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Werk:Timaios (Platon)/Timaios 3

aus AufEinWort, der freien Forschung

Was aber die Arten der Erde anlangt, so bildet der eine Teil derselben, nämlich der, welcher durch Wasser hindurchgeschwemmt wird, sich auf folgende Weise zu einem steinernen Körper. Das beigemischte Wasser geht, wenn es innerhalb dieser Mischung zersetzt wird, in die Gestalt der Luft über, und die so entstandene Luft steigt auf zu der ihr angehörigen Region. Es umgibt sie aber nichts Leeres, und [C] sie drückt daher auf die benachbarte Luft. Diese nun, wegen ihrer Schwere, wird dadurch auf die Erdmasse getrieben und um sie herum gegossen, drückt mithin dieselbe in hohem Grade und drängt sie, die leeren Räume wieder auszufüllen, welche dadurch entstanden sind, dass die neugebildete Luft sie verlassen hat. Erde aber, von Luft so zusammengedrängt, dass sie durch Wasser nicht auflösbar ist, wird dadurch zur Steinmasse, und zwar ist die schönere die durchsichtige, welche aus gleichen und ähnlichen Teilen besteht, die hässlichere aber die von entgegengesetzter Beschaffenheit. Aus dem anderen Teile aber, welcher, wenn er durch die Gewalt des Feuers seiner feuchten Bestandteile beraubt wird und er so noch trockener in seiner Zusammensetzung wird als der Stein, die Gattung, welche wir mit dem Namen Ton belegt haben. Doch kommt es auch vor, dass die Erde, ohne alle ihre Feuchtigkeit zu verlieren, von Feuer zerschmolzen wird, und dann bildet sich, sobald sie sich wieder abgekühlt hat, eine steinartige Masse von schwarzer Farbe. Wenn sie aber auf dieselbe [D] Weise eines großen Teiles von dem ihr beigemischten Wasser entledigt wird, aber die Erdteile feiner und von salzig bitterem Geschmack sind, so entsteht aus ihr, sobald sie halb starr und von neuem durch Wasser auflösbar geworden ist, einmal das Natron, wohlgeeignet zur Reinigung von Öl- und Staubflecken, und sodann das Salz, fast allen Verbindungen unentbehrlich, welche erfunden sind, um dem Geschmackssinn zu schmeicheln, und nach dem Ausspruch des Gesetzes ein von der Gottheit geliebter Körper.

Was dagegen die aus Erde und Wasser gebildeten Körper anbetrifft, welche nicht durch Wasser, sondern nur durch Feuer aufgelöst werden können, so erhalten sie diese ihre Festigkeit auf folgende Weise. [E] Feuer und Luft bringen die Massen der Erde nicht zum Schmelzen, denn da ihre Teile kleiner sind als die leeren Zwischenräume in der Zusammensetzung der Erde, so gelangen sie durch diese vielen und weiten Gänge ohne Gewalt hindurch, und so lassen sie die Erde unaufgelöst und ungeschmolzen, die Teile des Wassers dagegen bahnen sich, weil sie größer sind, mit Gewalt einen Durchgang und bringen sie durch Auflösung zum Schmelzen. Wenn also die Erde nicht gewaltsam zusammengedrängt ist, so löst auf diese Weise nur das Wasser, ist sie es


aber, nichts als das Feuer sie auf, [61 St.3 A] denn so bleibt einzig dem letzteren der Zugang übrig. Aber auch von den Verbindungen des Wassers ist die gewaltsam verdichtete allein durch Feuer, die minder dichte aber durch beides, Feuer und Luft, zersetzbar, durch diese in den leeren Zwischenräumen, durch jenes aber auch in den Dreiecken. Gewaltsam zusammengedrängte Luft aber kann gar nicht mehr anders als in ihre Urbestandteile aufgelöst, nicht zusammengedrängte allein durch Feuer [B] aufgelöst werden. Demgemäß finden denn bei den aus Erde und Wasser gemischten Körpern, so lange das Wasser in ihnen nach jener gewaltsamen Zusammenpressung die leeren Zwischenräume der Erde inne hat, die von außen andringenden Wasserteile keinen Eingang und fließen daher vielmehr um die ganze Masse herum und lassen sie ungeschmolzen, die Feuerteile hingegen dringen in die leeren Zwischenräume des Wassers ein und haben so, weil das Feuer auf die Luft eben dieselbe Einwirkung ausübt wie das Wasser auf die Erde, allein die Fähigkeit, einen solchen gemischten Körper zu schmelzen und in einen flüssigen Zustand zu versetzen. Es sind das aber teils solche, die weniger Wasser [C] als Erde enthalten, die ganze zum Glas gehörige Gattung und die sogenannten brennbaren Steinarten, teils solche, die mehr Wasser enthalten, nämlich alle wachsartigen und Wohlgerüche verbreitenden Körper.

Und damit dürften denn die Gestaltungen, Verbindungen und Umwandlungen in einander, in welche die Gattungen eingehen, und die Mannigfaltigkeit ihrer daraus entspringenden Arten so ziemlich dargelegt sein, und wir müssen nunmehr zu entwickeln versuchen, aus welchen Ursachen die Eindrücke, welche sie auf uns ausüben, hervorgehen. Vor allen Dingen nun steht fest, dass alle in Rede stehenden Körper die Fähigkeit haben wahrgenommen und empfunden zu werden. Sodann aber haben wir noch nicht dargelegt, wie das Fleisch und alles, was zum Fleisch gehört, [D] und wie der sterbliche Teil des Beseelten entstanden ist, denn es kann dies weder gesondert von den Sinneseindrücken, soweit sie wirklich empfunden werden, noch diese ohne jenes befriedigend behandelt werden, und doch ist beides zugleich zu behandeln beinahe unmöglich. Wir müssen daher zunächst das Eine von beiden voraussetzen, und nachher auf dies Vorausgesetzte wieder zurückkommen, und damit nun die Darstellung der Eindrücke sich unmittelbar an die der Gattungen anschließe, so wählen wir hierzu das den Körper und das Beseelte Betreffende.

[E] Nehmen wir also zuerst in Betracht, inwiefern wir das Feuer warm nennen, und zwar in der Weise, dass wir die Zersetzung und Zerschneidung, welche durch dasselbe in unserem Körper vor sich geht, in Erwägung ziehen. Denn dass dieser Eindruck ein scharfer ist, empfinden wir wohl alle. Wir müssen aber in Anbetracht der feinen Kanten, der spitzigen Ecken, der kleinen Teile und der schnellen Bewegung, zufolge alles dessen es mit Unwiderstehlichkeit und zersetzender Schärfe stets alles, was ihm in den Weg kommt, zerschneidet, und eingedenk [62 St.3 A] der Entstehung seiner Gestalt urteilen, dass vor allem diese und keine andere Wesenheit eben dadurch, dass sie unseren Körper auflöst und in kleine Teile zerstückelt, allem wahr Scheinenden nach, diesen Eindruck, welchen wir jetzt mit dem Worte ‚warm’ bezeichnen, so wie dies seine Bezeichnung hervorgebracht hat.

Das Gegenteil hiervon ist zwar klar, gleichwohl aber soll es einer Erläuterung nicht entbehren. Wenn nämlich die aus größeren Teilen bestehenden von den Feuchtigkeiten, welche unseren Körper umgeben, in denselben eintreten und die kleiner geteilten [B] hinauszutreiben suchen, so drängen sie, da sie in die Sitze derselben nicht einzudringen vermögen, diese in uns befindlichen flüssigen Teile zusammen und bewirken so, dass sie aus ihrer Ungleichmäßigkeit und Beweglichkeit durch den auf sie ausgeübten Druck in eine gleichförmige Masse zusammengehen und dadurch unbeweglich werden und erstarren. Das widernatürlich Zusammengetriebene aber kämpft naturgemäß dagegen an, indem es sich seinerseits wieder auf seinen Gegner drängt. Diesem Kampfe nun und dieser Erschütterung wurde der Name Zittern und Frost beigelegt, und dieser ganze Eindruck und das ihn Verursachende empfing den der Kälte und des Kalten.

Hart ferner wurde alles genannt, welchem unser Fleisch, weich dagegen alles, was unserem Fleische nachgibt und was sich ebenso auch gegen einander verhält. [C] Nachgibt aber alles, was auf kleiner Grundfläche steht, wogegen die Gattung, welche aus viereckigen Grundflächen

 

besteht, weil sie eine starke Unterlage hat, am meisten Widerstand leistet, und ebenso alles, was zur größten Festigkeit verbunden ist, auch die größte Kraft zum Widerstreben besitzt.

Schwer und leicht sodann wird sich am deutlichsten erklären lassen, wenn man es im Zusammenhang mit dem, was oben und unten heißt, untersucht. Es ist nämlich ganz falsch, wenn man glaubt, dass es von Natur zwei entgegengesetzte Orte gebe, welche das All in zwei Teile zerlegten, der eine unten, nach welchem alles, [D] was eine Körpermasse hat, hingetrieben werde, und der andere oben, nach welchem sich alles nur gewaltsam hinbewegen lasse. Denn da das ganze Weltgebäude kugelgestaltig ist, so muss alles, was in gleichem Abstand von der Mitte die äußersten Punkte bildet, dieselben seiner Natur nach in der gleichen Weise bilden, und man muss vielmehr die Mitte, da sie nach eben denselben Maßen von diesen äußersten Punkten entfernt ist, als ihnen allen gegenüberstehend betrachten. Und da nun die Welt so beschaffen ist, welches von dem eben Genannten, dürfte man wohl nach oben oder nach unten versetzen, ohne sich dabei den gerechten Vorwurf einer unpassenden Bezeichnung zuzuziehen? Denn den mittleren Ort in ihr ist man [E*] weder als unten noch als oben, sondern eben nur als in der Mitte befindlich zu bezeichnen berechtigt, der entfernt davon liegende aber ist weder ein mittlerer, noch auch hat er irgend einen von einem anderen abweichenden Teil in sich, der mehr nach der Mitte zu läge als irgend einer von seinen auf der entgegengesetzten Seite befindlichen Punkten. Was sich aber auf allen Seiten gleichmäßig verhält, wie dürfte da jemand sich berechtigt glauben, dem entgegengesetzte Benennungen, von welcher Art sie auch sein mögen, beizulegen? Denn auch, wenn es einen festen Körper gibt, welcher in der Mitte des Alls im Gleichgewicht schwebt, so wird [63 St.3 A] dieser doch eben niemals nach einem der äußersten Punkte hingetrieben werden wegen des durchweg gleichmäßigen Verhaltens von ihnen allen, und auch wenn jemand im Kreise sich um denselben herumbewegte, so würde er oft, wenn er an entgegengesetzten Punkten desselben stehen bliebe, denselben Teil dieses Körpers unten und oben nennen. Kurz, wie eben bereits gesagt, von dem Ganzen, das kugelförmig ist, zu behaupten, dass es einen unteren und einen oberen Teil habe, ziemt keinem Verständigen. Woher es aber kommt, dass wir von einem Oben und Unten sprechen, und worin dieser Gegensatz seine Stelle hat, so dass wir nach ihm auch das ganze Weltgebäude [B] einzuteilen und zu bezeichnen gewohnt sind, darüber müssen wir uns jetzt, indem wir folgende Voraussetzung dabei zu Grunde legen, verständigen. Wenn jemand in dem Raume des Alls, in welchem vor allem das Feuer seinen natürlichen Ort hat, und wo auch am meisten dasjenige aufgehäuft ist, nach welchem es hingetrieben wird, auf das Feuer hinzuträte und die nötige Kraft zu diesem seinem Vorhaben empfinge, und nun so Teile des Feuers wegnähme und sie auf Waagschalen legte, um sie zu wägen, so wird ja offenbar, indem er die Waage in die Höhe hebt und so das Feuer mit Gewalt in die ihr unähnliche Luft hinaufzieht, die kleinere Masse leichter [C] als die größere sich ihm dabei fügen, denn von zwei durch eine Kraftäußerung zugleich in die Höhe gehobenen Gegenständen erfährt doch wohl notwendig der kleinere dadurch eine stärkere, der größere eine geringere Einwirkung, und jener wird daher mehr, dieser aber weniger der Gewalt nachgeben, und der letztere schwer und nach unten sinkend, der erstere aber leicht und nach oben steigend genannt werden. Beobachten wir nun nur, dass wir eben dasselbe auch in diesem unserem Wohnorte tun. Denn oben auf der Erde stehend, bringen wir vielfach erdartige Gegenstände, indem wir sie voneinander absondern, und zuweilen auch Erde selbst, mit Gewalt und wider ihre Natur in die ihr unähnliche Luft hinein, indem beides vielmehr [D] an der verwandten Substanz festhält, und die kleinere Masse, leichter als die größere, gibt dabei eher unserer Gewalt nach, die sie zu dem ihr Unähnlichen hinzieht. Diese nennen wir daher leicht, und den Ort, an welchem wir sie zwangen, oben, mit dem entgegengesetzten Eindruck aber verbinden wir die Namen schwer und unten. Diese Einwirkungen und Zustände verhalten sich nun aber notwendig in sich selber entgegengesetzt, weil die Hauptmassen der vier Elemente einander entgegengesetzte Orte haben, was daher an dem einen Orte leicht ist, wird man dem Leichten am entgegengesetzten Orte, und ebenso das Schwere dem Schweren und das Unten dem Unten und das Oben dem Oben alles teils entgegengesetzt, teils schräg gegeneinander [E] stehend und so in allen Stücken voneinander abweichend finden, sei es, dass es schon in dieser wechselseitigen Lage ist, oder erst in dieselbe


gerät. Doch ist wenigstens dieses eine in Bezug auf alles jenes zu bemerken, dass die Richtung nach dem Verwandten zu, welche einem jeglichen Körper innewohnt, das dorthin Getriebene schwer und den Ort, nach welchem dasselbe hingetrieben wird, zum Unten macht und das entgegengesetzte Verhalten auch die entgegengesetzte Wirkung hervorbringt. Und so mag denn hiermit die Ursache auch dieser Einwirkungen angegeben sein.

Worin dann ferner der Eindruck des Glatten und Rauen seinen Grund hat, dürfte wohl jedermann zu erkennen und einem andern mitzuteilen im Stande sein: Härte mit Ungleichmäßigkeit verbunden bringt diesen, [64 St.3 A] Gleichmäßigkeit mit Festigkeit jenen hervor.

Wir haben aber von dem noch übrigen, und den bedeutendsten unter den allgemein den ganzen Körper betreffenden Einwirkungen, nämlich davon, wann mit den bisher erörterten Empfindungen sich die des Angenehmen und Unangenehmen verbinden, die Ursache anzugeben und über alles dasjenige zu sprechen, was in den Teilen des Körpers Empfindbarkeit erlangt und in ihnen Schmerz und Lust zur Folge hat. Und wir wollen demgemäß so die Ursachen von jedem empfindbaren und nicht empfindbaren Eindrucke zu erfassen [B] suchen, indem wir uns die Art, wie wir im Vorigen das Bewegliche und das Träge unterschieden, ins Gedächtnis zurückrufen, denn auf diesem Wege muss alles, was wir zu finden beabsichtigen, aufgesucht werden. Das seiner Natur nach Leichtbewegliche nämlich trägt, wenn es auch nur einen geringen Anstoß empfangen hat, denselben ringsum von dem einen seiner Teile zum andern mit gleicher Wirkung über, bis die letztere zum vernünftigen Teile vorgedrungen ist und so diesem die Einwirkung des Gegenstandes, welcher den Anstoß hervorgebracht hat, zum Bewusstsein bringt, das Entgegengesetzte aber, welches sich träge [C] verhält und nicht im Kreise bewegt, empfängt bloß einen Anstoß ohne anderes, benachbartes zu bewegen, so dass jener erste Eindruck, da ihn die Teile nicht aufeinander übertragen, sich nicht in ihnen durch das ganze lebendige Wesen hindurchbewegt und so dasselbe unempfindlich lässt gegen diesen Anstoß, den es erfahren hat. Dies gilt nun von den Knochen, Haaren, und von allen anderen zumeist erdigen Teilen, welche wir an uns tragen, das erstere dagegen vorzugsweise vom Gesicht und Gehör, [D] weil in ihnen Feuer und Luft am meisten ihre Wirkung entfalten. Lust und Schmerz nun aber sind dabei folgendermaßen zu erklären. Ein wider unsere Natur und in gewaltsamer Weise auf uns ausgeübter starker und plötzlich entstehender Eindruck ist schmerzlich, und derjenige, welcher, ebenfalls stark und plötzlich, unser naturgemäßes Befinden wiederherstellt, ist angenehm, derjenige aber, welcher nur allmählich vor sich geht und mit nur geringer Kraft ausgeübt wird, gelangt überhaupt nicht zur Empfindung. Alle Einwirkungen ferner, welche mit Leichtigkeit ihren Fortgang nehmen, berühren zwar aufs allerstärkste die Empfindung, an Schmerz und Lust aber sind sie ohne Anteil, wie namentlich die, welche der Sehstrahl selbst erfährt, von [E] welchem wir nebenbei bemerkt haben, dass er ein bei Tage sich innig mit uns verbindender Körper sei. Denn ihm bereiten Schneiden und Brennen und alle anderen Einwirkungen, welche er erleidet, keinen Schmerz, noch auch die Rückkehr in den voraufgehenden Zustand Lust, und doch treten bei ihm gerade die stärksten und deutlichsten Empfindungen und Wahrnehmungen ein, sowohl von den Eindrücken, welche er selber empfängt, als auch von denen, welche er seinerseits auf alle Gegenstände, mit denen er irgendwie in Berührung tritt, hervorbringt, denn weder bei seiner Ausdehnung noch bei seiner Zusammenziehung findet irgendwelche Gewalt statt. Aber die aus größeren Teilen bestehenden Körper, welche der Einwirkung nur schwer nachgeben und doch die Bewegungen durch das Ganze fortpflanzen, bringen Lust und Schmerz mit sich, Schmerz, wenn sie ihrem ursprünglichen Zustand [65 St.3 A] entfremdet, Lust, wenn sie wieder in denselben zurückgebracht werden. Die Körper ferner, deren Aussonderungen und Entleerungen allmählich, und deren Anfüllungen dagegen auf einmal und in großer Fülle vor sich gehen, sind unempfindlich gegen die ersteren und empfindlich gegen die letzteren und bereiten dem sterblichen Teile der Seele keinen Schmerz, wohl aber die größte Lust, und es zeigt sich dies bei den Wohlgerüchen. Alle diejenigen dagegen, welche schnell ihrem ursprünglichen Zustand entfremdet werden und [B] sich nur allmählich und mit Mühe wieder in denselben zurückversetzen lassen, bringen die gerade entgegengesetzten Erscheinungen zu Wege, und dies

 

wiederum wird dabei ersichtlich, wenn der Körper gebrannt und geschnitten wird. Und nun sind die den ganzen Körper insgesamt betreffenden Eindrücke und die Benennungen, welche allen Gegenständen, durch welche sie bewirkt werden, erteilt worden sind, so ziemlich dargelegt worden, und wir müssen daher nun, soweit wir es vermögen, auch hinsichtlich der Vorkommnisse an besonderen Teilen von uns sowohl die Eindrücke als auch wiederum die Ursachen, weshalb bestimmte Gegenstände sie bewirken, zu beleuchten versuchen.

Zuerst also müssen wir alle die zuvor, als wir von den Säften sprachen, von uns übergangenen besonderen Eindrücke der Zunge nach Kräften zu klären versuchen. Offenbar [C] nun entstehen auch diese, wie ja auch die meisten anderen, durch gewisse Zusammenziehungen und Ausdehnungen, außerdem aber hängen sie dabei mehr als die anderen von Rauheit und Glätte ab. Alles nämlich aus erdigen Teilen Bestehende, was in der Umgebung der, gleichsam wie Fühlfäden der Zunge nach dem Herzen ausgespannten Äderchen, auf die feuchten und zarten Teile des Fleisches gerät und so nach der Zerschmelzung seiner eigenen Bestandteile jene Äderchen zusammenzieht und austrocknet, gibt, je nachdem die ersteren mehr oder weniger rau sind, einen mehr oder minder herben Geschmack. [D] Dasjenige aber, welches auch diese abreibt und überhaupt alles der Zunge Anklebende wegwäscht, wird, wenn es dies in übermäßigem Grade tut und sie selber mit angreift, so dass es von ihr einen Teil wegfrisst, wie dies die Eigenschaft der Laugensalze ist, alles insgesamt bitter genannt, wenn es aber diese laugenartige Beschaffenheit nicht erreicht und die abreibende Kraft nur in gemäßigtem Grade äußert, so erscheint es uns salzig, ohne rau Bitterkeit und mehr unserer Natur verwandt. Dasjenige ferner, welches die Wärme des Mundes in sich aufnimmt [E] und von ihr erweicht wird und dabei, nachdem es warm geworden ist, seinerseits wiederum dasjenige erhitzt, von welchem es diese Wärme empfangen hat, und durch seine Leichtigkeit auch zu den Organen des Kopfes aufsteigt und alles zersetzt, worauf es trifft, solches alles wird um dieser seine Wirkungen willen [66 St.3 A] beißend scharf genannt. Wenn aber diese nämlichen Substanzen zuvor durch Fäulnis verdünnt sind und so in die engen Adern eindringen und mit den in ihnen befindlichen Erd- und Luftteilen, soweit auch die letzteren im richtigen Verhältnis zu den ersteren vorhanden sind, in Verbindung treten, so bewirken sie durch diese ihre Bewegung, dass alles in einen Wirbel umeinander gerät, in Folge dessen aber auch sich ineinander verwickelt und, in fremde Bestandteile eindringend, dieselben aushöhlt, indem sie sich um die eindringenden herum ausdehnen, wodurch sie denn, [B] indem sie demgemäß aus Feuchtigkeit, teils erdiger und teils auch reiner, bestehen, welche um Luft herum ausgedehnt ist, zu feuchten Luftbehältern oder, mit andern Worten, zu hohlen und runden Wassertropfen werden, und zwar so, dass die aus reiner Feuchtigkeit eine durchsichtige Umgebung bilden, welche den Namen Blasen führt, während man von denen aus erdiger, welche sich zugleich in aufsteigender Bewegung befindet, sagt, dass sie sieden und in der Gärung begriffen sind, und die Ursache dieser Eindrücke ist das, was wir mit dem Namen des Sauren belegen. Der allen bisher auf diesem Gebiete genannten entgegengesetzte Eindruck aber geht auch von einer ganz entgegengesetzten Veranlassung aus, so oft die eingehende Masse in den Feuchtigkeiten eine mit der der Zunge verwandte Beschaffenheit annimmt und sowohl die rau gewordenen Teile durch einen Überzug abglättet, als [C] auch die widernatürlich zusammengezogenen auflockert und die widernatürlich ausgedehnten wieder zusammenzieht und alles möglichst in seinen naturgemäßen Zustand zurückversetzt, wird alles derartige, welches sich zu einem jedermann angenehmen und erwünschten Heilmittel gegen gewaltsame Reizungen gestaltet, als süß bezeichnet.

Und das hierher Gehörige wäre nun dies. Was aber die Tätigkeiten der Geruchswerkzeuge anbetrifft, so gibt es von ihnen keine Arten. Denn alle Gerüche sind etwas Zwitterhaftes [D] und keinem von den sogenannten Elementen ist ein inneres Verhältnis zu irgend einem Geruch zu Teil geworden, sondern unsere zur Geruchsbildung bestimmten Adern sind für die Arten der Erde und des Wassers zu eng, für die des Feuers und der Luft aber zu weit gebildet. Daher hat an ihnen niemand jemals einen Geruch wahrgenommen, sondern es entsteht ein solcher immer nur dann, wenn etwas feucht wird oder verfault oder schmilzt oder in Rauch aufgeht. Nämlich in dem Zwischenzustand beim Übergang des Wassers in Luft und der Luft in Wasser werden sie


hervorgebracht, denn alle [E] Gerüche lassen sich auf Rauch und auf Dampf zurückführen, Dampf aber bezeichnet den Übergang aus Luft in Wasser, Rauch dagegen den aus Wasser in Luft, und demzufolge ist alles, was Geruch an sich trägt, feiner als Wasser, aber dicker als Luft. Das wird offenbar, sobald jemand nach Verstopfung der Atmungswerkzeuge mit Gewalt Atem holt, denn dann wird kein Geruch mit durchgelassen, sondern der Atem, frei von allen Gerüchen, folgt allein. Deswegen also haben die Verschiedenheiten derselben [67 St.3 A] keine besonderen Namen, da sie nicht aus vielen und einfachen Arten hervorgehen, sondern man macht hier nur den in zwei teilenden Unterschied des Angenehmen und des Unangenehmen, weil dieser allein deutlich an ihnen hervortritt. Unangenehm nämlich sind diejenigen Gerüche, welche auf die ganze Höhlung, die in unserem Körper zwischen Kopf und Nabel liegt, einen rauen und gewaltsamen Eindruck machen, angenehm diejenigen, welche auf eben dieselbe beruhigend wirken und sie auf eine erwünschte Weise wieder in ihren natürlichen Zustand zurückführen.

Als dritten mit Empfindung begabten Teil in uns müssen wir das Gehör in Betracht ziehen und angeben, aus welchen Ursachen [B] die Eindrücke desselben hervorgehen. Im Allgemeinen nun stellen wir fest, dass Ton die von der Luft ausgehende Erschütterung, welche sich von den Ohren durch das Gehirn und das Blut bis zur Seele fortsetzt, und dass die von ihr erregte Bewegung, welche vom Kopfe beginnt und um den Sitz der Leber herum endigt, Gehör sei. Soweit diese nun schnell vor sich geht, erzeugt sie einen hohen, so weit langsamer, einen tieferen Ton, die gleichmäßige einen gleichförmigen und glatten oder sanften, die entgegengesetzte einen rauen, die heftige [C] einen starken, jede entgegengesetzte aber einen schwachen. Über Einstimmung und Zusammenklang derselben aber ist in den später nachfolgenden Erörterungen zu reden.

Noch ist uns eine vierte Art der Empfindung durchzugehen übrig, welche zahlreiche Verschiedenheiten enthält, die wir insgesamt Farben genannt haben und welche aus der Lichtart bestehen, die von den einzelnen Körpern ausstrahlt und deren verschiedene Teile in einem entsprechenden Verhältnisse zu dem Gesicht stehen und daher von ihm wahrgenommen werden. Vom Gesichtssinn nun sind die Ursachen seiner Entstehung [D] im Vorhergehenden kurz angegeben worden, hinsichtlich der Farben aber dürfte dies die am meisten wahr scheinende und einem Vernünftigen am meisten geziemende Erklärung sein, dass die von anderen Körpern ausgehenden und in das Gesicht fallenden Teilchen teils kleiner, teils größer, teils eben so groß als die Teile des Sehstrahls sind. Die zuletzt genannten nun werden nicht wahrgenommen, weshalb wir sie auch durchsichtig nennen, die größeren und kleineren aber, von denen jene ihn zusammenziehen, diese ihn erweitern, sind für ihn beinahe dasselbe, was warme und kalte Substanzen für das Fleisch und was für die Zunge alle herben und erhitzenden Speisen und Getränke, [E] welche letzteren wir scharf genannt haben, sind, so dass das Weiße und das Schwarze dieselben Eindrücke, wie die von jenen Substanzen hervorgebrachten, aber in einem anderen Gebiete, sind und aus diesem letzteren Grunde uns auch andere Eindrücke zu sein scheinen. Daher muss man sie auch hiernach bestimmen. Was den Sehstrahl ausdehnt ist weiß, das Gegenteil davon schwarz. Wenn aber das Feuer eines anderen Körpers mit einer heftigeren Bewegung auf den Sehstrahl trifft und ihn bis zu den Augen selbst hin ausdehnt, so dass es die Durchgänge der Augen selbst gewaltsam auftreibt und [68 St.3 A] so bewirkt, dass jene Verbindung von Feuer und Wasser aus ihnen herausfließt, welche wir Tränen nennen, und welche nichts anderes ist als die Gestalt, in welcher eben hierdurch das von entgegengesetzter Richtung jenem anderen entgegenkommende Feuer auftritt, so entstehen, indem die eine dieser Feuer blitzartig herausspringt und die andere hinein dringt und in den Feuchtigkeiten erlischt, in dieser Vermischung von ihnen mannigfaltige Farben, und wir nennen dann diesen Eindruck Schimmern und dasjenige, was ihn bewirkt, hell und strahlend. Wenn aber das Feuer innerhalb dieser Verbindung zwar in die Feuchtigkeit der Augen eindringt und sich mit ihr vermischt, aber dabei [B] nicht hell ist, sondern vermöge der Durchmischung des Feuers des Lichts durch die Feuchtigkeit eine Blutfarbe annimmt, so gebrauchen wir hiervon den Namen rot. Helles, mit Rot und Weiß gemischt, gibt Gelb, wie viel aber das Maß für jedes einzelne in dieser Mischung betrage, das zu sagen hätte, auch wenn man es wüsste, keinen Sinn, da man hiervon weder die Notwendigkeit, noch einen wahr scheinenden Grund auch nur annähernd anzugeben im Stande

 

sein würde. Rot ferner, mit Schwarz und Weiß verbunden, wird Purpur, Dunkelpurpur aber, wenn diese Mischung gebrannt und zu ihr noch mehr Schwarz [C] hinzugetan wird. Das Braun entsteht aus der Mischung von Gelb und Grau, das Grau aus der von Weiß und Schwarz, das Blaßgelb aus der von Weiß mit Gelb. Wenn ferner Weiß zum Glänzenden hinzukommt und dann auf gesättigtes Schwarz fällt, so wird die blaue Farbe hervorgebracht, und wenn Blau mit Weiß verbunden wird, die hellblaue, wird aber Schwarz mit Braun vermischt, die lauchgrüne. Und hieraus ist denn auch schon hinlänglich klar, wie man, am wahr Scheinenden festhaltend, aus ähnlichen Mischungen auch die anderen Farben entstehen lassen kann.

[D] Aber wenn jemand dies auf dem Wege der tatsächlichen Mischungen erproben wollte, so würde er damit den Unterschied der menschlichen und göttlichen Natur verkannt haben, sofern ein Gott zwar wohl das Viele in Eines zu verbinden und Eines wieder in Vieles aufzulösen hinlängliche Einsicht und zugleich Macht besitzt, von den Menschen aber keiner, weder das Eine noch das Andere ins Werk zu setzen, weder jetzt im Stande ist, noch auch hinfort jemals vollständig dazu im Stande sein wird.

Alles dies nun fand damals in dieser von der Notwendigkeit ausgegangenen Beschaffenheit der Werkmeister des Schönsten und Besten in dem Werdenden vor, [E] als er das sich selbst genügende und vollendetste göttliche Wesen erzeugte, indem er dabei zwar die in ihm liegenden Kräfte zu Hilfe nahm, aber doch so, dass die Vollendung, zu welcher alles Werdende gedieh, dabei ganz sein eigenes Werk war. Deshalb muss man denn auch zwei Arten von Ursachen unterscheiden, die notwendige und die göttliche, und zwar die göttliche in allen Dingen aufsuchen zum Erwerbe eines glückseligen Lebens, soweit dasselbe unsere Natur gestattet, [69 St.3 A] aber in Rücksicht auf jene auch die notwendige, indem man bedenkt, dass es ohne sie nicht möglich ist, jenen eigentlichen Gegenstand unseres Strebens rein für sich zu erkennen oder zu erfassen oder sonst irgendwie seiner teilhaftig zu werden.

Und da uns nun also jetzt, gleich wie Baumeistern das Bauholz, die Arten der Ursachen zugerichtet vorliegen, aus welchem der noch übrige Teil unserer Erörterung zusammengefügt werden muss, so wollen wir in der Kürze noch einmal zum Anfange zurückkehren und uns rasch zu demselben Punkte begeben, von welchem [B] wir hierher gelangt sind, und dann versuchen, unserer Dichtung einen dem Vorhergehenden entsprechenden Schluss hinzuzufügen.

Wie also schon im Anfange gesagt wurde, nachdem der Gott alle diese Dinge in einem ungeordneten Zustande vorgefunden, pflanzte er ihnen Ebenmaß in sich und untereinander ein, soweit und in solcher Weise, als es ihnen eben möglich war, in Verhältnismäßigkeit und Ebenmaß zu stehen. Denn damals hatte an demselben nichts, es sei denn durch Zufall, irgend einen Anteil, noch verdiente überhaupt irgendetwas, so wie jetzt, einen bestimmten Namen zu führen, [C] wie Feuer und Wasser und was es sonst noch gibt, sondern alles dieses ordnete er zuerst gehörig und sodann setzte er hieraus dieses All zusammen als ein einziges belebtes Wesen, welches die Gesamtheit aller lebendigen Wesen, der sterblichen wie der unsterblichen, in sich schließt. Und zwar wurde er von den göttlichen Wesen selbst der Bildner, die Entstehung des Sterblichen aber trug er seinen eigenen Erzeugten zu bewerkstelligen auf. Diese nun, in Nachahmung seiner, umwölbten die übernommene unsterbliche Grundlage der Seele rings herum mit einem sterblichen Körper, gaben ihr den ganzen Leib gleichsam [D] zum Fortbewegungsmittel und legten ihm noch eine andere Art von Seele, die sterbliche, bei, welche gefährliche und der blinden Notwendigkeit folgend, Eindrücke aufnimmt, zunächst die Lust, die stärkste Lockspeise des Bösen, dann den Schmerz, den Verscheucher des Guten, fernerhin Mut und Furcht, zwei törichte Ratgeber, schwer zu besänftigenden Zorn und leicht verlockende Hoffnung, endlich verbanden sie mit ihr vernunftlose Empfindung und Wahrnehmung und blindwütige Liebe, der Notwendigkeit gemäß, und so setzten sie das Geschlecht der Sterblichen zusammen. Ferner jedoch, [E] aus Scheu, das Göttliche zu beflecken, wiesen sie dem Sterblichen, getrennt von demselben, einen anderen Teil des Körpers zum Wohnsitze an, und schoben zwischen beide, um sie gesondert voneinander zu erhalten, den Hals als Grenzscheide und schmalen Verbindungssteg zwischen Kopf und Brust ein. In die Brust nämlich und den sogenannten Brustkasten schlossen


sie die sterbliche Seele ein, weil aber der eine Teil von ihr von besserer, der andere von schlechterer Art war, so trennen sie wiederum die Brusthöhle, um gleichsam wie in einem Hause die Wohnung der Frauen von der [70 St.3 A] der Männer abzusondern, indem sie das Zwerchfell als eine Scheidewand dazwischen spannten. Dem streitliebenden Teil der Seele also, welcher Teil hat an Tapferkeit und Zorn, wiesen sie näher nach dem Kopfe zu, zwischen Zwerchfell und Hals, seinen Wohnsitz an, damit er, der Vernunft gehorchend, in Gemeinschaft mit ihr die Begierden im Zügel hielte, wenn sie dem von der Herrscherburg ausgehenden Befehle und Spruche gutwillig durchaus nicht folgen wollen. Das Herz aber, die Verknüpfung der Adern und Quelle des durch alle [B] Glieder mit Heftigkeit umgetriebenen Blutes, versetzten sie gleichsam in die Trabantenwohnung, damit die Gewalt des Zornes aufwallen könne bei der ihm von der Vernunft erteilten Nachricht, dass in irgend einem Gliede etwas Unrechtes vorkomme, sei es von außen oder auch von innen her, durch die drinnen wohnenden Begierden, und schleunigst alles, was im Körper mit Empfindung begabt ist, durch alle jene schmalen Verbindungswege die Ermahnungen und Drohungen der Gebieterin vernehme und ihnen nach allen Seiten Folge leiste und das Beste also durchweg in sich herrschen lasse. Da sie nun aber voraussahen, [C] dass alle solche Aufwallungen der zornesfähigen Teile, wie das Pochen des Herzens bei der Erwartung des Schrecklichen und der Aufregung des Zornes, vermittelst des Feuers vor sich gehen müssten, so pflanzten sie, um eine Abhilfe zu gewähren, das Gebilde der Lunge in die Brust hinein, welche erstens weich und blutlos und zweitens durchlöchert ist wie ein Schwamm, damit sie Atem und Trank aufnehme und abkühle und so Erquickung und Erleichterung bei der Hitze verschaffe. Deshalb also führten sie Kanäle der Luftröhre zur Lunge und [D] legten die letztere um das Herz herum wie ein weiches Kissen, damit jenes, wenn der Zorn in ihm aufloderte, an etwas Nachgiebiges anschlüge und eine Abkühlung fände und so mit geringerer Anstrengung mehr der Vernunft mit seinem Zorne dienen könne.

Den Teil der Seele nun aber, welcher nach Speise und Trank begehrt und nach allem, was ihm die Natur des Leibes zum Bedürfnisse macht, verlegten sie in den Raum zwischen dem Zwerchfell und der Nabelgegend, nachdem sie gleichsam eine Krippe in dieser [E] ganzen Räumlichkeit für die Nahrung des Körpers angefertigt hatten, und banden denn jenes Wesen hier an, wie ein wildes Tier, das aber wegen der Verbindung, in welcher es mit dem Ganzen steht, notwendig ernährt werden musste, wenn einmal ein Geschlecht sterblicher Wesen entstehen sollte. Damit es also immer an der Krippe weiden könne und so entfernt als möglich von dem beratenden Teile der Seele wohne und demzufolge möglichst wenig Lärm und Geschrei erhebe, vielmehr [71 St.3 A] unseren Teil in Ruhe über das gemeinsame Wohl des Ganzen mit sich zu Rate gehen lasse, aus diesem Grunde wiesen sie ihm hier seine Stelle an. Weil sie aber wussten, dass es die Vernunft nicht verstehen würde und dass, wenn es ja einmal von irgend welchen vernünftigen Vorstellungen eine Art von Empfindung bekäme, es doch nicht in seiner Art liegen würde auf sie zu achten, sondern dass es von Schatten- und Trugbildern bei Tage und bei Nacht fortwährend verlockt werden würde, so setzte der Gott, indem er eben [B] hierauf sein Absehen richtete, das Gebilde der Leber zusammen und fügte sie in die Behausung jenes Wesens ein, und zwar bildete er sie dicht, glatt, glänzend, mild und mit Bitterkeit versehen, damit in ihr wie in einem Spiegel, welcher Abdrücke aufnimmt und so Bilder dem Auge wiedergibt, die Macht der aus der Vernunft kommenden Gedanken sich abspiegle und so teils jenes Seelenwesen schrecke, so oft sie sich streng und drohend naht, indem sie sich des derselben beigegebenen bitteren Teiles bedient, um denselben mit Heftigkeit durch die ganze Leber zu verbreiten, und so gallige Farben zum Vorschein bringt und sie in allen ihren Teilen zusammendrängt und dadurch runzlig und rau macht, [C] teils dadurch, dass sie den Lappen derselben aus seiner geraden Lage umbiegt und zusammenzieht und ihre Gefäße und ihre Pforte verstopft und verschließt, ihm Leiden und Unbehagen verursache, und damit, wenn vielmehr ein milder Anhauch des Gedankens Bilder der entgegengesetzten Art abspiegelt, derselbe ihm vor der Bitterkeit Ruhe verschaffe, indem er diese seiner eigenen Natur entgegengesetzte Substanz weder aufregen noch berühren mag, und vielmehr der Milde, welche der Leber eingepflanzt ist, sich bediene, um so auf letztere zu wirken, dass alle Teile derselben ihre gerade und regelmäßige Lage, ihre Glätte und Freiheit erhalten, und

 

so jenem [D] um sie herum wohnenden Teile der Seele Heiterkeit und Wohlbefinden und bei Nacht einen angemessenen Zeitvertreib, das Weissagen im Schlafe, verleihe, da er nun einmal an Vernunft und Einsicht keinen Teil erhielt. Denn eingedenk jenes ihnen von ihrem Vater gewordenen Auftrags, dem Menschengeschlechte nach Kräften die möglichste Vollendung zu geben, strebten unsere Bildner demgemäß auch das Niedrige in uns zu heben und gründeten daher, um es doch wenigstens in gewisser Weise mit der Wahrheit in Berührung treten zu lassen, [E] in ihm den Sitz der Weissagung. Einen hinlänglichen Beleg aber dafür, dass Gott die Seherkunst wirklich mit dem bewusstlosen Teile der Menschenseele verknüpft hat, bietet der Umstand dar, dass keiner, der seines Bewusstseins mächtig, eines gottbegeisterten und wahren Seherspruchs fähig ist, sondern man zu dieser Befähigung nur entweder im Schlafe, wo also die Denkkraft gefesselt ist, oder dann gelangt, wenn man durch Krankheit oder eine Art von Verzückung die Besinnung verloren hat, und dass sodann im Gegensatze dazu, diese im Traum oder Wachen von der Seherkraft und verzückten Begeisterung eingegebenen Aussprüche aufzufassen, indem man sie sich in die Erinnerung zurückruft, und alle wahrgenommenen Bilder [72 St.3 A] durch verständiges Nachdenken zu unterscheiden, um danach zu entscheiden, in wie weit und für wen sie etwas zukünftiges, vergangenes oder gegenwärtiges Gutes oder Schlimmes bedeuten, vielmehr die Sache eines seiner Besinnung mächtigen und dagegen die des in jenen wahnsinnartigen Zustand Geratenen und noch in ihm Befindlichen es nicht ist, die Erscheinungen, welche er gehabt, und die Worte, welche er gesprochen hat, zu deuten, sondern von alter Zeit her und mit Recht behauptet wird, dass nur im besonnenen Zustande der Mensch der Beurteiler seiner selbst und seiner Handlungen und der wirkliche Urheber der letzteren ist. Daher ist es denn auch Brauch, die sogenannten [B] Propheten als Deuter den gottbegeisterten Sehern beizuordnen, welche zwar von manchen selbst Seher genannt werden, aber nur von solchen, die ganz und gar nicht wissen, dass sie nur Ausleger der rätselhaften Aussprüche und Erscheinungen und keineswegs Wahrsager, mit vollem Rechte aber Propheten, das heißt Deuter der Weissagenden, zu heißen verdienen.

Die Leber hat also aus diesem Grunde eine solche Beschaffenheit und den angegebenen Ort empfangen, nämlich zum Zwecke der Weissagung. Und zwar gibt sie dieser ihrer Einrichtung gemäß nur in dem noch lebenden Körper deutlichere Anzeichen, des Lebens beraubt, dagegen wird sie blind und gibt dunklere Weissagungen, als dass sie irgendetwas deutliches durch sie anzeigen könnte. [C] Das Eingeweide aber, welches sich zu ihrer Linken befindet, ist um ihretwillen zusammengefügt und dorthin versetzt, um sie nämlich stets blank und rein zu erhalten, gleichsam wie ein für einen Spiegel verfertigtes und immer neben ihm bereit liegendes Wischtuch. Daher wischt denn auch, sobald Unreinigkeiten in Folge von Krankheiten sich in der Leber zeigen, die lockere Milz, als ein hohles und blutloses Gewebe, sie alle hinweg und nimmt sie auf, so dass sie in Folge ihrer Anfüllung mit diesen hinweggenommenen Unreinigkeiten übermäßig sich ausdehnt und anschwillt und erst, wenn der Körper gereinigt ist, sich wieder verkleinert und [D] zu ihrem früheren Umfange zusammenschrumpft.

Das die Seele Betreffende nun, nämlich wie viel Sterbliches und wie viel Göttliches sie enthält und ferner wie und in welchen Organen und warum beide Teile gesondert voneinander ihre Wohnsitze erhielten, der Wahrheit gemäß angegeben zu haben, das dürften wir wohl nur dann, wenn der Gott uns seine Zustimmung dazu gäbe, versichern, dass jedoch wenigstens das wahr Scheinende hierüber von uns vorgebracht worden, das dürfen wir sowohl jetzt, als auch bei noch näherer Betrachtung zu behaupten wagen und wollen es hiermit behauptet haben.

[E] Es ist daher jetzt das zunächst hieran sich Anschließende weiter zu verfolgen, dies ist aber die Frage, wie der noch übrige Teil des Körpers entstanden ist. Ihm nun dürfte es vor allem zukommen, folgender Überlegung gemäß zusammengesetzt zu sein. Die Bildner unseres Geschlechts erkannten nämlich die Unmäßigkeit im Essen und Trinken voraus, welche bei uns herrschen würde, so dass wir aus Schlemmerei viel mehr, als hinlänglich und notwendig wäre, zu uns nehmen würden. Damit also nicht ein schneller Untergang des menschlichen Geschlechts eintrete und dasselbe hinstürbe, noch ehe es vollendet, bildeten sie, [73 St.3 A] um dem vorzusehen, als einen Behälter zur Aufnahme der überschüssigen Speisen und Getränke die

 

sogenannte untere Bauchhöhle und legten in ihr rings herum die Windungen der Gedärme, damit nicht ein schnelles Hindurchgehen der Nahrung dem Körper schnell wieder das Bedürfnis nach neuer Nahrung aufnötigte und so durch Erzeugung unersättlicher Fressgier das ganze Geschlecht der Liebe zur Wissenschaft und den Musen entfremde und taub mache gegen die Stimme des Göttlichsten in uns.

Mit den Knochen aber und dem Fleisch und allem, [B] was dahin gehört, ging es folgendermaßen zu. Dies alles hat in der Entstehung des Markes auch seinen Ursprung. Denn die Bänder des Lebens, welche die Seele mit dem Körper vereinigen, sind in ihm zusammengeknüpft und geben so gleichsam dem menschlichen Geschlechte seine Wurzel, das Mark selbst aber ist aus anderen Bestandteilen hervorgegangen. So viele nämlich von den elementaren Dreiecken völlig regelmäßig und fest und so am meisten dazu geeignet waren Feuer, Wasser, Luft und Erde genau darzustellen, diese sonderte der Gott einzeln von ihren Gattungen für sich aus, mischte sie nach [C] dem richtigem Verhältnis miteinander und bildete aus ihnen das Mark, um in demselben den Samen für das ganze Geschlecht der sterblichen Wesen zu bereiten, pflanzte dem Mark dann die drei Seelengeschlechter ein und befestigte sie, und in so viel und solcherlei Gestalten, als es nach seinen besonderen Arten empfangen sollte, gliederte er dasselbe gleich bei dieser anfänglichen Verteilung. Und zwar denjenigen Teil desselben, welcher wie ein Saatfeld den göttlichen Samen in sich tragen sollte, bildete er von allen Seiten rund und nannte ihn Gehirn oder Kopfmark, weil nach Vollendung jedes lebendigen Wesens [D] das ihn einschließende Gefäß der Kopf sein sollte. Den Teil dagegen, welcher die übrigen sterblichen Bestandteile der Seele in sich enthalten sollte, gliederte er in eine zugleich runde und längliche Gestalt und benannte dies alles Mark, und nachdem er hieran, wie an einen Anker die Bänder der ganzen Seele befestigt hatte, bildete er nun um dieses Mark herum unseren ganzen Körper, indem er zuerst für dasselbe eine es umkleidende knöcherne Decke zusammenfügte. Den Knochen aber bildet er folgendermaßen. Er siebte Erde durch, so dass sie rein und glatt [E] wurde, und feuchtete sie dann mit hinzugemischtem Mark an, brachte sie hierauf ins Feuer und tauchte sie sodann in Wasser ein und abermals in Feuer und wieder in Wasser, bis er sie endlich durch oftmaliges Hinübertragen aus dem einen in das andere unschmelzbar für beide gemacht hatte. Von diesem nun bediente er sich, um daraus rings um das Gehirn herum eine knöcherne Kugel zu drehen, doch ließ er in ihr einen schmalen Zugang. [74 St.3 A] Und zur Umgebung des Nacken- wie des Rückenmarkes bildete er Wirbel aus jener Knochenmasse, die er wie Türangeln vom Kopfe an durch den ganzen Oberkörper untereinander ausspannte. Und so umschloss er den ganzen Samen zu seinem Schutze mit einer steinartigen Umhegung und brachte Gelenke in derselben an, um ihr Bewegungs- und Biegungsfähigkeit mitzuteilen, indem er sich hierzu der Einfügung einer Substanz bediente, welche vorzugsweise den Charakter des Veränderns an sich trug. Weil er aber glaubte, dass die Knochen doch von allzu harter und unbiegsamer Beschaffenheit seien und überdies durch den in ihnen vorgehenden Wechsel von Erhitzung und Abkühlung brandig werden und so bald [B] den in ihnen befindlichen Samen verderben würden, so bereitete er demgemäß die Sehnen und das Fleisch, jene, um durch sie alle Glieder mit einander zu verbinden und dem Körper Biegsamkeit um die Angeln und Ausdehnbarkeit vermöge ihres Anspannens und Nachlassens zu geben, das Fleisch aber sollte sowohl als ein Abwehrmittel gegen die Hitze wie als ein Schutz gegen die Kälte dienen, überdies auch beim Fallen ähnliche Dienste leisten, wie aus Filz verfertigte Gegenstände, indem es weich und schmiegsam dem Körper nachgäbe, und sollte vermöge der warmen Feuchtigkeit, die es in sich enthalte, im Sommer durch Schweiß und Nässe auf seiner Oberfläche dem ganzen Leibe eine angemessene Kühlung verschaffen, [C] im Winter aber wiederum durch seine Wärme den von außen andringenden und den Körper umlagernden Frost hinlänglich abhalten. In dieser Erwägung gab unser Bildner demselben dadurch, dass er es durch eine Zutat von einem aus sauren und salzigen Substanzen verbundenen Gärungsstoffe zu einer angemessenen Mischung von Wasser, Feuer und Erde zusammensetzte, seine saftige und weiche Beschaffenheit. Die Sehnen aber mischte er aus Knochen und ungesäuertem Fleisch zusammen, so dass sie durch diese Vereinigung aus beiden eine mittlere Beschaffenheit annahmen, und gab


ihnen eine gelbe Farbe. In Folge dessen wurden die Sehnen straffer und zäher als Fleisch, [D] aber weicher und feuchter als Knochen.

Mit beidem, Fleisch und Sehnen, umhüllte nun der Gott Knochen und Mark in der Weise, dass er zunächst die Knochen untereinander mittelst der Sehnen verband und sodann dies mit Fleisch überdeckte. Und zwar umkleidete er dabei alle diejenigen Knochen, welche am meisten von der Beseelung umhüllten, mit dem wenigsten, die aber, deren Inneres am seelenlosesten war, mit dem weichsten und dichtesten Fleisch. Und ebenso ließ er auch an den Gelenken der Knochen, wo nicht die Überlegung eine Notwendigkeit dazu aufwies, wenig Fleisch wachsen, damit es weder den Biegungen hinderlich wäre und so die Körper schwerbeweglich und damit unbehilflich mache, noch auch, [E] wenn es allzu aufgehäuft und aneinander gedrängt worden wäre, durch seine Festigkeit die Empfindung hemme und dadurch auch die Schärfe des Gedächtnisses und der Denkkraft abstumpfe. Daher sind denn sowohl die Schenkel und Schienbeine und die Hüftgegend, so wie [75 St.3 A] die Knochen der Ober- und Unterarme und alle sonstigen Teile an uns, die keine Gelenke haben, als auch alle diejenigen Knochen, welche in ihrem Marke nur wenig Seele haben und deshalb leer an Einsicht sind, insgesamt reichlich mit Fleisch bedeckt, alle, in denen die Einsicht ihren Sitz hat, dagegen weniger, es sei denn, dass Gott einmal eine Fleischmasse ganz für sich allein so zusammensetzte, dass sie der Empfindung dienen konnte, wie namentlich die Zunge. Meistens aber gilt die obige Regel, denn eine nach den Gesetzen der Notwendigkeit entstehende und fortbestehende Wesenheit kann nun einmal nicht zugleich dicke Knochen und vieles Fleisch [B] und doch dabei Feinheit der Empfindungen besitzen. Denn hätte sich beides mit einander verbinden lassen, so würde diese Verbindung am allermeisten dem Kopfe bei seiner Einrichtung zu Teil geworden sein, da, wenn das Menschengeschlecht einen fleischigen, sehnigen und starken Kopf auf seinem Rumpf trüge, ihm sicher ein doppelt und vielmals so langes, gesünderes und schmerzfreieres Leben zu eigen geworden wäre. Nun aber kamen die Werkmeister unserer Entstehung bei ihrer Überlegung, ob sie ein längerlebendes schlechteres oder ein kürzerlebendes besseres Geschlecht schaffen sollten, [C] einstimmig zu der Ansicht, dass einem längeren, aber schlechteren ein kürzeres, aber besseres Leben für ein jedes Wesen in jedem Falle vorzuziehen sei, und demzufolge bedeckten sie denn den Kopf wohl mit einem dünnen Knochen, nicht aber mit Fleisch und Sehnen, so wie er denn ja auch keine Biegungen hatte. Und so wurde diesem allen gemäß der Kopf als ein zwar reicher mit Empfindung und Vernunft begabter, aber auch weit schwächerer Teil dem Leibe eines jeden Menschen aufgesetzt. Die Sehnen aber heftete der Gott aus den obigen Gründen und in der obigen Weise teils ganz gleichmäßig am Ende des Kopfes rings um den Hals herum an und verband durch sie die Enden der Kinnladen unterhalb des Antlitzes, [D] teils verteilte er sie durch alle Gliedmaßen zur gegenseitigen Verknüpfung der Gelenke. Unseren Mund aber versahen die Urheber unserer Ausstattung mit seiner gegenwärtigen Einrichtung von Zähnen, Zunge und Lippen, so wie sie die Rücksicht auf das von der Notwendigkeit Gebotene und auf das Beste an die Hand gab, indem sie bei diesem ihrem Werke den Eingang der ersteren, den Ausgang aber der letzteren Ursache [E] zuwiesen, denn der Notwendigkeit gehört alles dasjenige an, was in den Mund eingeht, um dem Körper Nahrung zu geben, der Fluss der Rede aber, welcher vom Munde ausgeht und dem Gedanken dient, ist der schönste und beste von allen Flüssen.

Ferner nun den Kopf war es weder möglich bloß aus nacktem Knochen bestehen zu lassen, wegen der Witterungsschwankungen, welche die Jahreszeiten mit sich bringen, noch auch mit anzusehen, wenn er durch eine ganz dichte Bedeckung stumpf und unempfindlich würde in Folge der Masse des Fleisches. Es war nun von der Fleischsubstanz da, wo sie austrocknete, [76 St.3 A] eine beträchtliche Rinde, die sich von ihr aussonderte, zurückgeblieben, das, was man jetzt Haut nennt, und mit dieser, die durch die Feuchtigkeit aus der Umgebung des Gehirnes Zusammenhalt und Wachstum erhielt, umkleidete der Gott rings herum den Kopf, und indem nun jene Feuchtigkeit durch die Kopfnähte aufstieg, schloss sie durch fortwährendes Benetzen dieselbe über den Scheitel gleichsam wie in einen Knoten zusammen. Jene verschiedenerlei Nähte aber sind entstanden durch das Gegeneinanderwirken der Seelenumläufe und der aufgenommenen Nahrungsmittel, und zwar in größerer Zahl, wenn dieser Kampf ein stärkerer,

 

in geringerer, wenn er ein schwächerer ist. Diese ganze Haut nun ward von der Gottheit rings herum mit Feuer durchstochen, worauf denn [B] von der nunmehr aus diesen vielen kleinen Stichwunden an ihre Oberfläche hervortreibenden warmen Feuchtigkeit alle unvermischten Teile sich entfernten, alle diejenigen dagegen, welche aus denselben Bestandteilen, wie die Haut, zusammengesetzt waren, zwar von dem Triebe nach außen in die Höhe gehoben wurden und sich so in einer gleichen Feinheit, wie der Durchstich, in die Länge ausdehnten, aber wegen der Langsamkeit von der äußeren Luft zurückgestoßen und wieder nach dem Inneren der Haut zu hinabgedrängt wurden, bis sie in ihr fest wurzelten. Und zufolge dieser Vorgänge sind die Haare auf der Haut verwachsen, [C] fadenartig und von verwandter Beschaffenheit mit der Haut selber, aber härter und von dichteren Teilen vermöge des Druckes der Kälte, welchen jedes Haar in Folge des mit seiner Entfernung von der Haut notwendig eintretenden Verlustes seiner Wärme erfuhr. So hat denn mit ihnen unser Bildner unserem Kopfe seine rau Bekleidung gegeben mit Anwendung der beschriebenen Ursachen und in der Erwägung, dass sie an der Stelle des Fleisches ihm zur Sicherung des Gehirnes eine leichte Bedeckung liefern sollten, welche im Sommer wie im Winter ihm Schatten und Schutz zu gewähren geeignet sein und dabei doch der Leichtigkeit seines Empfindens kein Hindernis [D] sein würde. Bei der Verflechtung aber von Sehnen, Haut und Knochen, aus welcher die Finger entstanden, trocknete gleichfalls ein Teil dieser dreiteiligen Mischung aus, und es bildete sich so eine allen dreien gemeinsam angehörige harte Haut, die zwar vermöge dieser mitwirkenden Ursachen zubereitet, aber doch durch die eigentlich so zu nennende Ursache in Rücksicht auf die späteren Entwicklungen hervorgerufen ward. Denn dass einst aus dem Mann genannten Wesen Weiber und selbst Tiere hervorgehen sollten, das wussten unsere Bildner wohl, und ebenso erkannten sie auch, dass viele von den Tieren [E] der Nägel, und zwar zu vielen Dingen, bedürfen würden und daher bildeten sie diese den Menschen gleich bei ihrer Entstehung an. Aus solchem Grunde und zu solchen Zwecken ließen sie Haut, Haare, wie auch Nägel an den Enden der Glieder wachsen.

Da nun so alle Teile und Gliedmaßen des sterblichen belebten Wesens zusammengewachsen waren, [77 St.3 A] die Notwendigkeit aber es mit sich brachte, dass an Feuer und Luft sein Lebensprozess gebunden war, und es deshalb in zerstörender Weise von jenem zerschmolzen und von dieser ausgesogen wurde, so bereiteten die Götter ihm hiergegen eine Abhilfe, indem sie eine der menschlichen verwandte Natur, die sie aber mit einer anderen Gestalt und anderen Empfindungen ausrüsteten, so dass sie zu einer anderen Art von sterblichen belebten Wesen ward, erzeugten. Es sind dies nämlich die Bäume und Pflanzen mit ihren Samen und Früchten, welche jetzt durch die Pflege des Landbaus veredelt und gleichsam gezähmt und an uns gewöhnt sind, während es vormals nur die wilden Gattungen gab, die ja älter sind als die veredelten. Alles nämlich, was nur irgend am Leben Teil hat, wird auch mit vollem Recht [B] ein lebendiges Wesen genannt werden, es hat ja aber alles eben Erwähnte wenigstens an jener dritten Art von Seele Teil, welche nach unserer Erörterung zwischen Zwerchfell und Nabel ihren Sitz hat, und zwar nichts von Vorstellung, Überlegung und Vernunft, wohl aber Empfindung des Angenehmen und Unangenehmen nebst Begierden in sich trägt. Denn alles, was Pflanze heißt, ist fortwährend allen äußeren Einwirkungen ausgesetzt, dagegen einen inneren Kreisumlauf zu vollziehen, indem es die von außen kommende Bewegung zurückstieße und der ihr eigentümlichen folgte, und so etwas von ihren eigenen Zuständen durch Nachdenken über die Natur derselben sich zum Bewusstsein [C] zu bringen, das hat ihre Entstehungsweise ihr nicht verliehen. Daher nun lebt es zwar und ist nicht anders, als ein beseeltes Wesen zu nennen, aber es haftet eingewurzelt an derselben Stelle fest, weil es der eigenen Bewegung beraubt ist.

Nachdem nun die Mächtigeren für uns Schwächere alle diese Pflanzenarten zur Nahrung geschaffen hatten, durchzogen sie unseren Körper selbst, ähnlich wie man in Gärten tut, mit Kanälen, um ihn gleichsam mit zufließendem Wasser zu berieseln. Und zwar führten sie zunächst verborgene Kanäle unter die Vereinigung der Haut und des Fleisches, nämlich die Rückenadern, zwei an der Zahl, weil auch der Körper sich in zwei Seiten, [D] die rechte und die linke, teilt. Beide aber leiteten sie am Rückgrat hinunter, so dass sie das Leben bedingende Mark in ihre Mitte nahmen, damit sowohl dieses am besten gedeihe, als auch der Zufluss zu den übrigen


Körperteilen, da diese niedriger liegen, ungehemmt vonstattengehe und so der Bewässerung Gleichmäßigkeit verleihe. Hierauf ließen sie um den Kopf herum die Adern sich verteilen und in Verflechtungen nach entgegengesetzten Richtungen sich ausbreiten, so dass sie teils von der Rechten zur Linken des Körpers, teils von der Linken zur Rechten sich wandten, damit außer der Haut noch ein Band zwischen Kopf und Rumpf vorhanden sei, [E] insofern jener nicht rings herum am Scheitel mit Sehnen eingefasst war, und sodann auch damit die Sinneseindrücke von beiden Seiten her durch den ganzen Körper fortgepflanzt würden. Von da aber schritten sie zur Einrichtung der Berieselung in einer Weise, die wir leichter begreifen werden, [78 St.3 A] wenn wir zuvor dahin übereingekommen sind, dass alles, was aus kleineren Teilen besteht, das Größerteilige nicht hindurchlasse, dieses aber jenes zurückzuhalten nicht im Stande sei, und dass danach das Feuer, weil es unter allen sogenannten Elementen die kleinsten Bestandteile hat, durch Wasser, Erde, Luft und alles, was aus ihnen zusammengesetzt ist, hindurchgeht und nichts es zurückzuhalten vermag. Ebenso ist daher auch von unserer Bauchhöhle anzunehmen, dass sie zwar Speisen und Getränke, wenn diese in sie eingehen, aufzuhalten vermag, Feuer und Luft [B] aber nicht, weil deren Bestandteile kleiner als ihre eigenen sind. Dieser beiden bediente sich daher der Gott zur Befeuchtung der Adern aus der Bauchhöhle, indem er aus Feuer und Luft ein Geflecht von der Gestalt einer Fischreuse zusammenwebte, in dessen Höhlung zwei Zwischengeflechte hineinliefen, von denen er das eine wiederum so flocht, dass es zwei Hälse bekam. Und von diesen Binnengeflechten spannte er gleichsam Seile rings herum durch das ganze Netz bis an die Außenwände desselben aus. Das Innere desselben nun bildete er ganz aus Feuer, die Binnen- und das Außengeflechte aber aus Luft. Dann nahm er es und umzog damit [C] das von ihm gebildete lebendige Wesen in folgender Weise. Die Gesamtheit der Binnengeflechte ließ er in den Mund hinein, und da ihrer zwei waren, so führte er das eine durch die Luftröhre in die Lunge, das andere aber längs der Luftröhre in die Bauchhöhle hinab. Hierauf teilte er das erstere, und zwar so, dass er den gemeinsamen Stamm in zwei Ästen in die Kanäle der Nase einmünden ließ, so dass, wenn jener andere Ausgang in den Mund hinein einmal verstopft wäre, die auf ihn angewiesenen Strömungen durch diese letzteren mit versorgt werden könnten. Die übrige Höhlung der Reuse ließ er dagegen um den ganzen hohlen Teil unseres Körpers [D] herumwachsen und veranstaltete so, dass bald dies Ganze sanft in die Binnengeflechte, die ja aus Luft bestanden, zusammenfloss, bald wieder sie ihrerseits zurückflossen, und dass das Außengeflecht bei der lockeren Beschaffenheit des Körpers durch denselben hinein- und wieder heraustrat und die in das Innere eingewobenen Feuerstrahlen dabei dem Zuge dieser Luft nach beiden Seiten hin folgten, und dies, so lange das sterbliche Wesen fortbestand, zu geschehen nicht aufhörte. Wer nun dieser ganzen Einrichtung ihren Namen beigelegt, [E] der hat sie nach unserer Behauptung mit dem des Ein- und Ausatmens bezeichnet. Dieses ganze Tun und Leiden ist nun aber unserem Körper zuteil geworden, damit er durchfeuchtet und abgekühlt werde und so sich ernähren und leben könne. Denn indem das dem Netze eingewobene Feuer dem ein- und ausströmenden Atemzuge folgt, wird es in einer beständigen Schwingung durch die Bauchhöhle erhalten, und indem es dann beim Eindringen in dieselbe die Speisen und Getränke ergreift, schmelzt es dieselben, [79 St.3 A] zerlegt sie in kleine Teile, führt sie durch die Ausgänge, durch welche sein Weg geht, hindurch und leitet sie ,wie aus einer Quelle, in die Kanäle der Adern fort, so dass deren Strömungen den Körper wie ein schluchtenreiches Gebirge durchfluten.

Doch betrachten wir noch einmal den Hergang des Atemholens, durch welche Ursachen er zu seiner gegenwärtigen Einrichtung gediehen ist. Damit steht es nun so. Da es nichts Leeres gibt, in welches etwas von dem in Bewegung Befindlichen hineintreten könnte, der Atem aber [B] von uns nach außen bewegt wird, so ist demgemäß bereits jedermann klar, dass er dabei nicht in einen leeren Raum eingeht, sondern das Nächste aus seiner Stelle verdrängt, und dies seinerseits treibt immer wieder das Nächste weg, und so wird vermöge dessen alles notwendig nach der Stelle zu getrieben, von wo der Atem ausging, dringt in dieselbe ein, füllt sie aus und folgt dem Atem, und dies geschieht alles gleichmäßig wie wenn sich ein Rad umdreht. Deswegen werden denn Brust und Lunge, wenn sie den Atem von sich geben, wieder von der den Körper umgebenden Luft, [C] indem dieselbe in diesem Kreislauf durch das Fleisch bei dessen lockerer Beschaffenheit

 

eindringt, angefüllt, sobald dann aber diese Luft vermöge der Rückkehr jenes Kreislaufes in sich selbst durch den Körper wieder nach außen abzieht, so treibt sie dadurch den Atem in die Eingänge des Mundes und der Nase hinein. Als die Ursache des Beginns jener Kreisbewegung aber ist folgendes anzusehen. Jeder lebendige Körper hat seine größte innere Wärme im Blute und in den Adern, die gleichsam eine in ihm befindliche Feuerquelle sind, weshalb wir denn auch bei unserer zu Grunde gelegten Vergleichung mit dem Geflechte einer Fischreuse angaben, dass alles, was in dem inneren Raume derselben ausgespannt, [D] aus Feuer zusammengeflochten sei, während alle äußeren Hüllen an ihr aus Luft beständen. Nun strebt ja aber alles Warme naturgemäß nach seinem eigentümlichen Orte zu dem ihm Verwandten hinaus, und da der Wege dahin nur zwei sind, der eine durch die Ausdünstung an der Oberfläche des Körpers, der andere aber durch Mund und Nase, so setzt es, sobald es nach der einen Seite hindrängt, die nach der andern zu befindliche umgebende Luft in Umlauf, und indem dieselbe so in den Körper hineingedrängt wird, nimmt sie die Wärme desselben an, während die hinaustretende Luft sich abkühlt. Da aber so die Wärme ihren Platz verändert und [E] vielmehr die nach dem anderen Ausgange zu befindliche Luft wärmer wird, so richtet sie ihren Lauf vielmehr wieder dorthin, indem sie nach außen dem, welchem sie angehört, zustrebt, und drängt so die Luft wieder nach der ersteren Seite hin. Und indem nun dergestalt die Luft fortwährend dieselbe Einwirkung empfängt und zurückgibt, lässt sie so durch beides, durch jenes ihr Tun und dieses ihr Erleiden, den hin- und herwogenden Kreislauf des Ein- und Ausatmens entstehen.

Und auf diesem Wege sind denn auch die Ursachen von den bei Anwendung der Schröpfköpfe eintretenden Zuständen, [80 St.3 A] so wie die beim Schlucken der Speisen und die von dem, was mit geworfenen Gegenständen vorgeht, sowohl wenn sie in die Höhe, als auch wenn sie über die Erde hingeschleudert werden, zu verfolgen, desgleichen die der Schnelligkeit und Langsamkeit und Höhe und Tiefe, welche in den Tönen hervortritt und davon, dass dieselben bald im Missklang, bald im Einklang sich bewegen, je nachdem sie einander unähnliche oder ähnliche Bewegungen in uns hervorrufen. Nämlich die Bewegungen der schnelleren und zuerst zu uns gelangenden Töne haben bereits nachgelassen und sind denen der langsameren ähnlich geworden, ehe diese bei ihrem späteren Anlangen sie einholen, und wenn [B] diese dann die Bewegungen jener fortsetzen, ohne sie durch das Hinzubringen eines neuen und abweichenden Anstoßes aufzustören und zu verwirren, sondern vielmehr den Anfang einer langsameren Bewegung an das ähnliche Ende der anfänglich rascheren anknüpfen, so bringen sie dadurch einen einzigen, aus Hohem und Tiefem gemischten Eindruck zu Stande, wodurch sie den Unverständigen Lust, den Verständigen aber eine reine Freude über diese Abspiegelung der göttlichen Harmonie in den vergänglichen Bewegungen bereiten. Sodann auch alles Fließen des Wassers, sowie das Niederfahren der Blitze und die vielbewunderte Anziehungskraft [C] des Bernsteins und Magnets, keine von allen diesen Erscheinungen beruht auf wirklicher Zugkraft, sondern darin, dass es nichts Leeres gibt und alle Körper, die sich auflösen oder sich zusammenschließen, mit Aufgabe des Ortes, an welchen sie durch Trennung oder Verbindung gebracht sind, nach demjenigen hin streben, welcher einem jeden eigentümlich ist. In der Verflechtung dieser wechselseitigen Einwirkungen wird der, welcher dem richtigen Verfahren bei seiner Nachforschung folgt, die Ursache dieser wunderbaren Erscheinungen finden.

Um also zum Atemholen, von welchem diese Abschweifung ausging, zurückzukehren, so ist es gleichfalls, [D] wie schon vorhin bemerkt, auf dieselbe Weise und aus eben diesen Ursachen entstanden, indem das Feuer die Speisen zersetzt, dem Zuge der Luft im Innern des Körpers folgt und vermöge dieser seiner Begleitung jenes Zuges die Adern aus der Bauchhöhle durch Hineinschöpfung der dort von ihm zersetzten Speiseteile anfüllt. Und wo werden denn bei allen sterblichen belebten Wesen durch den ganzen Leib hin die Ströme der Nahrung reichlich bewässert. Da aber diese Nahrungssäfte aus eben erst zersetzten und von verwandten Geschöpfen herstammen, teils von Früchten, teils von Kräutern, die der Gott eben zu diesem Zwecke pflanzte, um uns zur Nahrung zu dienen, herrührenden Teilen bestehen, so haben sie allerlei Farben an sich in Folge dieser Mischung, aber am meisten [E] scheint die rote durch, die ja aus der Zersetzung und dem Abdrucke des Feuers im Feuchten entsteht. Aus diesen Gründen


also hat die Farbe der den Körper durchströmenden Flüssigkeiten das beschriebene Aussehen erhalten. Und wir nennen dieselben Blut, welches die Nährquelle des Fleisches und des gesamten Körpers [81 St.3 A] und die Quelle ist, aus welcher alle Glieder desselben die Ausfüllung der durch die abgehenden Bestandteile gelassenen Lücken schöpfen. Die Art dieser Anfüllung und Ausleerung aber ist ganz dieselbe wie die Bewegung von allem im Weltall, zufolge deren alles Verwandte zu einander hingetrieben wird. Denn einerseits löst das uns Umgebende unseren Körper fortwährend auf und verteilt die abgelösten Teile unter die sogenannten Elemente, denen ein jeder angehört, andererseits sind die Bestandteile des Blutes, weil sie in uns verteilt und von dem Bau des einzelnen lebendigen Wesens so eingeschlossen sind, dass dieses für sie eine Welt bildet, gezwungen die Bewegung des Weltalls [B] nachzuahmen, und indem so diese durch den Körper zerstreuten Stoffe immer nach dem einem jeden Verwandten hingetrieben werden, füllen sie die auf die obige Weise entstandenen Lücken wieder aus. Wenn nun der Abgang dabei größer als der Zufluss ist, so schwindet alles, wenn aber geringer, so wächst es. Ist nun der Bau des ganzen lebenden Wesens noch jung und aus frischen elementaren Dreiecken, die die Grundlage bilden, so ist die Verbindung derselben mit einander fest, seine ganze Masse dagegen von weichem Bestand, weil sie erst kürzlich aus Mark erwachsen und mit Milch genährt worden ist. [C] Daher bewältigt sie denn die von außen hereintretenden und von ihr in sich aufgenommenen Dreiecke, aus welchen die Speisen und Getränke bestehen, indem sie sie mit ihren eigenen neuen Dreiecken zerschneidet, da jene älter und schwächer sind als diese, und bewirkt so, dass der Körper groß wächst durch die Ernährung mit vielem ihm ähnlichen. Sobald aber die Schärfe dieser Dreiecke abstumpft, in Folge der vielen Kämpfe, die sie viele Zeit hindurch gegen vieles zu bestehen hatten, so vermögen sie die eingehenden Speiseteile nicht mehr in sich [D] aufzulösen, sondern werden vielmehr mit Leichtigkeit selber von dem, was von außen her eindringt, aufgelöst.

Dann schwindet unter dieser Bewältigung der ganze belebte Körper hin, und dieser Zustand ist es, den wir Altern nennen. Und wenn dann endlich die um die Dreiecke des Markes geknüpften Bänder, durch die Arbeit aufgelöst, ihren Halt verlieren, so lassen sie eben damit auch die Bande der Seele los, diese aber, indem sie so der Natur gemäß ihrer Freiheit zurückgegeben wird, [E] entfliegt mit Lust. Denn alles, was wider die Natur geschieht, verursacht Schmerz, was aber der Natur eines jeden entsprechend, das bereitet ihm Freude, und so ist denn auch der Tod durch Krankheiten und Wunden ein schmerzlicher und gewaltsamer, der aber, welcher mit dem Alter zum natürlichen Ende führt, ist der leichteste von allen und eher mit Lust verbunden als mit Schmerz.

Woraus nun aber die Krankheiten entstehen, ist wohl jedermann klar. Da nämlich der Körper aus vier [82 St.3 A] Elementen, Erde, Feuer, Wasser und Luft, zusammengesetzt ist, so haben das widernatürliche Zuviel oder Zuwenig derselben und die widernatürliche Vertauschung des ihnen zukommenden Ortes mit einem fremden, so wie die Aufnahme unangemessener Bestandteile durch das Feuer und die übrigen Elemente, da es ja mehr als eine Art derselben gibt, und alle ähnlichen Vorkommenheiten Störungen und Krankheiten zur Folge.

Denn wenn irgend eine von ihnen naturwidrig entsteht oder ihren Ort wechselt, so wird erhitzt was vorher kühl, und feucht [B] was vorher trocken, und schwer was leicht war, kurz alles erleidet nach allen Seiten alle möglichen Veränderungen. Nur dann aber, behaupten wir, wenn das Gleiche zu dem Gleichen gleichmäßig, auf dieselbe Weise und in richtigem Verhältnis hinzutritt und von ihm weggeht, wird ein jedes, als sich selber gleichbleibend, sich unversehrt und gesund erhalten können, was aber beim Hinzukommen oder Abgehen davon abweicht, wird die mannigfaltigsten Wechsel und zahllose Krankheiten und Zerstörungen verursachen. Da aber aus jenen ursprünglichen Zusammensetzungen auch wieder neue zweiter Art in uns gebildet sind, deren Teile auch ihr naturgemäßes Verhältnis zueinander haben, so zeigt sich daraus, wenn man nur nachdenken will, [C] noch eine andere Art von Krankheiten. Da nämlich Mark, Knochen, Fleisch, Sehnen und, wenn gleich in anderer Weise, auch das Blut aus mehreren der sogenannten Elemente zusammengesetzt sind, so treten zwar bei ihnen die meisten Krankheiten auf dem eben beschriebenen Wege ein, die größten und schweren aber wenn ihre Entstehung auf umgekehrte

 

Weise eintritt, denn dies hat ihre Verderbnis zur Folge. Denn auf dem natürlichen Wege entstehen Fleisch und Sehnen aus dem Blute, und zwar die Sehnen aus den Fasern desselben zufolge ihrer verwandten Beschaffenheit, das Fleisch aber aus dem übrigen Teile, welcher nach Aussonderung der Fasern [D] aus ihm gerinnt. Das Zähe und Fette sodann, was wieder aus dem Fleische sich ausscheidet, verbindet teils das Fleisch mit den Knochen und gibt zugleich selbst den das Mark umgebenden Knochen Nahrung und Wachstum, teils sickert die reinste, glatteste und fettigste Art der Dreiecke sogar durch die Härte des Knochens hindurch und befeuchtet so, von ihm abfließend und herabtröpfelnd, das Mark. Wenn nun so dies alles in dieser Weise entsteht, so findet in der Regel Gesundheit statt, Krankheiten aber, wenn in der entgegengesetzten. [E] Wenn nämlich aufgelöstes Fleisch umgekehrt diese seine flüssige Masse in die Adern ergießt, dann bildet sich mit dem Atem eine Unmasse von allerlei Blut in den Adern, welches die mannigfaltigsten Farben und Geschmäcke, nämlich Bitterkeiten aller Art, dazu auch Säuren und Salze darbietet und mancherlei Galle, Lymphe und Schleim mit sich führt. Denn weil alles auf dem verkehrten Wege entstanden und dadurch verdorben ist, so zerstört es zunächst das Blut selbst und treibt sich sodann an dessen Stelle, ohne dem Körper irgend [83 St.3 A] eine Nahrung zu gewähren, überall in den Adern umher, ohne ein ferneres Innehalten der durch die Natur festgestellten Ordnung des Blutumlaufs, feindselig sowohl gegen sich selbst, weil es keinen wechselseitigen Nutzen von sich genießt, wie auch gegen die festen und beharrlichen Teile des Körpers, die es zerstört und auflöst. Gehört nun jenes aufgelöste Fleisch zu dem ältesten, welches eben deshalb schwer zu erweichen ist, so wird es schwarz in Folge des langen Brandes, und bitter, weil es auch durch und durch [B] von ihm zerfressen ist, und greift dadurch auf eine zerstörende Weise alle noch unverdorbenen Körperteile an. Zuweilen enthält auch dieses Schwarzgefärbte anstatt der Bitterkeit Säure, wenn nämlich die bitteren Teile stärker verdünnt sind, oder aber jene bittere Substanz nimmt dadurch, dass sie wieder mit Blut getränkt wird, eine rötliche und durch die Vermischung derselben mit dem Schwarzen eine grünliche Farbe an. Ferner verbindet sich aber auch die gelbe Farbe mit jener Bitterkeit, nämlich wenn junges Fleisch von dem Brande der Entzündung zersetzt wird. Der gemeinsame Name für alle diese Bildungen ist der der Galle, welcher ihnen beigelegt worden ist, sei es von gewissen [C] Ärzten oder auch von anderen Leuten, welche sich befähigt sahen, beim Anblick vieler und unähnlicher Dinge eine Gattungsgemeinheit an ihnen wahrzunehmen, nach welcher sie alle zu heißen verdienen. Die besonderen Arten derselben aber führen nach der Farbe auch ihre besonderen Namen.

Was sodann die Lymphe anlangt, so ist die des wirklichen Blutes eine milde Flüssigkeit, die der schwarzen und sauren Galle dagegen scharf, sobald sie sich in Folge der Wärme mit einer salzigen Substanz verbindet, und dies ist es, was man sauren Schleim nennt. Diejenige aber, welche sich aus der Auflösung jungen und zarten Fleisches in Verbindung [D] mit Luft bildet, indem dasselbe aufgebläht und von Feuchtigkeit eingeschlossen ist und in Folge dieses Zustandes sich Blasen erzeugt haben, deren jede einzeln wegen ihrer Kleinheit unsichtbar ist, deren Gesamtheit aber eine sichtbare Masse darstellt und in Folge dieser Schaumbildung eine weiße Farbe darbietet, diese ganze Auflösung zarten Fleisches, mit Luft verbunden, nennen wir weißen Schleim. Vom Schleime aber wiederum, wie er zuerst sich bildet, sind die wässrigen Teile Schweiß und Tränen [E] und alle sonstigen Flüssigkeiten, welche der Körper täglich zu seiner Reinigung von sich aussondert. Alle diese Bildungen nun, die da entstehen, wenn das Blut nicht naturgemäß aus Speisen und Getränken sich ergänzt, sondern aus verkehrten Quellen wider die Gesetze der Natur seinen Zufluss erhält, sind die eigentlichen Verursacher der Krankheiten. So lange nun dabei das Fleisch nur an einzelnen Stellen von Krankheiten aufgelöst wird, die Grundlagen desselben dagegen unerschüttert bleiben, so lange hat das Übel seine halbe Macht, denn noch gestattet es mit Leichtigkeit Wiederherstellung, sobald aber [84 St.3 A] das Band zwischen Fleisch und Knochen erkrankt und jene aus Fleisch und Sehnen sich aussondernde Haut nicht mehr dem Knochen Nahrung und dem Fleisch Zusammenhalt mit dem Knochen gibt, sondern statt seiner bisherigen fetten, glatten und zähen Beschaffenheit durch schlechte Nahrung ausgetrocknet und dadurch rau und salzig geworden ist, so wird es in Folge dieses Zustandes zerrieben und vielmehr so seinerseits wieder unter das Fleisch und die Sehnen gemischt und von den Knochen abgelöst,

 

und das Fleisch, so von seinen Wurzeln abgetrennt, lässt die Sehnen entblößt und mit salzigem Stoffe angefüllt, und indem es dann selbst in den Strom des Blutes zurückfließt, vermehrt es die Zahl der [B] vorhin erwähnten Krankheiten. Sind nun schon dies schlimme Veränderungen, die den Körper betreffen, so sind doch die ihnen folgenden noch schlimmer, nämlich wenn der Knochen wegen allzu dicker Fleischmasse keinen gehörigen Zuzug der Luft empfängt und so von Fäulnis erhitzt und brandig wird und so, anstatt seinen Nahrungsstoff in sich aufzunehmen, zerbröckelt und umgekehrt in ihn eindringt, und dieser dann ins Fleisch, das Fleisch aber ins Blut geht und so alle vorher benannten Krankheiten noch bösartiger macht. Sobald aber, was von allem das Ärgste ist, das Mark selbst an Überfüllung oder Mangel von irgendwelcher Art erkrankt, [C] so bringt dies die größten und recht eigentlich tödlichen Krankheiten zu Wege, indem dann das ganze körperliche Gefüge notwendig eine rückläufige Wendung nimmt.

Eine dritte Art von Krankheiten wiederum muss man sich auf eine dreifache Weise entstehend denken, entweder durch Luft, oder durch Schleim oder durch Galle. Sobald nämlich die Verteilerin der Luft im Körper, die Lunge, durch zufließende Säfte verstopft, ihr nicht reine Durchgänge darbietet, so verursacht die Luft, indem sie hier gar nicht, dort im Übermaße eindringt, einerseits in jenen Teilen, denen so keine Abkühlung zu Teil wird, Fäulnis, andererseits aber wird sie, nachdem sie [D] mit Gewalt die Adern durchrissen und dieselben vielfach verbogen und den Körper zersetzt hat, endlich, wenn sie nach der Mitte desselben hinströmt, von dem hier ausgespannten Zwerchfell zurückgehalten, und das hat denn tausend schmerzhafte, mit vielem Schweiße verbundene Krankheiten zur Folge. Oft entsteht auch im Körper durch Zersetzung des Fleisches Luft und kann nicht heraus, und diese erregt dann dieselben Schmerzen, wie jene eingedrungene, die größten aber dann, wenn sie die Sehnen und deren Äderchen umlagert und die Gelenke samt den mit ihnen zusammenhängenden Sehnen anschwellen lässt, weshalb [E] denn auch von diesem Zustande der Verkrampfung und des Auseinanderziehens die betreffenden Krankheiten Zuckungen und Krämpfe genannt worden sind. Gegen sie ist denn auch das Heilmittel ein schlimmes, denn Fieber sind es bekanntlich, die durch ihr Hinzutreten dergleichen beseitigen. [85 St.3 A] Der weiße Schleim sodann bringt durch die in seinen Blasen enthaltene Luft Störungen zuwege, wenn ihm der Ausgang versperrt ist, kann er sich dagegen nach außen Luft machen, so ist er gutartiger, doch macht er dann die Haut fleckig, indem er Aussatz, Flechten und ähnliche Krankheiten erzeugt. Wenn er aber, mit schwarzer Galle vermischt, in die Umläufe, die im Kopfe vorgehen und die göttlichsten sind, dringt und sie stört, so ist sein Nahen im Schlafe minder schädlich, dagegen im wachen Zustande sein Überfall schwerer zu vertreiben, diese Krankheit aber führt mit Recht den Namen der heiligen Krankheit, Epilepsie, weil sie das heiligste aller Organe betrifft. Saurer und salziger Schleim dagegen [B] ist die Quelle aller sogenannten Flüsse, die aber nach der Mannigfaltigkeit der Orte, in welche der Abfluss sich ergießt, auch ihre mannigfaltigen besonderen Namen erhalten haben. Alles aber, was man Entzündung am Körper nennt, rührt insgesamt von der brennenden und ätzenden Kraft der Galle her. Macht sie sich dabei nach außen hin Luft, so treibt sie aufbrausend mancherlei Geschwüre hervor, wird sie aber im Innern eingeschlossen, so erzeugt sie viele hitzige Krankheiten, und zwar die größte dann, wenn sie sich mit dem reinen Blute vermischt und die Fasern aus ihrer Ordnung [C] bringt, welche durch das Blut verteilt wurden, damit es das richtige Verhältnis in Ansehung von Verdünnung und Verdickung erhalte und weder in Folge zu großer, ihm durch die Wärme mitgeteilter Flüssigkeit, aus dem Körper bei dessen lockerer Beschaffenheit herausfließe, noch auch wegen allzu großer Verdickung schwerbeweglich werde und nur mit Mühe in den Adern seinen Umlauf halten könne. Das richtige Maß nun erhalten die Fasern gemäß ihrer Entstehungsweise aufrecht, die daher, wenn man sie aus bereits abgestorbenem und erkaltetem Blute aussondert, den übrigen Teil des Blutes wieder in einen flüssigen Zustand versetzen, wenn man sie dagegen darin lässt, in Verbindung mit der umgebenden Kühle bald das Ganze gerinnen machen. [D] Üben nun die Fasern eine solche Wirksamkeit aus, so gerinnt unter diesem ihrem Einfluss die warme und feuchte Galle, die ja ihrer Natur nach ehemaliges Blut gewesen und sodann durch die Wiederauflösung des Fleisches in dasselbe entstanden ist, bei ihrem demgemäß und zwar anfänglich nur in geringer Masse erfolgenden Zurücktreten in


dasselbe und wird gewaltsam ihrer Wärme beraubt, dadurch aber bringt sie ein innerliches

Frieren und Zittern hervor. Strömt sie aber sodann in größerer Menge zu, so gewinnt die von ihr ausgehende Wärme die Oberhand, und sie bringt aufbrausend die Fasern in Erschütterung und Verwirrung, und wenn sie fortwährend dieselben zu bemeistern vermag, [E] so dringt sie allmählich bis zum Mark vor, zerstört mit ihrem Feuer die Ankertaue, mit welchen hier die Seele festgebunden ist und versetzt so dieselbe in Freiheit. Ist sie dagegen in geringerer Menge vorhanden, so dass der Körper der Auflösung Widerstand leisten kann und sie selbst überwältigt wird, so sucht sie sich entweder durch den ganzen Körper einen Ausweg oder sie wird aus den Adern in die untere oder obere Bauchhöhle gedrängt und entweicht dann aus dem Körper wie ein Verbannter aus einer im Bürgerkriege begriffenen Stadt, [86 St.3 A] indem sie Durchfälle, Ruhr und alle derartigen Krankheiten hervorbringt.

Ist der Körper hauptsächlich in Folge des Übermaßes von Feuer erkrankt, so erleidet er ununterbrochene Fieberhitze, wenn aber an dem von Luft, so eintägige, und dreitägige, wenn von Wasser, weil dieses träger als Feuer und Luft ist, das Element der Erde endlich, welches das trägste von allen vieren ist und erst in dem vierfachen Tageslauf seine Reinigung erlangt, erzeugt die viertägigen Fieber, die sich schwer beseitigen lassen.

[B] So treten denn also die Krankheiten des Körpers ein, die Beschaffenheit desselben erzeugt aber auch deren in der Seele, und zwar in folgender Weise. Man kann nämlich nicht leugnen, dass die Vernunftlosigkeit eine Krankheit der Seele ist, und dass es von ihr zwei Arten gibt, Wahnsinn und Unwissenheit. Folglich muss auch jedes Vorkommnis, welches den Menschen in einen von beiderlei Zuständen versetzt, als Krankheit bezeichnet werden, und zwar sind übermäßige Lust und übermäßiger Schmerz als die größten dieser Seelenkrankheiten anzusehen. Denn ein Mensch, welcher übermäßig froh oder aber im Gegenteil in den äußersten Zustand des Schmerzes versetzt ist, sucht immer zur Unzeit das eine zu erjagen [C] und dem anderen zu entfliehen und vermag weder etwas Richtiges zu sehen noch zu hören, sondern rast und ist in diesem Zustande nicht im mindesten einer vernünftigen Überlegung fähig. Wenn sich nun ein reichlicher und üppig hervorquellender Same in seinem Marke bildet, gleichwie wenn ein Baum überreiche Früchte bringt, so empfängt ein solcher viele und jedesmal große Schmerzen und Genüsse aus seinen hiermit zusammenhängenden Begierden und deren Folgen, und indem er so, da diese Art von Wonnen und Wehen die stärkste von allen ist, den größten Teil seines Lebens in einem Wahnsinn zubringt und seine Seele [D] durch seinen Körper krank und unvernünftig geworden ist, wird er nicht als ein Kranker, sondern als ein freiwillig Schlechter beurteilt. In Wahrheit aber ist die Zügellosigkeit im Liebesgenuss meistens durch den übermäßigen Zufluss jener besonderen Art von Feuchtigkeit und die übermäßige Benetzung des Körpers mit derselben, welche eine Folge von lockerer Beschaffenheit der Knochen sind, zu einer Krankheit der Seele geworden. Und so wird fast alles, was man Unenthaltsamkeit in den Genüssen nennt, in so weit denen, die sie ausüben, mit Unrecht als Schlechtigkeit vorgeworfen, als man dabei urteilt, dass sie freiwillig diese Schlechtigkeit an sich tragen. Denn niemand ist freiwillig böse, sondern wer es ist, der ist es durch fehlerhafte Beschaffenheit seines Körpers und durch falsche Erziehung geworden, [E] einem jeden aber ist dies verhasst und es wird ihm wider seinen Willen zuteil. Ferner können daher auch die Schmerzen des Körpers ebenso in der Seele allerlei Übel erzeugen. Denn wo nur immer die Säfte der sauren und salzigen Schleime und alle bitteren und galligen Säfte in ihrem Umherirren durch den Körper sich nicht nach außen hin Luft machen können, sondern, im Innern zusammengedrängt, ihren Dunst der Bewegung der Seele beimengen, da erzeugen sie auch allerlei Seelenkrankheiten, stärkere oder schwächere, zahlreichere [87 St.3 A] oder wenigere. Und zwar je nach den drei Sitzen der Seele rufen sie da, wohin sie jedesmal dringen, verschiedenerlei Arten bald von Trübsinn und Missmut, bald von Verwegenheit und Feigheit, bald endlich von Vergesslichkeit und zugleich Ungelehrigkeit hervor. Wenn dann zu solchen Missbildungen noch fehlerhafte Staatseinrichtungen und schlechte Reden hinzukommen, die in den Staaten bei öffentlichen und nicht öffentlichen Gelegenheiten geführt und gehalten werden, und die Pflege der Wissenschaften, welche hiergegen ein Heilmittel gewährt, von Jugend auf nicht verfolgt wird, dann werden wir alle, die wir schlecht sind, [B] ganz wider unseren Willen

 

es aus zwei Gründen. Hiervon muss man nun zwar immer die Schuld mehr den Erzeugern als den Erzeugten, und mehr den Erziehern als den Erzogenen beimessen, doch muss auch jeder für sein Teil, so viel er vermag, die Mittel benutzen, welche Erziehung, öffentliches Leben und wissenschaftliche Tätigkeit ihm darbieten, um so dem Laster zu entfliehen und dessen Gegenteil zu erjagen. Doch dies ist ein Gegenstand, der eine andere Art von Behandlung erfordert.

Wohl aber gehört es hierher und ziemt sich, das Gegenstück zu dem obigen zu entwickeln, nämlich auf welches Weise [C] eine Pflege des Körpers und der Geistestätigkeiten eintritt, die vielmehr zu deren Erhaltung dient. Denn es ist recht, mehr über das Gute als über das Schlechte zu sprechen. Alles Gute nun ist schön, Schönheit aber gibt es nicht ohne Maß, auch dem lebendigen Wesen also, welches die ersteren Eigenschaften an sich tragen soll, ist Ebenmaß zuzuschreiben. Von den Verhältnissen des Ebenmaßes nun pflegen wir die geringeren zwar wahrzunehmen und in Erwägung zu ziehen, die einflussreichsten und größten aber unbeachtet zu lassen. Denn von größerem Einfluss auf Gesundheit und Krankheit [D] und auf Tugend und Laster ist kein anderes Ebenmaß und kein anderes Missverhältnis, als das zwischen der Seele und dem Körper selbst. Hiervon bemerken wir jedoch nichts und bedenken nicht, dass wenn eine durchaus starke und große Seele von einem schwächeren und kleineren Körper getragen wird, und desgleichen wenn Seele und Körper nach dem umgekehrten Maßstabe zusammengefügt sind, das ganze lebendige Wesen nicht schön ist, denn es fehlt ihm gerade das höchste von allem, das Ebenmaß. Dasjenige dagegen, welches sich umgekehrt verhält, gewährt dem, der das Auge dafür hat, den allerschönsten und lieblichsten Anblick. Gleichwie nun ein Körper, welcher [E] unverhältnismäßig lange Beine hat oder durch irgend ein anderes Übermaß im Missverhältnisse mit sich selbst steht, nicht bloß hässlich ist, sondern auch bei der gemeinsamen Tätigkeit aller seiner Glieder leicht ermattet und Krämpfe zu erleiden hat und wegen seiner Unbeholfenheit leicht hinfällt, und so sich selber tausenderlei Schäden antut, ebenso muss man auch hinsichtlich des aus beiden, Seele und Leib, verbundenen Wesens, was wir ein lebendiges nennen, urteilen, dass nämlich sowohl, wenn in ihm die Seele stärker als der Körper ist, dieselbe, falls sie in heftigem Zorne ist, [88 St.3 A] ihn ganz und gar erschüttere und von innen her mit Krankheiten erfülle, und ferner, falls sie mit übergroßer Anstrengung sich dem Lernen und Forschen hingibt, ihn abzehre, und falls sie womöglich Belehrungen erteilt und sich in Redekämpfe vor dem Volke und in engeren Kreisen einlässt, bei denen es nicht ohne Erregung und Eifer von beiden Seiten abgeht, ihn durch und durch erhitze und dadurch in Auflösung versetzte und durch Herbeiführung von Flüssen die meisten der sogenannten Ärzte täusche und die Ursache da, wo sie nicht ist, finden lasse, als auch wenn umgekehrt ein großer und der Seele überlegener Körper [B] mit einem geringen und schwachen Denkvermögen verwachsen ist, dass dann, da von Natur ein zweifacher Trieb im Menschen vorhanden ist, seitens des Körpers nach Nahrung und seitens des Göttlichsten in uns nach Einsicht, die Regungen des stärkeren Teiles siegen und ihren Besitz erweitern, die Seele aber stumpf, ungelehrig und vergesslich machen und so die größte aller Krankheiten, die Unwissenheit, zu Wege bringen.

Es ist denn dies das alleinige Heil für beide Teile, dass man weder die Seele ohne den Körper noch den Körper ohne die Seele übt, damit beide so [C] ihrer gegenseitig sich erwehren können und dadurch ins Gleichgewicht kommen und gesund werden. Es muss also der, welcher die Mathematik oder sonst eine Geistesarbeit mit Anstrengung betreibt, zugleich auch dem Körper die nötige Bewegung gewähren, indem er der Leibesübung obliegt, und wiederum, wer den Körper sorgfältig bildet muss zugleich auf die Regsamkeit der Seele bedacht sein, indem er auch der Musik und jeglicher wissenschaftlichen Bildung sich hingibt, wenn er mit Recht ein harmonisch durchgebildeter und ein guter und tüchtiger Mensch heißen will. Und in gleicher Weise [D] muss man auch die einzelnen Teile behandeln, indem man sich dabei die Verhältnisse im Weltganzen zum Vorbild nimmt. Denn da der Körper von dem, was in ihn eingeht, inwendig erhitzt und abgekühlt, und wiederum von dem, was sich außerhalb befindet, ausgetrocknet und angefeuchtet wird, und mit diesen beiden Einwirkungen auch alle anderen erleidet, welche wieder die Folge von ihnen sind, so wird er, wenn man ihn in untätiger Ruhe denselben überlässt, von ihnen überwältigt und geht zu Grunde, wenn man aber dem Beispiele der von uns so genannten


Ernährerin und Nährerin des Alls folgt und den Körper möglichst niemals in untätiger Ruhe belässt, sondern in steter Bewegung erhält und durch gewisse angemessene Schwingungen, [E] die man in ihm seinem ganzen Umfange nach hervorruft, sich jener äußeren und inneren Erregungen auf eine naturgemäße Weise erwehrt und dadurch die durch den Körper umherirrenden Bestandteile und Eindrücke, dergestalt dass sich Verwandtes zu Verwandtem fügt, in die gehörige Ordnung untereinander bringt, so wird man nach unserer vorausgegangenen Auseinandersetzung über die Natur des Alls es hierdurch verhindern, dass sich Feindliches zu Feindlichem geselle und dadurch im Körper Kämpfe und Krankheiten erzeuge, und vielmehr bewirken, dass Befreundetes sich mit dem Befreundeten verbinde und dadurch Gesundheit verleihe. Von allen Bewegungen [89 St.3 A] nun aber ist die in sich selbst und durch sich selbst die beste, denn sie ist am meisten der Bewegung des Denkens und des All verwandt, minder gut ist die durch einen anderen Körper hervorgebrachte, und die schlechteste endlich die durch andere nur in einzelnen Teilen des liegenden und ruhenden Körpers bewirkte. Daher ist die beste Art den Körper zu reinigen und in gute Verfassung zu setzen die gymnastische Übung, die nächstbeste die Mitbewegung, welche eine Fahrt zu Schiffe oder irgend eine andere Weise den Menschen ohne Ermüdung weiterzubefördern mit sich bringt, und die dritte Art endlich ist zwar im Notfalle zuweilen sehr nützlich, sonst aber in den Augen eines Verständigen durchaus nicht [B] anzustreben, nämlich die Reinigung durch Arzneimittel. Denn wenn die Krankheiten nicht mit großen Gefahren verbunden sind, so darf man sie durch die Anwendung derselben nicht aufregen. Denn die Entstehung aller Krankheiten hat etwas Ähnliches mit der lebendiger Wesen. Nämlich auch den letzteren ist gleich bei ihrer Bildung sowohl die Lebensdauer des ganzen Geschlechtes als die der einzelnen Wesen, so weit nicht ein Zufall der blinden Notwendigkeit gewaltsam eingreift, [C] vorherbestimmt, denn die Dreiecke treten gleich von vornherein in einem jeden mit der Fähigkeit zusammen, bis zu einer bestimmten Zeit auszuhalten, über welche hinaus kein Geschöpf sein Leben ausdehnen kann. Ebenso ist es nun auch mit den Krankheitsbildungen, und wenn man sie daher durch Arzneigeben unterdrückt, statt ihnen ihre bestimmte Zeit zu lassen, so pflegen aus kleinen große, und viele aus wenigen Krankheiten zu werden. Daher muss man den Verlauf jener minder gefährlichen Übel durch Beobachtung einer strengeren Lebensweise, soweit die Berufsgeschäfte einem dazu Zeit lassen, regeln und nicht durch Arzneinehmen bösartig machen.

So viel denn über das lebende Wesen als Ganzes, [D] so wie auch über seinen körperlichen Teil hinsichtlich dessen, wie man ihn lenken und von sich selber gelenkt werden müsse, um möglichst der Vernunft gemäß zu leben, der Teil aber, welcher eben der lenkende sein soll, muss wohl noch mehr und früher dazu vorbereitet werden, möglichst geeignet und tüchtig zur Erfüllung dieser seiner Aufgabe zu sein. Eine genaue Ausführung dieses Gegenstandes nun würde freilich hinlänglichen Stoff zu einer besonderen Arbeit liefern, was sich aber im Vorbeigehen darüber sagen lässt, wird sich nach Anleitung des Vorhergehenden nicht unpassend [E] in folgender Betrachtungsweise durchführen lassen.

Wie wir schon wiederholt bemerkten, dass drei Seelenteile von dreifacher Art in uns ihren Wohnsitz erhalten haben und dass jeder von ihnen seine besonderen Bewegungen hat, ebenso müssen wir nach Anleitung des Obigen denn auch jetzt in der Kürze hinzufügen, dass der von ihnen, der in Untätigkeit verharrt und die ihm eigentümlichen Bewegungen nicht durchmacht, notwendig der schwächste, der welcher in Übung bleibt, aber der stärkste wird. Deshalb ist sehr darauf zu sehen, dass sich alle drei [90 St.3 A] hinsichtlich ihrer Bewegung im Ebenmaß zueinander verhalten. Was den vollkommensten Seelenteil in uns betrifft, muss man nun aber urteilen, dass der Gott ihn einem jeden als einen Dämon gegeben hat, ich meine nämlich jenen, von der wir angaben, dass er in dem obersten Teile unseres Körpers wohne und uns über die Erde zur Verwandtschaft mit den Gestirnen erhebe, als Geschöpfe, die sich nicht dem irdischen, sondern dem überirdischen Ursprung zuwenden, und wir hatten recht dies zu behaupten. Denn dorthin, von wo der erste Ursprung der Seele ausging, richtete die Gottheit das Haupt und die Wurzel des Menschen und gab so unserem ganzen Körper seine aufrechte Stellung. Wer sich daher [B*] den Begierden oder dem Ehrgeiz hingibt und unablässig diese beiden Kräfte übt, wird

 

notwendig nur vergängliche Meinungen in sich erzeugen und da er, soweit es ihm überhaupt nur möglich ist, sich dem Sterblichen zuwendet, es hieran in keinem Stücke fehlen lassen, weil er eben den sterblichen Teil in sich groß gezogen hat. Wer dagegen der Lernbegierde und wahrhafter Kenntnisse sich beflissen und die Kraft des Wissens vor allen anderen Kräften seiner Seele geübt hat, der wird doch wohl ebenso notwendig, wenn er überhaupt die Wahrheit erreichte, unsterbliche und göttliche [C*] Gedanken in sich tragen, und wiederum, soweit überhaupt die menschliche Natur der Unsterblichkeit fähig ist, in keinem Teile dahinter zurückbleiben und, weil er sich stets dem Göttlichen zuwendet und den göttlichen Schutzgeist, der in ihm selber wohnt, zur schönsten Vollendung hat gedeihen lassen, vorzüglich glückselig sein. Nun gibt es aber für jedes Wesen nur eine Art Pflege und Wartung, nämlich dass man die ihm zukommende Nahrung und Bewegung ihm zuteilwerden lässt, dem Göttlichen in uns aber verwandt sind die Gedankenbewegungen und Kreisläufe des Alls. Ihnen also muss ein jeder folgen und die dem göttlichen verwandte Bewegungen, die in unserem Haupt, aber gestört durch die Art unserer Entstehung, stattfinden, durch Erforschung der Harmonie und der Kreisläufe des Alls in Ordnung bringen, [D*] und so das Denkende zur Ähnlichkeit mit dem Gedachten seiner ursprünglichen Natur gemäß erheben, um so dasjenige Ziel des Lebens zu erreichen, welches den Menschen von den Göttern als das vollendetste vorgegeben ist für die gegenwärtige und die folgende Zeit.

Und nunmehr scheint denn auch die uns jetzt gesteckte Aufgabe, das Weltall von seinen Anfängen aus bis zur Entstehung der Menschen zu verfolgen, so ziemlich ihr Ziel erreicht zu haben. [E*] Denn auf welche Weise auch die anderen lebenden Wesen entstanden sind, ist nur kurz zu erwähnen, es sei denn, dass die Sache hie und da mehreres fordert, denn so dürfte man wohl am ehesten glauben, das richtige Maß in der Auseinandersetzung solcher Gegenstände eingehalten zu haben. Mag denn also in folgender Weise das hierher Gehörige besprochen sein.

Nachdem die Mann Genannten entstanden waren, wurden alle die unter ihnen, welche feige waren und ein frevelhaftes Leben führten, dem wahr Scheinenden nach, bei ihrer zweiten Geburt in Weiber verwandelt. [91 St.3 A] Und damit zugleich schufen die Götter demgemäß auch den Trieb zur Begattung vermöge eines beseelten und lebendigen Wesens, das sie in uns, und eines andern, das sie in den Weibern, und zwar jedes von beiden auf folgende Weise entstehen ließen. Den Durchgang der Getrunkenen verbanden sie an der Stelle, wo er dasselbe, nachdem es von der Lunge unten durch die Nieren weg in die Harnblase gelangt ist, vermöge des durch die Luft auf die letztere ausgeübten Druckes aufnimmt und herausbefördert, durch eine Seitenöffnung mit der vom Kopfe aus durch Nacken und Rückgrat sich hindurchziehenden Strang des Markes, welchen wir in unseren voraufgehenden Erörterungen Samen nannten, und indem dieser ja beseelt ist und nunmehr Luft bekam. So erregte er in jenem Teile, [B] nach welchem hin er sich Luft machte, die Leben erweckende Begierde nach Ausströmung und rief so den Zeugungstrieb hervor. Daher sind denn auch bei den Männern die Schamteile etwas Unlenksames und Eigenmächtiges, wie ein Tier, welches nicht auf Vernunft hört, und trachten mit ihren rasenden Begierden alles zu beherrschen, und ganz aus denselben Gründen geht es bei den Weibern ebenso mit der sogenannten Scheide und Gebärmutter, auch diese ist ein ihnen inne wohnendes lebendiges Gebilde, welches die Begierde nach Kinderzeugung in sich trägt und daher, wenn es, zur Reife gelangt, lange Zeit ohne Frucht bleibt, in Aufregung und Ungeduld versetzt wird, überall hin durch den Körper seine Säfte umhertreibt, die Kanäle der Luft verstopft und somit das Atmen erschwert [C] und die äußersten Beängstigungen und allerlei andere Krankheiten verursacht, bis denn die wechselseitige Liebe und Begierde beider Geschlechter sie zusammenführt und gleichsam die Frucht vom Baum pflückt, indem sodann in die Gebärmutter wie in ein Saatfeld Tierchen, die vor Kleinheit unsichtbar und noch unausgebildet sind, hineingestreut werden, sich hernach aber wieder von ihr ablösen, von innen heraus groß wachsen und endlich ans Licht hervortreten und so die Entstehung lebendiger Wesen sich vollendet. Auf die obige Weise sind also die Weiber und alles Weibliche entstanden.

[D] Die Vögel aber gingen durch Umgestaltung, indem sie statt der Haare Federn bekamen, aus den Mann Genannten hervor, die harmlos, aber leicht waren und sich zwar mit dem


Überirdischen beschäftigten, aber aus Einfalt vermeinten, dass die Erklärung dieser Dinge durch das Gesicht die zuverlässigste sei.

Die Landtiere aber aus denen, die gar keine Liebe zur Wissenschaft hatten und nie über die Natur des Weltalls Beobachtungen anstellten, weil sie nicht von dem in ihrem Haupt [E] Umkreisende Gebrauch machten, sondern den in der Brust wohnenden Teilen der Seele als Führern folgten. Von dieser Beschäftigung wurden ihr Kopf und ihre Vorderglieder vermöge der Verwandtschaft zur Erde hingezogen, um sich auf diese zu stützen, und sie bekamen längliche Schädel von allerlei Formen, je nachdem das Umkreisende im Haupt derselben bei einem jeden [92 St.3 A] durch Untätigkeit zusammengedrückt wurden. Und nicht bloß vierfüßig, sondern auch vielfüßig wurden aus denselben Gründen ihre Arten, indem der Gott ihnen, je unverständiger sie waren, desto mehr Stützen unterschob, um sie noch mehr zur Erde herabzuziehen. Die Unverständigsten von ihnen aber, die vollständig ihren ganzen Körper zur Erde niederstreckten, wurden, weil der Füße ferner nicht bedürftig, fußlos und sich auf der Erde hinwindend erzeugt.

Die vierte Gattung endlich, die der Wassertiere, entstand aus den allerunvernünftigsten und Ungebildetsten, welche [B*] von den Urhebern der Umbildung nicht einmal mehr eines reinen Atems gewürdigt, weil ihre Seele mit jeglichem Fehler befleckt war, sondern, um statt der dünnen und reinen Luft eine trübe Flüssigkeit einzuatmen, in die Tiefe des Wassers hinabgestoßen wurden. Daher entstand das Geschlecht der Fische und der Muscheln und aller anderen Geschöpfe, welche im Wasser leben und, weil sie sich bis zur untersten Stufe des Unverstandes erniedrigt haben, auch in die unterste aller Wohnungen herabgesetzt worden sind.

Und auf diese Weise sind denn noch jetzt, wie damals, alle bewussten Wesen miteinander verwandelt, [C*] indem sie je nach dem Verluste und Gewinne von Vernunft und Unvernunft ihre Gestalt wechseln.

Und nunmehr möchten wir denn auch behaupten, dass unsere Erörterung über das All ihr Ziel erreicht habe, denn nachdem diese Welt in der obigen Weise mit sterblichen und unsterblichen belebten Wesen ausgestattet und erfüllt worden, ist sie zu einem sichtbaren Wesen geworden, welches alles Sichtbare umfasst, zum Abbilde des nur der Vernunft Zugänglichen, ein sinnlich wahrnehmbares göttliches Wesen und zur größten und besten, zur schönsten und vollendetsten geworden, diese eine und als einzig erzeugte Welt.