Werk:Werk:Phaidon (Platon)/117
◀▷Da sagte Sokrates: Natürlich, Kriton, tun das jene, von denen du sprichst – sie glauben nämlich, etwas zu gewinnen, wenn sie das tun; und natürlich werde ich das nicht tun. Ich glaube nämlich, nichts zu gewinnen, [1] wenn ich ein wenig später trinke, außer, daß ich mir selbst lächerlich vorkommen werde, wenn ich an meinem Leben hänge und noch sparen will, wo nichts mehr ist. Also geh', sagte er, gehorche, und tue nichts anderes.[2]
[3] Und Kriton winkte, als er dies hörte, dem Diener, der in der Nähe stand. Der Diener ging hinaus, und nachdem er sich geraume Zeit dort aufgehalten hatte, kam er und führte den her- ein, der ihm das Gift geben sollte, das er bereitet in einem Becher brachte. Als Sokrates den Menschen sah, sagte er: Also, Bester, du bist ja in diesen Dingen erfahren, was muß ich tun?
Nichts anderes, sprach er, als umherzugehen, wenn du [4] getrunken hast, bis dir die Beine schwer werden, danach dich hinzulegen; so wird es schon wirken. Und zugleich streckte er Sokrates den Becher hin.
Und der nahm ihn und ganz heiter, Echekrates, ohne zu zittern und weder die Farbe noch die Miene verändernd, sondern wie er es gewohnt war, ganz gerade den Menschen anblickend, fragte er: Was meinst du zu einer Spende von diesem Trank?[5] Darf man es oder nicht?
Nur soviel bereiten wir, Sokrates, sagte er, wie wir glauben, daß erforderlich sein wird zu trinken.
[6] Ich verstehe, sagte er. Aber zu den Göttern beten wenigstens darf man und soll man, daß die Übersiedlung von hier nach dort glücklich geschehe. Wofür auch ich nun bete, möge es also geschehen! Und indem er das sagte, setzte er an und trank ganz gelassen und wohlgemut aus. Die meisten von uns waren bis dahin zwar ziemlich in der Lage, sich zu beherrschen, nicht zu weinen, als wir aber sahen, wie er trank und getrunken hatte, nicht mehr; sondern auch mir liefen die Tränen mit Gewalt und unaufhörlich, so daß ich mich verhüllen und mich ausweinen mußte – nicht allerdings seinetwegen, sondern [7] wegen meines eigenen Schicksals, was für eines Freundes ich nun beraubt sein sollte. Kriton aber war noch vor mir aufgestanden, da er nicht in der Lage war, die Tränen zurückzuhalten. Apollodoros hatte schon in der vorangegangenen Zeit nicht auf gehört zu weinen, und nun brach er vollends in Jammergeschrei aus, weinend und sich unwillig gebärdend; und keiner war unter den Anwesenden, den er nicht erschüttert hätte, außer Sokrates selbst.
Dieser aber sprach: Was tut ihr denn, ihrwunderlichen Leute? Ich habe doch ganz besonders deswegen die Frauen weggeschickt, damit sie sich nicht auf diese Weise vergehen mögen.
[8] Denn ich habe gehört, daß man in andächtiger Stille sterben müsse. Also verhaltet euch ruhig und seid standhaft.▷
- ↑ [117.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.208
- ↑ 66.
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.209
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ [E]