Wort (Grimm)
WORT[1], n.,
verbum.
herkunft und form. ahd. wort, mhd. wort, wart, mnd. wort, mnl. wort, woord (nebenformen, fraglich ob auf grund alter ablautsverhältnisse, wa(e)rt, awfries. wird, werd, s. Franck van Wijk 202ᵇ), nl. woord, as. word, afries. word, ags. word, engl. word, anord. orđ, schwed., dän. und norw. ord, got. waurd, sämtlich gleicher bedeutung. dem gemeingermanischen wort (germ. *wurđa) treten als auszergermanische verwandte zur seite von derselben ablautsstufe (idg. u̯r̥dho-) apreusz. wīrds 'wort' sowie die ablautenden lat. verbum und lit. var̃das 'name', lett. vàrds 'wort, name' (vgl. Specht zs. f. vgl. sprachforschung 59, 65 f., anm. 3). idg. basis u̯er--dh- in gr. ἔρθει· φθέγγεται Hes. (s. Specht a. a. o. 65) als erweiterung der wurzel *u̯er-, u̯rē- 'sagen, sprechen', die in gr. εἴρω, ῥήτωρ, ῥῆμα zutagetritt, s. Walde-Pokorny 1, 283f.; Falk-Torp 1, 799; Hellquist² 734; Kluge-Goetze¹¹ 698ᵃ. mnd. und mnl. vereinzelt auch als fem., s. Verwijs-Verdam 9, 2819; Franck mnl. gr. § 180, anm. 1:
de mensche en leeft niet allene
bi den brode, mer bi der woord,
de vten mond gods comet voort
(15. jh.) bei Schiller-Lübben 5, 773.
senkung des (offenen) stammvokals zu a auf bair.-österr. boden seit dem spätahd.:
mit dem gotes warte (: êwarte) d. hochzeit v. 366 Waag; vgl. 80; 507.
weitere beispiele bis ins frühnhd. s. mhd. wb. 3, 806ᵇ; Weinhold bair. gr. § 6; Haupt zu Neidhart 38, 6; dazu noch österr. weist. 6, 18, 5; 264, 19; 10, 97, 19; 101, 18. für das alemannische fehlen trotz Weinhold alem. gr. § 11 sichere zeugnisse. fürs md. steht ein wart (15. jh.) Diefenbach gl. 627ᶜ vereinzelt. zu nd. kiuinge wedder de warde contentio (1417) derselbe, n. gl. 111ᵃ vgl. Lasch mnd. gr. § 12; 86 und mnl. wart Verwijs-Verdam 9, 1819. in jüngerer mundart ist das a bair. in fester, nd. in eng beschränkter geltung (s. u.). — die schon für das mnd. geltende dehnung des -o- vor rd-(rt-) verbindung (s. Lübben mnd. gr. § 14, Lasch mnd. gr. § 149) tritt im nd. sprachraum gelegentlich in der schreibung wohrt literarisch zutage: J. Rist d. friedewünschende Teutschland (1648) (a) 4ᵃ; (a) 8ᵇ. doppelschreibung des stammauslautenden konsonanten vom 14. bis ins 17. jh. nicht selten: der wortten (1398) bei Haltaus gloss. 2131; der wortten (1434) Lübecker urkdb. 7, 552; zu wortten (1529) bei Lori baier. bergrecht xlvii; von wortt tzu wortt Luther 8, 507 W.; die wortt derselbe 11, 438; vgl. 10, 1, 54; 10, 2, 115; gute wortt Ulsheimer rayszbuoch (1622) 110; von wortte zu wortte (1634) bei Gaedeke Wallensteins verhandl. mit d. Schweden 235. daneben auch die schreibung -th: worther Luther 1, 252 W.; von worth zu worth Fabritius büchl. gleichstimmend. wörter (1532) 8 J. Meier. — mnd. auslautend gewöhnlich -t, inlautend in den flektierten formen-d-: desse worde (1369) Lübecker urkdb. 3, 753; schemel wôrde Tunnicius sprichw. nr. 9 u. ö. von hier aus wohl: zu worden Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 102. vereinzelt auch auslautend als -d: word Schütz histor. rer. prussic. (1592) buch 3, v 5ᵃ. — ein angehängtes-e im n., acc. sgl., das ein schwaches neutrum vortäuschen könnte, erscheint mitunter im obd. des 15. und frühen 16. jh., vgl. analoge fälle aus Arigo decamer. in: PBB 31, 286; verbum incarnatum fleischlich worte (anf. 15. jh. obd.) Diefenbach gl. 612ᵇ; alles das worte das du hoͤrest erste dtsche bibel 5, 191 Kurr.; eulogium ein gut worte, rede oder lobe gemma gemmar. (1508) i 3ᵃ. singulär steht jüngeres ein ander worte discourse der mahlern (Zürich 1721) 1, M 3. zur wichtigen frage der doppelten pluralbildung vgl. Molz nhd. substantivflexion in: PBB 31, 277 ff.; Gürtler z. gesch. d. dtsch. -er-plurale in: PBB 37, 492 ff.; 38, 67 ff., für wort bes. 222f. die echte alte flexionslosigkeit im n., acc. pl. wort erleidet durch analogisierenden anschlusz an die e-endung des plurals der maskulinen a-stämme während der mhd. periode bei wort nur ganz geringe einbusze:
daz weder mos noch mvͦre
siniv worte en mach getruben (hs. 13. jh.)
priester Wernher Maria D 219 Wesle;
diz sint dú worte dú wir redent mit gotte (hs. v. 1387) St. Georgener pred. 337, 31 R. im frühen nhd. wirkte einer weiteren ausdehnung des e-plurals zudem die obd. und westmd. allgemein durchgeführte apokopierung entgegen, nur gelegentliches die worte Albr. v. Eyb dt. schr. 1, 57 H.; im omd. bereich: worte unnd slege Joh. Rothe lob d. keuschheit 2803 Neumann; ganz vereinzelt bei Luther 26, 285 W., der sonst fast immer die alte flexionslose form hat. nur im mnd. dringt, wie bei allen neutr. der a-klasse (s. Lübben mnd. gr. § 70, Lasch mnd. gr. § 372, Sarauw nd. forsch. 2, 34 f.), so auch bei wort der -e-plural kräftiger vor: desse worde (var. word) (1369) Lübecker urkdb. 3, 753; de warde (nd. 1417) Diefenbach n. gl. 111ᵃ; schemel wôrde (erste hälfte 16. jh.) Tunnicius sprichw. nr. 9, wozu das bild der jüngeren nd. maa. stimmt (s. u.). erst seit der mitte des 17. jh. mehren sich schriftsprachlich die e-formen: worte machen Sim. Dach 750 lit. ver.; worte finden Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustwald (1657) 204; gute worte Reyher thesaur. (1668) p 5ᵇ; n., acc. pl. worte bei Schottel haubtspr. (1663) 297; vgl. 99; 151; 168; 284; 350 u. ö., vgl. auch Stieler (1691) 2576, doch hat endungsloser plural nach ausweis zahlreicher belege noch für die zweite hälfte des 17. jh. als die normale form zu gelten, und noch im frühen 18. jh. ist er nicht ganz ausgestorben: wort (n. pl.) Pistorius thes. (1715) 709; Dentzlerclavis (1716) 356ᵇ. vereinzeltes nicht um gute wort und auch nicht um lohn noch bei O. Ludwig ges. schr. 2, 172 Schmidt-Stern ist wohl kaum schriftsprachlich aufzufassen. im gen. pl. läszt der apokopierungszwang in seinem geltungsbereich während des älteren nhd. nur wenige ausnahmen zu, und flexionsloser gen. pl. begegnet noch im 17. und frühen 18. jh.: an der güte der wort Opitz t. poem. 9 ndr.; nicht viel guter wort M. Kramer 2 (1702) 1395ᵃ. isoliert steht eine umgelautete form wegen der wört österr. weist. 1, 314. übergriff der endungslosigkeit auf den dat. pl. ist im 15. und 16. jh. nicht selten: mit des marggraffen potschafft wort Arigo decamer. 103 Keller; mit langen ... wort (1475) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 1, 381; mit ... der gleychen schwulstigen wort Luther 15, 396 W.;
der selb mit wort sich zwingen ladt,
die nur ein schlecht köpsz frouwly dadt
Murner geuchmat 79 Fuchs.
schwache pluralformen fast ausschlieszlich im gen.; obd. vom 14.—16. jh. recht häufig: die vollekomenhait der worten St. Georgener pred. 337 R. (der worte ebda); so vil öder worten (15. jh.) Mone schausp. d. mittelalt. 2, 292; der worten Nicl. v. Wyle translat. 32 Keller; der inhalt der worten Pauli Gretter erkler. d. ep. Pauli an d. Römer (1566) 437; und öfter, so namentlich in der bairischen formel der worten dasz (s. u. I B 2 c ende); jünger noch bei Dentzler: was bedarff es vieler worten clavis (1716) 356ᵇ und verdrehung der worten discourse d. mahlern (Zürich 1721) 1, M 2ᵇ. ganz vereinzelt bleibt ein übergreifen schwacher flexion auf den acc. pl.: um all dero worten und silben zu wiederholen frantzös. Simplicissimus (1682) 5, vgl. PBB 31, 389, wo analoge fälle aufgeführt sind. ein: und nach (d. i. noch) vil wortten redt Emeris volksb. 219 Bachmann-Singer könnte als gen. aufzufassen sein. das für den jüngeren sprachgebrauch wichtige, weil bedeutungsmäszig unterscheidende nebeneinander der plurale worte und wörter wurzelt in alten sprachvorgängenl der übertritt der starken neutra der a-klasse in den er-plura. der ahd. neutralen ir-stämme ist für wort zufrühest im späten 12. jh. belegbar:
vil süeze wâren ir worter (: korter) Servatius 1071, oberd. um 1170, in: zs. f. dt. altert. 5 (1845) 109;
im nachklassischen mhd. folgen zögernd weitere fälle, meist obd. herkunft: wörter Hugo von Trimberg renner 2734 Ehrismann; vgl. 3633; 14911; 22265; 22303; Konrad von Megenberg b. d. nat. 271, 34 Pf.; Tilo von Kulm 7 ingesigel 2716 K.; vgl. 3155; vom beginn des 15. bis zum ende des 16. jh. steigt die zahl der belege stetig, vgl. z. b. wörter Wittenweiler ring 296 W.; Hugo von Montfort 28, 236 lit. ver.; (1477) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 1, 180; (1492) Geyer altdt. tischzuchten 22; (1496) bei Wackernell altdt. passionssp. aus Tirol 78; Albr. v. Eyb sp. d. sitten (1511) 23ᵃ; theatr. diabolor. (1569) 32ᵇ; schausp. engl. comöd. 28 Cr.; Nigrinus v. zäuberern (1592) 89 usw. — umlautlosigkeit (vgl. ob. Servatius 1071) ist im 15. und 16. jh. keine seltenheit: worter meister Altswert 235, 25 lit. ver.; J. Wolff beichtbüchl. 6 B.; volksbücher 219 Bachm.-Singer; Luther 1, 252 W. (als bei ihm selten belegbarer fall dieser pluralbildung, wozu noch wörter 54, 74 W.); Emser streitschr. 145 ndr.; Carolina 1, 18 Kohler-Scheel; vgl. 1, 52; Murner schelmenzunft 21 ndr.; Thom. Kantzow chron. v. Pommern 2, 292 Gaebel; (nd. 1568) in: PBB 31, 344. die für die pluralische r-flexion vielfach typische, besonders md. ausbildung eines pleonastischen -e- (s. Weinhold mhd. gr. § 437; 454; alem. gr. § 396; PBB 31, 352f.; 38, 74—76) hat auf wort augenscheinlich nur sehr begrenzte anwendung gefunden: für den n., acc. pl. vgl. ein singuläres sprichwörtere (obersächsisch, zweite hälfte d. 15. jh.) in: PBB 38, 75. bei Schottel begegnet der dativ pl. wörteren als regelfall (neben worten zum nom. worte), vgl. haubtspr. (1663) 55; 60; 67; 75; 79; 86 u. ö. im gen. pl. findet sich pleonastisches -e- unter gleichzeitigem übertritt in die schwache flexion bei Frisius: die eigenschafft der wörteren dict. (1556) 136ᵇ und Calepinus: der tuncklen wörteren sept. ling. (1579) 642ᵃ. daneben steht schw. gen. pl. in der form der wörtern Wurstisen historien (1572) 1, 266; discourse d. mahlern (Zürich 1721) 1, M 1ᵃ. von einer theoretischen begriffsscheidung der beiden pluralbildungen worte und wörter, wie sie in jüngerer sprache aufgestellt wird (s. u.), kann vor der zweiten hälfte des 17. jh. nicht gesprochen werden, doch drängt die lebendige sprachpraxis früh, das 16. jh. verstärkt in diese richtung. schon die mhd. bezeugung scheint dahin zu deuten (z. b. kriechisch wörter Hugo von Trimberg renner 3633; vgl. 14911; 22303 u. ö. gegen etwa 14 907; 22 175 ff.; in den hebraischen wörtern Konrad von Megenberg b. d. nat. 271, 34 Pf., daneben freilich: auz hebraischen worten 271, 20; däutscheu wort 2, 3), während das 15. jh. diese entwicklung nicht weiter zu fördern scheint, vgl. die zusammenstellung in PBB 38, 222 f. im 16. und frühen 17. jh. tritt die tendenz zu inhaltlicher unterscheidung so deutlich hervor, dasz sie den sprachtheoretikern seit Schottel (s. u.) anlasz bot, sie als ein postulat aufzustellen, das sich bei den lexikographen bereits vielfach verwirklicht fand, vgl. etwa: die eigenschafft der wörteren suchen Frisius (1556) 136ᵇ; 68ᵃ, dagegen pl. wort 10ᵃ; 92ᵃ; 651ᵇ u. ö.; verenderung der syllaben an den wörtern Calepinus (1579) 642ᵃ; 729ᵃ, dagegen: böse wort 1316ᵃ; mit worten 682ᵇ; aller hand wörter nomenclator (1634) 290. auch literarisch ist die begriffliche scheidung oft vollzogen, vgl. die zusammenstellung in PBB 31, 343f., dazu etwa: die zunge, damit die wörter werden gemacht Albr. v. Eyb dt. schr. 43, 33 H.; dagegen: als die worte ... gelautet haben ebda 57, 3; kriechische ... wörter Aventinus bayer. chron. 1, 615 Lexer; dagegen: mit gar kurzen worten ebda 620. neben häufige verwendung des plur. wörter im sinne der vereinzelung tritt freilich oft noch ein promiscue-gebrauch ohne inhaltliche differenzierung, auch in engster textlicher nachbarschaft, vgl. an älteren beispielen Hugo von Montfort 28, 236 und 238 lit. ver.; meister Altswert 235, 8 und 25 lit. ver.; volksbücher 219 Bachmann-Singer; Wackernell altdt. passionssp. a. Tirol 78; im 16. jh.: Murner schelmenzunft 19 ndr., dagegen 21; 68; kl. schr. 1, 34 Pfeiffer-Belli gegen: v. d. fier ketzeren 443 Fuchs; Casp. Scheit Grobianus 1688 ndr. gegen 482; 2617; des weiteren die in PBB 31, 344 aufgeführten beispiele. Schottel fordert als erster die begriffliche scheidung in der anwendung der beiden plurale, und zwar mit berufung auf bereits bestehenden praktischen sprachgebrauch: wort hat wörter und worte ..., wörter pflegt man zu gebrauchen, wenn die meinung auf etzliche entzele wörter gerichtet ist: worte aber, wann man eine gantze meinung, so in den worten bestehet, andeutet haubtspr. (1663) 297, scheint aber im eigenen gebrauch nur den zweiten teil der regel streng durchzuführen, während für einzelwörter noch oft worte erscheint: in denen teutschen worten ich, du 59; in denen ... worten mühlstein, landstadt 76; vgl. noch 5; 6; 99; 151; 397 f. u. ö.; gleiches gilt für Stieler: in den ausländischen worten stammb. (1691) 9; in den lateinischen wörtern ebda. die lexikographen des 17. und frühen 18. jh., M. Kramer, Spanutius, Frisch, Gottsched, Stosch, Eberhard, Adelung, treffen die Schottel sche unterscheidung ausdrücklich oder doch tatsächlich, doch bleiben die verhältnisse in der sprache selbst noch lange unsicher. bis zur vollen konsequenz strenger unterscheidung gelangte die sprache nur insoweit, als der plur. wörter nicht auf das ganze einer zusammenhängenden aussage oder rede angewandt werden darf, was seit der wende vom 18. zum 19. jh. unbedingt gilt, im 17. und 18. jh. aber noch oft vernachlässigt wird: der hitzigen unbescheydenen wörter Lehmanflorileg. polit. (1662) 2, 644; vgl. 1, 372;
wo die auszgebrachten wörter
meiner brunst verschwiegen sein
Schwieger geharnschte Venus 33 ndr.;
er (gott) antwortet nicht allein auff ihre wörter, sondern auch auff ihre gedancken Chr. v. Ryssel v. d. seelenfrieden (1685) 350; betheurungen zur bekräfftigung unserer wörter d. vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 149 Gottsched;
und stiesz voll grimm und feur noch diese wörter aus Neukirch ged. (1744) 161;
mit was für schönen wörtern sie mich immer abspeiset samml. v. schausp. (Wien 1764) 1, 9; dasz sie bey ihr die liebekranke seele durch schön klingende wörter hätt erleichtern können A. G. Meissner skizzen (1782) 1, 127; und im mischgebrauch:
wo aber sol ich worte finden
Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustwald (1657) 1, 204;
wo aber sol ich wörter nehmen,
so da recht würdig mögen stehn?
ebda 240;
in lauter reinen teutschen wörtern d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 38 Gottsched; in weitläufftige, oder doch fremde worte ebda 1, 10; eine opera (gefällt), wo der plan des stückes gut ausgearbeitet, die wörter aber nur blosz für die musik geschrieben sind ... (nicht) worte setzen oder ganze strophen, die des componisten seine ganze idee verderben Mozart in: O. Jahn Mozart 3 (1858) 86. in der ausschlieszung der pluralform worte für einzelwörter ist die sprache bis heute nicht zu voller konsequenz gelangt. zwar wird von den sprachtheoretikern seit Schottel und das ganze 18. jh. hindurch der plural wörter für wort in der relativ engen anwendung als einzelwort, als element und mittel der sprache (s. u. II A) als regelform aufgestellt (wenn auch nicht ohne gelegentlichen widerspruch, vgl. z. b. Wippel bei Stosch gleichbed. wörter [1777] 1, 37 ff., Heynatz br., d. dtsche sprache betr. [1771] 5, 107, s. auch Weigand synon. 3, 1138), doch zeigt das späte 17. und frühe 18. jh. noch durchaus unsicheren mischgebrauch: in der rechtschreibung sind etliche anmerckungen von gantzen wörtern Gueintz d. dtsche rechtschr. (1666) 10 gegen: solche wort sind gleichwol nun durch den gebrauch einverleibet ebda 15; daher braucht man oft die wort als ziffern Leibniz dt. schr. (1838) 1, 451; durch erklärung der kunst-worte ebda 462 gegen: bey denen logischen und metaphysischen kunstwörtern ebda 453; indem wir leere worte, mit denen kein begriff verknüpffet ist, für erkäntnis halten, und wörter für sachen ausgeben Chr. Wolff vernünft. ged. v. gott (1720) 156; vgl. auch das ständige nebeneinander beider formen in der gleichen bedeutung 'einzelwort' ebda 459ff. indessen begegnet der plural worte an stelle von regelgetreuem wörter auch in jüngerer sprache und bis in den modernsten gebrauch hinein noch so häufig, gerade auch bei schriftstellern ersten ranges wie Klopstock, Herder, Lessing, Wieland, Göthe u. a., dasz von da aus der rang des plurals wörter als einer unbedingt verbindlichen regel immer wieder in frage gestellt wird. das gilt sogar, wenn auch in geringerem masze, für den gebrauch II A 1, der das wort als formalen einzelbestandteil besonders stark isoliert und aus dem zusammenhang der rede löst: die elemente der worte, auf die alles ankommt, die selbstlauter Herder 5, 13 S.; ellenlange worte Lessing 10, 30 L.-M.; zur würde gehört ein gewisser umfang der worte A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 55 (dagegen ebda 30: mit seinen meistens geräuschigen aber dumpfen wörtern). häufiger innerhalb der anwendung II A 2, in der das einzelne wort als teil des wortschatzes gesehen wird: worte, die der gemeine gebrauch unvermerkt abgewürdigt hat, wieder zu ehren ziehen Wieland s. w. (1853) 24, 262; vgl. 15, ix; 33, 357;
der alle worte lands verweist,
die nicht auf deutschem boden wachsen
Lessing 7, 5 L.-M.;
allenfalls könnte man sich bei den unanständigen worten mit den anfangsbuchstaben begnügen Schiller br. 7, 209 Jonas; wie er sich (in übersetzungen) fremde worte mundrecht macht Göthe I 7, 236 W.; vgl. I 27, 72 W.; vgl. ders. I 41, 1, 164 W.; der geist einer sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren worten M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 22;
die armen worte, die im alltag darben,
die unscheinbaren worte, lieb ich so
Rilke d. frühen ged. (1909) 6.
am häufigsten im bereich II A 3, der ein bestimmtes einzelwort als träger einer bedeutung und nach dem von ihm ausstrahlenden sinn faszt: worte, die sachen oder werkzeuge bezeichnen Lenz ges. schr. 2, 321 Tieck; vielen miszbrauch ... hat man oft mit diesen worten (natur und natürlich) getrieben Tieck schr. (1828) 4, 126; es fehlt nicht an worten, um... verwandtschaftsverhältnisse auszudrücken Ratzel völkerkde. (1885) 2, 66; (die wissenschaft) schlieszt von den verwandten worten auf die sachen, welche sie bezeichnen Scherer lit.-gesch. (³1885) 5; besonders dann, wenn die aufgeführten wörter in einer gewissen verwandtschaft oder inneren verbindung stehen: was man in einigen allgemeinen worten z. e. zusammenhang, ausdehnung, affinität, schwere dabei bezeichnet Herder 13, 47 S.; zwei worte bös und gut, die ihr zu begriffen stempeln möchtet; denn wenn ihr die worte einmal habt, so glaubt ihr auch schon den leeren schall zum gedanken geprägt zu haben Klinger Fausts leben (1794) 81;
sprach nicht der weise: such der seele schönheit
vor der des leibs? ... 'leib, seele sind nur worte
wechselnder wirklichkeit'
Stefan George d. neue reich 110;
weitere für ihre (der romantik) subjektiv-idealistische weltanschauung und ihr dionysisches lebensgefühl kennzeichnende worte sind wunder, zauber, rausch Fr. Kainz in: dtsche wortgesch. 2, 255; 168; vgl. auch Adelung vers. 5 (1786) 293. anderseits wird doch auch der sinnbegrenzende unterschied der plurale wörter und worte gelegentlich ausdrücklich betont: die sprache erscheint hier (im chinesischen) in ihrer priorität vor den worten, die worte sind in ihr eigentlich keine wörter. unter wörtern versteht man selbständig gebildete und für sich bestehende redetheile Schelling s. w. (1856) 2, 2, 545; in der lebendigkeit seines ausgesprochenseins ist es immer ein satz — ein 'wort', dessen plural im deutschen 'worte' heiszt; während das wort mit dem plural 'wörter' nichts ist als ein totes, um sein leben gekommenes, aber doch auch wieder zum leben zu erweckendes glied des zerstückelten satzes Ferd. Ebner d. wort u. d. geistig. realitäten (1921) 17; vgl. dazu noch wörter unter I E 6 b ende und den Rückert -beleg unter I D 1 f. in den mundarten zeigt wort mannigfach variierten lautstand. anlautend b für w im cimbrischen: bort, boart Schmeller cimbr. 175ᵃ; Bacher Lusern 234. länge des o (bzw. a) im obd. und md. sporadisch: südelsäss. wôrt Martin-Lienhart 2, 859ᵇ; wōrt (Mergentheim) Fischer schwäb. 6, 959; wârt (Schwarzach, Böhmerwald) Schmeller d. maa. Bayerns 71; wōrd GerbetVogtland 245; nd. im hauptteil des ganzen sprachgebiets, bis ins mnd. zurückreichend, vgl. Lübben mnd. gr. § 14, Lasch mnd. gr. § 62; 149; wôrd Doornkaat-Koolman ostfr. 3, 570ᵃ; woort Böning Oldenburg 134; wôrd SchambachGöttingen 304ᵃ; wōrt Bauer-Collitz Waldeck 114ᵇ; woord Mensing schlesw.-holst. 5, 686; Dähnert Pommern und Rügen 556ᵇ; Danneil altmärk. 250ᵃ; Frischbier pr. 2, 480; unter schwund des folgenden r-lautes: wǭt Bredtmann Velbert 129ᵇ; vōt Maurmann Mülheim 37; wo̭t Elberfelder ma. 177ᵇ; wo̧o̧t Hönig Köln 203ᵃ. färbung des o in kurzes oder langes u über das ganze sprachgebiet verstreut: wurt oberpfälz. Schmeller-Fr. bair. 2, 1012; wuərt (Neuenburg) Fischerschwäb. 6, 959; wūərt Gebhardt Nürnberg 147. vornehmlich md.: wûrd Gangler Luxemb. 486; wûrt luxemb. ma. 494ᵃ; wúert (Diedenhofen) Follmann lothring. 549ᵃ; wûert Spiess henneberg. 285; wuurt (Sebnitz) Müller-Fraureuthobersächs. 2, 679; wūrt (Seifhennersdorf i. d. sächs. Oberlausitz) in: PBB 15, 30. nd. wurd Mi Mecklenburg 109ᵇ; wuurd Mensing 5, 686; dazu fries. wǔrd Schmidt-Petersen 166ᵇ; PBB 49, 213 (nordfriesisch) neben uerd ebda 48, 4; plur. uehrde 45, 12. senkung des o zu a ist, den früheren sprachverhältnissen entsprechend (s. o.), in jüngerer mundart vorwiegend bairisch: wart Schmeller-Fr. 2, 1012; wârt (Schwarzach, Böhmerwald) derselbe, d. maa. Bayerns 71; dazu im alemann. grenzgebiet (Vorarlberg) wârt Weinhold alem. gr. § 11. im nd. nur westfälisch: en wart maut en wart sin Woeste volksüberliefer. i. d. grafschaft Mark (1848) 79. neigung zur diphthongierung (oder triphthongierung) des stammvokals, teilweise unter auflösung des folgenden -r, besteht vielfach, vgl. etwa bair. wourt Schmeller-Fr. 2, 1012; derselbe, d. maa. Bayerns 72; wouərt (Gerabronn) Fischer schwäb. 6, 959; boart Schmeller cimbr. 175; wont MeisingerRappenau 233; Lenz Handschuhsheim 78ᵇ; woat Leithäuser Barmen 172ᵇ; wôat Fischer samländ. 99; wūet, wūǒt Frederking Hahlen 35; waurt (schl. niederland) in: zs. f. dt. phil. 3, 347; wauert (westfäl., Medebach) bei Firmenich 1, 333; wēoərt Böger Schwalenberg 167. mannigfaltiger noch ist das bild der mundartlichen pluralformen, vgl. dazu auch zs. f. dt. phil. 33, 75f.; 77f.; ein nebeneinander des alten plurals, flexionslos oder mit angehängtem -e, und des mit -er gebildeten innerhalb einer mundart ist obd., md. und nd. häufig, ohne dasz der schriftsprachlich wichtige bedeutungsunterschied eine rolle zu spielen scheint, soviel die wbb. erkennen lassen. ansätze in dieser richtung (vgl. etwa Meisinger Rappenau 233) dürften kaum allgemeinere geltung beanspruchen können. innerhalb der hochdeutschen maa. gebührt der -er-bildung der vorrang. als einzige pluralform verzeichnet sie für das schwäbische Fischer 6, 959, als fast allein gültige für das elsässische Martin-Lienhart 2, 859. neben ihr behauptet sich namentlich im obd. der flexionslose plural: plur. wort und wörter Hunziker Aargau 302; Meisinger Rappenau 233; Lenz Handschuhsheim 78ᵇ; Bacher Lusern 234, bei Schmeller fehlen fürs bair. nähere angaben. seltener im md.: Müller-Fraureuth obersächs. 2, 679; Christa Trier 219ᵇ. worte neben wörter: wordə, werdər Hofmann niederhess. 266ᵃ. am stärksten sind die drei pluralformen im nd. mundartenbereich gemischt. flexionsloser plur. nd. umgelautet, mit vokalisierung oder schwund des -r: wǫ̈̄t Bredtmann Velbert 129; vø̄:t Maurmann Mülheim 62; wö̯t Elberfelder ma. 177; wöät Leithäuser Barmen 172ᵇ; wö͏̂ad' Fischer Samland 99. -e-plural nd. mit und ohne umlaut: wö͏̂rde Doornkaat-Koolman 3, 570ᵃ; BöningOldenburg 134; Dähnert plattdt. wb. 556ᵇ; woorde ebda; (alt-ostfriesisch) in: PBB 13, 544; mit schwund des folgenden -r: wo̧o̧te Hönig Köln 203ᵇ; häufiger mit ausfall des dentals: wôre Schambach Göttingen 304ᵃ; Bauer-Collitz Waldeck 114ᵇ; wore, wöre Flemes Kalenberg 380; wöre Block Eilsdorf 102; wōərə Böger Schwalenberg 167. — der -er- plural bewirkt in der mundart vielfach umfärbung des umgelauteten stammvokals, obd. und md. vornehmlich senkung zu e: wèrtər Martin-Lienhart 2, 859ᵇ; we̦ɐtɐ Meisinger Rappenau 233; Lenz Handschuhsheim 78ᵇ; wèrter (ostlech.) Schmeller d. maa. Bayerns 73; wertər, wêrtər, werdrə Follmann lothring. 549ᵃ; siebenbürg. vệrt ər Primus Lessiakkonsonantismus 15; werdər Hofmann niederhess. 266; wertər Müller-Fraureuth obersächs. 2, 679ᵇ. senkung des -ö- zu -i- im lothring. und luxemburg.: wíərdər Follmann lothring. 549ᵃ; wîrder, siebenbürg. wîrter luxemburg. 494ᵃ. nd. mit -u- umlaut: würder Mi Mecklenburg 109ᵇ. wohl als verkürzter -er-plural: wür ebda; Mensing 5, 686 neben wö̧r ebda; wö͏̂r Danneil altmärk. 250ᵃ; wöör Böning Oldenburg 134. umlautfrei nordfries. uurder in: PBB 49, 217. schwach flektierter plur. ostfriesisch wôrden Doornkaat-Koolman 3, 570 (vgl. mnl. woorden Verwijs-Verdam 9, 2819), dazu friesisch wǔrdən Schmidt-Petersen 166ᵇ. der dental -d- erscheint auszerhalb des nd., wo er nahezu überall gilt, soweit er nicht ausfällt, auch in den pluralformen des westlichen md.: wiərdər, werdrə Follmann lothring. 549; wîrder luxemburg. 494ᵃ; wörder Christa Trier 219ᵇ; wordə, werdər Hofmann niederhess. 266ᵃ; vereinzelt auch im westl. obd.: we̜rdr̥ (Ottenheim bei Straszburg) in: PBB 13, 225.
- ↑ Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1467, Z. 2.