für den Protagoras geführte Verteidigung uns gebot, und diesen unsicheren und schwankenden Satz noch einmal betrachtend darauf abklopfen, ob er ganz klingt oder zerbrochen. Der Streit darüber ist ja aber schon immer nicht gering gewesen, und nicht unter wenigen.
THEODOROS: Wahrlich, keineswegs gering, vorzüglich in Ionien verbreitet er sich gar sehr. Denn die Freunde des Herakleitos sind sehr tapfere Anführer bei der Verteidigung dieses Satzes.
SOKRATES: Um desto mehr, lieber Theodoros, müssen wir von vorn an betrachten, so wie sie ihn eigentlich vorzeichnen.
THEODOROS: Allerdings, Sokrates. [E] Nur dass, was diese Herakleitischen oder, wie du sagst, Homerischen und noch Älteren betrifft, mit denen zu Ephesos, so viel deren der Sache kundig zu sein vorgeben, sich in ein ernsthaftes Gespräch einzulassen nicht besser angeht, als wollte man es mit solchen versuchen, die, von bösartigen Insekten zerstochen, nicht einen Augenblick stillstehen können, denn ordentlich, wie es in ihren Schriften heißt, fließen sie auch, festen Fuß aber zu fassen bei einem Satz und einer Frage, und gelassen jeder nach seiner Ordnung zu fragen und zu antworten, davon ist ihnen so viel verliehen wie nichts. [180 St.1 A] Ja nicht einmal nichts ist schon zu viel gesagt, so wenig Ruhe ist in diesen Leuten. Sondern wenn du einen etwas fragst, so ziehen sie wie aus ihrem Köcher rätselhafte kleine Sprüchlein hervor und schießen diese ab, und willst du dann darüber wieder eine Erklärung, wie es gemeint gewesen, so wirst du von einem andern ähnlichen getroffen von ganz neuer Wortwahl. Zu Ende bringen wirst du aber niemals etwas mit einem von ihnen, noch auch sie selbst untereinander. Sondern sehr genau
beobachten sie dieses, [B] dass ja nichts fest bleibe weder in der Rede noch auch in ihren eigenen Seelen, indem sie, wie mich dünkt, besorgen, dies möchte etwas Beharrliches sein, wogegen sie ebenso gewaltig streiten und es überall, wo sie nur können, vertreiben.