Wort (Grimm-4)
α)
vorwiegend älteren gebrauchs sind wendungen wie worte treiben, führen, machen u. ä., mit denen sich aber gern ein übler nebensinn verbindet, vgl. dazu noch wenig oder viel worte treiben, machen unter II C 5 b γ: also wurden vil freundtlicher wort von Leufriden ... und den andren junckfrauen getriben Wickram w. 2, 314 Bolte;
Frantzosen tragen schuld, dasz so sie, wie sie schreiben,
nicht reden auch; dazu so, wie worte treiben,
gar selten sind gesinnt
Logau sinngedichte 71 Eitner.
moralisch abwertend oder geringschätzig, vgl. dazu noch prägnantes worte treiben 'schimpfen, zanken' unter b: vnd sie (Potiphars weib) treibe solche wort gegen Joseph täglich 1. Mose 39, 10;
du wilt allweg der gschicktist sin
und tribst da wort, ich schisz dir drin
H. R. Manuel weinspiel v. 1900 Odinga;
des mus man gewonen ... das er (Mose) feindlich viel wort füret, damit er imer ein ding treibt, vnd zu weilen vber die mas reich ist Luther 4 (1574) 53ᵃ; die zeugen führen nicht einerley worte the witnesses are not all of a tale Chr. Ludwigt.-engl. (1716) 2534; mann sahe gnugsam an den minen der Calvinisten, dasz sie ein lust hatten, ihnen das fell zu gerben, wann sie nur ein wenig mehr wort gemacht hätten Grimmelshausen 2, 359 Keller. 'aufhebens machen, ungebührlich viel von etwas reden':
macht worte wie ihr immer koͤnnt,
und ruͤhmet eure grosze goͤnner, ...
wir setzen euch fürst Friedrich vor
Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 1, 207.
in jüngerem gebrauch wohl nur mit negativem unterton:
o eile, geh! mach keine worte mehr!
Schiller 12, 358 G.;
der über kunst und kunstwerke auch wohl manchmal worte macht, sie aber doch nur für nothwendiges übel hält GötheIV 40, 249 W. von dem gegensatz wort und tat her (s. u. E 1 a β): verlogen, weil sie worte machten, statt schlechthin das notwendige zu tun Ricarda Huch kampf um Rom (1925) 100. in älterer gelegenheitsanwendung noch:
bysz sy zuͦ nacht jn über redt
allein mit worten, die sy thet
Murner geuchmat 79, 1530 Fuchs;
vgl. ebda 79, 1538f.; wo man vor züchtigen personen soͤmliche unnütze wort uͤbet Wickram w. 3, 4 Bolte;
was hilfft es, das wir woͤrter geben
tieff erschoͤpffet in dem leben,
wen der todt her zuͦher kumpt
Murner schelmenzunft 68, 196 ndr.
β)
eine fülle verbaler verbindungen, vornehmlich präpositionaler art, umschreibt die tatsache, dasz über etwas gesprochen wird, bezeichnet form, art und einkleidung, in der etwas laut wird (die gelegentliche anwendung des singulars s. o. 1 d α):
das es icht ze worten chäm,
du seyest gewesen hynn by mir
Hätzlerin liederbuch 186, nr. 27 Haltaus;
verzeihen sie mir, Philokles, wenn ich unterweilen meine empfindungen zu worten kommen lasse Möser verm. schr. (1797) 1, 10; könnt ich seinen schmerz nur zu worten bringen! (dahin bringen, dasz er sich ausspricht) Göthe I 17, 64 W.; solchs ist alles mit kurtzen, aber reychen, vollen wortten verfassett ynn diszer gottlichen vorsprechunge Luther 10, 1, 1, 524 W.; das bestreben, den ... inhalt in worte zu fassen Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 46; hie ist zweyer schalckhafftiger menschen trugligkeit mit worten begriffen Boltz Terenz deutsch (1539) 89ᵇ; wenn ich ... mit worten aussprechen wollte wieviel mir dergleichen mittheilungen werth sind, so würde ich zu übertreiben scheinen Göthe IV 42, 6 W.; denn mögen auch in gewisser hinsicht ... die nicht existierenden dinge leichter und verantwortungsloser durch worte darzustellen sein als die seinenden Herm. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 12. jünger einer sache worte leihen, geben: es treibt sie derselben (der erinnerung) worte zu leihen O. Jahn Mozart (1856) 4, 423; er ... gab seinen überströmenden gefühlen nach möglichkeit worte Raabe hungerpastor (1864) 1, 164. von der vorstellung aus, dasz die ausdrucksmittel der rede gesucht oder gefunden werden:
er wolte worte finden
(meint auch, er hette sie),
die jhr hertz solten binden
zur lohnung seiner müh
Königsb. dichterkreis 57 ndr.;
erst werd ich sinn, sodann auch worte finden
Göthe I 6, 40 W.;
Nespoli fand nicht die worte in sich, die seine erschütterung ausgedrückt hätten Bergengruen d. grosztyrann u. d. gericht (1935) 280; indem der dichter worte sucht für das neue, das in ihm selbst erklang Max Kommerell ged. üb. gedichte (1943) 13; vgl. redensartliches nach worten ringen; die alte schien um worte verlegen Storm s. w. (1898) 1, 14.
γ)
die gleichen oder ähnliche verbindungen vor allem negierend oder mit negativem unterton, sofern worte als unzulängliches, nicht zureichendes ausdrucksmittel bezeichnet werden sollen: ie me sin der mensche befindet, ie minre er es zuͦ keinen worten bringen mag gottesfreundliteratur 1, 31, 9 Strauch;
(die liebende) ist so voll von ihm
und ihrem glück und kann doch nichts
zu worten bringen, horchet nur und schweigt
Wieland s. w. (1853) 11, 144;
non possum verbis consequi ich kans mit worten nit erlangen, ich kans nit aussagen Alberus nov. dict. gen. (1540) G 3ᵇ; ich kann nicht in worte fassen, wie mich sein tod bewegt kriegsbr. gef. studenten (1928) 199; eine gewisse eigentümlichkeit ..., die ich mit worten nicht ausdrücken kann E. T. A. Hoffmann s. w. 14, 156 Gr.; es ist nicht mit worten zu beschreiben, wie schön die Rhone bei Genf sei! Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 221; es ist muglicher, das der Reyn vorsiege, denn das dirsz (Murner) an wortten gepreche Luther 7, 682 W.; es fehlen mir die worte le parole (i vocaboli) mi mancano Kramer teutsch-it. 2 (1702) 1396ᵃ; nachdem er betheuert und auf das stärkste betont hat, dasz ihm die worte fehlen, um das paradies zu schildern Scherer lit.-gesch. (³1885) 49; es sind keine worte für die grösze und schöne dieses anblicks (eines landschaftlichen fernblicks) Göthe I 19, 238 W.;
ob euch auch ein schmerz befange,
dem die worte sich versagen
R. A. Schröder ged. (1935) 207;
ich fühlte und fühle die liebe, ohne worte für sie zu haben Klinger w. (1809) 1, 33; hast du worte, find't der mensch worte? (ausruf des entrüsteten erstaunens) Bruns volksw. d. prov. Sachsen 75ᵇ. aus der verbalen bindung gelöst: und der mensch kan da von nit gesprechen, mer er bevindet es wol ettwas in im, wan es ist úber wort, darumb so schwiget er (1392) in: Paul u. Braune beitr. 54, 170; ich ... liebe dich über alle worte Göthe IV 7, 115 W.
δ)
mehr in der vorstellung von der überflüssigkeit und zwecklosigkeit des redens wurzelnd:
das lyt am tag vnd darff nit wort
H. R. Manuel d. weinspiel 2318 ndr.:
was bedarff es wort? buch d. liebe (1587) 112; die worte verliehren surdas aures pulsare Steinbach (1734) 2, 1041; indessen es war und ist nicht zu ändern, und so sollte man keine worte mehr darüber verlieren Fontane ges. w. (1920) II 4, 190. abgeschwächt zur bedeutung einer beiläufigen bemerkung: wir werden ... gelegenheit finden, über dies alles hie und da einige worte zu verlieren Raabe d. hungerpastor (1864) 1, 25.
ε)
ein negativer unterton schwingt auch in bildlichen wendungen mit, die ein verantwortungsloses oder unpräzises reden umschreiben: mit worten spielen to use gingling words; to gingle in words Chr. Ludwig t.-engl. (1716) 2534; ich vermag nicht, mit worten spielend, auf ihr gefühl zu wirken quelle a. d. j. 1866.
in der dichtkunst hat er mit worten herzlos geklingelt
Schiller 11, 113 G.;
sie ging
um diesen wunsch herum, mit worten wedelnd.
mir fiel das sprichwort ein vom heiszen brei
H. v. Kleist w. 1, 174 E. Schmidt.
ζ)
der gebrauch bildlicher wendungen erscheint im übrigen nur in wenigen verbindungen gefestigt.
αα)
zur umschreibung trügerischen, unehrlichen, unzuverlässigen redens, vornehmlich in älterer sprache: fürcht, er (der grosze herr) möchte zornen, da schnitze ich die wort dünne, machs glimpffig Luther 19, 326 W.; dann Philippen ist ein rechte helle katz gewesen, der wort hat können schleiffen H. Gholtz lebendige bilder (1557) G 2ᵇ; die den wind oder athem verkauffen, glatte wort schleiffen, irem bauch das wort thuͦnd, vnnd mit allen winden seglen Seb. Francksprichw. (1541) 1, 6ᵇ; er kann fast gute wort spinnen, wirt aber nit gut tuch darausz (für leere versprechungen) Lutherbr. 1, 120 W.; seine worte auf schrauben setzen ambigue, affectate, arroganter dicere, versutiloquum esse Stieler (1691) 2577; Chr. Ludwig t.-engl. (1716) 2535; oder er ist gezwungen ... seine worte auf schrauben zu stellen, die worte der bibel doppelzüngig zu gebrauchen Florencourt pol., kirchl. u. literar. zustände in Dtschld. (1840) 371; fragen wir den pöbel, dessen witz noch nicht so boszhaft ist, worte umzumünzen Lenz ges. schr. 2, 209 Tieck. mit geringerem moralischen gewicht von sophistischem reden, begrifflicher haarspalterei: ihnen (den abstrahierenden philosophen) glaubt keiner; denn sie glauben sich selbst nicht: aber desto mehr zanken sie mit einander und spiessen worte Herder15, 152 S.
ββ)
sofern eine aussage genau überprüft und abgewogen wird: die vnnützen wesscher plaudern, das nichts zur sachen dienet, die weisen aber bewegen jre wort mit der goldwage Jesus Sirach 21, 27; Faber thes. (1587) 603ᵇ; hiermit nahm Polemon ... Arsinoens schreiben mit sich, legte auch in seinem zimmer alle worte auf die wage Lohenstein Arminius (1689) 1, 282ᵇ; 't muss ê net all wîrder op d'goldwô léen luxemb. ma. 494ᵃ.
γγ)
um fülle oder kraft der aussage zu kennzeichnen: das er feindlich vil wort füret ... vnd zu weilen vber die mas reich ist, vnd daher schwemmet mit worten Luther 4 (1574) 53ᵃ; ein schwall von worten löste sich von den lippen Alexis vaterl. romane 10, 262 Lorenz-Bartels; durch alle (liedformen) ergieszt sich der strom der worte leicht und wohllautend Uhland schr. (1865) 5, 260.
η)
in anderen verbindungen begegnen worte als mittel des gesprächs, des redeaustauschs (den entsprechenden gebrauch des singulars s. o. 1 c). im älteren nhd. besonders worte haben, zu worten kommen mit jmd., vgl. auch Verwijs-Verdam9, 2829:
der künec und diu künegîn
hâten geselleclîchiu wort
mit zühten bî ein ander dort
Rudolf v. Ems Alexander 17875 lit. ver.;
mit dir wort haben mag ich nit, so wil ichs ouch nit Niclas v. Wyle translat. 36 Keller;
was ist die sach? habs nicht gehort,
ich hett mit diesem herren wort
(ich unterhielt mich mit ihm)
(1590) Rollenhagen spiel v. reichen manne 82 ndr.;
mit den se sin to worden gekomen, one dusse dinge vorgegeven unde se gebeden bei Schiller-Lübben 5, 772ᵇ; Vlenspiegel sprach, er ... wer darumb geen Rom kummen, das er mit dem bapst zuͦ worten wolt kummen (1515) Eulenspiegel 51 ndr.; vgl. 21; Wickram w. 2, 130 Bolte. sehr früh schon und, ohne nachweisbare verbindung, wieder seit dem 17. jh. in der verbindung worte wechseln, neben singul. ein wort wechseln (s. o. A 4 b δ) und der spezielleren anwendung unten b. as. wordun wehslan (ags. wordum wrixlan bei Bosworth-Toller 1276ᵃ), vgl. mhd. wehselwort Lexer 3, 735 u. s. unten wortwechsel, wortwechseln, wortwechselung:
thô im nâhor geng
the man far theru menigi uuiđ sô mahtigna
uuordun uuehslan
Heliand 2104 B.; vgl. 3131; 4029.
im folgenden beleg vielleicht in dem sinne von 'ein wort durch ein anderes austauschen': da man nur worte wechselt, und worte mit worten erkläret; da das gemüth nie erfähret, was des wortes kraft und verstand ist Jac. Böhme s. w. 7, 18 Schiebler; inzwischen wir viel worte hierüber wechselten A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 181;
ich vergesse keinen,
mit dem ich einmal worte hab gewechselt
Schiller 12, 297 G.;
jeder bekannte ... trat ein, um einige worte mit ihr zu wechseln M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 252. weitere nachweise s. unter wechseln 1 b δ, teil 13, sp. 2734;
tauschten die entbotnen männer
mit dem grafen muntre worte
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 77.
θ)
häufig mit, in worten, durch worte etwas tun.
αα)
in rein pleonastischen formeln früher sprache neben verben des sagens, gebietens u. ä., neben präpositionaler abhängigkeit auch im instrumentalen dativ, besonders im Heliand, aber auch bei Otfrid, vgl. dazu zs. f. dt. alt. 46, 269; 278f.:
hêt ina uuârlîco uuordun seggean
Heliand 868 B.; vgl. 2540; 3038 u. ö.;
gizeli worton thinen then bruadoron minen,
thaz habes thu irfuntan, theih bin von tode irstantan
Otfrid V 7, 59; vgl. 9, 40 u. ö.
später selten:
wenn man den wolff mit worten nent,
so kömpt er schon doher gerent
Eyering prov. cop. (1601) 3, 405.
ββ)
im übrigen, um eine menschliche äuszerung als eine solche des redens oder sprechens zu kennzeichnen, neben verben oder auch substantiven verbalen gehalts, deren sinngehalt nicht unbedingt an die vorstellung des redens gebunden ist, vorwiegend in älterer sprache; gern in solchen verbindungen, die durch den prägnanten gebrauch von worte = 'schimpf-, streitworte' gefärbt sind (s. u. b):
ni he thô mid uuordun strîd
ni afhôf uuiđ that folc furđur, ac fôr imu thô, thar he uuelde
an ên gebirgi uppan
Heliand 2893 B.;
rixari zancken mit worten; kefeln myt den worten (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 499ᵇ; vgl. 26ᶜ; straf mich nun mit worten, wie du willst Bettine Günderode (1840) 1, 32. in bildlichen wendungen, vgl. s. v. stechen 6 b, teil 10, 2, 1252: umb des willen das er in und die andern geytigen münch mit also züchtigen worten gestochen und gepissen het Arigodecamerone 43, 37 Keller; vgl. 49, 20; 44, 2;
laͤstu so laͤsterlich mit worten auf dich stechen?
Hoffmannswaldau ged. (1697) 2, 41;
eyn yeden er (der grobian) mit worten stoszt
vnd hynder redet alle frist
manchen, der nit zuͦ gegen ist
Seb. Brant narrenschiff 110ᵇ Z.
vor dem hintergrund eines unausgesprochenen gegensatzes zum tun und handeln (s. u. E 2):
sîn rede was nâch wîne,
dô er iuch hie mit worten rach.
wie er sluoc und wie er stach!
Hartmann v. Aue Iwein 2461;
widderumb die tollen narren, die mit gedancken zu erst kriegen ... die welt fressen mit worten und sind die ersten mit messer zucken, aber sie sind auch die ersten, die da fliehen und das messer einstecken Luther 19, 646 W. darüber hinaus in vielfacher anwendung: heb dich, mach dich yetz dannen Eschine, du hast vns lang gnuͦg mit worten betrogen BoltzTerenz deutsch (1539) 100ᵇ;
hast du doch ...
mehr mit worten bestrickt, als die gefällige
Hesperillis
Ramler lyr. ged. (1772) 104;
incantator ein zoubrer mit worten (fascinator ein zoubrer mit werken) (14. jh.) Wackernagel vocab. opt. 38ᵇ; am abend aber brachten sie viel besessene zu jm, vnd er treib die geister aus mit worten, vnd machte allerley krancken gesund Mt. 8, 16; ich verteidige mich nicht mit worten! quelle a. d. j. 1935. in worten, durch worte mehr in jüngerem gebrauch: es ist meine pflicht, das ich ... den willen in worten zahle Birken d. verm. Donaustrand (1684) vorr. 2; weil aber jedes mitreden ... will, so vernichten sie sich einander, wenigstens in worten Göthe IV 27, 222 W.; dasz man Beethoven beim komponieren in worten beobachtet habe Th. Mann Faustus (1947) 259. in gegenteiligem sinn, bewuszt paradox: da mischt sich noch ein drittes, nahes und bestimmtes geräusch in das gespräch ohne worte Barth Kalkalpen (1874) 273. gelegentlich löst sich ein mit worten, in worten aus der engen verbalbindung und heiszt dann soviel wie 'redend, im gespräch':
swâ man mit worten hie gesaz,
diu rede was von in zwein (Iwein u. Gawein)
Hartmann v. Aue Iwein 3080;
da hat es sich in worten geben, das er gesagt hab, wie er ... (16. jh.) Seb. Fischer Ulm. chron. 68 Veesenm.; wie leicht es ist, mit worten über etwas hinweg zu kommen Raabe unruhige gäste (⁴1900) 97.
b)
in prägnantem gebrauch namentlich älterer oder mundartlicher sprache sind worte 'streit-, zank-, schimpfworte', s. die gleiche bedeutung von engl. words bei Murray 10, 2 s. v. word I 5 und in der singul. formel ein wort gibt das andere o. A 4 b α ende. auch hier meist in festen verbalverbindungen, die z. t. sonst in neutraler bedeutung geläufig sind (s. o. a α und bes. η), vgl. dazu auch mit worten streiten, zanken u. ä. unter a θ ββ: nit schlag umb schlage geben, wort umb wortt (1519) Egranus ungedr. pred. 21 Buchw.; vgl. Rädlein (1711) 1053ᵇ; hat wort triben in der rechenstuben (Heilbronn 1525) bei Fischer schwäb. 6, 961; ein königischer hauptmann in disem krieg, hat hievor zu Schaffhausen vnd andern orten, etwas wort getriben, die den eydgnossen zu hertzen giengen, darum zugen sie jhm diszmal für die statt vnd schlosz Stülingen Stumpf Schweizerchron. (1606) 748ᵃ; und 's kerlchen ward dreist, und dacht er hätt Lotten, und Werther griesgramte, dasz Lottchen solch 'nen lumpen litt, so hatten sie worte Fr. Nicolai freuden d. jungen Werthers (1775) 44; sê hebben wôrden (scheltworte, streit) mit 'n ander had (kregen) Doornkaat-Koolman 3, 570ᵃ; vgl. mnl. worde hebben, maken 'streit bekommen' Verwijs-Verdam 9, 2828; engl. to have words Murray 10, 2 s. v. word I 5; in de wôre kômen in wortwechsel geraten Schambach Göttg. 304ᵃ; Böning Oldenburg 134; Gangler Luxemb. 486. worte wechseln, s. unten wortwechsel 4, wortwechseln 2:
sie giebet flucht, musz fluchen,
sie wechselt wort um wort
Rachel sat. ged. 20 ndr.;
geschlagen bin ich wenn ein weib mich anfällt,
ich kann mit dem geschlecht nicht worte wechseln
Schiller 12, 227 anm. G.;
Campe 5 (1811) 775; eine heissen an d' wort tënke einem ansagen, dasz man ihn wegen eines scheltwortes zu gerichtlichem zeugnisz auffordern werde Hunziker Aargau 302; Doornkaat-Koolman 3, 570ᵃ; Stürenburg ostfries. 334ᵇ. in selbständigerer, vom verbum losgelöster anwendung: es ist nichts, allein er kan die wort nit lassen Seb. Franck bei Fischer schwäb. 6, 961; Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) h 2ᵇ. in der für wort charakteristischen gegenüberstellung mit anderen, gegensätzlichen begriffen (s. u. E 1 c): und quomen zu wortten und dornoch zu messzern Cammermeister chron. 156 Reiche;
so kompts von worten zu den streichen
Scheit Grobianus 2307 ndr.;
sie sind von den worten zu den schlägen gekommen jurgantium ira pervenit ad manus Steinbach (1734) 2, 1041; nicht lange nach obgedachtem vorfall veruneinigte sich O-Purea mit ihrem gemahl und von worten kam es zu thätlichkeiten J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 70.
c)
viel seltener als der singular (s. o. 1, bes. 1 c und e) steht der plural worte für den vorgang des redens selbst, in engerem und weiterem sinne.
α)
zu worten kommen 'gelegenheit zum sprechen haben' oder 'nehmen', im 16. und 17. jh. nicht ganz selten neben der noch ungeläufigen singularischen formel (s. o. 1 c κ): das man yhn ynn der nacht heymlich muͤste fangen, und als bald verbrennen, ehe das land ynnen wuͤrde, und er zu worten keme ... vnd hielten radt, wie sie yhn fiengen und nicht zu worten komen liessen Luther 18, 237 W.; so dasz niemant vor im zuͦ red oder worten kommen mocht Wickram w. 3, 10 Bolte. auf die sprechfähigkeit zielend: er kan nicht zu worten kommen obtunditur, vox ei intercluditur Stieler stammb. (1691) 2577. daneben vereinzelt:
doch, als dein hoher geist sich in die worte fand,
vergieng Chach Abas gantz ...
Gryphius trauersp. 184, 59 Palm.
β)
jmd. zu worten bekommen, kriegen 'ihn zu sprechen bekommen', in gelegentlicher analogie zu dem ähnlichen gebrauch des singulars unter 1 c ν: ich bin jhr lange nachgegangen, vnd habs auff vielerley wege versucht, wie ich sie zu worten vnd allein bekomen möchte, es hat aber bis dahero noch nicht sein wollen H. J. v. Braunschweig schausp. 43 Holland;
dasz er sie (die dame) krieg zu worden
braucht er viel list vnd kunst
Voigtländer oden u. lieder (1642) 102;
ik kan em nig to woorden krigen 'ich kann ihn nicht zu sprechen bekommen' Dähnert plattdt. wb. (1781) 556ᵇ.
γ)
aus, an, bei den worten jmd. erkennen, fassen u. ä., für die art des sprechens, durch die sich ein mensch charakteristisch zu erkennen gibt, meist in abfälligem sinne und sprichwörtlich: ût den wôrden kent men den gek Tunnicius sprichw. 1260 Hoffmann; man hoͤrt ann worten wol was für ein kauffmann schöne weise klugr. (1548) 38ᵃ; einen schalck kent man bey den worten, wie ein kraut bey dem geruch Petri d. Teutschen weish. (1605) 2, T 5ᵃ. mit der sonst auf den singular festgelegten bedeutung F 'versprechen, zusage' (s. u. F 2 b ende) gekreuzt: einen ochsen ergreifft man bey den hoͤrnern, vnd den mann bey den worten Petri d. Teutschen weish. (1605) 2, T 5ᵃ; Kramer t.-ital. 2 (1702) 1094ᶜ.
δ)
auf ein die art des redens charakterisierendes adjektiv bezogen:
(kind) uuordun spâhi
Heliand 125 B.; vgl. Gen. 117;
ûf stuont ein alter grîse,
der was der worte wîse
Meier Helmbrecht 1508 Panzer.
nhd. in präpositionaler bestimmung: vnstetter an worten (anfg. 15. jh. obd.) Diefenbach nov. gl. 262ᵇ;
die pewrin sindt mit worten ress
Hans Sachs 9, 16 lit. ver.;
wie spitzig vnd stachlicht von worten sie sein (die jungfern)
Voigtländer oden u. lieder (1642) 82, 6;
he ist slecht vun würn 'versteht nicht zu reden' Mensing schlesw.-holst. 5, 687;
frech in worten und geberden
Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 4.
ε)
allgemein, das reden überhaupt, s. o. 1 e ε. im ersten beleg von der fähigkeit zu reden, dem sprechvermögen:
unz thaz (bis dahin) tharbe harto thero thinero worto
(auf die stummheit des Zacharias bezogen)
Otfrid I 4, 70;
nu sont wir merken wie daz wir volkomenhait gewinnent an den worten. vollekomenhait der worte lit an fünf dingen St. Georgener pred. 337, 23 R.; (Coriolan) hett den gebrechen ... das er vnbehüter wort vnd eynes stoltzen gemüts was Carbach Livius (1551) 33ᵃ; die worte sind gut, sie sind aber nicht das beste. das beste wird nicht deutlich durch worte Göthe I 23, 125 W.
E.
wort, worte in ausdrücklicher oder auch unausgesprochener beziehung oder abgrenzung zu anderen menschlichen äuszerungen, geistigen ausdrucksformen oder irgendwelchen gegebenheiten. dieser alte, vielfach zu formelhaften verbindungen neigende gebrauch erstreckt sich sowohl auf die konkrete bedeutung A, B 'aussage, ausspruch' wie namentlich auf das mehr verbal zu fassende D 'das sprechen, das reden' in allgemeinerem, umfassenderem sinne. singular und plural stehen dabei in fast allen anwendungen nebeneinander, älterem vorrang des plurals gegenüber gewinnt in junger zeit der singular mehr und mehr an boden, besonders soweit anlehnung an die bedeutung D 1 e und f hervortritt.
1)
im groszen vorstellungsbereich des sprechens und des tuns, des redens und des handelns. wort in der verbindung oder gegenüberstellung mit werk, tat, weise u. ä.
a)
formelhafte, meist zweigliedrige verbindungen bezeichnen 'aussage und handlung, das, was einer sagt und was er tut, das reden und das handeln' entweder konkret im rahmen eines bestimmten einzelverhaltens oder namentlich allgemein als umschreibung für diese beiden grundformen, die ganzheit menschlicher lebensäuszerung.
α)
wort und werk als zufrühest gefestigte, durch die alliteration gestützte, aber mehr und mehr abgenutzte verbindung, die seit dem 18. jh. zurücktritt und den vorrang an die entsprechende verbindung mit tat (s.β) abgibt; vgl. ags. word and weorc bei Bosworth-Toller 1265ᵇ.
αα)
meist pluralisch:
an ređiu (rechenschaft) standen
uuordo endi uuerko allaro the he an thesaro uueroldi giduod
Heliand 2612 B.; vgl. 3945; 4713 u. ö.;
unte scalt allero dînero uuorto unte allero dînero uuercho intentionem anne mih kêran ..., so lîchent mir elliu dîne uuort unte elliu dîne uuerch Williram 44, 7 Seemüller; noch sind sie so toricht, das sie yhre wort und werck als eyn gewisse, unbetriegliche regel des glawbens setzen und annemen Luther 8, 484 W.; (ich erzählte ihm alles,) auch was ich in demselben (gänsestall) von den zweyen ... vor wort und werck vernommen Grimmelshausen Simpl. 98 Scholte. in jüngerem gebrauch wohl bewuszt altertümelnd:
seine (des hexenmeisters) wort und werke
merkt ich, und den brauch
Göthe I 1, 215 W.; vgl. IV 12, 85;
(Hus) haszte dabei aber die Deutschen und sparte nicht worte noch werke, den damaligen könig Wenzel ... gegen sie aufzubringen Leppa herzenssachen (1923) 40. der eigentliche bedeutungsgehalt der formel verallgemeinert sich leicht zum grad- oder totalitätsbegriff im sinne von 'vollständig, in jeder beziehung, alles', negiert 'nichts'; im ersten beleg in adverbieller funktion: ich Heydenrich von Elkerhuͦsen ..., vorzihen genzeliche, wort unde werke, uffe alle ansprache (1333) hess. urkb. 2, 422 Wyss-Reimer;
das mir kein wort noch werck entfliess,
was mich (den dichter) dein tochter (Calliope) schreiben hies
Scheit d. frölich heimfart (1553) A 4ᵃ;
dann er sahe das der selb wort vnd werck kundt, vnnd bey dem kriegsvolck inn grossem ansehen war XylanderPolybius (1574) 284. seltener in umgekehrter wortfolge: allum dioboles wercum and wordum (sächs. taufgelöbnis) bei Steinmeyer ahd. sprachdenkm. 20, 5;
Juno, du bist sehr geflissen,
all meine werck vnd wort zuwissen
Joh. Spreng Ilias (1610) 11ᵇ.
ββ)
am geläufigsten mit oder in worten und werken:
'fater', quad, 'thir thankon mit worton joh mit werkon'
Otfrid III 24, 91;
kanst du och im uswendig gehelfen, es sie mit rate oder mit gaben, es sie mit worten oder mit werken Tauler pred. 148, 8 Vetter; vgl. 163, 33 u. ö.; Vlenspiegel bleib bei dem bischoff, vnd thet solliche geberd mit worten vnd wercken wie er die fraw darzuͦ bringen wolt dz sie dz also thuͦn solt Eulenspiegel (1515) 134 ndr.; welche ... wider ihre pflicht sich mit worten und wercken, an unserer allergnädigsten erb-princessin, ..., vergriffen haben Ziegler as. Banise (1689) 788. bewuszt archaisierend: du sollst ihre barbarey nicht beschönigen mit worten und werken (9. gebot aus einem katechismus d. vernunft f. edle frauen) Athenäum (1798) 1, 2, 110. über den eigentlichen sinngehalt der formel hinaus erweitert zur bedeutung 'gänzlich, in jeder hinsicht', negiert 'in keiner beziehung':
ac uuas im sô bihalden forđ
mid uuordun endi mid uuerkun
Heliand 541 B.;
das in mit warten noch mit werichen niemant darin (in die herrschaftlichen güter) tret oder infell tuen wolde (15. jh.) österr. weist. 6, 18, 5. die formel in worten und werken hat längere lebensdauer:
er (der teufel) spenit unsih alle zi mihilemo falle
in worton joh in werkon
Otfrid II 4, 88;
züchtig in worten und wercken Arigo decamerone 60 Keller; als ... aus ... dem gesetzten anstand in worten und werken der herannahende mann sich zeigte Meissner Alcibiades (1781) 1, 270; mehr wirkte ihr frommer liebevoller sinn und die wahrheit in ihren worten und werken Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 7, 4. in umgekehrter wortfolge:
der sîne bîhte wol tuot
mit werchen joch mit worten
die hochzeit 687 Waag;
gar genaue freundligkeit in den werken und den worten
J. Grob epigramme 127 lit. ver.
γγ)
gelegentlich aus der klammer der festen formel in ein freieres, meist correspondierendes verhältnis gelöst:
mit worton mir al zelita so waz sih (= so ih) mit werkon sitota
(sagt die Samariterin zu den leuten)
Otfrid II 14, 88;
wôrde sint gût, wan dâr werke na volgen Tunnicius sprichw. 216 Hoffmann; wer könnte auch über zweydeutigkeiten in worten lachen, wenn zweydeutigkeiten in werken eine so ernsthafte bedeutung haben? Gerstenberg schlesw. lit.-br. 110 lit.-denkm.
δδ)
die singularische formel wort und werk steht anfangs hinter der pluralischen weit zurück, seit dem 18. jh., mit dem abklingen des gesamtgebrauchs, kehrt sich das verhältnis um. zufrühest in der anlehnung an biblisches vorbild: (Christus) mahtig in uuerke inti in uuorte (potens in opere et sermone) Tatian 225, 2 (Luk. 24, 19), (Luther: mächtig von taten und worten); die heiden zum gehorsam zu bringen, durch wort vnd werck (λόγω καὶ ἔργω) Röm. 15, 18;
Chlorinde traurt um ihren mann,
den sie in wort und werck, sie schwert es, nie betrogen
Warnecke poet. vers. (1704) 9;
wie sie ... sich einen fähnrich wählte, mit dem sie in wort und werk sechzehn monate marschierte Grillparzer s. w. 17, 221 S.;
wort und werk des gottessohnes,
als er ging in mannes hülle
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 14.
β)
wort und tat, ebenfalls schon früh gefestigt, aber erst seit dem 18. jh. an stelle von α als geläufigste verbindung.
αα)
pluralisch:
mahtig was er harto sines selbes worto,
joh sines selbes dato kreftig filu thrato
Otfrid V 9, 25;
vgl. Heliand 1207; 1990; 5289; zwayer dienerin, die jhrer wordt vnnd that ... gezeug seind Schaidenreisser Odyssea (1537) vorr. 3ᵇ;
der in worten und in thaten
sich recht tugendhaft erweist
Gottsched ged. (1751) 1, 181;
aus seinen worten und thaten E. M. Arndt s. w. 1, 38 R.-M.;
er, der unsträflich in worten und thaten,
was kann Medardus für sünden verrathen?
mod. dichtercharaktere (1885) 246 Arent-C.-H.
mit gelegentlicher vertauschung der glieder:
Moyses er ni deta thaz,
mit datin odo mit worton mir wolti widarwerton
Otfrid III 16, 26; vgl. Heliand 1229;
welcher war ein prophet, mechtig von thaten vnd worten (ἐν ἔργω καὶ λόγω) Luk. 24, 19.
ββ)
singularisch fast ausschlieszlich in jüngerer sprache, dem für wort charakteristischen anwachsen des singularischen gebrauchs entsprechend:
(sie) handlen trewlich mit wort und that
Hans Sachs 19, 302 lit. ver.;
ein volck, ...
das zwischen mund und hertz, das zwischen wort und that
hat einen engen raum
Logau sinnged. 9 Eitner;
endlich müssen alle guten fest zu dem kaiser stehen, in wort und that ihn als den mittelpunkt des wirkens erklären Stifter briefw. 2 (1918) 29; auch diese idee ... wurde wort und tat bei diesen männern quelle a. d. j. 1936. selten in umgekehrter folge der glieder:
(sie) kämpften anderswo mit that und wort
Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 4, 165.
γγ)
in freierer, korrespondierender beziehung:
thu recht vnnd hüt dich vor der that,
der wort wird etwan auch noch raht
Eyering prov. copia (1601) 1, 521;
das wort ist frey,
die that ist stumm, der gehorsam blind
Schiller 12, 28 G.
γ)
wort und weise frühen alliterierenden ursprungs (vgl. ags. word and wîse bei Bosworth-Toller 1240ᵇ), aber weniger geläufig und von kürzerer lebensdauer, s. auch s. v. weise, f. D 2, teil 14, 1, 1071; die gleiche verbindung in anderer bedeutung s. u. 4 a α:
thea im gitriuuiston
an iro môdseƀon manno uuârun
bi uuordun endi bi uuîsun
Heliand 4558 B.; vgl. 4974; 287;
das er (der geist) von ime selber nút enweis, er enweis do noch wort noch wise, noch smacken noch fuͤlen, bekennen noch minnen Tauler pred. 109, 21 Vetter; wann ich fuͤrsten vnd herren schreiben solte, wirde ich ... anderer wort vnd weise gebrauchen muͤssen Moscherosch insomnis cura parentum 14 ndr. älter nicht selten mit α zur dreigliedrigen formel verschmolzen: alles sin tuͦn und alle sine wege, wort und werg und wise Tauler pred. 92, 33 Vetter; vgl. 105, 6; 136, 11; dann jr wys und werk und wort zeigend gottlos lüt an Zwingli dt. schr. 1, 270 Schuler-Schulth.
δ)
in ähnlichen, mehr gelegentlichen verbindungen vorwiegend älterer sprache:
thaz ih giwar si harto thero sinero worto (Christi),
joh zeichan, thiu er deda tho
Otfrid I 2, 8; vgl. III 20, 185;
diu (göttliche weisheit) lêrt uns minne unt vorhte
mit pilede (vorbild) joch mit worten
vaterunser 4 Waag;
bis nút usbrúchig weder an worten noh an wandel Seuse dt. schr. 163 Bihlmeyer; wort vnd leben sollen sich mit einander vergleichen Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) ll 2ᵇ; Cromwell erklärte sie (die niederlage) für eine unmittelbare gnade gottes, für die man nicht dankbar genug sein könne mit worten und handlungen Ranke s. w. (1867) 17, 31. besonders: beide an seinen worten vnd geberden Er. Alberus fabeln 16 ndr. mit den obigen verbindungen α und γ zu mehrgliedriger, gern alliterierender reihung kombiniert:
so vind ich dich (schnöde welt) neur eitel swach
mit wort, werch und gepärde
Oswald v. Wolkenstein 96, 4 Schatz;
bisz er ... sein wesen, wortt, weysz vnd gepaͤrde, geaͤndert hat Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 4ᵃ; aber eben diese weite bekanntschaft war ein hundertaugiges lauren auf alle meine gänge, tritte, worte, geberden, werke Schubartleb. u. gesinnungen 2 (1793) 13; wer sich daran vergreiffen wirdt, mit worten, wercken, wehre oder waffen Reutter v. Speir kriegsordn. (1595) 32.
b)
die glieder der unter a erscheinenden geläufigsten verbindungen begegnen in anderem zusammenhang, und dann meist im verhältnis enger korrespondenz, sofern reden und handeln nicht als einheit gesehen, sondern ihre beziehung als problematisch oder gegensätzlich beurteilt wird.
α)
wort in der beziehung zu werk, vorwiegend pluralisch, kaum noch in jüngerer sprache:
swelch kristen kristentuomes giht
an worten, und an werken niht,
der ist wol halp ein heiden
Walther v. d. Vogelweide 7, 12; vgl. 14, 6; 24, 6; 33, 36;
aber die menschen folgten seinen wercken me nach dan seinen worten Pauli schimpf u. ernst 56 lit. ver.; nach eines seinen worten thun und nicht nach seinen wercken Kramer t.-ital. 2 (1702) 1395ᵃ; grosse worte kleine wercke Kernsprichw. (1718) 30.
β)
wort in der beziehung zu tat. anfangs neben, später an stelle von α. im plural:
ich kenne manchen mann:
an worten ist er mönch, an thaten ist er hahn
Logau sinngedichte 527 Eitner;
der worte sind genug gewechselt,
laszt mich auch endlich thaten sehn
Göthe I 14, 15 W.
in der korrespondenz der glieder wird gern für wort der plural, für tat der singular gewählt: meine kindlin, lasst vns nicht lieben mit worten, noch mit der zungen, sondern mit der that vnd mit der warheit (μὴ ἀγαπῶμεν λόγω ... ἀλλὰ ἐν ἔργω ...) 1. Joh. 3, 18;
herr bruder, ich bin nicht
von denen, die mit worten tapfer sind,
und kommts zur that, das weite schimpflich suchen
Schiller 12, 251 G.;
die tat spricht deutlicher als worte quelle a. d. j. 1903. beide glieder im singular:
ein wort wol ein ansehen hat,
wenn drauff erfolgt die that
Petri d. Teutschen weish. (1605) 2, Z 2ᵇ.
besonders in jungem und jüngstem gebrauch:
kühn war das wort, weil es die that nicht war
Schiller 12, 215 G.;
je mehr er aus meinen wiederholten besuchen sah, dasz es vom worte zur that kommen sollte Barth a. d. nördl. Kalkalpen (1874) 530.
c)
dem gleichen vorstellungsbereich des redens und des handelns gehört ein speziellerer gebrauch an, der wort mit begriffen eines gewaltsamen tuns wie schwert, waffe, eisen, schläge u. ä. meist gegensätzlich korrespondieren läszt:
spenis mih mit dinêm wortun, wili mih dînu speru werpan
Hildebrandslied 40 Steinmeyer;
gute wort sollen fuͤrgehen, die waffen folgen Lehman floril. polit. (1662) 1, 479;
das (miszverständnis) stellen worte, ja im nothfall stellen
es waffen leicht und glücklich wieder her
Göthe I 10, 174 W.;
sie wollen die obwaltenden beschwerden lieber mit dem schwert, als mit gründen und worten entscheiden Heilmanngesch. d. pelop. krieges (1760) 162;
mann, das habt ihr zu beweisen,
zu beweisen mir und andern,
nicht mit worten, nein, mit eisen!
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 102; vgl. 261.
mehr oder weniger von der prägnanten bedeutung 'schimpf-, zankworte' her gefärbt (s. o. D 2 b):
wollen si aber dess nicht lassen
unnd unzemelichis griffen nicht massen,
da gehoren worte unnd slege zu
(die jungfrauen in der abwehr lüsterner angriffe)
Joh. Rothe lob d. keuschh. 2803 Neumann;
schlege helffen nicht, wenn wort nicht helffen Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) dd 2ᵃ; wer sich nicht mit worten ziehen läszt, an dem helfen schläge auch nicht Schellhorn sprichw. (1797) 93; woͤrter sind auch schwerter Lehmanfloril. polit. (1662) 3, 478. besonders: ist doch ein wort kein pfeil nit schöne weise klugr. (1548) 81ᵃ; ein wort ist kein pfeil verbum non facit vulnus Serz teutsche idiot. (1797) 179ᵃ; Fischer schwäb. 6, 961. das gleiche sprichwort auch in anderer sinngebung: ein wort ist kein pfeil ... (sensus est, quod non omnia verba statim interpretari debeamus in malam partem) Pistorius thes. par. (1715) 711; Kramer t.-it. 2 (1702) 197ᵇ.
2)
aus dem unausgesprochenen gegensatz zu werk, tat, der unter 1 b ausdrücklich benannt ist, erklärt sich ein prägnanter pejorativgebrauch von wort als von solcher rede, die mit dem handeln in widerspruch steht oder sich nicht im tun verwirklicht. wort, worte steht hier für leere, blosze, schöne worte (s. o. B 4 c γ) oder auch für viele worte (s. u. II C 5 b β, γ), es bedeutet 'heuchlerische, nichtssagende redensarten' oder auch, in der nähe der prägnanten bedeutung wort F 'versprechen, zusage', soviel wie 'leere versprechungen': sie lehren auch, man solle gott lieben von ganzem herzen und den nähesten als sich selbs, so viel die wort antrifft. aber es sind und bleiben wort, mehr wird nicht draus ... und ist ihnen kein ernst Luther ²6, 18 Erl.; es sind lahme zoten, es sind schnacken, es sind wort Eyering prov. copia (1601) 2, 581; wort quandoque ponitur pro fuco et fallacia, verbisque inanibus, rerumque vacuis Stieler stammb. (1691) 2576;
nein, nein, ich glaube nicht,
nein, nicht den worten!
worte, ja worte habt ihr genug! ...
alles erlogen, alles ist trug
Göthe I 5, 1, 8 W.
wohl in antithetischer gegenüberstellung zu prägnantem singulargebrauch aus dem bereich wort F 2 'zuverlässigkeit':
spricht sie viel? — 'ja, fort und fort'. —
heisz sie gehn! es hält die ächte (freiheit)
nichts von worten, nur vom wort
Gaudy s. w. (1844) 1, 70.
besonders redensartlich und sprichwörtlich:
waz hülfe mich frumer liute wort?
ein slac ein biule, ein wort ein wint!
Hugo v. Trimberg renner 4525 Ehrism.;
ein wort ist ein wind,
wers fehet, ist ein kind
Petri d. Teutschen weish. (1605) 2, Z 2ᵇ;
das, vermeinete er, were die real reputation, die vbrige bestünde in wind vnd worten Chemnitz schwed. krieg (1648) 1, 169; gott laͤszt sich nicht mit worten abspeisen, er will das hertze haben Reinicke fuchs (1650) 155; es gehen viel wort ynn einen sack Luther 19, 649 W.; worte und federn gehen viel auf ein pfund Binder sprichw. (1873) 217; fromm sein ist mit worten auszgericht schöne weise klugr. (1548) 170ᵇ; worte darf man nicht kaufen Schellhorn sprichw. (1797) 112; „klappermänner“. mann helt auch nicht auff sie, sonder sagt: es ist ein man von worten (er schwatzt den ganzen tag) schöne weise klugr. (1548) 102ᵇ (s. u. II C 5 b γ ende: viele worte).
3)
seltener bleibt, sowohl im sinn zusammenschlieszender wie gegensätzlich abgrenzender beziehung, die gegenüberstellung von wort mit inneren äuszerungen, mit seelischen oder geistigen kräften:
mit worton joh mit muate lobotun nan zi guate
Otfrid III 15, 42;
sîniu wort diu sint guot:
von den scheidet sich der muot
(Lunete über Iwein)
Hartmann v. Aue Iwein 3125; vgl. 5687.
namentlich: die ains redent mit den worten und ain anders hant in dem hertzen St. Georgener pred. 53, 21 R.;
wie er in worten war, so war er auch im herzen
Neukirch ged. (1744) d 5ᵇ.
mit der zu 1 a α gehörenden verbindung kombiniert, besonders in beichtformeln u. ä.: ih gihu unrehtero gisihto, unrehtera gihorida, unrehtero gidanco, unrehdero uuordo, unrehdero uuerco kleinere ahd. sprachdenkmäler 324 Steinmeyer (Lorscher beichte 22); wie wir uns halten sollen, kegen gott unserm herrn, mit worten im ersten, mit wercken ym andern, mit gedancken ym dritten zwei ält. katechism. 22 ndr.; Hans Sachs 1, 26 lit. ver.;
was ich sündlich hab verbrochen, ...
mit gedanken, werken, worten
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 3, 272.
weniger vom psychologischen als vom dynamischen her, in wertender unterscheidung: daz were ware demuͤtikeit sunder alle glose und nút in den worten oder in dem schine, sunder in der worheit und in dem grunde Tauler pred. 75, 30 Vetter; vgl. 85, 25; nicht die wort der auffgeblasenen, sondern die krafft. denn das reich gottes stehet nicht in worten, sondern in krafft 1. Kor. 4, 19f.
4)
wort, worte als die ausdrucksform der mündlichen oder schriftlichen äuszerung neben anderen geistigen oder künstlerischen ausdrucksformen.
a)
in der beziehung zur musik.
α)
schon früh in der speziellen unterscheidung wort und weise 'text und melodie' oder in ähnlichen formeln, s. dazu auch s. v. weise, f. E 1, teil 14, 1, 1071f. zahlreiche belege (die gleiche verbindung in anderm sinne oben 1 a γ):
diu wîse ist niuwe und hôchgemuot,
diu wort sint süeze und dar zuo wâr
Ulrich v. Lichtenstein frauendienst 98, 25;
vgl. 321, 24; er begann daher von dem singen des knaben zu sprechen, wie er allerhand singspiel in worten und weisen richtig aufgefaszt ... habe G. Keller ges. w. (1889) 6, 35; poesie ist ursprünglich regelmässig auch gesang; wort und weise entstehen zugleich mit einander Bücher arbeit u. rhythm. (⁴1899) 356. auch in der allgemeineren bedeutung 'dichten und singen' (s.β), wobei wort 'fähigkeit zu dichterischer rede' meint:
vil wol gelobter got, wie selten ich dich prîse!
sît ich von dir beide wort hân unde wîse
Walther v. d. Vogelweide 26, 4;
vgl. Hadlaub in: schweiz. minnesänger 289 v. 87 Bartsch; zuom dritten hat got, sich zeloben, wort vnd weis geben durch könig Dauid, der darüber den psalter gemacht Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 88 Reithm. redensartlich weder wort noch weise wissen (zu etwas) 'von einer sache nichts verstehen': er weysz weder wort noch weise darzuͦ Agricola 750 teutsch. sprichw. (1534) k 5ᵃ; sy wissen weder wort noch weisz Joh. Nas d. antipap. eins u. hund. 2 (1570) 239ᵃ. ähnlich noch in der mundart: wōrt un wᵉīsᵉn fᵉrlaͤrᵉn hawᵉn aus dem text gekommen sein Bauer-Collitz Waldeck 114ᵇ. in gleichbedeutender gegenüberstellung: das aber vil liedlein hierein in etlichen noten vnd worten anderst, denn biszher getruckt Forster frische t. liedl. 6 ndr.; Felix Mendelssohn-Bartholdy lieder ohne worte titel einer folge von klavierkompositionen; glaubt man den in Sachsen, dasz das wort die musik mache? wenn ein nicht passendes wort die musik verderben kann, welches gewisz ist, so soll man froh sejn, wenn man findet, dasz musik und wort nur eins sind (1812) Beethoven s. br. 2, 56 Kalischer; dasz Mozart aus der situation heraus und nicht auf worte componirte O. Jahn Mozart (1856) 3, 126 anm. 67; modern vom wort her komponieren u. ä.
β)
in allgemeinerer abgrenzung jüngerer sprache, wobei singular. wort manchmal 'dichtung' bedeutet, aber mehr im sinne sachlicher bestimmung als mit dem hohen anspruch des modernen gebrauchs, s. o. D 1 f: wort und lied mögen den geist davon auf die nachwelt bringen Göthe IV 31, 113 W.; da sind dichter und musiker die innigst verwandten glieder einer kirche: denn das geheimnis des worts und des tons ist ein und dasselbe E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 82 Griseb.;
und können die sänger mit wort und klang
nicht erschlieszen das aug der zeit
Strachwitz ged. (1850) 10;
dass ich immer glauben musz, die kirchenmusik habe uns verlassen, ... weil uns das wort hinreicht, und wir der reinen, ewigen, allsagenden musik nicht mehr bedürfen Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 336; den bund (der musik) mit dem worte, den er betrieb, trachtete er theoretisch zu verherrlichen. musik und sprache, insistierte er, gehörten zusammen, sie seien im grunde eins, die sprache musik, die musik eine sprache Th. Mann Faustus (1947) 258.
b)
wort, worte als ein gesprochenes oder gelesenes abstrakter art im unterschied zu bildhafter vorstellung oder darstellung: das alte passional büchlin (mit holzschnitten) zu dem bettbüchlin zu thun allermeist umb der kinder und einfeltigen willen, welche durch bildnis und gleichnis besser bewegt werden, die göttlichen geschicht zu behalten, denn durch blosse wort odder lere Luther 10, 2, 458 W.; er (Winckelmann) sieht mit den augen, er faszt mit dem sinn unaussprechliche werke, und doch fühlt er den unwiderstehlichen drang mit worten und buchstaben ihnen beizukommen Göthe I 46, 56 W.; vgl. 19; worte und bilder: wenn ich worte schreiben will, so stehen mir immer bilder vor augen, des fruchtbaren landes, des freien meeres, der duftigen inseln, des rauchenden berges ebda I 31, 55 W. in fester formel: anstalten ... witterung zu beobachten, wobey ich an meiner seite die wolkenformen und himmelsfarben mit wort und bild einzuweben suche ebda IV 29, 55 W.; man hat im ersten weltkrieg der ganzen welt in wort und bild verkündet, was die Deutschen für barbaren seien (aus der bespr. eines deutschfeindl. films) Berliner zeitung vom 22. 4. 1947. gelegentlich fällt in diesem zusammenhang auf wort der gleiche negative ton wie unten unter 6 b: das unmittelbare anschauen der dinge ist mir alles, worte sind mir weniger als je (auf das geschenk seltener fossiler reste bezogen) (1831) Göthe IV 48, 154 W.
5)
seinem sonstigen gebrauch entgegen kann wort auch ausdrücklich die mündliche aussage im unterschied zur schriftlichen meinen, das 'reden' im gegensatz zum 'schreiben'. schon früh, aber durchweg in bestimmten verbindungen oder beifügungen.
a)
wort und brief: nih þairh ahman nih þairh waurda nih þairh aipistaulein (μήτε διὰ πνεύματος μήτε διὰ λόγου μήτε δι' ἐπιστολῆς) got. bibel 2. Thess. 2, 2; dorauf die von Nürmberg antwort tetten mit worten und mit brieff und sigel (1449) städtechron. 2, 141; haltet an den satzungen, die jr geleret seid, es sey durch vnser wort oder epistel 2. Thess. 2, 15; dat wôrde nicht en kunt, dat vorvallen de breve (die schriftlichen verträge) Tunnicius sprichw. 1286 Hoffmann. von wort F 'versprechen' her: ein wort musz so gut sein, als brief und siegel (18. jh.) bei Graf u. Dietherr (1869) 228.
b)
wort und schrift, durchweg präpositional: in iro uuorton unte in iro gescriften Williram 84, 9 Seem.; also soltestu dich awch hueetten vor wortten vnd schrifften gifftiger lewt Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 4 Reithm.; viel mit der warheit gottes zu überzeugen, beydes in worten und schrifften D. Colberg plat.-hermet. christentum (1690) 1, 299. in fester singularischer formel bis heute gebräuchlich:
die (weisheit) blitzt aus jedem zug in deinem angesichte,
aus jedem wort und schrift mit wunderhellem lichte
bei Weichmann poesie d. Nieders. (1721) 5, 151;
habt ihr gelogen in wort und schrift,
andern ist es und euch ein gift
Göthe I 3, 262 W.;
von ihrem recht der freien meinungsäuszerung in wort und schrift quelle a. d. j. 1863. seltener in umgekehrter folge der glieder: wie ich sie beide in schrifften und worten versucht habe Luther bücher u. schr. 3 (1588) 286ᵃ;
aus gut und geld, aus schrift und wort
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 4, 149.
c)
das lebendige wort, eine junge verbindung, in der wort deutlich den verbalen gehalt von D 1 e ε zeigt; in pluralischer wendung vereinzelt schon älter: die buchstaben sind todte woͤrter, die mundliche rede sind lebendige woͤrter Luther 54, 74 W.; ich habe ... gefühlt, wie schwer es ist, das lebendige wort ohne schwächung durch das schriftliche zu ersetzen Stöckhardt chemische feldpred. f. dt. landwirte (1851) 1, 9; ich liefere (in der niederschrift der erzählungen eines öffentl. erzählers in Venedig) nur farblose kontur, ich fühle es deutlich. aber was ist der kalte buchstab gegen das lebendige wort Gaudy s. w. (1844) 13, 12;
lebendgem worte bin ich gut:
das springt heran so wohlgemuth,
Nietzsche w. (1895) I 8, 340.
im gegensinne: Gervinus an Jacob Grimm: wie anders ist das bei ihnen, der sie aus dem todten worte das leben erläutern briefw. (1885) 2, 113.
6)
wort, worte als die sprachliche form einer aussage oder des redens überhaupt im unterschied zu ihrem sachlichen oder gedanklichen gehalt.
a)
in einer anzahl charakteristischer gegenüberstellungen mehr oder weniger fest.
α)
allgemein. namentlich wort und sache, wort und ding in ihrer beziehung und rangordnung, wobei wort oft als das geringerwertige oder minder gewichtige empfunden wird: die worte müssen sich auf die sachen schicken Kramer t.-ital. 2 (1702) 1396ᵃ; treiben sie nicht worte, als ob keine sachen dazu in der welt vorhanden wären? Herder 10, 315 S.;
obs just seine wort sind, weisz ich nicht;
aber die sach ist so wie er spricht
Schiller 12, 28 G.
in erweitertem sinne als gegenüberstellung theoretisch-formaler und praktisch-anschaulicher erkenntnisarbeit: zu allem glück war ich in den sogenannten humanioribus ziemlich fortgeschritten, ehe ich zu diesem gedanken kommen, sonst würde ich mich schwerlich haben überwinden können, wieder zurück von den sachen zu den worten zu gehen Leibnizdt. schr. (1838) 1, 379. ferner: so hab ich aber zu garstigen dingen keine saubere wort finden können Grimmelshausen2, 367 Keller. modern auch in umgekehrter prävalenz, wohl von β her empfunden:
so lernt ich traurig den verzicht:
kein ding sei wo das wort gebricht
Stefan George d. neue reich (o. j.) 134.
ferner: jedoch wie schwer ist es, das zeichen nicht an die stelle der sache zu setzen, das wesen immer lebendig vor sich zu haben und es nicht durch das wort zu tödten Göthe II 1, 304 W.; die gleiche gedrängte kraft des gedankens und des wortes ist beiden gemein K. A. v. Müller dt. gesch. u. dt. char. (1926) 137;
die worte fliegen auf, der sinn hat keine schwingen,
wort ohne sinn kann nicht zum himmel dringen
Shakespeare (1810) 3, 268.
auf hoher stufe die beziehung von wort und geist:
sei das wort die braut genannt,
bräutigam der geist
Göthe I 6, 31 W.
auf die religiöse bedeutung I C anspielend:
wie der purpurne wein, wenn die blinkende schale zersprungen,
also zerflieszet der geist ohne des wortes gefäsz ...
über den wassern schwebte der geist, doch als er das wort ward,
stieg aus dem chaos der nacht herrlich die schöpfung empor
Geibel ges. w. (1883) 2, 215.
β)
in spezieller anwendung auf die dichtung, in der wort als die sprachlich-künstlerische formgebung dem inhalt oder vorwurf der dichterischen aussage gegenübergestellt wird, in engerem sinne als bei dem modernen gebrauch unter D 1 f, der unter (singularischem) wort beides zusammenfaszt. schon mhd.:
Hartmann der Ouwære
ahi, wie der diu mære
beid uzen unde innen
mit worten und mit sinnen
durchverwet und durchzieret
Tristan 4624 R.; vgl. 4707;
die poesie, wie auch die rednerkunst, in dinge vnd worte abgetheilet wird Opitz buch v. d. dt. poet. 19 ndr.;
mich (die poesie) hält kein band, mich fesselt keine schranke,
frei schwing ich mich durch alle räume fort,
mein unermeszlich reich ist der gedanke,
und mein geflügelt werkzeug ist das wort
Schiller 15, 1, 11 G.;
eine regel wäre also: in stücken mit groszer spannung immer das einfachste wort zu wählen O. Ludwig ges. schr. 5, 425 Schm.-St. in jungem gebrauch wird das zweite glied der unterscheidung oft nicht mehr benannt: auch habe er sie lange nicht erzählt und fürchte, die kleine geschichte, die auf das wort gestellt sei, zu verderben H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 198; vergleicht man dagegen das sprachliche gewand beider dichtungen, so erscheint Schillers sprache (im 'spaziergang') bei aller monumentalität der formulierungen gegenüber dem 'Archipelagus' (Hölderlins) als verhältnismäszig duftlos ... dieser duft aber des sinnfälligen wortes ist Hölderlins eigenstes R. A. Schröder in: Hölderlinged. (1943) xviii.
b)
aus dem meist unausgesprochenen gegensatz von wort und gehalt, sofern ihr miszverhältnis vorausgesetzt wird, entwickelt sich ähnlich wie unter o. 2, aber von anderem ansatzpunkt her ein prägnanter pejorativgebrauch. wort, worte bezeichnet hier im sinne von 'gerede, rederei, redensart, phrase, tote formel' u. ä. solches reden, dem nichts wirkliches, wesentliches oder wahres zugrundeliegt, das darum auch keine wirkungskraft besitzt. zunächst wird dieser sinn durch ein nur oder nichts als noch gern verdeutlicht; vgl. dazu auch leere, blosze, schöne worte unter B 4 c γ:
ich sagen û umb die werlt dort (die hölle),
daz sint allez niuwan wort
(quid Styga, quid tenebras et nomina vana timetis)
Albrecht v. Halberstadt 35, 130 Bartsch;
sölche wort Barnaba betrübten, zuͦ Ambrogiolo sprache, mit worten ze kriegen es möcht sich weiter preiten, du sagest vnd ich rede, das alles nicht anders dann wort sein (sie müssen den streitfall an der wirklichkeit erproben) Arigodecamerone 144 Keller; es wären wohl viel beliebte prediger, aber es wäre nichts dahinter, sondern nur worte. sie könten viel schwatzen und nichts recht lehren D. Martin Luther d. beste prediger (1722) 15. auch ohne jede beifügung: Ambrosii hymni und lobgesänge sind wort, wenig das zur sache dienet Luther tischr. 4, 314 W.;
wer ist, der geld für worte gibt?
ein weib, dem lob so sehr beliebt.
dasz manche man für schön schrey ausz,
so wagt sie dran ihr hof und haus
Logau sinnged. 170 Eitner;
dasz ich erkenne was die welt
im innersten zusammenhält,
schau alle wirkenskraft und samen,
und thu nicht mehr in worten kramen
Göthe I 14, 28 W.;
mit worten läszt sich trefflich streiten,
mit worten ein system bereiten,
an worte läszt sich trefflich glauben,
von einem wort läszt sich kein jota rauben
ebda I 14, 93 W.;
Polonius: was leset ihr, mein prinz?
Hamlet: worte, worte, worte
Shakespeare 3 (1798) 205;
es brach eben damals eine hochflut über sie (die verlagsbuchhandlung) herein. und alles waren worte, worte, worte Fontane ges. w. (1920) II 2, 116. der gleiche negative gebrauch in der verbindung um worte zanken, streiten: vnd bezeuge fur dem herrn, das sie nicht vmb wort zancken, welches nichts nütze ist, denn zuuerkeren die da zuhören 2. Tim. 2, 14; wann die sache klar ist, was zancken wir um die worte? Kramer t.-ital. 2 (1702) 1396ᵃ; oder, wenn meine besagten freunde diesz für gleich bedeutende redensarten halten, so wollen wir nicht um worte streiten d. dt. Merkur (1773) 1, 21. gelegentlich nimmt der plural hier die für wort II A 'einzelwort' gültige form wörter an (s. herkunft und form sp. 1470 f.), um anzudeuten, dasz keine beziehung auf ein sinnganzes vorliegt: es ist keine angenehme sache, wörter, die wie im traume zusammen kommen, aus einander zu setzen und zu zeigen, dasz sie — worte im traum sind (von einem schriftsteller, der sachlich unbegründete behauptungen aufstellt) Herder 15, 74 S.; immer unaufhaltsamer werden diese worte zu wörtern, das grosze diluvium der enttäuschung ist nirgend mehr einzudämmen Kürnberger d. Amerikamüde (1855) 415; aus dem wort wurde eine inflation der worte, die worte zerfasert in wörter. die wörter suchten den verlorenen sinn und fanden sich wieder im geschwätz sonntagsblatt (1948) nr. 15, s. 4 Lilje; s. auch den Rückert -beleg oben D 1 f.
7)
von der voraussetzung aus, dasz aussage und reden doppelte bedeutung, mehrfachen sinn haben können, bezeichnet wort, worte den wörtlichen, buchstäblichen sinn im unterschied zu einem höheren, verborgenen, übertragenen u. ä. präpositional nach den worten 'dem buchstaben, dem wortlaut nach, in wörtlichem sinn': aber nah slehten uuortin (secundum litteram) mugen iro bein ferbrochen uuerden Notker 2, 115, 20 (ps. 33, 21) gloss. P.; actor debet sequi forum rei ... das ist in der deutsch geleich nach den worten also geredt: der klager schol nach voligen dem markt seins schuldiger (15. jh.) mitteil. d. ver. f. Steiermark 46 (1898) 29; welchs (1. Kor. 11, 29) wir dem wort nach, wie es lautet, verstehen Luther 26, 486 W.;
wieder ein gebot ist: du sollt nicht stehlen.
ja, das befolgt ihr nach dem wort,
denn ihr tragt alles offen fort
Schiller 12, 37 G.
und sonst: ad angustias uerborum aliquem revocare einen bey den worten fassen, begreyffen vnnd handhaben, der meinung vngeacht Frisius dict. (1556) 92ᵃ; wo etwan ein verborgner spruch der höhers vff im tregt dann die wort anzaigen, nit verstanden wirt Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 28 ndr.; ich versteh es (das orakel) nur zu wohl! nicht die worte; aber den sinn Göthe I 17, 66 W.
F.
fast völlig auf den singular beschränkt bleibt eine prägnante anwendung von wort, die sich wie lat. dictum zu der speziellen bedeutung 'versprechen, zusicherung, versicherung' verselbständigt. sie umgreift dabei sowohl im sinne von A ein im einzelnen fall gegebenes bestimmtes wort des versprechens wie das grundsätzlich verläszliche oder glaubwürdige sprechen eines menschen in jedem fall, entsprechend D. das englische zeigt die gleiche bedeutung, s. Bosworth-Toller 1265ᵃ; Murray 10, 2 s. v. word I 8, 9, 15, 18, 28ᵇ. im deutschen seit dem mhd.; wo durch den zusammenhang diese bedeutung schon früher gegeben ist, darf sie für prägnanten, verselbständigten gebrauch noch nicht in anspruch genommen werden, vgl. z. b.:
he (Herodes) ni mahte is quidi liagan,
is uuort uuendien (sein der tochter gegebenes versprechen)
Heliand 2779 (s. u. 1 b γ).
das spätmhd. und älternhd. läszt in geringem masze auch den gebrauch des plurals zu (s. bes. 1 b a), der in jüngerer sprache nahezu ausgeschlossen ist oder doch nur in anderen oder unprägnanten gebrauchsweisen begegnet, die der bedeutung 'versprechen, versicherung' nahekommen (s. o. B 4 c α ende; D 2 c γ ende; E 2). vereinzelt freier gebrauch des plurals bei Göthe:
den völkern wollen wir versprechen,
sie reizen zu der kühnsten that;
wenn worte fallen, worte brechen,
nennt man uns weise, klug im rath
I 16, 347 W.
1)
ein bestimmtes einzelnes versprechen, eine ausdrücklich oder feierlich gegebene zusicherung.
a)
auszerhalb fester verbindungen:
stüende der gewalt an mir, ...
du müesest sunder dînen danc (gegen deinen willen)
nâch gelobtem worte leben (einem feierlich gegebenen versprechen
gemäsz)
Hartmann v. Aue klage 919 Bech;
man verbindet sich unter einander durch wort und handschlag, keinem kommando zu gehorchen Schiller 8, 317 G.;
schnell wird ein friedensbote weggesendet,
und Regulus mit ihm! den helden bindet
ein schwerer eid — ihn bände schon sein wort
Collin Regulus (1802) 14;
weil er das grosze unrecht kannte, das mir geschah, liesz er mich auf mein wort frei umhergehen Göthe I 43, 312 W. in betontem gebrauch schlieszt wort als 'versprechen' die bürgschaft ein, dasz es gehalten wird: er gelobt wenig und giebt schwer die treue, aber was er gelobt ist ein wort, und die treue hält er weil sie sein glück ist E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 452; Graf u. Dietherr (1864) 227, nr. 15.
b)
vorwiegend in einer reihe fester verbalverbindungen, deren mehrzahl jüngerer sprache zugehört.
α)
namentlich (jmd.) sein wort halten 'sein versprechen einlösen', früh gefestigt und anfangs auch mit pluralischem wort verbunden:
zwar ich halt stät die wort,
wurd mir der kranz von rosental (als liebeslohn)
Oswald v. Wolkenstein 16, 14 Schatz;
das gott der herr kein lugner wer; ...
dann er syn woͤrter halten kan
Murner narrenbeschw. 344, 62 Spanier;
ich will sehen, ob ihr auch euere wort halten werdet, den die haus-meisterin seynd ordinariè verlogne thier, so ihr herrschafft ziemlich beluͤgen Stranitzky ollapatr. 118 ndr.; das er (der herr) das wort halte, das der herr geschworen hat deinen vetern 5. Mose 9, 5; aber der schlimme vogel hielte der guten tröpffin dannoch sein wort nicht Grimmelshausen2, 398, 1 Keller. jünger auch einfach wort halten: er muszte versprechen, bisweilen wiederzukommen, und er hielt wort dt. erz. d. 18. jh. 43 Fürst; das ist der mensch, der zu mir gesagt hat, dasz ich ihm das liebste wäre auf der welt! so hält er wort! M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 48. mit einschränkender bestimmung: sie haben mir versprochen, mir hier bekanntschaft zu machen; gleichwohl halten sie ihr wort so schlecht Joh. El. Schlegel w. (1761) 5, 432; sie haben, wie Makbeth seine hexen beschuldigt, unserm ohr wort gehalten Schiller 3, 528 G. auf unpersönliches subjekt übertragen: nun ist der einsame winter vor mir, den ich aber liebgewinnen werde, wenn er wort hält (1785) Caroline br. 1, 29 Waitz.
β)
sein wort lösen, einlösen in gleicher bedeutung; älter vereinzelt pluralisch:
wir haben deinen stand zu steigern uns verbunden;
jetzt lösen wir die wort. es hat sich zeit gefunden
Gryphius trauersp. 167 Palm;
mein wort, in das schlosz zu dringen, habe ich gelöst quelle a. d. jahre 1892; dasz der herrscher eines staates nie dem verdacht ausgesetzt werden darf, sein gegebenes wort nicht einzulösen! quelle a. d. jahre 1936.
γ)
anderes mehr gelegentlich: der harte krieger (Jephta) blieb auf seinem wort (bei seinem gelübde) Herder 26, 347 S.; ich bleibe dir bis morgen im wort (halte dir das versprechen bis morgen) Karlweis in: vom fels zum meer 12 (1893) 228ᵃ; ich musz mein wort erfüllen Herder 3, 195 S.
δ)
im gegensinne; namentlich sein wort brechen:
ach und er brach sein wort ...
Herder 26, 52 S.;
sag mir an, womit hab ichs verschuldet, ...
dasz du dein gegeben wort gebrochen?
Göthe I 2, 98 W.;
hast einst mir den tanz versprochen,
und hast gebrochen dein wort
Heine s. w. 1, 106 Elster.
ferner: wenn jemand ... ein gelübde thut, oder einen eid schweret, ... der sol sein wort nicht schwechen, sondern alles thun, wie es zu seinem munde ist ausgegangen 4. Mose 30, 3; da man also einmal sein wort gegeben: so konnte man solches nicht fuͤglich wieder zuruͤck nehmen Schwabe belust. (1741) 3, 160; nur mit meinem vater sprach ich nicht; denn ich zitterte, wenn er mich noch einmal sähe, er möchte sein wort wiederrufen Lessing 2, 357 L.-M.
ε)
(jmd.) sein wort geben oder verpfänden '(jmd.) etwas versprechen, zusichern', vgl. M. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1394ᵇ: habe ich ihnen denn nicht mein wort gegeben? Gottsched dt. schaub. (1741) 1, 119; aber hier will ich mir mein heilig wort drauf geben, in meinem leben will ich nicht wieder handgemein werden O. Ludwig ges. schr. 2, 124 Schm.-St. der inhalt des versprechens in abhängigem dasz- oder infinitivsatz: ich habe ihm noch auf seinem todbette mein wort geben müssen, dasz ich seinen sohn ... auch zu dem meinigen machen wolle Lessing 2, 167 L.-M.;
sein wort musz er geben,
für den sieger das schwerdt gegen die freunde zu ziehn
Schiller 11, 73 G.
sein wort verpfänden, entsprechend β: denn ich hatte doch in gegenwart von so vielen mein wort verpfändet Göthe I 45, 91 W.; er habe dem papst nun einmal sein wort verpfändet Ranke s. w. (1867) 3, 156.
ζ)
jemandes wort haben, in jüngerem gebrauch: ich habe ihr wort, dasz sie meine freimüthigkeit mir verzeihen wollen J. J. Engel schr. (1801) 12, 307;
die konstitution, die freiheitsgesetze,
sie sind uns versprochen, wir haben das wort
Heine s. w. 1, 304 Elster;
versprichst du's ernsthaft? hab ich dein wort? Fontane ges. w. (1905) I 6, 13.
η)
jmd. bei seinem wort oder beim wort nehmen, halten, fassen 'jmd. an die einhaltung eines versprechens gemahnen', in weiterem sinne auch 'jmd. auf eine äuszerung festlegen, die den charakter einer zusage oder eines zugeständnisses trägt', vgl. einen bey seinem wort nehmen, fassen, haften, halten prendere, pigliare, cattivare uno alla sua parola Kramert.-ital. 2 (1702) 1394ᶜ: dasz er (der prinz von Condé) sich erbot, mit seinem ganzen anhange das königreich zu verlassen, wenn nur seine gegner das nehmliche thäten. sie nahm ihn sogleich beym worte, und war im begriff, über seine unbesonnenheit zu triumphiren Schiller 9, 289 G.; wenn ich selbstsüchtig genug gewesen wäre, sie beim wort zu nehmen? M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 96; versprechen wollte er nichts, ich könnte ihn sonst morgen schon beim worte halten Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 8, 138; Jones stellte sich anfangs, als wollt er den kerl beym worte fassen, und mit ihm gehen J. J. Chr. Bode gesch. d. Thomas Jones (1786) 4, 501. mundartlich paim worət phakə Meisinger Rappenau 233.
θ)
in weiteren verbindungen ähnlicher art: sich auf eines wort verlassen Kramer t.-it. 2 (1702) 1394ᵇ; wiederholen sie, ... dasz ich mich auf sein wort verlasse Göthe I 23, 70 W.; verbanne deine furcht, und baue sicherlich auf sein wort slg. v. schausp. (1764) 1, 16.
ι)
das ist ein wort, soll ein wort sein 'das ist gültig, verbindlich geredet' (anders s. o. A 4 e γ):
das ist ein wort, sprach Latz,
ich bin dabei (bei der wette)
Wieland s. w. (1853) 11, 135;
(frau Exner:) (ich) komm auch wohl selbst und sehe mir mal wieder die konfirmandenstube an. (Siebenhaar:) das soll ein wort sein, liebe frau Exner Fontane ges. w. (1905) I 6, 54; mundartlich weit verbreitet, vgl. Mensing schlesw.-holst. 5, 687; Frischbier pr. 2, 480; Bauer-Collitz Waldeck 114ᵇ; Rother d. schles. sprichw. 230ᵃ; Askenasy Frankfurt 51; Fischer schwäb. 6, 960.
c)
speziell 'das eheversprechen, das jawort' des freiers, des mädchens oder der eltern, vgl. Chr. Ludwig (1716) 2535:
dasz sie die hand vnd wort
daruff jhm (dem voreiligen freier) müsse geben,
da sie doch seiner lacht
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 103;
dieser junge ritter ... hatte einer tochter vom hause Amidei sein wort gegeben J. v. Müller s. w. (1810) 2, 322; (Pierre:) wie nur sie einen nebenbuhler fürchten können! (Julius:) den nebenbuhler fürcht ich nicht, aber das wort des alten Deinhardstein ges. dr. w. (1848) 1, 7. 'im Riesengebirge heiszt es vom heiratslustigen burschen, der zu den eltern des umworbenen mädchens kommt: a gieht ems wort, denn das gegebene jawort ist bindend' dt. wortgesch. 3, 100.
2)
wo wort nicht das konkrete versprechen im einzelnen falle meint, sondern das zusichernde, versprechende, beteuernde reden eines bestimmten menschen in jedem falle und überhaupt, nähert es sich der bedeutung einer menschlichen, namentlich einer männlichen eigenschaftsbezeichnung.
a)
ohne verbale bindung:
unde gelobet im des stæte,
ze leistenne swes er bæte.
ouch endorfter mêre sicherheit:
wan sîn wort daz was ein eit
Hartmann v. Aue Iwein 4584;
Rudolf v. Ems d. gute Gerhard 2729 Haupt; eines ehrlichen mannes wort ist mir so vil als ein eid Butschky Pathmos (1676) 877;
kennt ihr das land vom truge frei,
wo noch das wort des mannes gilt?
volksth. lieder d. Deutschen i. 18. u. 19. jh. 4 Böhme;
beim worte eines wahren römischen papstes gelobe er, Leo X., diese zusage zu erfüllen Ranke s. w. (1867) 1, 246. von der vorstellung eines bestimmten sprechers losgelöst: damals stand noch das wort ... das wort war tun und handeln, war gelöbnis und vermächtnis, bekenntnis und eid, satzung und gesetz sonntagsblatt 15 (1948) 4 Lilje. fast in die bedeutung 'treue, verläszlichkeit' übergehend: denn ehrlich währt am längsten und wort und verlasz musz sein Fontane ges. w. (1905) I 5, 274; et is kein wôrd mer in der weld es wird nicht mehr wort gehalten Schambach Göttingen 304ᵇ.
b)
in verbaler bindung, namentlich (sein) wort halten entsprechend ob. 1 b α, hier aber als bezeichnung einer charakterlichen eigenschaft: vor allem ... sei er redlich vnd ... halt sein wort Sebiz feldbau (1579) 39; ein schelm, der sein wordt nicht helt (1707) Elis. Charl. v. Orleans briefe 2, 12 Holland; man blosz, dasz man ehrlich is un anständig und wort hält Fontane ges. w. (1905) I 5, 133. ähnlich: der (deutsche) mann stand zu seinem wort Keyserbevölkerungsgesch. Deutschl. (1938) 60; de mann wull sien word stahn Mensing schlesw.-holst. 5, 687; der hat keiⁿ wort ist unzuverlässig, wankelmütig Fischer schwäb. 6, 960. sprichwörtlich (s. ob. 1 b η und die gleiche verbindung pluralisch ob. D 2 c γ ende): man faszt das pferd beym zaum; den mann beym wort Schellhorn sprichw. (1797) 106; Graf u. Dietherr 288; Fischer schwäb. 4, 1442.
c)
sprichwörtlich: ein mann, ein wort, seit dem 18. jh. belegbar. dazu im 17. jh. als ältere, aber auch später noch bezeugte vorstufen ein mann ein mann, ein wort ein wort: der teutsche bund-spruch: ein mann ein mann, ein wort ein wort Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) vorr. 00 4ᵃ; Kramer t.-ital. 2 (1702) 1394ᵇ; und — sehn sie, ein mann ein mann, ein wort ein wort! Cramer Neseggab (1791) 1, 13. ein wort ein wort, ein mann ein mann:
ein wort ein wort: ein mann ein mann
Lehman floril. polit. (1662) 3, 85;
Rabener s. schr. (1777) 3, 355; Serz teutsche idiotismen (1797) 178ᵇ; ein wort, ein mann:
es hies ein wort ein mann; iezt gielt es nicht
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 28 (anhang);
man spricht: ein wort, ein mann!
so heiszt der Deutschen spruch
Gottsched ged. (1751) 1, 406;
sie wissen, ein theater-intendant hat das privilegium, dasz das sprichwort: ein wort ein mann! nicht für ihn gilt Hebbelbr. 4, 203 Werner. als heute wohl allein gültige form:
je l'ai promis, ein mann ein wort
Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 105;
ein mann, ein wort
Schiller 11, 19 G.;
Binder sprichw.-schatz (1873) 128.
d)
redensartlich: ein mann von wort 'ein mann, der sein versprechen zu halten pflegt', älter in ähnlicher form: ich bin ein mann von meinem worte, und was ich mir einmal vorgesetzet habe, das halte ich unfehlbar Scheibe d. crit. musicus (1745) 298;
Friedrich Karl, du mann vom worte,
wenig sprichst du, doch am orte
machst das wenige du wahr!
volksth. lieder d. Deutschen i. 18. u. 19. jh. 83 Böhme;
ich komme nun mein versprechen zu halten; nicht eben um mich als einen mann von worte zu zeigen, sondern einzig und allein, weil ich lust dazu habe Fr. Schlegel in: Athenäum (1799) 2, 3; brav, Gottfried! du bist ein mann von wort! M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 3, 274. als gelegenheitsbildung gegenteiligen sinns: ich habe expresz für sie exemplare auf holl. papiere bestellt, aber mein herr verleger ist ein mann ohne wort und nichts mit ihm anzufangen Zelter in: briefw. zw. Göthe u. Zelter (1833) 2, 13.
3)
der gebrauch von wort als einer ein versprechen, eine zusicherung bekundenden rede, für die der sprechende die verantwortung übernimmt, färbt sich in anderen anwendungen zu der vorstellung um, dasz eine aussage zuverlässig, wahr und glaubwürdig ist. wort trägt hier im gefüge fester formeln die bedeutung einer versicherung.
a)
jmd. auf sein wort, jünger aufs wort glauben:
wer eim juͤden auff sein wort glaubt,
der muͦsse seyn der sinn beraubt
Mangold marckschiff (1596) D 4;
ihr könnt so ehrlich thun, man glaubt euch gern aufs wort
Göthe I 9, 51 W.;
ich glaube ihnen aufs wort, was sie sehen (1912) Rilke br. 1907 —1914 (1933) 179. mundartlich Fischer schwäb. 4, 1442. von hier aus in verkürzender aussage: wir muszten fast unbesehen, und aufs wort handeln (im glauben aufs wort des verkäufers) Holston u. Augusta merkwürd. begebenheiten (1780) 130. mit ausdrücklich oder unausgesprochen einschränkendem sinn vor dem hintergrund des gegensatzes von wort und tat, herz u. ä. (s. o. E 1—3):
wer einer jungfrawen leichtlich glaubt,
vnd nur auff das blosse wort vertraut,
der ist seiner sinn beraubt
Lehman floril. polit. (1662) 1, 124;
o schwöre, liebchen, immerfort,
ich glaube dir aufs blosze wort!
Heine s. w. 1, 70 Elster;
so musz man auch aufs wort glauben, dasz Anna ein auszerordentliches wesen ist A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 1, 164.
b)
auf mein wort u. ä. als formelhafte versicherung, beteuerung, soviel wie 'sicherlich, in der tat, wirklich', vgl. engl. on or upon one's word Murray 10, 2 s. v. word III 15. im ersten beleg noch mehr im sinn eines eigentlichen versprechens: aber ich will ihm nichts sagen, auf mein wort Rabener s. schr. (1777) 3, 251;
(ich sah) ganze schaaren
von riesen: auf mein wort, sie waren
fünf fuss hoch
Pfeffel poet. vers. (1812) 1, 66;
der mann ist sicher wie gold. auf mein wort Schiller 4, 192 G. ähnlich: mein wort drauf, ihr könnt euch, wenn ihrs versteht, eure fleischsuppe daran (am feuer) kochen Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 18; mein wort zum pfande, wo das alte blut nicht aufgefrischt wird, da kann sich die ganze sippe begraben lassen Fontane ges. w. (1905) I 5, 67.
c)
dein wort in ehren 'eine formel der höflichkeit, im gemeinen leben, wenn man sich genöthigt siehet, dem andern zu widersprechen' Adelung vers. 5 (1786) 293. ähnlich: ewer wort war (euer wort in ehren) (1642) bei Crecelius oberhess. 889; alle achtung vor dem worte der gelehrten herren, allein ich halte es für etwas unmögliches, was sie versichern D. Fr. Strauss ges. schr. (1877) 3, xxii.
II.
wort als einzelnes, selbständiges, isolierbares lautgebilde bestimmter bedeutung, das als kleinste sinneinheit der rede in seiner häufung und verknüpfung wort I als zusammenhängende rede ergibt; lat. verbum, vocabulum. priorität kommt dieser bedeutung vor derjenigen von I nicht zu, wenngleich solche annahme jüngerem sprachbewusztsein wohl naheliegt. die bezeugung reicht wie bei I in die älteste deutsche bezeugungsschicht hinab (s. u. A 3 a).
A.
als materiales element und mittel der sprache, vgl. etwa: wir pflegen aber die arten und geschlechter der dinge ... mit besonderen nahmen zu nennen, die aus deutlichen thonen formiret werden und insgesamt wörter heiszen. es sind demnach die wörter nichts anderes als zeichen der gedanken Chr. Wolff vernünft. ged. v. gott, v. d. welt u. v. d. seele d. menschen (1720) 139; Weigand synonym. (1852) 1, 132 (zu der für diese anwendung in jüngerem gebrauch geltenden, wenn auch nicht unbestrittenen pluralform wörter s. o. herkunft und form sp. 1470 f.).
1)
im hinblick auf seine form, seine sprachliche funktion, seine grammatische kategorisierung, seine lautgestalt, seinen klang u. ä.
a)
interjectio ingeworffen wort (ende 15. jh.) Diefenbach gl. 304ᵇ; das zeitwort (verbum) ist ein wandelbar wort Gueintzsprachl. (1641) 59; simplices voces woͤrter die nit von zweyen oder meren zuͤsamen gesetzt sind, einfachte woͤrter Frisius dict. (1556) 1408ᵇ; man aber nit allein die silben oder buchstaben des worts Jesu verston soll, sonder selig werden in siner kraft Zwingli dt. schr. 1, 34 Schuler-Schulth.; sesquipedalia breyte woͤrter anderhalb schuͦch lang Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 11ᵃ.
b)
speziell als terminus in der älteren grammatik für späteres zeitwort, entsprechend lat. verbum: nomen: namo. pronomen: fure daz nomen. verbum: uuort St. Galler schularbeit 16 in: denkmäler dt. poesie u. prosa a. d. 8.—12. jh. Müllenhoff-Scherer; vgl. ags. word = verbum bei Bosworth-Toller 1264ᵇ; dt. wortgesch. 1, 229; nahm, fürnahm, wort, fürsetzung, bindung, bewegung (als grammat. termini in einer sprachkunst a. d. anfang d. 17. jh.) in: zs. f. dt. wortforschg. 13, 84.
2)
als 'vokabel', teil des wortschatzes einer sprache: dictionarium, vocabularium ... einn buch von woͤrtern Alberus nov. dict. gen. (1540) 30ᵇ; auch musz ich zugleich erinnern, dasz ich zwey oder drey lateinische, vielleicht auch so viel frantzoͤsische woͤrter mit eingeschoben Rachel satyr. ged. 12 ndr.; dasz dieses phoenikische wort das kreisförmig ausgegrabene bassin bezeichnet Mommsen röm. gesch. (⁶1874) 2, 30 anm. in älterem collectivgebrauch deutsche worte 'deutsche sprache':
thaz will ih hiar gizellen gidriwen sinen allen,
so wir nu hiar biginnen, worton frenkisgen
Otfrid I 3, 46; vgl. V 14, 3;
mein tummer sin sei, daz ich trag
die kunst von lateinischer sprâch in däutscheu wort behüllet
(von der übersetzg. seiner lat. vorlage)
Konrad v. Megenberg buch d. natur 2 Pf.;
dem nach gebe ich diesem büchlin mein zeugnis, das es ... recht und rein die lere des christlichen glaubens handelt und verficht mit guten feinen deutschen wortten Luther 23, 15 W. in übertragenem zusammenhang: wir studieren die eigenschaften der körper, die veränderungen, die sie in berührung mit andern erleiden. alle beobachtungen zusammengenommen bilden eine sprache; jede eigenschaft, jede veränderung, die wir an den körpern wahrnehmen, ist ein wort in dieser sprache Liebig chem. br. (1844) 11. mehr vom stilistischen her, im hinblick auf den wortschatz, der dem sprecher zur auswahl steht: vnd dorumb auch das die wort (wortwahl) vnd schrift (stil) den andern episteln vngleich sein erste dt. bibel 2, 2 Kurrelmeyer; die ebräische sprache ist die allerbeste und reichste in worten Luthertischr. 1, 524 W.; alterthümlichkeit der worte, und neuheit der wortstellungen, ... das sind die wesentlichen eigenschaften des historischen styls Athenäum (1798) 1, 2, 56; welcher vngebreuchliche, vnbekante wort in seiner rede brauchet, ist nichts desto beredter Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) k k 2ᵇ; gerade die gangbarsten und ältesten wörter sind oft die vieldeutigsten W. H. Riehl d. dt. arbeit (1861) 5. insbesondere fremdes wort, fremde wörter, fest wohl erst bei den sprachtheoretikern um die mitte des 17. jh. (zahlreiche nachweise in: zs. f. dt. wortforschg. 15, 43), heute durch fremdwort ersetzt. vereinzelt schon früher: wo man das teutsch vermischt mit frembden worten Aventinbayer. chron. 1, 6 Lexer; Schottel sprachkunst (1641) 307; derselbe, haubtspr. (1663) 140; 154; 221; 284; als mit dem kriegswesen die frembde wörter eingeschleifft worden, als marchieren vor auffbrechen oder fortziehen, bataille vor schlachtordnung Zinkgref-Weidner apophthegmata (1653) 1, 209; Stieler stammb. (1691) 38; Kramer t.-ital. 2 (1702) 1395ᶜ; es drangen sich ihr (der deutschen sprache), zu so manchen neuen begriffen, auch unzählige fremde worte nöthiger und unnöthiger weise mit auf Göthe I 27, 72 W. seltener dafür auch ausländische wörter, im späten 17. und im 18. jh.: wobey sich menigklich mintlich vnd in teutscher sprach ohne einfuͤhrung ainig auszländisches worts beklagen vnd verantworten kunte Brandis d. tir. adlers immergrünendes ehrenkränzel (1678) 117; Stieler stammb. (1691) 9; dasz man heute zu tage eine menge ausländischer wörter und redensarten ins deutsche menget Gottsched dt. sprachkunst (⁵1762) 17. erst um 1820 kommt die heute allein übliche zusammensetzung fremdwort auf, die Jac. Grimm noch nicht geläufig zu sein scheint, da er sie teil 4, 1, 1, 131 ohne nachweis verzeichnet, vgl. auch: die neigung der sprache, das i in e zu verdünnen, erweist sich auch an fremden wörtern, aus missa wird messe (1819) Jac. Grimm an Lachmann in: briefw. 1, 24 Leitzmann: so dasz nach jahrhunderten die aus unsern forttreibenden wurzelwörtern aufgegangne waldung die nur als flugsame aufgekeimten fremd-wörter ersticken und verschatten musz Jean Paul Hesperus (³1819) vorr. 8 (neben fremdlinge ebda). schon im gleichen jahre auch in der zusammensetzung fremdwörterbuch, die bei Heyse seit der 4. auflage (1824) auch im titel seines bis dahin als 'verdeutschungswörterbuch' betitelten werkes erscheint, während Fr. Erdm. Petris seit 1804 erschienenes fast gleichtiteliges werk sich schon 1823 (4. auflage) in 'gedrängtes handbuch der fremdwörter' umbenennt: 'wozu aber' — möchte mancher fragen — 'wozu überhaupt noch ein solches fremdwörterbuch bei dem ... streben der besten deutschen schriftsteller unserer sprache immer mehr selbständigkeit und reinheit zu geben? (1819 im vorber. z. 3. ausgabe) J. Chr. Heyse fremdwörterb. (⁵1829) vii; so dasz sich die zahl der neu hinzugekommenen fremdwörter auf 5000 beläuft (1824) Heyse ebda xii; daneben fremdlinge ebda v f.
3)
in der anwendung auf ein bestimmtes, ausdrücklich genanntes einzelwort, vor allem im blick auf seine bedeutung, seine sinngrenze, seinen inneren gehalt u. ä.
a)
gramma litera dicitur chrehisc uuort pôhastap caqetan (Pa); crefisc uuort pohstap kiquetan edho so kinemnit (K) ahd. gl. 1, 160, 31 St.-S.; daz wort ('al magalan') ist gesamnet auz hebraischen worten Konrad v. Megenberg buch der natur 271 Pf.; denn 'remes' auff ebreisch heist alles, was da kreucht und schleicht, wilchs ich gewürm heysse, wie wol das wort zu enge ist Luther 19, 382 W.; hier haben wir auch den uhrsprung unsers wortes laster Ph. Zesen rosenmând (1651) A 4ᵇ; auf diesem gipfel sei es das letztemal, dasz ich das wort trennung vor dir ausspreche Göthe I 24, 10 W.; welcher miszbrauch und irrthum liegt hier im worte vertreten und in dem worte recht Stifter s. w. 16 (1927) 100, 20.
b)
in nachdrücklichem, besonders in gehobenem oder affektbetontem gebrauch: welche fülle von empfindungen umfaszt doch das einzige wort: erwachen! maler Müller w. (1811) 1, 15;
der erde paradies und hölle
liegt in dem worte weib
Seume ged. (1804) 125;
und dennoch sagt der viel, der 'abend' sagt,
ein wort, daraus tiefsinn und trauer rinnt
wie schwerer honig aus den hohlen waben
Hofmannsthal ged. u. kl. dramen (1911) 12.
besonders mit adjektivischem attribut:
friundîn dast ein süezez wort
Walther v. d. Vogelweide 63, 24; vgl. 14, 6; 73, 28;
da Charlottchen zuerst das süsze wort mutter lallte Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 19; das grosze wort simplicität bezeichnet alles, was mich zum manne machen sollte Solger nachgel. schr. (1826) 1, 14; das rechte wort oder, in gleichem sinne, einfach das wort wie engl. the word bei Murray s. v. word II 12 e: ich erschrecke nicht. das ist nicht das rechte wort Fontane ges. w. (1905) I 5, 76; es ist nicht erkrankung, es ist nicht schmerz: ... schwere ist das wort, ihr kinder Gerstenberg Ugolino 237 Hamel; lebensgier! das ist das wort W. Raabe unruhige gäste (⁴1900) 192. betont einschränkend als das, ein bloszes wort vor dem unausgesprochenen gegensatz von wort und wirklichkeit, wie er unter I E 6 b ausgebildet ist: ich hatte ... noch keine berge gesehn, und das blosze wort gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, war meinem kindischen ohr ein fürchterlicher ton gewesen Tieck schr. (1828) 4, 148;
seit dreiszig jahren hast du gepredigt vor scharen
wer steht nun hinter dir? 'kein einzelner — die welt'.
o lehrer dann hieltest du besser die türen geschlossen
du hast für nichts gewirkt als für ein bloszes wort
Stefan George d. neue reich (o. j.) 111.
c)
in neueren formeln: im rechten verstand, im eigentlichen, vollen, strengen sinn des wortes u. ä. von der voraussetzung aus, dasz die bedeutung eines wortes vielfältig, dehnbar oder wandlungsfähig sein kann: wer als entdecker oder erfinder eine gewisse höhe erreicht hat, ist ein edler. damit man diess wort ja im rechten verstande nehme Klopstockgelehrtenrepubl. (1774) 20; er zieht sich auf ein dorf im Elsasz zurück, wo er den acker baut. und er musz das bald im eigentlichsten sinne des wortes thun Dahlmann gesch. d. frz. rev. (1845) 59; es gibt kein schönes im vollen sinne des wortes auszer der kunst Solger vorl. üb. ästh. (1829) 1, 6; so war Brigitta im strengen sinne des wortes ganz allein mit ihrem kinde Stifter s. w. 3 (1911) 239; im üblen wie im guten sinne des wortes Holtei vierzig jahre (1843) 1, 7.
d)
wort im sinne von 'gültiger ausdruck, zureichende bezeichnung', vor allem in der wendung für etwas ein, kein wort haben: der Deutsche hat für den complex des daseins eines wirklichen wesens das wort gestalt Göthe II 6, 9 W.; auch die Abiponen besitzen kein eignes wort für das jungfräuliche weib Peschel völkerkde (1874) 229. von hier aus auf einen erweiterten zusammenhang übertragen, soviel wie 'ausdrucksmöglichkeit': viele meinten zwar, einen Faust könne man überhaupt nicht komponieren; denn für das friedlose ringen nach erkenntnis besitze die musik kein wort. allein wenn die musik auch kein wort hat für solches ringen, so besäsze doch die poesie des textes das wort dafür W. H. Riehlmusik. charakterköpfe ⁸1, 355.
B.
die verbindungen von wort zu wort, wort für wort u. ä., älter in gleichem sinne bei einem wort finden ihre anwendung auf das ganze einer bestimmten zusammenhängenden rede, in der wort als kleinstes selbständiges glied erscheint; entsprechend lat. e verbo, de verbo, pro verbo, ad verbum, verbotenus 'wörtlich, wortgetreu'. von wort zu wort: nach spärlicher mhd. bezeugung (s. u. 1 a) im frühnhd. des 15. jh. schon formelhaft verbreitet und so noch bis tief ins 19. jh. hinein gebräuchlich. seit der mitte des 18. jh. neben wort vor (für) wort und in jüngster sprache von dieser formel verdrängt. in einer reihe meist älterer formvarianten mit flexionsendung: von worte ze worte (1401) bei SchmollerStraszb. tucherzunft 20; vgl. 50; 59; (1444) lehns- u. besitzurkd. Schlesiens 2, 259; (1634) bei Gaedeke Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 235; von wort zu worte (anf. 15. jh. obd.) Diefenbach gl. 612ᵇ; Hermann v. Sachsenheim 90 Martin; (ca. 1600) v. Brandis gesch. d. landeshauptleute v. Tirol 54; A. G. Kästner verm. schr. (1775) 1, 224; vom wort zu wort Döpler theatr. poenarum (1693) 379. pluralisch in beiden gliedern oder im ersten glied: von worten allez gar zu worten (14. jh.) bei Schönbach mitt. a. altdt. hss. 6, 157; van woͤrden to woͤrden (1405) Hans. urk.-b. 5, nr. 696; von worten zu worten (1525) chron. d. stadt Bamberg 2, 229 Chroust; J. v. Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 82; von wort zu wortten (1529) bei Lori baier. bergr. xlvii; d. fürstenthums Wirtemberg neue landsordn. (1536) e 2ᵇ; v. Brandis a. a. o. 24. ungewöhnlich: mit worten czu worten (15. jh. md.) Diefenbach gl. 612ᵇ; eyn wort czu wort (15. jh. md.) ebda; zuͦ wort zuͦ wort erste dt. bibel 2, 471 Kurr.; von und zu wort (Graz 1617) bei Frauenholzentw.-gesch. d. dt. heerwesens 3, 1, 142. in jüngerem gebrauch verkürzend: wort zu wort allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 11; M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 4, 2, 153; Fr. Kind ged. (1817) 2, 295. wort vor wort und wort für wort seit der mitte des 18. jh.; früher gelegentlich, von ähnlicher ausgangsvorstellung her, wort auff wort Boltz Terenz (1539) A 2ᵇ; wort um wort Frisius dict. (1556) 1059ᵇ. wort vor wort (Dusch verm. schr. [1758] 72) scheint kaum älter als wort für wort ([1776] Herder 7, 7 S.), das sich im lauf des 19. jh. als alleingültig durchsetzt; Göthe bevorzugt noch die erste form, vgl. I 22, 169 W.; 25, 101; 29, 184; II 2, 138. bei einem wort, wohl in unmittelbarer anlehnung an lat. ad verbum, s. u. 4.
1)
im blick auf den genauen wortlaut einer aussage oder eines textes.
a)
allgemein 'in vollem wortlaut, wörtlich genau':
mit ainem brieff, als sie denn tuond,
daran von wort zuo worte stuond
die urtail, clag und widerwort,
als man von baid partien hort
Hermann v. Sachsenheim d. mœrin 1368 Martin;
Eszdras ... konte die fünff bücher Moysis auszwendig, und selbige von wort zu wort den schreibern in die feder dictiren Grimmelshausen Simpl. 115 Scholte; weil ich besonders gewisse diaria (aus akten) unmöglich sogleich von wort zu wort habe einnehmen können Göthe IV 11, 160 W. etwa 'von anfang bis zu ende': es sullent alle jor der meister und die fünfmanne ... dis buͦch von worte zuͦ worte überlesen, uf das sü sich wissent darnoch zuͦ rihten (1437) bei SchmollerStraszb. tucherzunft (1879) 50;
zu hören da von wort zu wort
ein comedi und lieblich gedicht
Hans Sachs 1, 53 lit. ver.;
so hatte der schulrat gelegenheit, den brief noch einmal wort für wort durchzulesen quelle a. d. j. 1937. in der genauen weitergabe eines empfangenen berichtes oder eines gespräches, in der genauen aufnahme des gesprochenen durch das ohr:
ich sait jr wie ez gegangen waz
was ich gehört het vnd gesechen
vnd wie der ritter het veriechen
vnd vnsern krieg (wortstreit) von wort ze wort
liedersaal 1, 219 Laszberg;
ich hab es ja wohl zwanzigmal schon erzählt, wort für wort, wie ichs von Trim weisz J. J. Chr. Bode Tristram Schandi (1774) 3, 133; er ... berichtete ihm wort für wort sein gespräch mit Semen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 51. besonders von der situation des heimlich lauschenden her:
derselbig het von wort zu wort
diesen anschlag haimlich gehort
Hans Sachs 22, 307 lit. ver.;
aber der ofen hatte oben ein loch, da lauerte ihr der könig zu und vernahm ihr schicksal von wort zu wort kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 24. die verbindung wort für wort wird gelegentlich als accusativobject behandelt: umdrängt von zuhörern, die wort für wort von seinen lippen fingen, sprach er Herm. Grimm Michelangelo (1890) 1, 99.
b)
vor nachfolgender wörtlicher zitierung, in formelhaftem gebrauch namentlich älterer sprache: welke breff ludde van woͤrden to woͤrden alduͦs (Dorpat 1405) hans. urk.-buch 5, nr. 696; in crafft eins gemeinen mandats von uwern gnaden vssgangen von wort zuͦ wort also lutende Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) S 5ᵃ; (ein sicherer rezess,) welcher von wort zu wort also lautet (1684) urk. d. groszen kurfürsten bei R. Schück Brandenb.-Preuszens kolonialpol. 2, 232; als Esau ... wort vor wort, ablas, wie folget Cramer Neseggab (1791) 2, 26.
c)
zur kennzeichnung der wörtlichen übereinstimmung zweier texte: hie sihistu, das Paulus und Lucas schier von wortt tzu wortt ubereyn kommen Luther 8, 507 W.; der, in abschrift beigelegt, mit dem bei den räubern gefundenen wort für wort übereinstimmte Langbein s. schr. (1835) 31, 58; es (das testament) lautete wort für wort, wie das erste Stifter s. w. 5, 1 (1908) 136.
d)
in literarischem gebrauch, bei wortgetreuer zitierung: anzeigung vnd verwerffung der irthumb Martini Luther, ausz dem buͦch von dem miszbrauch der mesz, von Johan. Dietemberger von wort zu wort gezogen Dietenberger wid. d. unchr. buch Mart. Luthers (1526) A 3; ich hoffe, ihnen ... einen gefallen zu erzeigen, wenn ich hier das codicill von wort zu wort einruͤcke Rabener s. schr. (1777) 2, 276. zur kennzeichnung literarischen diebstahls: eines andern erfindung von wort zu wort nachklecken, ... ist kein thun eines ehrlichen mannes Birken d. verm. Donaustrand (1684) vorr. 7; diese erklärung ist von wort zu wort aus dem deutschen Pernety abgeschrieben Lessing 10, 255 L.-M.
e)
in verbindung mit vorsprechen, nachsprechen, auswendig lernen u. ä.: es sollen ... umb der kinder und ander einfeltigen unwissenden leute willen, von wort zu wort fürgesprochen werden die zehen gebot, vater unser und die artickel des glaubens Luther 26, 231 W.; der cantzley-schreiber ... lase mir folgende puncte vor, die ich von wort zu wort nachsprechen, und alles teutsch und articulat ausreden muste Stranitzky ollapatrida 111 ndr.; da er sie (die rolle) mir wort vor wort vorsagte Göthe I 22, 169 W.; dasz jr auch von wort zu wort auszwendig lernet dasz 15. capitel der 1. epistel zu den Corinth. Sarcerius hirtenbuch (1566) 150.
f)
'in jedem wort', wo eine aussage, ein text in allen einzelheiten und einzelteilen gemeint ist: doch die schickung des buͦchs seiner schrift douon vns zuͦ wort zuͦ wort nicht bedeút wirt: auff das geding, daz den vnwissenhaften die begerung ersuͦchen werd gegeben erste dt. bibel 2, 471 Kurr.; wollten wir, wie bisher meist geschehen, wort vor wort mit dem verfasser controvertiren; so würden wir uns ... nur wiederholen müssen Göthe II 2, 138 W.; meine frau berichtet wort für wort die reine wahrheit Holtei erz. schr. (1861) 3, 238. auf die annahme oder bestätigung eines in allen einzelheiten rechtsverbindlichen vertragstextes angewendet: ich swere, das ich den fridlichen anstand ... von worten zu worten annemen (will) (1525) chron. d. st. Bamberg 2, 229 Chroust; in Frankfurt sah sich der rath genöthigt, die ihm von der gemeine vorgelegten artikel von wort zu wort anzunehmen Ranke s. w. (1867) 2, 141.
2)
ins sachliche, inhaltliche erweitert, nicht eigentlich vom wortlaut, 'im ganzen umfang, in allen einzelheiten, vollständig, genau': zu dem gingen seine burger und legten im die sach fur von wort zu wort (15. jh.) chron. d. st. Bamberg 1, 31 Chroust;
von seim schuͦlmeister ich selb hort;
sagt mir die ding, von wort zuͦ wort
(das schändliche leben meines sohnes)
Wickram w. 6, 269 Bolte;
(Tasso:) o ja, erzähl, erzähl von wort zu wort!
und kannst du jede silbe, jede miene
vor diesen richter stellen, wag es nur!
Göthe I 10, 163 W.;
die gute frau erzählte nun allen, ... von wort zu wort, was ihr begegnet war Grimm dt. sagen (1891) 2, 153.
3)
als vorwiegend älterer terminus für die wortgetreue, wörtliche übersetzung aus einer sprache in die andere, vgl. lat. verbum e (de) verbo exprimere, verbum verbo reddere, verbum e verbo: das wolt ich also dolmedschen. nemet, esset diesen meinen leib, der fur euch gebrochen wird, das muste von wort zu wort recht verdolmetscht sein, on das ich ein kleins pünctlin uberhüpffet Luther 26, 473 W.; von wort zu wort verteutschen Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 1056; dasz zwar das deutsche angeführtermaszen aus dem lateinischen übersetzt ist, aber nicht von wort zu worte. vielmehr hat der deutsche übersetzer hier und da die fabeln zierlicher, mit einigen kleinen umständen ausgeputzt, zu erzählen gesucht Kästner verm. schr. (1755) 1, 224; in den stellen selbst, die er wort zu wort aus dem englischen übersetzt M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 4, 2, 153.
4)
bei einem wort, lat. ad verbum nachgebildet, statt von wort zu wort in gelegentlichem gebrauch des 16. und 17. jh.: ad uerbum bey eim wort, von wort zu wort Alberus nov. dict. (1540) 30ᵇ;
ich wils wol (die kosten der zeche) schryben an ein ort,
da wirs als findend by eim wort
H. R. Manuel d. weinspiel 1306 ndr.;
dasz sie alles, was sie einmal gehöret oder gelesen, bey einem wort nach-reden mögen Grimmelshausen Simplicissimus 115 Scholte.
C.
zahlreiche andere feste oder redensartliche verbindungen mit wort im sgl. oder plur. gründen deutlich in der sprachlichen vorstellung von wort als dem einzelnen lautgebilde, das gezählt oder gemessen werden kann; sie reichen aber von dorther insofern in den bereich I hinüber, als ihre anwendung fest an den hintergrund zusammenhängender rede gebunden bleibt (vgl. die ähnliche verwischung der grenzen o. I D 2). der plural begegnet darum hier in der form worte, nicht als wörter.
1)
in den negativen verbindungen kein wort, nicht ein wort, ohne ein wort u. ä., in positivem gegensinne auch jedes wort.
a)
kein wort, nicht ein wort antworten, sprechen, reden usw. 'völlig schweigen', in frühestem gebrauch und bis heute durchstehend, vgl. schon: jah ni andhof imma wiþra ni ainhun waurde (οὐδὲ ἓν ῥῆμα) got. bibel Matth. 27, 14;
sus saz si nâch ir leide, daz ist alwâr,
nâch ir mannes tôde wol vierdehalbez jâr,
daz si ze Gunthêre nie dehein wort gesprach
Nibelungenlied 1106, 3 B.;
ora tenere das maul zuͦhaben, schweygen, nit ein wort reden Frisius dict. (1556) 1299ᵇ; er sagt kein wort egli non dice parola Kramer t.-ital. 2 (1702) 1394ᵇ; eine tochter, die mutter jugendlich darstellend, sprach kein wort (bei einer tischgesellschaft) Göthe I 33, 3 W.;
alles konnte Böck ertragen,
ohne nur ein wort zu sagen
W. Busch Max und Moritz (1865) 18;
aber sogleich war auch sein entschlusz gefaszt, ohne ein wort zu verlieren, die beiden soldaten ... von hinten zu fassen A. v. Arnim s. w. (1853) 15, 141. in elliptischer befehlsform 'schweig': kein wort mehr B. Mayr päckchen satiren (1769) 8; nichts mehr. kein wort mehr Schiller 3, 9 G.; Fischer schwäb. 6, 959. ohne (ein) wort 'schweigend', andersartigen verben zugeordnet:
und warf ihn aus dem fenster ohn ein wort
Gaudy s. w. (1844) 2, 15;
ein weiszhaariger hüter des hauses öffnete mir still ... und verschwand geräuschlos und ohne wort wie ein gespenst quelle a. d. j. 1935. mit verstärkendem attribut:
'ichn wil niht mer von dirre stunt
mit ir reden ein halbes wort'
Koloczaer cod. altdt. ged. 261, 592 Mailath-Köffinger;
ohne ein einiges wort zu verlieren Kramer t.-it. 2 (1702) 1395ᶜ; ohne ein stummes wort des beweises Herder 3, 473 S. auf die sprechfähigkeit bezogen 'nicht sprechen können', vgl. schon:
nûne mac si (die zunge des toten) nicht fur bringen
daz wort noch die stimme
Heinrich v. Melk von des todes gehugde 615 Heinzel-K.;
ir (der eltern des kindes) enwederz enkunde
einic wort gesprechen (vor trauer)
Hartmann v. Aue armer Heinrich 883 Wackernagel;
konte weder gehen noch stehen, noch ein wort machen, so hatte ihn das gericht gottes verstricket 3. Makkab. 2, 21 in: biblia teutsch Nürnberg 1662; Therese war über diese erscheinung so bestürzt, dasz sie kein wort zu sprechen vermochte Langbein s. schr. (1835) 31, 12.
b)
in den gleichen oder verwandten verbindungen wie unter a (von, über etwas) nicht ein, kein wort sagen usw., mit ausdrücklicher oder zu ergänzender inhaltlicher bestimmung, 'etwas verschweigen, sich über etwas ausschweigen': du ... mir nicht ein wort gesagt noch vrlaub gebeten hast engl. com. u. trag. (1624) A 8ᵃ; ohne jemand ein wort davon zu sagen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1394ᵇ; dasz ich recht bösz auf sie binn, dasz sie mir nie ein wort gesagt haben was für ein liebenswürdiges frauenzimmer sie ist Göthe IV 1, 147 W.; wolte aber doch keinem menschen, im geringsten wort etwas hiervon vertrawen M. Brandt Phoenicia (1595) B 4ᵃ; der auffallendste beweis war, dasz in der groszen menge Londner zeitungen ... seiner annalen mit keinem worte gedacht wurde Archenholz Engl. u. Ital. (1785) 1, 1, 198. in der vorstellung von der überflüssigkeit oder zwecklosigkeit des redens wurzelnd: über das liebe fräulein ... verliere ich weiter kein wort hierbei W. Raabe unruhige Gäste (⁴1900) 90. in dieser verbindung auch spezieller: ich werde kein wort mehr verlieren nihil oro, nihil precor Serz teutsche idiotismen 179ᵃ.
c)
mit anderem präpositionalobjekt: ich sage, Christus fleisch sey aus fleisch geboren, da las es bey bleiben und mucke kein wort da widder Luther 26, 350 W.; niemand hatte in Deutschland ein wort dagegen zu erinnern Zimmermann üb. d. einsamkeit (1784) 1, viii; sie selbst hatte nie ein wort mit ihr gesprochen Kahlenberg Eva Sehring (1901) 9.
d)
kein wort, jedes wort als kleinster teil eines sprachganzen oder einer zusammenhängenden rede genommen.
α)
eigentlich, oft in hyperbolischem sinne:
das undir in decheinir dort
virstuͦnt des andern sprache ein wort
(bei der babylon. sprachverwirrung)
Rudolf v. Ems weltchron. 1319;
zwar verstand ich kein wort griechisch E. M. Arndt s. w. 1, 51 R.-M.;
singen und lesen tag und nacht
hat mich und ander schier toub gemacht,
hand des nit ein wort verstanden
N. Manuel 7 Bächtold;
so erkennet jr ja, das kein wort des herrn ist auff die erden gefallen, das der herr geredt hat wider das haus Ahab 2. kön. 10, 10; vgl. 1. Sam. 3, 19; Josua 23, 14; Wilhelm war überzeugt, es sei kein wort seiner geschichte auf die erde gefallen Göthe I 21, 29 W. besonders: ein freund teuscht den andern, vnd reden kein war wort Jer. 9, 5; es ist kein wordt war, dasz mein sohn die armee nicht hatt ahnnehmen wollen (1676—1706) Elis. Charl. v. Orleans briefe 475 Holland;
was ich dagegen antzubringen habe,
herr richter? ei! mit euerer erlaubnisz,
dasz sie kein wahres wort gesprochen hat
Heinrich v. Kleist w. 1, 370 E. Schmidt;
der könig glaubte kein wort mehr von den glatten schmeichelreden quelle a. d. j. 1897; beide ... waren in der kirche ... und folgten jedem worte des geistlichen Fontane ges. w. (1905) I 6, 378.
β)
erweitert in der übertragung auf einen nicht sprachlichen, einen sachlichen zusammenhang, wobei kein wort soviel bedeutet wie 'nichts', besonders von etwas nicht ein wort, kein wort wissen oder verstehen: satzungen vnnd ordnungen ..., darvon Christus nit ein wort gewuszt Fischart binenkorb (1588) 1ᵇ;
ein wandersmann, der nicht ein wort
vom Apis der Ägypter wuszte
Pfeffel poet. vers. (1812) 1, 14;
er: ihr gabt stunden in der mathematik.
ich: ohne ein wort davon zu verstehen
Göthe I 45, 40 W.
freier wohl in gleichem sinne:
nun folgt er (der sohn) mir (dem vater)
nicht umb ein wort (nicht ein biszchen)
(1613) Spangenberg-Fröreisen griech. dramen 2, 171 lit. ver.;
er fühlt sich so sehr als der unfehlbare, grosze mann, dasz ich ihn kein wort wieder fragen werde, wo ich nicht absolut musz (1873) Müllenhoff briefw. 245 Leitzmann.
2)
ein wort in einer reihe von verbindungen, in denen ein mindestens ursprünglich als zahlwort gedacht ist und wort als zählbare grösze behandelt wird. wort kann hier sowohl im sinne eines tatsächlichen einzelwortes wie namentlich in der bedeutung einer kurzen ausführung oder mitteilung gemeint sein (s. o. I A 4), deren kürze dadurch ausdrücklich hervorgehoben wird.
a)
auf ein wort, noch ein wort, älter auch blosz ein wort, als aufforderung, eine kurze mitteilung entgegenzunehmen, auch mit dem nebensinn des vertraulichen: das ich hye an der porten sey unnd begere, das sye ein wort zuͦ mir kummen woͤlle Wickram w. 1, 180 Bolte;
hört mich ein wort, hört doch ein mal!
(1590) Rollenhagen spiel v. reichen manne 11 Bolte;
marquis! auf ein wort! Klinger w. (1809) 1, 182;
doch seht, sie kehrt sich um: frau schwester, noch ein wort,
ein wort!
Gellert s. schr. (1839) 1, 161;
schweizerisch uf as wôrt: chumm noch uf as wôrt us, e dan geist 'komm noch, bevor du weg gehst, einen augenblick hinaus, dasz wir abseits (unter vier augen) kurz was reden können' Bühler Davos 1, 210.
b)
anders auf ein wort, von da aus auch aufs wort soviel wie 'augenblicklich, sofort', s. auch ob. I F 3 a:
dasz einer seinem tod getrost entgegengehet,
folgt dem verhengnüs gern, ist fertig auf ein wort,
denn wer sich lange sperrt, musz eben wol doch fort
Rachel satyr. ged. 83 ndr.;
er giebt auf ein wort uno sermone quo velis possis perducere Serz teutsche id. 179ᵃ; sie hülft sich wie sie kann; verliert aufs wort, borgt bald dort, bald da Kretschmann s. w. (1784) 3, 5. in der sonst zu I F 3 a gehörenden verbindung: die letzte eigenschaft glaubte ich ihm gleich aufs wort Castelli s. w. (1844) 10, 17. in der redensart aufs wort gehorchen.
c)
nur ein wort (zu sagen brauchen) u. ä.: etwan wenn die vernunfft numen (nur) ein wort zu inn spricht, glych gesitzen sie all, und sint ir gehorsam Geiler bilgersch. (1512) C 2ᵈ; du darfst nur ein einziges wort sagen in hoc negotio nulla tua nisi loqvendi cura est Stieler (1691) 2576;
es kostete ein einzig leichtes wort,
um augenblicks des dranges los zu seyn,
und einen gnädgen kaiser zu gewinnen
Schiller 14, 309 G.;
Hügel Wien 191.
d)
in der kennzeichnung des zuviel gesagten auf den kleinsten teil eines gröszeren redezusammenhangs zielend: wie ich denn auch versichert bin, daz keinem redlichen manne durch das gantze werckgen mit einem worte zu nahe getreten Riemer polit. maulaffe (1679) vorr. ):( 10ᵃ; und wenn vorige nacht ein wort zu viel gesprochen wäre, so sollte das zurückgenommen sein W. Raabe unruhige gäste (⁴1900) 78; vgl.e wort zu viel reden = jem. beleidigen Müller-Fraureuth 2, 680ᵃ.
e)
mit einem wort 'aufs kürzeste': tribus uerbis er hetts mit eim wort ausgericht Tappius adag. cent. sept. (1545) P 8 α. auch 'ohne drumherumreden, rundheraus': kauffher waz sol der propheten beer eins gelten mit einem wort (1515) Eulenspiegel 54 ndr.; zuletzt verlangte er den preis des edelsteins mit einem worte zu wissen Göthe I 43, 198 W.
f)
die gleiche verbindung auf ein bestimmtes, ausdrücklich genanntes einzelwort oder eine wörtlich angeführte kurze äuszerung bezogen.
α)
etwas mit einem wort nennen: zum distilliren werden innsonderheyt zwey gefäsz erfordert, welche man mit eynem wort vnd inn gemeyn möchte den alembick nennen Sebiz feldbau (1579) 401; der unterricht ... wird mit einem worte poetik genannt Eschenburg entw. e. theor. u. lit. der schönen wissenschaften (1783) 51; sie war, was ich mit einem worte eine anempfinderin nennen möchte Göthe I 21, 169 W.
β)
geläufig in der elliptischen formel mit einem wort, die einen ausdruck oder eine kurze aussage als schluszglied voraufgegangener äuszerungen im sinne der zusammenfassenden verdeutlichung, pointierung oder verstärkung kennzeichnet: 'um es ganz kurz, um es ganz deutlich zu sagen', auch 'geradezu'. auf ein einzelwort bezogen oder eine folge weniger worte, in der ein einzelnes wort im mittelpunkt steht:
ich bin und bleib sein feind hinfort
bisz in den tod, mit einem wort
(1608) Spangenberg-Fröreisen griech. dramen 2, 109 lit. ver.;
mit einem wort frau mutter: ich bleibe ... nicht Chr. Reuter Schlampampe 102 ndr.; ich habe sie (anrede) gesehen (im traum), ich war bey ihnen, wie es war, das ist zu sonderbaar als dass ich es ihnen erzählen möchte. alles mit einem wort, sie waren verheurahtet. sollte das wahr seyn? (1769 an Käthchen Schönkopf) Göthe IV 1, 219 W.; schreckhaft, nervös, bodenscheu — nichtsnutz mit einem worte M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 63. auch vor relativ längerer aussage, die nicht mehr von einem einzelwort her ihr gewicht empfängt: dann ich wurde am leib mager, am verstand untüchtig und stumpff, von kräfften schwach, von farb bleich, von humeur melancholisch und mit einem wort allerdings so elend, wie die erst obengedachte unglückselig-verliebte zu seyn pflegen Grimmelshausen 2, 516 Keller; mit einem worte, man suchet eine bestimmte, charakteristische, in exempeln kenntliche und zum leben brauchbare vorstellung von dem, was darzu nöthig ist, dasz wir die wirkliche ausübung dessen, was wir thun sollen, in uns und andern veranlassen und fördern Crusius kurzer begriff d. moraltheologie (1772) 1, 21; warum ist er besser unterrichtet, mit einem wort, warum hast du mir nicht geschrieben? R. M. Rilke ges. w. (1927) 6, 110.
3)
mit anderen zahlwörtern verbunden meist zwei oder drei worte, um hyperbolisch eine ganz kurze aussage oder redeweise zu kennzeichnen: meulet ein wort odder zwey die helfft und heists denn ein antwort Luther 26, 350 W.; etwas mit zwey worten abfertigen Adelung vers. 5 (1786) 293; dasz es sich lohnt, mit zwei worten darauf einzugehen A. Hübner kl. schr. (1940) 43. mit zwei worten wie mit einem wort unter 2 f β: mit zwey worten: Young schilderte leidenschaften; Schakespear das mit leidenschaften verbundene sentiment Gerstenberg schlesw. lit.-br. 115 lit.-denkm.;
dasz er drey wort nicht reden kan
Scheit Grobianus 4630 ndr.;
eim drei wort sageⁿ ausschelten, derb die meinung sagen Martin-Lienhart elsäss. 2, 859ᵇ; vgl. Follmann lothring. 549ᵃ. anders zwei oder drei worte wie singular. wort unter I A 6 im sinn einer äuszerung zu einem bestimmten thema, einer programmatischen erklärung u. ä., in titeln von broschüren, flugschriften u. dgl.: E. M. Arndt zwey worte über die entstehung und bestimmung der teutschen legion (1813) titel; drei worte zur kurhessischen verfassungsurkunde (1831) titel. zahlwortverbindungen dienen dazu, den gegensatz kurzer und langer rede zu charakterisieren:
(der dichter redet den Grobianer an:)
... brauch ein weitläuffig manier,
vnd mach ausz einem wort wol vier
Scheit Grobianus 4598 ndr.; vgl. 482;
und das leid ich nicht, sagte der schneider, und der gesell musz fort. da ist ein wort wie hundert! ja, sagte die schwarze; ein wort von dir ist nix, und hundert sind auch nix O. Ludwig ges. schr. 2, 377 Schm.-St.; vgl. da is ee wort soviel wie tausend! zusatz zu einer abweisung Müller-Fraureuth obersächs. 2, 680ᵃ; Mensing schlesw.-holst. 5, 687; Fischerschwäb. 6, 960.
4)
mit anspielung auf die stellung des wortes im zusammenhang der rede: erstes, letztes, zweites, drittes wort u. ä.: und wenn wir gleich nur die ersten drei wort im glauben hätten: „ich gläube an gott vater“, so sind sie doch weit uber unser vernunft Luther tischr. 1, 51 W.;
(er) hält sich beim ersten worte kaum,
die rednerin zu unterbrechen
Wieland s. w. (1853) 11, 188;
er ... wartet aufs letzte wort sein lob aus maler Müller w. (1811) 1, 71. das erste wort, das ich höre bei einer überraschenden mitteilung, vgl. Serz teutsche idiotismen (1797) 179ᵃ: Franz: du weist vielleicht nicht, dasz Karl so gut als enterbt ist? Hermann: unbegreiflich, das erste wort, das ich höre Schiller 2, 62 G.; blitz, hagel, stral, teufel und hexen waren sein anderes wort Bräker s. schr. (1789) 2, 91; aber so was seht ihr nicht, und 'figur' und 'stattlich' ist immer euer drittes wort Fontane ges. w. I 5 (1905) 146.
5)
geläufig auch seit alters in verbindung mit attributen, die eine unbestimmte zahl oder menge ausdrücken.
a)
wenige, ein paar, einige worte von kurzer rede: im ... dise wenige züchtige wort zuͦ herczen gingen Arigo decamerone 49 Keller;
ey sagt mit wenig worten
wie euch gefellt die weisz (meine art)
Voigtländer oden u. lieder (1642) 26;
nur wenig worte denn die post geht Göthe IV 8, 5 W.; er wolte ihr auff ein paar wort auffwarten Chr. ReuterSchlampampe 21 ndr.; der anblick dieses mädchens nebst ein paar worten, die sie sprach Bauernfeld ges. schr. (1871) 1, 16; und jetzt nur einige worte Göthe IV 27, 15 W. in titeln von flugschriften, broschüren u. ä.: einige worte über das Bremische theater (1803) titel; ein paar worte zur ehrenrettung unserer deutschen Martiale (1797) titel. in bestimmten verbindungen zur umschreibung der wortkargheit als einer menschlichen charaktereigenschaft (im gegensinne s. b γ): brachyologus, breuiloquus der wenig wort macht Alberus nov. dict. (1540) g 4ᵇ; Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1040; so wird er höchst anziehend, wenn er gleich wenig worte macht Göthe I 25, 1, 274 W.; der alte apotheker ... zeigte sich zuerst als ein mann von wenig worten Carossa doktor Bürger (1930) 48.
b)
viele worte.
α)
zur umschreibung ausführlicher, wortreicher rede, vgl. schon: multis sermonibus manakem uuostum (sic) (K.) ahd. gl. 1, 208, 18 St.-S.; Tatian 196, 5;
bey jhr bedarff es nit viel worte,
was jhr ist, ist nicht minder mein
Opitz teutsche poemata 131 ndr.;
(sie) beklagte mit vielen worten die schande, die dadurch auf die familie gekommen Göthe I 21, 67 W.
β)
gern sprichwörtlich und mit üblem nebensinn, in ausdrücklichem oder unausgesprochenem gegensatz zum bereich des menschlichen handelns wie in den prägnanten anwendungen unter I E 1 b und 2:
wo vil wort sind, ist nichts darhinder
Hans Sachs 19, 285 lit. ver.;
Spanutius (1720) 539; bey vielen worten sind wenig thaten Petri d. Teutschen weish. (1605) 2, L 1ᵇ; viel wort nicht gut fuͤrn hunger sind Eyering prov. copia (1601) 3, 227.
γ)
besonders in bestimmten verbalverbindungen: viel worte machen, älter auch treiben, entsprechend dem prägnanten gebrauch unter I D 2 a α, bedeutungsmäszig nuanciert und mit einer gewissen neigung zu üblem beisinn: vnd wenn jr betet, solt jr nicht viel plappern, wie die heiden, denn sie meinen, sie werden erhöret, wenn sie viel wort machen Matth. 6, 7; achte gar unnoͤthig viel worte von selbigem zu machen Lohenstein Ibrahim Sultan (o. j.) a 4ᵃ; wie es denn ihm freilich überhaupt widerstrebt, von seinem persönlichsten inneren gemütsleben viel worte zu machen Meinecke Boyen (1896) 1, 69;
und (er) trib vil wort im selben buͦch
mit schelten und mit argem bsuͦch
wider ein barfuͦssen
Murner v. d. fier ketzeren s. 14, v. 355 Fuchs;
gelegentlich: er kramte viel worte aus über zeichnung, ton, kolorit, ich hörte ihn nicht E. T. A. Hoffmann s. w. 2, 89 Gr. 'umstände machen':
mach nit vil wort,
vnd schneid ein guͦte portz daruon (beim essen)
Scheit Grobianus 718 ndr.
'aufhebens machen':
A.: auszlachens musz ich schaͤmen mich,
ja, spott und schmach musz dulden ich.
T.: ach herr, enthalte dich hinfort
und mach doch hievon nicht viel wort
Spangenberg-Fröreisen griech. dramen 2, 83 lit. ver.
die gleichen und ähnliche verbindungen kennzeichnen redseligkeit oder geschwätzigkeit als eine menschliche charaktereigenschaft oder, soweit sie negiert sind, das gegenteil, wie oben a: multiloquax mensch der vil wort kan vnd tribt; claffig (15. jh.) Diefenbach gl. 370ᶜ; vgl. 461ᵃ; breviloquus ... der nicht viel wort machet, kurtz redet Faber thes. (1587) 460ᵃ; eine jungfraw soll nicht viel wort machen Moscherosch insomnis cura par. 66 ndr.; er pflegte sonst nicht viel worte zu machen, jetzt aber funkelten seine augen, ich hatte ihn noch nie so heftig gesehn Eichendorff s. w. (1864) 3, 277; hä mackt nit völl wöät (umstände) Leithäuser Barmen 172ᵇ; ein guͦte hefamme die wol bewärt sey und die subtil hend hab, ... auch die nit vil wort habe, wan die sach will nit wort haben sunder die werck (vor 1500) Ortolff v. Bayerland d. frauenb. 5 Klein; der eine war von viel worten, kunte viel herplaudern, vnd mit seinem maule das volck auff seine seite bringen; der andere war nicht so beredt, doch aber ein besserer künstler als der erste SperlingNicodemus quaerens 2 (1719) 510;
'von vielen worten bin ich nicht,
doch, holdes mädchen, schau
mir ins gesicht!'
Wieland. s. w. (1853) 11, 76.
vereinzelt mit collectivem singular:
ich bin ein mann der that, kein mann von vielem wort
Rückert Rostem (1838) 98ᵇ.
6)
auch dort, wo worte nach masz und länge beurteilt werden, steht wohl die vorstellung des einzelworts im hintergrund.
a)
kurze worte, seit dem ahd. und bis in jungen gebrauch:
nu leru ih iuih harto kurzero worto,
wio ir giduet follon then druhtines willon
Otfrid II 23, 1; vgl. II 21, 17; 9, 74;
er sprach mit kurzen worten sân
sîne bîhte
Parzival 106, 22;
addere vel ponere aliquid ad compendium mit kurtzen worten sagen, kurtz anbinden, ein ding geschwind darthuͦn Frisius dict. (1556) 267ᵇ; weil sich mit kurzen worten erzählen läszt, was er mir für verbindlichkeiten schuldig war Göthe I 43, 290 W.; ich berichtete ihm nun mit kurzen worten meinen namen, metier, und den zweck meiner reise Eichendorff s. w. (1864) 3, 222; mit kurzen worten wie mit einem wort (s. o. 2 f β):
mit kurzen worten!
der tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm
Lessing 3, 132 L.-M.
b)
lange worte, nur in älterem gebrauch:
durch daz niht iuwer herze trage
urdruz von langen worten,
sô wil ich zallen orten
bekürzen mîne rede alhie
Konrad v. Würzburg Silvester 2222;
aber wes entschuldigen ich mich in so langen worten vnnütze Niclas v. Wyle transl. 15, 10 Keller; solchen handel fuͤhret nun dieser Witzenbuͤrger mit langer und zierlicher rede ausz, unnoͤthig, als ich erachte, mit laͤngern worten auszzufuͤhren grillenvertreiber (1670) 20.
III.
in einer reihe eigentlicher und bildhafter verbindungen ist wort, singularisch oder pluralisch, als element des sprechvorgangs, des sprachvollzuges gesehen. die durchweg zum phraseologischen neigenden verbindungen dieser art sind seit alters sowohl von I wie von II her möglich.
A.
mit anspielung auf die menschlichen sprechwerkzeuge; teils im eigentlichen bereich des sprechtechnischen bleibend, teils von bildlicher grundlage aus zu übertragenen bedeutungen entwickelt.
1)
vornehmlich der mund begegnet als wortbildendes organ in stehenden wendungen und redensarten mit wort.
a)
worte gehen, kommen, gleiten aus dem munde: ainhun waurde ubilaize us munþa izwaramma ni usgaggai got. bibel Eph. 4, 29; (sie) wunderten sich der holdseligen wort, die aus seinem munde giengen Lukas 4, 22; vgl. Matth. 4, 4; wo ... jedermann begierig auf jedes wort lauerte, das aus ihrem munde kommen würde Knigge umg. m. menschen (1796) 1, 2; 'frauw', sprach er und schampt sich sere, 'also kam mir das wort zum munde, und huͦt mich nit an dem sprechen' Lanzelot 1, 94, 20 Kluge;
liebliche wort zu jeder stund,
flossen sittlich ausz seinem mund
Spreng Ilias (1610) 1, 6ᵃ;
rascher klopften alle herzen,
leichter glitt das wort vom munde
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 89;
von da aus auch ohne verbale bindung: die wort aus dem mund eines weisen, sind holdselig prediger Salomo 10, 12; ist denn ein rechter verlasz auf solch ein wort aus dem munde eines vornehmen? Holtei erz. schr. (1861) 1, 40.
b)
das wort im munde haben, in eigentlicher vorstellung: er hatte noch das wort im munde, als eben zwei ... um die ecke bogen Stifter s. w. 2 (1908) 20. ohne feste verbalbindung: dasz sie (die greise) fast das wort in munde vergessen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 4. worte im munde führen, abstrakter, auch mit negativem akzent: es waren nur spötter, die das wort allein im munde führeten, thätens aber selbs nicht Luther ²6, 17 Erl.; dasz derselbige nicht viele worte und wiederrede darüber in seinem munde führe Reinicke Fuchs (1650) 83.
c)
das wort stirbt, erfriert im munde, in bildlicher vorstellung: der (frau) das wort in keinen weg in irem munde, oder czwischen iren czennen starbe Arigo decamerone 82 Keller; so erstarben ihm, da er überdies nicht beredt war, die worte im munde Keller ges. w. (1889) 5, 12;
da gfriert mir schier im maul as wort
Stieler ged. 1, 55 Reclam.
d)
das wort im mund umkehren, umdrehen, bevor man es ausspricht: es sol einer ein wort im munde neun mal vmbkeren, ehe ers saget Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) C 1ᵃ; jedes wort dreimal im maul rumdrehen Fischer schwäb. 6, 959. anders jmd. das wort im mund verkehren, umdrehen, 'jmds. aussage verdrehen und böswillig auslegen' (s. auch wortverdreher, wortverdrehung): der aber dichtet, leuget, vnnd den leuten ihre wort im maul verkeret, sie mitt trug und misztrauw betrügt Bech Agricolas bergwerckb. (1557) 16; der dreht eiⁿᵉm 's wort im maul rum Fischer schwäb. 6, 959; Bauer-Collitz Waldeck 254ᵃ.
e)
jmd. worte in den mund legen, älter auch geben. biblischen ursprungs, von einem göttlichen wortauftrag: ich wil jnen einen propheten ... erwecken ..., vnd meine wort in seinen mund geben 5. Mos. 18, 18; vgl. 4. Mose 23, 5; 2. Mose 4, 15. von hier aus: sonderlich weil er (Christus) dir auch die wort fuͤrgestellet vnd in den mund gelegt hat, wie vnd was du bitten sollest (vaterunser) Luther 5 (1561) 400ᵇ. auf den antrieb verweisend, der jmd. zum reden befähigt: hier aber redet ein beredter mann aus eigenem triebe. ein dankbares und gerührtes herz leget ihm alle worte in den mund Gottsched d. neueste a. d. anm. gelehrsamk. (1751) 3, 80; vgl. 639. von untergeschobener rede: Wilhelm versetzte (im geist) seine Mariane in diesem augenblicke vor den richterstuhl, legte ihr noch schönere worte in den mund Göthe I 21, 74 W.; Rochlitz legt dem kaiser die worte in den mund: 'lieber Mozart ...' O. Jahn Mozart (1856) 3, 187 anm. 41. meist mit üblem beisinn, von eingeflüsterter rede: die worte hast du ihm in den mund gelegt haec ejus oratio ex tuo ore missa est Steinbach (1734) 2, 1040; zum dank (ironisch) erzählte er (Vasari) nun dem herzog Alexander, dasz ich von seiner excellenz übel gesprochen habe; ich hätte mich vermessen, in verbindung mit den ausgewanderten, zuerst die mauer von Florenz zu ersteigen. nachher erfuhr ich wohl, dasz der treffliche herr Octaviano Medicis, der sich an mir ... rächen wollte, ... ihm die worte in den mund gelegt habe Göthe I 43, 253 W.
f)
jmd. das wort aus dem mund nehmen, ziehen u. ä., 'jmd. zum reden bringen': einem das wort aus dem maul nehmen trarre ad uno la parola di bocca Kramer t.-it. 2 (1702) 1395ᶜ. mit dem nebensinn des mühsamen: et muss ên em d wîrder aũs dem monn zeⁱen luxemb. ma. 494ᵃ; Mensing schlesw.-holst. 5, 687. anders 'das sagen, was eben der andere sagen wollte': sie (anrede) haben mir das wort aus dem munde genommen, und mich gerades wegs auf das anliegen gebracht, um dessen willen sie mich hier sehen Göthe I 11, 63 W.; du nömmsz mek et woat ut dem mongk LeithäuserBarmen 172ᵇ. noch anders 'jmd. im reden unterbrechen':
er nahm, noch eh er recht verstund,
wovon ich sprach, das wort mir aus dem mund
Wieland s. w. (1853) 11, 190.
in ähnlichen, noch stark bildhaft gefühlten verbindungen, entsprechend dem gleichbedeutenden abgezogeneren gebrauch o. I D 1 c λ: Benvenuto, ich schneide dir das wort im munde ab (io ti taglio la parola) Göthe I 44, 120 W.; dasz er ihr das wort wie mit einer sichel vor dem munde wegschnitt Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 21.
2)
zunge und lippen als träger des wortbildenden sprechvorgangs: denn sihe, es ist kein wort auff meiner zungen, das du herr nicht alles wissest psalm 139, 4; ich weisz nicht, wie mir das wort auf die zunge kam Schiller 4, 75 G.; wären die töne deiner kehle, die worte deiner lippen lieblich anzuhören Göthe I 21, 82 W. namentlich: ein scherzhaftes wort schien ihm eben auf die lippen zu treten, aber ehe es laut werden konnte, klingelte die hausthür Fontane ges. rom. u. nov. (1890) 7, 8; ein verhängnisvolles wort schwebte auf seinen lippen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 14; das wort läuft mir auf der zunge herum 'der ausdruck schwebt mir vor, aber ich kann ihn nicht sagen, nicht darauf kommen' Spiess Henneberg 285; ek häff et woat op de tong Leithäuser Barmen 172ᵇ. anderes entsprechend den verbindungen unter 1. zu 1 a:
last kein unerbar wort entfahren von der zungen
Rachel satyr. ged. 42 ndr.
wie 1 c: die worte erstarben ihm auff den zitternden lippen Lohenstein Arminius (1689) 1, 47ᵇ.
3)
seltener in der beziehung auf kehle und hals. vornehmlich: worauf dem redner das wort in der kehle stecken blieb Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 176. wie 1 f: einem die wort aus dem hals ziehen müssen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1395ᶜ. dichterisch frei:
vergebens harren wir schon jahre lang
auf ein vertraulich wort aus deiner brust
Göthe I 10, 5 W.
B.
ohne ausdrückliche anspielung auf die sprechwerkzeuge, doch so, dasz in bestimmten verbalverbindungen mit wort das anschaulich-bildhafte noch greifbar ist.
1)
namentlich dort, wo wort als ein bewegliches, aus dem menschen hervorkommendes gedacht ist, im anschlusz an A 1 a: worte werden hervorgelassen, entfahren, entfallen, entschlüpfen u. ä.; bedeutungsmäszig gern mit dem moralischen nebenton voreiligen, unbedachtsamen oder ungehörigen redens:
stôz den rigel für die tür,
lâ kein bœse wort dar für
Walther v. d. Vogelweide 87, 12;
dise böse welt ... alle wort, so eynem vndertweilen ... entpfallen, auffklaubet Agricola 750 sprichw. (1534) a a 1ᵇ (vorrede);
sind wir verpflichtet rechenschaft zu geben
von jedem wort, das unnütz uns entfallen
Göthe I 2, 15 W.;
es entferet offt einem ein wort, vnd meinets doch nicht also, denn wer ist, dem nicht zu weilen ein wort entferet Jesus Sirach 19, 16; gut, ich mäszige mich, ich bin bey mir, es soll mir kein hartes wort entfahren Lessing 10, 88 L.-M.; wie auch einem prediger ein wort entwischen kan Mathesius Sarepta (1578) 236ᵇ;
doch kaum entfloh das wort, als, schnell gerügt
sich seiner augen flammenblitze dämpfen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 197;
wann das wort ausz ist, so ists eins anderen Tappius adag. cent. septem (1545) C c 2 α; es lassen sich die geredeten worte nit wieder einschlucken Kramer t.-ital. 2 (1702) 1394ᶜ.
2)
daneben gelegentlich im anschlusz an A 1 f: worte heraus locken elicere, excutere verba Stieler (1691) 2577; aus einem kein wort bringen nullum verbum alicui excutere Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1040; der blinde muszte von ihr und ihrem wohnort wissen — aber ihm war kein wort zu entreiszen Adolf Stern histor. novellen (1866) 255.
C.
in der beziehung auf die äuszere art des sprechens, die tongebung, die artikulation, das zeitmasz.
1)
in verbalverbindungen: verhaste die worte nicht also ne ita praecipites verba Orsaeus nomencl. meth. (1623) 300; ... murmelte einige unverständliche worte M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 8. in bildlichen wendungen besonders der älteren sprache: der satan mummelt und kawet die wort ym maul und wuͤrfft das hundert yns tausent, das muͤhe kost, ehe man verneme was er meynet Luther 18, 102 W.; up de wörder kauen 'mit der sprache nicht fertig werden können' Dähnert plattdt. wb. (1781) 556ᵇ; die worte in sich fressen mangiare, masticare, inghiozzare le parole Kramer t.-ital. 2 (1702) 1396ᵃ;
mit solher riuwe er dô sprach
daz ime der sûft daz wort zerbrach
Hartmann v. Aue armer Heinrich 382 Haupt;
vgl. Erec 5347; hiermit fiel er den ... Ehrenfried um den halsz, und zerbrach durch die freuden-thraͤnen ... die worte Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 5; ihre thränen flossen und erstickten ihre worte Göthe I 22, 79 W.
2)
mit kennzeichnendem adjektivattribut, vom laut und klang des gesprochenen:
er sprah tho worton luten thara zi themo doten
Otfrid III 24, 97;
grobe brummende leute, die mit röstigen worten daher grummen Schottel haubtspr. (1663) vorw. b 3ᵇ; endlich krächzte die eine mit rauhen worten und scheelem gesicht Novalis schr. 4, 194 Minor. uneigentlich, von der gebärdensprache stille, stumme worte: ich wil ir nit zuͦ sprechen, noch mit gesicht wincken, ich wil sie mit stillen worten darzuͦ bringen, dz sie vff ston sol (1515) Eulenspiegel 133 ndr.;
durch gewandtes fingerbeugen
auszusprechen stumme worte
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 57.
zur kennzeichnung der aussprache und artikulation: er (der sittich) hât ain grôz prait zungen und dar umb macht er auch gestuckteu (articulata) wort Konrad v. Megenberg buch d. natur 221, 32 Pf.;
ein affe ...
rief kläglich mit gebrochnen worten
Ramler fabellese (1783) 1, 46;
mit halben worten reden, die worte halb abbrechen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1395ᵇ; der aus dem amte zurückkam, mit stiller trauer und halben worten seine expedition der frau erzählte Göthe I 21, 68 W.; vgl. halbe worte s. v. halb 2 c, teil 4, 2, 191 und die gleiche verbindung in anderem sinne unter I B 4 c α. zur bestimmung des zeitmaszes:
sprachun se avur sliumo joh thrato ingriuno (eifrig)
(gahero worto), fragetun nan harto
Otfrid I 27, 36.
namentlich geflügelte worte d. i. 'eilige, beschwingte'. Homers ἔπεα πτερόεντα nachgebildet, zuerst in der versepik Wielands und Klopstocks begegnend, dann vor allem durch Vossens Homerübersetzung sprachläufig geworden, vgl. s. v. geflügelt 2 b, teil 4, 1, 2148 (die gleiche verbindung in jüngerer umdeutung s. o. I A 1 b ende):
geflügelte worte
sprach er zu ihnen, dann sandt er sie unter das weichende volk aus
(1755) Klopstock Messias (1780) 222; vgl. 666;
also kam er hervor und grysste den alten und nahm ihn
bei der zitternden hand und sprach die geflygelten worte
(1753) Wieland I 2, 153 akad.;
redete freundlich sie an, und sprach die geflügelten worte
Voss Odyssee 5 Bernays (1, 122); u. o.
ähnlich:
also ereiferte sich mit fliegenden worten der schneider
Mörike ges. schr. (1905) 1, 258 G.
IV.
wort in der composition. unter den überaus häufigen, in sehr groszer zahl sprachläufig gewordenen zusammensetzungen wiegen die bildungen mit der unflektierten form wort, also ohne bindungsmittel, bei weitem vor. wieweit älteren bildungen dieser art der alte unflektierte plural oder der singular zugrundeliegt, ist schwer zu entscheiden. die für eine grosze zahl von zusammensetzungen charakteristische doppelbildung mit wort- und meist seltener und kurzfristiger bezeugtem wörter- wirkt sich nur selten auf die bedeutung aus. ein nebeneinander von worte- (gen. oder acc. pl.) und wort-zusammensetzungen ist in einer reihe von fällen bezeugt, tritt aber im ganzen zurück. ganz singulär bleiben ältere zusammenfügungen mit dem schwachen gen. pl. worten-, selten auch solche mit dem gen. sgl. wortes-, die durchweg gebundener rede vorbehalten bleiben, oder mit wohl unechter genetivform worts-, in der -s- als bindungselement erscheint. das schwergewicht der kompositionsbildung liegt in der zeit seit der mitte des 18. jh., doch ist schon das 17. jh. sehr bildungsfreudig, während nach vereinzelten ansätzen im ahd. und mhd. die beiden ersten jahrhunderte des nhd. noch zurückhaltung zeigen. bei einzelnen autoren, so namentlich bei Herder (nach v. Hoffmann in: preusz. jahrb. 76 [1894] 257f. ungefähr 120 verschiedene bildungen); daneben bei Casp. Stieler, Jean Paul, Fr. L. Jahn u. a. häufen sich gelegenheitsbildungen, denen die sprachläufigkeit versagt bleibt. unter den möglichen kompositionsbildungen stehen die substantivischen weitaus obenan, ihnen folgen die adjektivischen und partizipialen bildungen, endlich die substantivierten infinitive.
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1467, Z. 2.
worten, vb.
WORTEN, vb.,
verbalbildung zu wort, aber als simplex nur beschränkten gebrauchs, s. Stieler stammb. (1691) 2580. ahd. auf grund des compositums spileuuortota garriui Notker 2, 307 P. (ps. 76, 4) vorauszusetzen, mhd. worten, geworten. nhd. vorwiegend in älterer zeit, gelegentlich noch bis zur wende des 18. und 19. jh., mundartlich im obd. bis heute lebendig.
1)
allgemein 'reden, sprechen':
und began sus zu ir worten
'Lucia, liebe swester min ...'
passional 26, 46 Köpke; vgl. passional 91, 14 Hahn;
nu hör und lasz mich auch worten!
(15. jh.) fastnachtsp. 609 Keller;
noch in lebender ma., s. Fischer schwäb. 6, 962; Schmeller-Fr. bair. 2, 1013. in etymologischer miszdeutung: so heisset auch eben daher par-ler, worten oder sich verworten, reden u. a. m., weil die worte in der rede müssen gepaaret und verwörret werden Ph. Zesen rosenmând (1651) 173. 2) spezieller 'in worte bringen, sprachlich fassen': das ist nit was man verstan oder geworten mag Tauler pred. 176, 5 V.; das da seien zwen berg on ein tal ... das mag nit gewortet werden (non potest verbari) Keisersberg evang. (1517) 195ᵃ; da man einen groszen theil der über die 'kritische philosophie' geschriebenen wörterbücher als die regel ansehen wird, wie philosophische begriffe nicht müszten ... gewortet werden Herder 21, 124 S. mit negativem wertakzent: die humaniora werden wahrhaft philanthropisch getrieben, d. h. verständelnd, zerstückelt wortend und untermischt mit vielen schlechten realien Harnisch mein lebensmorgen (1865) 91 Schmieder. 3) 'einen wortwechsel haben, zanken, streiten', wie häufigeres wörteln (s. d. 1), nur in älterem gebrauch: zuͦ disen ziten geschach, das einre von Strosburg wart mit des keysers diener eime wortende und missehellig (um 1400) städtechron. 8, 488; vgl. Jellinek mhd. wb. 967; Oberlin 2052; und wie si mit einandern wortetend, erwuͤscht der von Rudentz schnell dasselb schwert, und stachs in sin schwaͤcher Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 452. vgl. noch worten 'einen disput haben, prickelnde reden fallen lassen, um dadurch anlasz zum streit oder zank zu suchen' Stalder schweiz. id. 2, 457.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1558, Z. 57.