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Werk:Verborgene Zahl – Verborgener Gott/Alle Zeit der Welt.

aus AufEinWort, der freien Forschung

2.3. ALLE ZEIT DER WELT.

ERSTE PFRÜNDEN UND DIE KALENDERREFORMFRAGE AUF DEM

BASLER KONZIL

Die 1430er Jahre sollten Nikolaus neben den bereits bemerkenswerten Erfolgen als Jurist und Kirchenbeamter breitere intellektuelle Anerkennung und den politischen Aufstieg bringen. Ursprünglich nur als (in der Sache am Ende erfolgloser) Rechtsvertreter des Kölner Domdekans Ulrich von Manderscheid (†1438) im Streit um die Trierer Bischofswürde nach Basel geladen, waren hier rasch einflussreiche Kreise auf den vielseitig begabten Kanonisten aufmerksam geworden. Sicher verdankte Nikolaus dies nicht zuletzt der Fürsprachen einiger mit ihm befreundeter Konzilsteilnehmer, wie Heymericus de Campo, der die Universität Köln auf der Kirchenversammlung vertrat[1] und vor allem seines Paduaner Lehrers und Konzilspräsidenten Giuliano Cesarini (1398‒1444, Kardinal 1433),[2] der ihn erst zu seinem Sekretär und schließlich zum Mitglied der Deputation über Glaubensfragen machen sollte. Großen Anteil an Nikolaus’ rasch wachsendem Ansehen hatte aber auch die in Basel noch vor dem Hintergrund des (vergleichsweise unbedeutenden) Trierer Kapitelstreits verfasste gesellschafts- und kirchenpolitische Grundsatzschrift De concordantia catholica aus dem Jahre 1433. Inhaltlich von vergleichbarer Brisanz wie Wilhelm von Ockhams (um 1287‒um 1349) De imperatore et pontificum potestate oder der Defensor pacis des Marsilius von Padua (um 1270‒um 1342) fiel die Idee von der hierarchischen Gliederung weltlicher und kirchlicher Autoritäten unter Einbindung der Wahlfreiheit des Einzelnen im konziliaren Umfeld auf fruchtbaren Boden und erleichterte Nikolaus den Zugang zu den höheren Kreisen des Konzils.[3] Dort muss man dann aber auch bald auf Nikolaus’ mathematisch-naturwissenschaftliche Begabung aufmerksam geworden sein. Er wird zum Mitglied der Kalenderreformkommission berufen – und damit zu Aufgaben, die an Bedeutung weit über den regionalen Trierer Kapitelsstreit hinausragten. Fundamentale Umwälzungen in Agronomie, Handel und Gewerbe steigerten seit der Mitte des 14. Jahrhundert den Bedarf an verbindlichen und genauen Kalendern. Zugleich war die Kalenderreform auch aus religionspolitischen Gründen ein dringlicher Tagungspunkt der Basler Kirchenversammlung. Seit dem 13. Jahrhundert lieferten die Toletanischen Tafeln die verbindliche astronomische Berechnungsgrundlage der computistae.9[4] Ihr Gebrauch war nicht nur überaus schwierig und daher nur dem Fachmann möglich; vielmehr ließen sich diese mit den zum Teil stark divergierenden Erkenntnissen der empirischen Astronomie im 15. Jahrhundert auch längst nicht mehr in Einklang bringen.[5] Die Diskrepanz zwischen computus und experientia barg nun in Nikolaus’ Augen, der 1436 der Konzilskommission mit seiner ebenso umfang- wie fachkenntnisreichen Abhandlung De correctione kalendarii einen eigenständigen Entwurf zur dringlichen Kalenderreform vorlegte, nicht nur den eigentlichen Grund der insufficientia kalendarii, sondern zugleich einen scandalus in fide.[6] Denn wenn die christliche Komputistik, deren primäres Ziel ja in der Berechnung des christlichen Ostertermins lag, offensichtliche Fehler aufwies, so könnten die Feinde des Glaubens [...] darüber frohlocken, da sie auf Grund dieses Irrtums höhnen, dass wir in derselben Weise auch in anderen Dingen irren würden.[7] Es sind wohl diese Ausführungen, die Stegemann zu der Auffassung führten, dass auch die Kalenderverbesserung in erster Linie ein Werk des Reformationsidee, d.h. einer von Cusanus in höchstem Sinne verstandenen Kirchenpolitik, und nicht ein solches freier moderner naturwissenschaftlicher Haltung [ist].[8] Dass aber die auf Erfahrung (experientia) begründeten Erkenntnisse der Astronomie deutlich voneinander abwichen und damit für die Etablierung einer allgemein verbindlichen Kalenderberechnung ein echtes Hindernis darstellten, war Nikolaus immerhin bewusst. Eine Verbesserung des technischen Instrumentariums allein konnte keine Lösung bringen. Denn auch die in der Zeit zweifellos führende arabische Astronomie hatte es nach Nikolaus’ Auffassung nicht vermocht, selbst vermittels jedwedem noch so gewaltigen Instruments, auf Grund einer untrüglichen wissenschaftlichen Untersuchung die punktgenaue Wahrheit zu erhalten.[9] Wie aber, wenn die Unzulänglichkeiten astronomischer Beobachtung letztlich nicht die Folge naturwissenschaftlich-technischer, sondern einer allgemeinen Unzulänglichkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens wäre? Dann wären die Schwierigkeiten bei der Berechnung der Himmelsbahnen auf ein epistemologisches Prinzip zurückzuführen. Genau in diesem Sinne hat Nikolaus in der Correctio die Frage aufgeworfen, ob denn zwischen den Bahnen der Himmelskörper und dem menschlichen Geist überhaupt ein gemeinsames Maß zu finden sei, der Mensch also überhaupt die Bahn der Planeten mit letzter Genauigkeit erkennen könne:

[...] Quidam compulsi fuerunt dicere omnem motum supercaelestium incommensurabilem esse rationi humanae et in quadam irrationali proportione habente surdam et innominabilem radicem cadere [...].[10]

Auf wen sich Nikolaus bei seinen Ausführungen zum motus supercaelestium incommensurabilis im Einzelnen berief, ist nur teilweise zu rekonstruieren. Die astronomische Kommensurabilitätslehre fußte im Wesentlichen auf der euklidischen Proportionalitätslehre und war im 12. Jahrhundert durch die Übersetzungen aus dem Arabischen nach Westeuropa gelangt.[11] Von hier aus breitete sich die Lehre ausgehend von der Pariser Schule im 13. und 14. Jahrhundert auch in Deutschland und Italien aus. Es waren dabei besonders die Vertreter der via moderna, Pierre d´Ailly (1350‒1420), Johannes Gerson (1363‒1429), Heinrich von Langenstein (1340‒1397) und vor allem Nicolaus Oresme (1313?‒1382), die im 14. Jahrhundert diese Gedanken tradierten und fruchtbar machten.[12] Diese nominalistische Tradition aber, mit der er spätestens während seiner Heidelberger Studienjahre bekannt geworden sein dürfte, nennt Nikolaus nicht ausdrücklich. Als Gewährsmann seiner Ausführungen führt er den arabischen Astronomen Ṯābitibn Qurra (826‒901) an.[13] Möglicherweise kannte er aber auch die ähnlichen Überlegungen im Euklid-Kommentar des Proklos (410‒485).[14] Die komputistischen Einzelheiten der Schrift sind im Begleittext zur deutsch‒lateinischen Edition von Viktor Stegemann detailliert dargestellt, so dass ich mir an dieser Stelle erlaube, nicht weiter auf Nikolaus’ für sich genommen sicher bedeutsamen Ansätze zur Kalenderkorrektur einzugehen. Erwähnenswert aber bleibt, dass in De correctione kalendarii erstmalig in aller Deutlichkeit auf das für Nikolaus’ Erkenntnisphilosophie wie auch seine Auffassungen zu Wesen und Wert des Mathematischen bestimmende Paradigma der Unzulänglichkeit des menschlichen Erkenntnisvermögens eingeführt wird. Dabei gebraucht Nikolaus auch den für die Entwicklung seiner Epistemologie so wichtigen Begriff der incommensurabilitas, der bei ihm einmal im weiteren Sinne als Hinweis auf eine prinzipielle ‚Unvergleichbarkeit‘, so wie dies bei Aristoteles mitunter anklingt, an anderen Stellen aber, insbesondere in den mathematischen Schriften, sehr viel konkreter auch als mathematische Inkommensurabilität verstanden werden kann. In De correctione kalendarii ist ausdrücklich nicht von einer ontischen privatio die Rede, die Unberechenbarkeit der Himmelsbewegungen wird (zumindest hier) nicht mit einem Seinsmangel begründet, etwa derart, dass die Planetenbahnen (bzw. die Bewegung der die Planeten und Sterne tragenden Sphären) selbst beständigem Wandel unterworfen wären. Dass auch die Natur nichts Absolutes hervorbringt, sondern alles Geschaffene immer nur in Relation existiert, wird Nikolaus erst in De docta ignorantia deutlich aussprechen. Erst dort wird er sich eingehender mit der Frage beschäftigen, ob die Unmöglichkeit vollständiger, absolut sicherer Erkenntnis durch die ontologische Grundverfassung der Betrachtungsgegenstände selbst oder durch die Beschränkungen menschlichen Erkenntnisvermögens zu begründen ist, oder aber vielmehr (und das ist es letztlich, worauf Nikolaus’ Unendlichkeitsmetaphysik hinauslaufen wird) Sein und Erkenntnis in dieser Frage gar nicht genau zu trennen sind. Interessant ist dabei, dass in der Correctio aber bereits zwei Hauptmetaphern aus Nikolaus’ späterer Erkenntniskonzeption vorweggenommen werden. Er parallelisiert die kosmischen Inkommensurabilitäten mit den eng verwandten geometrischen Problemen der Kreisquadratur und des Kontingenzwinkels:

[...] Dicunt motum superiorem per humanum ingenium comprehensibilem sicut circulus per idem ingenium est quadrabilis et angulus acutus contingentiae[15] attingibilis rectilinealem.[16]

Dass Nikolaus in der Correctio die Inkommensurabilität der Planetenbewegung mit dem Doppelproblem der Kreisquadratur und Kurvenausstreckung in Beziehung setzt, zeigt deutlich, dass er hier auf etwas sehr Konkretes hinaus will: Größtes Hemmnis der Himmelskunde sind, wie Nikolaus zuvor dargelegt hat, nicht technische Unzulänglichkeiten der astronomischen Beobachtung (also auch nicht primär etwaige Irrationalitäten der Bahnverhältnisse selbst) sondern die Mängel innerhalb des mathematischen Instrumentariums, das zur Beschreibung der Phänomene zur Verfügung steht. Verbesserungen in Astronomie und Komputistik sind demnach nicht generell ausgeschlossen, bedürfen aber vor allem zunächst einer Verbesserung der mathematischen Grundlagen, und darin vor allem der Auseinandersetzung mit mathematischen Grenzproblemen. Nikolaus steht mit diesen Überlegungen klar in der Nachfolge des Calcidius (um 400), bzw. dessen Exegeten Johannes Scotus Eriugena (810‒877). In seinem Kommentar zum platonischen Timaios hatte Calcidius die sinnliche Wahrnehmbarkeit der Himmelsschalen insgesamt bestritten, und ihnen nur die Erkennbarkeit vermittels der Vernunft eingeräumt.[17] Auf dieser Grundlage sind für Eriugena die Formen, mit denen der Geist die Verhältnisse der Himmelskörper abbildet, entscheidender als das sinnlich Wahrnehmbare. Die Verhältnisse der Himmelsbahnen sind mathematisch zu erfassen, nicht durch die reine Beobachtung. Dabei ist die Astronomie für Eriugena ein Beispielfall des allgemeinen Grundsatzes, dass nichts ohne den Verstand (ratio) aufgefunden oder bewiesen werden kann.[18] Für Nikolaus ist die ratio, wie die spätere Schrift Über die belehrte Unwissenheit zeigt, der Sitz des logisch-mathematischen Denkens, und so fügt sich schlüssig in die Traditionslinie über Calcidius und Eriugena ein, dass er die Mathematik als den wahren Schlüssel zur Erkenntnis der kosmologischen Ordnung ansieht. Es ist daher auch kaum überraschend, dass der Blick auf die direkten Vorlagen und Referenzschriften, die Nikolaus für seine kalendarischen Korrekturen herangezogen hat, immer auch auf Hinweise auf Nikolaus mathematische Kenntnisse und Interessen offenbaren: De correctione kalendarii enthält viele Hinweise darauf, dass er neben den Hauptschriften Ṯabits auch mit den komputistischen Konzeptionen von Pierre d’Ailly vertraut war.[19] Zudem kannte Nikolaus den Traktat De temporibus des Beda Venerabilis (um 673‒735).[20] Der heutige Oxforder Codex Lyell 54, in dem sich einige Randnotizen von Nikolaus’ Hand finden, enthält vor allem astronomisch-komputistische Abhandlungen, zu denen auch eine Abschrift der ersten 15 Kapitel der Schrift Bedas zählt. Die Sammlung weist den Herkunftsvermerk Ad librarium [Rasur][21] Erffordia auf.[22] Wie sich dem von Josef Koch bereitgestellten Itinerar der Legationsreise von 1451/52 entnehmen lässt, hielt sich Nikolaus zwischen dem 29. Mai und dem 7. Juni in Erfurt auf.[23] Wahrscheinlich hat Nikolaus bei dieser kurzen Visite (demnach allerdings auch erst lang nach den Arbeiten an der Kalenderreformschrift) den Codex einsehen können. Allerdings zeigen einige Stellen in der Correctio, in denen die Schrift Über die Zeiten ausdrücklich erwähnt wird, dass Nikolaus schon sehr viel früher mit Beda in Berührung gekommen sein muss.[24] Im Zusammenhang mit Nikolaus’ komputistischen Arbeiten ist ferner der Codex Lyell 52, eine Sammelhandschrift des 14. Jahrhunderts, von Interesse, die 1934 nach Oxford kam. Die Sammlung enthält auf fol. 50r‒72v die Planetentafeln des Azarchel (eigentlich: al-Zarqālī, um 1029‒1100).[25] Darüber hinaus finden sich in der Sammlung eine Reihe mathematisch bedeutsamer Texte, auf die bereits Folkerts hingewiesen hat:[26] zwei arithmetische Traktate des 14. oder 15. Jahrhunderts, die Bearbeitungen der Arithmetik des al-Ḫwārizmi darstellen,[27] ein Algorismus de integris[28] zum Rechnen mit den indisch-arabischen Ziffern, der auf Johannes de Sacrobosco verweist,[29] sowie ein algebraischer Text, der auf al-Ḫwārizmi beruht.[30] Die Handschriftensammlung wird bereits 1380 in der obersteierischen Benediktinerabtei Admont verzeichnet.[31] Nicht zuletzt dank seiner hervorragenden Schreibschule hatte sich Admont seit dem Investiturstreit zu einem spirituellen und kulturellen Zentrum im gesamten süddeutsch-österreichischen Raum entwickelt. Wir wissen, dass Nikolaus Beziehungen zu einigen bedeutenden süddeutschen Klöstern unterhielt, allen voran dem Kloster Tegernsee, und es ist nicht ausgeschlossen, dass er den Codex in Admont bei einem (offiziellen oder privaten) Besuch in der Steiermark eingesehen hatte. Krchňák hat es dagegen für möglich gehalten, dass Nikolaus mit dem Codex bereits während seiner Zeit als Rechtsbeistand Ulrich von Manderscheids auf dem Basler Konzil in Berührung gekommen ist.[32] Eine eingehendere Untersuchung der Beziehungen des Kusaners zu den Admonter Mönchen könnte hier Klärung bringen. Sollte Nikolaus tatsächlich die in Cod. Lyell 52 gesammelten Schriften so früh kennen gelernt haben, wie von Krchňák vermutet, dann könnte der Codex ein wichtiges Indiz bei der Rekonstruktion der frühesten mathematischen Kenntnisse des Kusaners darstellen.

Sicher dagegen stand Nikolaus bei der Erarbeitung der Reformschrift der heutige Kueser Codex 212, eine astronomischen Sammelhandschrift, zur persönlichen Verfügung.[33] Die hierin enthaltenen Schriften stammen zumeist aus dem Kreis der arabischen und der an sie anschließenden abendländischen astronomischen Literatur und sind, wie Stegemann vermutet hat, mit Ausnahme einer Abschrift der Alfonsinischen Tafeln und der Canones des Johannes Dank (um 1330) für De correctione kalendarii nicht von Bedeutung gewesen.[34] Beachtung verdient aber eine weitere Handschriftensammlung, die Hermann Hallauer in London aufgefunden hat[35] und die sich zumindest für kurze Zeit in Nikolaus’ Besitz befunden haben dürfte. Der Codex, heute Bestandteil der Harleian Collection der British Library (Harl. 3631), enthält drei astronomische Abhandlungen des Abū-Maʻšar (latinisiert: Albumasar, †886), De magnis coniunctionibus siderum et annorum revolutionibus in summa de significationibus[36], Introductorium maius in scientia astrorum,[37] die als Albumasars Hauptwerk neben eigenständigen astronomischen und astrologischen Ausführungen auch Auszüge aus dem Almagest, der auf der arabischen Fassung der Mathematike Syntaxis (später auch Megiste Syntaxis) des Claudius Ptolemäus (auch: Klaudios Ptolemaios, um 100‒178) beruhenden Grundlagenschrift der mittelalterlichen Astronomie, enthält, sowie eine (unvollständige) Fassung der Flores de iudiciis astrorum sive liber de revolutionibus annorum.[38] Der Codex ist zwar undatiert und die drei sternkundlichen Texte enthalten selbst leider auch keinerlei indirekte Hinweise darauf, wann und für wie lange er Nikolaus zur Verfügung stand. Es gibt aber sichere Indizien, dass die Schriften schon vor den Arbeiten an der Kalenderreform in seinen Besitz gekommen sind, wie im Folgenden gezeigt werden soll.



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