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Zur Fachgeschichte der Kommunikationswissenschaft in Deutschland

aus AufEinWort, der freien Forschung

angelegt 03.10.2017

Ein Streifzug von den Anfängen bis zur Gegenwart

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Beitrag von Heinz Pürer am 3. Oktober 2017

Heinz Pürer veröffentlicht auf BLexKom eine überarbeitete und aktualisierte Fassung des Kapitels „Zur Fachgeschichte“, das sein Standardwerk Publizistik- und Kommunikationswissenschaft einleitet (erstmals erschienen 2003 bei UVK, 2. Auflage 2014). Der Autor war von 1986 bis 2012 Ordinarius an der LMU München.

Vom Autor überarbeiteter und ergänzter Nachdruck aus Heinz Pürer: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Konstanz: UVK 2014, S. 31-61 (Kapitel 2). Der teils lehrbuchartige Charakter der Ausführungen wurde beibehalten. Es werden im Text weitgehend nur männliche Formen verwendet; selbstverständlich sind die weiblichen Formen jeweils mitgemeint.

1. Vorbemerkung

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Die wissenschaftliche Reflexion über gesellschaftliche Kommunikation beginnt nicht erst mit der Begründung der Zeitungswissenschaft im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Vielmehr setzt die wissenschaftliche Beschäftigung mit öffentlicher Kommunikation im europäischen Raum bereits mit der Entwicklung der Rhetorik in der Antike ein, sie erstreckt sich auch über (teil-)öffentliche Kommunikation im Mittelalter und mündet schließlich in die Neuzeit: Ein kräftiger Impuls für die Beschäftigung mit öffentlicher Kommunikation ging von der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern (Mitte 15. Jahrhundert) sowie in dessen Gefolge vom Aufkommen gedruckter Medien wie etwa Flugblättern oder Flugschriften sowie insbesondere von periodisch erscheinenden Zeitungen zu Beginn sowie von Zeitschriften in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus. Seither verdichtet sich das wissenschaftliche Interesse an den publizistischen Medien kontinuierlich.

[caption id="attachment_6678" align="alignright" width="150"] Karl Bücher (Quelle: Privatarchiv Arnulf Kutsch)[/caption]

Mit der Begründung der universitären, wissenschaftlichen Zeitungskunde im Jahre 1916 durch Karl Bücher in Leipzig war ein wichtiger Schritt zur Etablierung und Institutionalisierung des Fachs getan. Es entfaltete sich anfangs nur langsam und erlitt durch den Nationalsozialismus insofern eine markante Zäsur, als es politisch vereinnahmt wurde. Der Wiederaufbau nach 1945 ging ebenfalls nur eher zögernd voran. Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erhielt es durch die Errichtung neuer Institute, Studiengänge, Lehrstühle und Professuren wichtige Anschubimpulse. Die Kommunikationswissenschaft ist heute – im Vergleich zur Philosophie, zu den Naturwissenschaften, den technischen Wissenschaften, der Medizin oder der Jurisprudenz – zwar immer noch ein relativ kleines und junges Fach; sie nimmt im Kanon der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie ästhetisch-künstlerischer Disziplinen aber einen wichtigen Platz ein.

Im Frühjahr 2016 wurde in Leipzig im Rahmen der 61. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) ihr 100-jähriges Bestehen begangen. Dem von Erik Koenen (2016a) herausgegebenen Sammelband Die Entdeckung der Kommunikationswissenschaft sind zahlreiche Beiträge über die Entwicklung des Leipziger Instituts von der Zeitungskunde zur Kommunikationswissenschaft zu entnehmen. Der von Markus Beiler und Benjamin Bigl (2017) herausgegebene Sammelband 100 Jahre Kommunikationswissenschaft in Deutschland. Von einem Spezialfach zur Integrationsdisziplin enthält zahlreiche Beiträge der erwähnten Leipziger Jahrestagung. Ein Periodisierungsvorschlag samt Chronologie zur Fachgeschichte ist neben deren Kurzdarstellung der Publikation Klassiker der Kommunikationswissenschaft von Michael Meyen und Maria Löblich zu entnehmen (Meyen/Löblich 2006: 33-73, insbesondere 43-48; siehe auch Averbeck/Kutsch 2002 mit Thesen zur Zeitungs- und Publizistikwissenschaft 1900-1960).

Der Schwerpunkt der nachfolgenden, lediglich streifzugartigen und überblickshaften Ausführungen mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen liegt auf der Entwicklung des Fachs ab 1916 von der Zeitungs- über die Publizistik- zur empirischen Kommunikationswissenschaft. Ein Blick auf die gegenwärtige Lage des Fachs rundet den Beitrag ab. Zur Fachgeschichte selbst liegt eine mittlerweile große Menge auf zahlreiche Quellen verteilte Publikationen vor, von denen auf BLexKom viele der Rubrik Literatur und Links zu entnehmen sind.

2. Rhetorik der Antike

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In der Rhetorik der Antike ist ein erster Versuch zu sehen, öffentliche Kommunikation systematisch zu durchdringen. Die Rhetorik war und ist ein „politisch und ethisch fundiertes Lehrsystem wirksamer öffentlicher Rede“ (Bußmann 1990: 486). Und sie „bezeugt schon den engen Zusammenhang zwischen politischer Organisation einer Gesellschaft und den Formen ihrer öffentlichen Kommunikation“ (Wilke 2000: 7). Zu ihren wohl größten Schöpfern gehörten der Grieche Aristoteles sowie die Römer Cicero und Quintilian. Sie schufen „die wichtigsten Grundgesetze, Methoden und Techniken der öffentlichen Meinungsbildung und -führung durch das Urmedium aller Publizistik, die menschliche Stimme“ (Kieslich 1972: 68f.).
Die klassische Dreiteilung der Redegattungen in Gerichtsrede (génos dikanikón bzw. genus iudiciale), Parlaments-/Ratsrede (génos symbouleutikón bzw. genus deliberativum) sowie Festrede (génos epideiktikón bzw. genus demonstrativum) geht auf Aristoteles zurück. Er unterschied bereits zwischen Redner, Redeinhalt und Zuhörer, worin man, so Jürgen Wilke (2000: 6), „ein frühes, wenngleich einfaches Kommunikationsmodell“ (Sender, Aussage, Empfänger) erkennen kann. Die Dreiteilung orientiert sich an den für die Antike relevanten Kommunikationssituationen Gericht, Volksversammlung und Fest. Das umfassende Lehrsystem der antiken Rhetorik bestand, stark verkürzt wiedergegeben, aus mindestens drei Bündeln wichtiger Anleitungen (Bußmann 1990: 648). Es enthielt:
  • wichtige Elemente der Rede zur Schilderung von Geschehensabläufen (wer, was, wo, wann, wie, warum – im professionellen Journalismus auch heute noch Orientierungspunkte für den Aufbau von Nachrichten/Berichten);
  • detaillierte Schemata für die Arbeitsphasen des Redners (Stoffsammlung, Gliederung, rednerischer Ausdruck, Einprägen der Rede, Verwirklichung durch Vortrag) sowie
  • genaue Hinweise auf mögliche Stilarten (schlichter, mittlerer, erhabener Stil) und Stilqualitäten (Sprachrichtigkeit, Verständlichkeit, Angemessenheit, Schmuck).

Die Rhetorik wurde vom Altertum über das Mittelalter bis zur Aufklärung an Hochschulen und Akademien als eigenes Fach gelehrt. Das christliche Mittelalter eignete sich das rhetorische Wissen für Bibelauslegung und Predigtlehre an. Renaissance und Humanismus brachten der Rhetorik in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens neue Höhepunkte. Im 18. Jahrhundert erfolgte die Nationalisierung der bis dahin weitgehend lateinischsprachigen Rhetorik und es entstanden national- bzw. muttersprachliche Lehrbücher.

Von besonderer politischer Bedeutung war die Rhetorik in der Französischen Revolution sowie im Zusammenhang mit der Entwicklung einer kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit (Ueding/Steinbrink 2005: 99f., Ueding 2009). Im 20. Jahrhundert wird sie als „New Rhetoric“ in den USA wieder entdeckt – als Rhetorik der Massenmedien, der politischen Kommunikation und der Werbung mit psychologischem Schwerpunkt.

Von ihrer Gegenstandszuordnung als Materialobjekt der Kommunikationswissenschaft gehört die öffentliche Rede in den Bereich der originären Publizistik. In ihren Regeln finden sich nicht nur Gebote für Art, Aufbau, Stil und Form der Rede, sondern auch für die Absicht, mithilfe von Argumentation und Schlussführung in der öffentlichen Rede ein Höchstmaß an (politischer) Überzeugung zu erreichen – also das, was wir heute „persuasive Kommunikation“ nennen (vgl. Hovland et al. 1953, Koeppler 2000).

Auch in den Acta diurna (auch Acta urbis, Acta urbana etc.), einer Art amtlicher römischer Staatsanzeiger, vergleichbar öffentlichen Anschlagzetteln in Rom, sind Formen öffentlicher Kommunikation zu sehen, wie Wolfgang Riepl (2014) ausführt (vgl. Wilke 2000: 7f.). Von Riepl stammt die 1913 erstmals publizierte Veröffentlichung Strukturen des Nachrichtenwesens. Mit besonderer Rücksicht auf die Römer (Riepl 1913). Darin kommt neben anderen Formen der Nachrichtenübermittlung auch der organisierte, staatlichen Zwecken dienende Nachrichtenverkehr zur Sprache, im Römischen Reich etwa der Cursus Publicus. Als Nachrichtenüberbringer fungierten Boten; Nachrichtenmedien waren beispielsweise Briefe oder Depeschen (vgl. dazu im Detail Riepl 2014).

3. Öffentliche Kommunikation im Mittelalter

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Die nach dem Ende der antiken Großreiche einsetzende Völkerwanderung führte zum Abhandenkommen materieller, politischer und kultureller Voraussetzungen organisierter gesellschaftlicher Kommunikation, wie es sie im Römischen Reich gab. Erst mit der Herausbildung einer neuen, stabilen Ordnung im Mittelalter „entstanden äußere Bedingungen, unter denen sich […] geordnete Kommunikationsbeziehungen“ entwickeln konnten (Wilke 2000: 10). „Erste Ansätze zu einer staatlichen Boteneinrichtung“, so Jürgen Wilke, lassen sich „im Frankenreich unter Karl dem Großen (768-814 n.Chr.) feststellen“ (ebd.).

Mit der Herausbildung von Zentralgewalten werden „Funktionen, die später auf den modernen Staat übergehen, von korporativen Einrichtungen übernommen“ (ebd.). Es sind dies Universitäten, Zünfte, christliche Orden, Klöster, städtische ‚Magistrate‘ und ‚Kanzleien‘ von Königen und Herzögen (Hof, Burg) sowie Bischöfen. Die Kirche hatte dabei eine besondere Stellung: Sie wirkte als übergreifende Gemeinschaft und war ein Bindeglied zwischen den Gesellschaftsschichten, sie war „der eigentliche Raum der Öffentlichkeit” (Wilke 2000: 11 mit Bezugnahme auf Benzinger 1970).

Die Kirche hatte einerseits besondere Bedeutung als „Trägerin und Ort der Kommunikation“ und bediente sich selbst der Mittel der Kommunikation zur Verkündigung (ebd.): Die Kanzel war auch „Stätte amtlicher Bekanntmachung“, der Kirchplatz „Ort für das persönliche Gespräch oder die Unterredung in der (Klein-)Gruppe“ (ebd.). Als Räume „okkasioneller Öffentlichkeit“ (ebd.) fungierten Reichstage (von denen die Allgemeinheit eher ausgeschlossen war und bei denen man daher kaum von Öffentlichkeit sprechen konnte). Des Weiteren waren dies Märkte, die neben ihrer wirtschaftlichen Funktion auch eine kommunikative hatten: Spielmänner und Sprecher zogen von Ort zu Ort, um Neuigkeiten in Reim und Lied bekannt zu machen. Sie berichteten auch von politischen Ereignissen und sensationellen Vorfällen. Oralität (mündliche Vermittlung) und Visualität (Bilder) herrschten vor (vgl. Wilke 2000: 11). Schriftlichkeit gab es vor allem an Klöstern und Universitäten.

Sofern man überhaupt von Öffentlichkeit(en) sprechen konnte, waren dies sozial voneinander relativ abgegrenzte, differenzierte Kommunikationsräume wie (hier mit Bezugnahme auf Wilke 2000 und Faulstich 1996): Burg und Hof (als Herrschafts-, Macht- und Kulturzentren); Klöster und Universitäten (als Bildungszentren); die Kirche (die quer zu und teils über den anderen Zentren stand; vgl. Wilke 2008: 11); Städte (in denen sich Verwaltungs- und Handelszentren herausbildeten); Dörfer (die weitgehend agrarisch strukturiert waren, in denen es aber Handel gab) sowie Marktplätze (die dem Handel und der wirtschaftlichen Grundversorgung dienten).

Agenten zur Herstellung von Öffentlichkeit waren kirchliche Lehrer, Prediger, ‚Professoren‘, Bibliothekare und sogenannte Mundpublizisten, die Neuigkeiten von Ort zu Ort brachten: Fahrende, Dichter, (Bänkel-)Sänger, Spielleute. Durch Vervielfältigen (weitgehend) in den Schreibstuben der Klöster und Universitäten entstanden vorwiegend wissenschaftliche, historische und religiöse Texte (sowie auch Bilder). So gab es auch erste Drucke/Druckwerke (in Form von Blockbüchern mit ganzseitigen Einblattdrucken), ehe der Buchdruck mit beweglichen Lettern aufkam – eine Druck- und Vervielfältigungstechnik, die allen anderen bis dahin angewandten Techniken weit überlegen war und eine technische Revolution darstellte.

Der Medienwissenschaftler Werner Faulstich (1996) sieht auf Basis eines sehr weit gefassten Medienbegriffs im Mittelalter den Übergang von den ‚Menschmedien‘ (Sänger, Erzähler, Spiele, ritualisierte Feste etc.) zu ‚Schreibmedien’ (Blatt, Brief, Buch, aber auch bemalte Fenster mit zeitbezogenen Darstellungen). Der Funktionsverlust der ‚Menschmedien‘ („primäre Oralität“) zeichnet sich, so Faulstich (1996: 269-271), gegen Ende des Mittelalters infolge des starken Bevölkerungswachstums, der Zunahme des Wissens sowie der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ab.

4. Dogmatiker und Aufklärer im 17. und 18. Jahrhundert

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