Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gensfleisch zur Laden bei Gutenberg nahe Mainz zur Mitte des 15. Jahrhunderts verlagerte sich in der Folge das akademische Interesse von der Rhetorik auf die gedruckte Publizistik. Diese entstand (nach und neben anderem Gedruckten des 16. Jahrhunderts) im 17. Jahrhundert in Form von Zeitungen und Zeitschriften und differenzierte sich im Weiteren rasch aus (vgl. Wilke 2008: 44-65). Es waren vornehmlich Pädagogen, (Moral-)Theologen und Politiker, die mehr oder weniger wissenschaftlich über die Zeitungen des 17. Jahrhunderts reflektierten. Otto Groth, der das Verdienst hat, Die Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft niedergeschrieben zu haben (Groth 1948), bezeichnet sie pauschal als Dogmatiker, da sie alle „von bestimmten Dogmen ausgingen, sei es dem absolutistisch-religiösen, sei es dem rationalistischen“ (ebd.: 15).
Zu erwähnen sind der Hofrat und Politiker Ahasver Fritsch sowie der lutherische Geistliche und Superintendent Johann Ludwig Hartmann. Beide richteten sich gegen den Missbrauch der Presse und gegen die Zeitungen als Laster der Zeit (vgl. ebd.: 17). Diesen kulturpessimistischen Haltungen stehen jedoch Stimmen gegenüber wie jene Christian Weises oder Daniel Hartnacks. Der Philosoph und Pädagoge Weise, ein Vorreiter der Aufklärung, tritt für die Zeitung ein und will sie zur Ausbildung verwerten (vgl. ebd.). Der Pädagoge und Pfarrer Hartnack hob den Nutzen der Zeitungslektüre hervor (vgl. ebd.: 18).
[caption id="attachment_6644" align="alignleft" width="167"] Kaspar Stieler (Quelle: Stieler 1969)[/caption]Nicht zu übersehen ist der Literat, Sprachwissenschaftler und Lexikograf Kaspar von Stieler, der für den Übergang von den Zeitungsdogmatikern zu den Aufklärern steht. Aus seiner 1695 verfassten und später viel genannten Gelegenheitsschrift Zeitungs Lust und Nutz geht, wie der Titel bereits sagt, eine positive Sichtweise des Mediums Zeitung hervor (Stieler 1695; Meyen/Löblich 2006: 73-88). Der Sammelband Die frühesten Schriften für und wider die Zeitung (Wilke 2015) enthält eine Neuedition der Schriften von Christophorus Besold (1629), Ahasver Fritsch (1676), Christian Weise (1776), Tobias Peuker (1690), Johann Ludwig Hartmann (1679) und Daniel Hartnack (1688).
Auf die moralisierenden Zeitungsdogmatiker des Barock „folgten die analysierenden Zeitungstheoretiker der Aufklärung“ (Kieslich 1972: 70). Die Staatskunde wendete sich als „Statistik“ dem Zeitungswesen zu; und auf vielen Ebenen der gehobenen Gesellschaft wurden Zeitungskollegien eingerichtet (vgl. Groth 1948: 33). Diese Kollegien sollten die Studierenden anleiten, „die damaligen Zeitungen mit Gewinn zu lesen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und aus den mitgeteilten Informationen auf eventuell verschwiegene Hintergründe zu schließen“ (Koerber/Stöber 1994: 95). Es entstand eine Zeitungs- und Zeitschriftenkunde, zu deren prominentesten Lehrern Jacob Marperger, Christian Thomasius, Johann Georg Hamann, Johann Peter von Ludewig sowie der Begründer der modernen Staatswissenschaft, August Ludwig Schlözer, zählten.
Zu den Aufklärern des ausgehenden 18. Jahrhunderts und gleichzeitig zu den ersten „Opinionisten“ gehörte auch der Diplomat Joachim von Schwarzkopf (vgl. Schwarzkopf 1795). Er versuchte, „die Entwicklungsbedingungen des Zeitungswesens historisch zu klären, die Zeitungen typologisch zu ordnen, Wirkungsmechanismen zu demonstrieren und Kriterien für eine vernünftige Zeitungs- und Journalismuspolitik zu entwickeln“ (Wagner 1997: 84; siehe auch Groth 1993, Schwarzkopf 1795 [Neudruck 1993]). Schwarzkopf schuf laut Koszyk/Pruys (1976: 9) „die Grundlage der Zeitungskunde, wie sie dann in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert betrieben wurde“.
Für das 19. Jahrhundert ist auf mehrere Entwicklungsstadien der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Presse zu verweisen: auf die Zeit des Vormärz (Kampf um liberale bürgerliche Rechte, darunter auch die Pressefreiheit) und die in ihr wirkenden Opinionisten; auf den Historismus und die aus ihm hervorgegangenen Pressehistoriografen; sowie schließlich auf nationalökonomische und soziologische Betrachtungen des Pressewesens als Folge des Aufkommens der Massenpresse.
Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts setzte im Alten Reich (Ende: 1806) der mit publizistischen Mitteln geführte Kampf um die Pressefreiheit ein, der sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensivierte (vgl. Schneider 1966, Wilke 2003). Nachdem die Pressefreiheit im Deutschen Bund in der Bundesakte von 1815 (Wiener Kongress) in Aussicht gestellt wurde (Details dazu siehe Wilke 2013), geriet die Presse durch die Wiedereinführung einer einheitlichen Vorzensur in den Staaten bzw. Ländern des Deutschen Bundes durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819 erneut unter den Druck politischer Strömungen.
Den liberalen und demokratisch gesinnten Opinionisten, die die Presse „als Organ und Spiegel der öffentlichen Meinung“ sahen, standen absolutistisch gesinnte Antipoden gegenüber; für sie war die Presse ein „Werk ‚subjektiver‘ und ‚individueller‘ Geister zur Lenkung oder gar Manipulation der öffentlichen Meinung“ (Wagner 1997: 84). So forderte der liberale Staatsrechtslehrer und Politiker Carl Theodor Welcker (1830) in einer Petition an die Bundesversammlung die „vollkommene und ganze Preßfreiheit“.
Auf der anderen Seite stand, gleichsam als „Repräsentant des untergehenden Absolutismus“ (Wagner 1997: 84), der protestantische Theologe Franz Adam Löffler. Er verfasste 1837 sein umfassendes Werk Über die Gesetzgebung der Presse. Ein Versuch zur Lösung ihrer Aufgabe auf wissenschaftlichem Wege (Löffler 1837). Es ist dies ein weitangelegtes System der Preßwissenschaft, das Wissenschaft des Preßbegriffs, eine Philosophie des Preßrechts und eine Geschichte der Druckerpresse umfasste. Löffler befasste sich auch mit der Bedeutung der Presse für die Entstehung der öffentlichen Meinung, deren soziologische Funktion er erkannte und die durch ihn zum Gegenstand der pressewissenschaftlichen Theorie wurde. Damit war der „entscheidende Schritt vom Medium zu seiner Wirksamkeit in der Gesellschaft getan“ (Koszyk/Pruys 1976: 9).
Groth (1948: 125) sieht in Löfflers Werk das bis dahin „umfangreichste, gründlichste und geschlossenste Werk der Publizistik“ und bezeichnet Löffler als den „Begründer“ bzw. „Bahnbrecher“ der Publizistikwissenschaft (vgl. Wagner 1997: 85). Mit Löfflers Werk befasst sich jüngst ausführlich und tiefgehend der Münchner Zeitungswissenschaftler Hans Wagner (2014a, 2014b; Löffler 2014). Er kommt zu dem Schluss, dass die Biografie Löfflers „in wesentlichen Teilen umgeschrieben werden [muss]“, und auch für die Einordnung seines Werkes ergeben sich „neue Perspektiven“ (Wagner 2014a: 56).
Ein scharfer Kritiker der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Massenpresse ist schließlich in dem Historiker, Publizisten und Politiker Heinrich Wuttke zu sehen. Sein Werk Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung (Wuttke 1866) stellt eine „scharfe Absage an das Bismarcksche System der Korrumpierung der Presse durch das Anzeigenwesen“ dar (Koszyk/Pruys 1976: 10; vgl. Groth 1948: 209-244).
Eine wichtige Strömung ist des Weiteren in dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Historismus zu sehen, die Betrachtung gesellschaftlicher Phänomene unter dem Aspekt ihrer historischen Genese. Zu den prominenten Pressehistoriografen gehören Robert E. Prutz und Ludwig Salomon. Prutz (1845) veröffentlichte die erste Geschichte des deutschen Journalismus, eine groß angelegte Gesamtgeschichte des deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenwesens bis in die Zeit des Vormärz. Von Salomon stammt eine zwischen 1900 und 1906 in drei Bänden veröffentlichte Geschichte des Deutschen Zeitungswesens (Salomon 1906); sie galt lange Zeit als Standardwerk, ist inzwischen aber überholt.
Die 1848 erfolgte Aufhebung der Zensur hatte – trotz mancher Rückschläge (siehe dazu Wilke 2013) – eine rasche Ausdifferenzierung des Pressewesens sowie eine rapide Vermehrung des Anzeigenaufkommens zur Folge (vor allem in den Generalanzeigern). Im Deutschen Reichstag, dies sei hier eingefügt, einigte man sich erst 1874 auf ein Reichspressegesetz, das bis dahin bestehende landesrechtliche Beschränkungen zwar aufhob, jedoch gesetzliche Bestimmungen gegen Zeitungen bei Aufruhr und Kriegsgefahr ermöglichte (vgl. Wilke 2013; Stichwort: Sozialistengesetz von 1878).
[caption id="attachment_6645" align="alignright" width="150"] Karl Knies (Quelle: Schiemenz/Giersch 1978)[/caption]Die wirtschaftliche Bedeutung der Zeitungen wurde zunehmend evident. So verwundert es nicht, dass sich Nationalökonomen und frühe Soziologen des Presse- und Nachrichtenwesens annahmen. Von Karl Knies, dem Begründer der modernen Nationalökonomie, stammt zweierlei: eine auf der Ausdifferenzierung des Nachrichtenwesens aufbauende Informationstheorie sowie eine Theorie der Geschäftsanzeige in ihrer volkswirtschaftlichen Funktion, nämlich die Steuerung von Angebot und Nachfrage durch das Anzeigenwesen (vgl. Knies 1857, Meyen/Löblich 2006: 89-107). Der Soziologe Albert E. Schäffle verweist in seinem Hauptwerk Bau und Leben des socialen Körpers (Schäffle 1875; vgl. auch Schäffle 1873) auf die eminente Bedeutung der Pressefreiheit für das Funktionieren der Gesellschaft und sieht in der öffentlichen Meinung die „Reaktion des Publikums“, getragen von „Wertbestimmungen“. Gleichzeitig manifestiert sich für ihn in der Tagespresse ein „Erzeugnis der bürgerlichen, kapitalistischen Epoche“ und er verurteilt „Preßkorruption“ und „Preßmißbrauch“ (Groth 1948: 255-282; vgl. Meyen/Löblich 2006: 109-127).
Der Nationalökonom und Begründer der wissenschaftlichen Zeitungskunde, Karl Bücher, war sowohl Zeitungsstatistiker wie auch Zeitungshistoriker. Von ihm stammt eine Fülle zeitungskundlicher und zeitungswirtschaftlicher Veröffentlichungen (vgl. Bücher 1926, Groth 1948: 354f., Koenen 2016d). Außerdem hat er zahlreiche Hochschulschriften angeregt und betreut (Koenen/Meyen 2002). Die Bedeutung der Zeitung sieht er in ihrer Leistung als Vermittler „zwischen dem Volk und seinen führenden Geistern“, als „Stützorgan der Volkswirtschaft“ sowie als „Organ der öffentlichen Meinung“. Der kulturelle Nutzen der Tagespresse ist für ihn unbestritten, ihren Schaden sieht er in ihrer Eigenschaft als „kapitalistische Unternehmung“. Insgesamt betrachtete Bücher die Geschichte des Zeitungswesens als einen Teil der Kulturgeschichte (vgl. Groth 1948: 282-296, Koenen 2009).
[caption id="attachment_6646" align="alignright" width="139"] Siegfried Weischenberg (Quelle: International Media Center)[/caption]Zu den Soziologen, die sich der Presse widmeten, gehört auch Max Weber. Er selbst hat zwar kein Werk über die Presse geschrieben; von ihm stammt allerdings ein 1910 erarbeiteter Grundriss zu einer „Soziologie des Zeitungswesens“ (Weber 1911: 39-62; vgl. Kutsch 1988a: 5-31; Meyen/Löblich 2006: 145-159; Weischenberg 2012, Kap. 2), der nie realisiert wurde, sondern einem Professorenstreit zum Opfer fiel (vgl. ausführlich Obst 1987; siehe auch Obst 1986: 45-62; Weischenberg 2012, Kap. 2.3). Eine (sehr) weit ausholende Würdigung dieses Grundrisses und der von Max Weber ausgehenden Leistungen (auch) für die Publizistik und Kommunikationswissenschaft stammt von Siegfried Weischenberg. Er sieht in Max Weber einen „der Gründungsväter der Medien- und Kommunikationswissenschaft“ (Weischenberg 2012) sowie einen „Begründer der Journalismusforschung“ (Weischenberg 2014). In dem umfangreichen fachgeschichtlichen Werk findet sich u.a. auch der Abschnitt „Stationen der Fachgeschichte“ (Weischenberg 2014, Kap. 2.1). Darin befinden sich Ausführungen zu zahlreichen Themen und Aspekten, die nachfolgend auch im vorliegenden Beitrag angesprochen werden und auf die im Einzelnen nicht gesondert hingewiesen wird.
Speziell dem Nachrichtenwesen widmete sich, wie erwähnt, Wolfgang Riepl in seinem umfangreichen, 1913 publizierten Buch Das Nachrichtenwesen des Altertums (Riepl 1913; Neuedition 2014). Riepl erarbeitete allgemeine Prinzipien und Gesetze des Nachrichtenverkehrs. Von ihm stammt das vielzitierte Gesetz, wonach neu aufkommende Medien die alten nie gänzlich verdrängen, sondern diese gezwungen haben, „andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen“ (Riepl 1913: 5). Riepl erkannte, wie wir heute sagen würden, den Zusammenhang von Kommunikation und gesellschaftlichem Wandel (vgl. Lerg 1977: 9-24, 1986: 134). Eine von Hans Wagner kommentierte Textauswahl aus Riepls Werk wurde 2014 publiziert (Riepl 2014). Sie enthält auch eine Einführung zu Riepls Person und Werk (Starkulla 2014).
[caption id="attachment_6647" align="alignright" width="165"] Albert E. Schäffle (Quelle: http://www.vdb-nuertingen.de/belege/81-1k.jpg)[/caption]Als Zwischenfazit der Fachgeschichte im weiteren Sinne lässt sich festhalten: Das Erkenntnisinteresse an publizistischen Phänomenen, vorwiegend an der Presse, ist bis zum 20. Jahrhundert „eng verbunden mit den kulturellen und politischen Energien der jeweiligen Zeiten“ und es „kumuliert in den Namen nicht weniger weltaufgeschlossener, universaler Gelehrter“; jedoch „führten diese […] von einem persönlichen Engagement durchpulsten Untersuchungen […] nicht dazu, eine selbständige Zeitungs- bzw. Publizistikwissenschaft an den deutschen Universitäten durchzusetzen“ (Kieslich 1972: 71f.). Einzuräumen ist aber, dass in Löffler, Schäffle und vor allem Bücher Wegbereiter für die Etablierung der wissenschaftlichen Zeitungskunde zu sehen sind. Die Bedeutung zahlreicher Protagonisten für das Fach wird, gleichsam im Blick zurück, erst in jüngerer Zeit erkannt bzw. wiederbelebt (vgl. dazu Wagner 2009 mit Hinweisen auf Franz Adam Löffler, Karl Knies und Wolfgang Riepl; dort weiterführende Literaturhinweise).
Lehraufträge, Seminare und Kollegs für Zeitungskunde gab es an Universitäten und Hochschulen des deutschen Sprachraumes bereits im 18. Jahrhundert: „Das bekannteste Zeitungskolleg war dasjenige von August Ludwig Schlözer in Göttingen. In solchen Veranstaltungen wurden Zeitungen als Quellen und Gegenstand im staatswissenschaftlichen Unterricht behandelt“ (Wilke 2016: 74f.). Auch vor der und um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sind Seminare bekannt, die im Wesentlichen auf persönliche Initiativen von Hochschullehrern verschiedener Fachgebiete zurückgingen (vgl. Wagner 1997), die aber nicht mit einer eigenständigen Disziplin Zeitungswissenschaft verwechselt werden sollten (Meyen/Löblich 2006: 47). Ebenso sind bereits vor der Jahrhundertwende Promotionen über zeitungskundliche bzw. zeitungswissenschaftliche Themen aus verschiedenen Fachgebieten wie Jurisprudenz, Nationalökonomie, Geschichte etc. bekannt (vgl. Jaeger 1926).
Ein früher Versuch, das Fach zu institutionalisieren, geht auf ein „Journalistisches Seminar“ an der Universität Heidelberg zurück. Es wurde 1897 von dem promovierten und habilitierten Historiker Adolf Koch, der auch als Journalist tätig war, eingerichtet und bestand bis 1912 (vgl. Jaeger 1926: 12; Obst 1986, 1987; Meyen/Löblich 2006: 50f.). Obwohl die Veranstaltungen mit einer Mischung von zeitungskundlichen Vorträgen, Übungen und Exkursionen in Verlagen und Redaktionen auf große Resonanz stießen, erhielt Koch keinen Lehrauftrag für Geschichte der Presse und des Journalismus und damit auch keine „wenigstens minimale finanzielle Absicherung“ (vgl. Meyen/Löblich 2006: 50f.). Koch war 1912 in einen Beleidigungsprozess mit Max Weber verwickelt, in dessen Folge es zu einem Disziplinarverfahren gegen Koch kam und ihm auch die Lehrbefugnis entzogen wurde (vgl. Obst 1986: 54f.).
Die endgültige Etablierung der wissenschaftlichen Zeitungskunde ist Karl Bücher durch die Errichtung eines universitären Instituts für Zeitungkunde im Jahr 1916 zu verdanken. Der Nationalökonom Bücher hielt bereits ab 1883 Vorlesungen über das Pressewesen, zunächst in Basel (Schweiz), ab 1892 in Leipzig. Weitere zeitungskundliche Kollegs, Vorlesungen und Seminare von Dozenten unterschiedlicher Herkunft folgten in Heidelberg, Greifswald, Danzig, Darmstadt, Berlin, Köln und München. Die wissenschaftliche Zeitungskunde begann allmählich Fuß zu fassen. Die Etablierung der Zeitungskunde erhielt des Weiteren wichtige Impulse:
- durch den bereits erwähnten, von Max Weber erarbeiteten und vom Deutschen Soziologentag verabschiedeten Plan „Zu einer Soziologie des Zeitungswesens“ (vgl. Weischenberg 2012, 2014);
- durch eine Ausbildungsresolution des Reichsverbandes der Deutschen Presse, die vorsah, dass die Vorbildung von Journalisten durch die Zeitungskunde zu pflegen sei und dass bei der Errichtung von Lehrstühlen für Zeitungskunde Medienpraktiker berücksichtigt werden sollen;
- durch engagierte Verleger, die ebenfalls Interesse an einer praxisnahen, zeitungskundlichen Vorbildung für Journalisten hatten; nicht zuletzt aber auch
- durch den Ersten Weltkrieg mit seiner auf die Zeitungen durchschlagenden Propagandamaschinerie. Es wuchs die Erkenntnis, dass es an der Zeit war, sich der Zeitungen und des Journalismus konsequent anzunehmen und für einen „systemreformierenden Journalismus“ zu sorgen (Kutsch 1996: 8).
Karl Bücher, dem als einem der wichtigsten Begründer des Fachs an einer Universität hier mehr Platz eingeräumt wird, verfolgte dieses Ziel. Der 1870 promovierte Geschichtswissenschaftler verfügte durch seine Tätigkeit bei der Frankfurter Zeitung über Praxiserfahrung. Von Albert E. Schäffle zu einer Karriere in der Wissenschaft inspiriert, habilitierte Bücher 1881 an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München. Als Professor für Nationalökonomie kam er schließlich über Dorpat (1882), Basel (1883) und Karlsruhe (1890) nach Leipzig (1890; vgl. Wiedemann/Meyen 2016: 54f.).
Der Nationalökonom Bücher, „dessen zentrales Thema die Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Kultur bildete“ (Kutsch 2016: 84), hatte besonderes Interesse an der Entstehung, den wirtschaftlichen Grundlagen und der Organisation der modernen Zeitung „aus historischer, nationalökonomischer und soziologischer Sicht“ (ebd.); es ging ihm darum, ihre Funktion im Prozess der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Differenzierung und Modernisierung, ihre Kulturbedeutung, zu erkennen (vgl. ebd.). „Zugleich unterzog er die fortschreitende Kommerzialisierung der Presse besonders in Form des Generalanzeigers einer scharfen Kritik, übte auch Kritik am Versagen der Zeitungen im 1. Weltkrieg [nicht nur der Zeitungen des Deutschen Reiches – vgl. Irmer/Raupp 2017, Ergänzung H.P.]. Darüber hinaus bildeten Zeitungen eine wichtige Quelle für seine nationalökonomischen Studien und Zeitdiagnosen“ (Kutsch 2016: 84).
Bücher sah, wie oben erwähnt, in der Zeitung ein Organ der öffentlichen Meinung, im Journalisten sah er „den ‚Leiter der öffentlichen Meinung‘, der die zu veröffentlichenden Geschehnisse und Probleme, Sachverhalte und Meinungen nach deren gesellschaftlicher Bedeutung und Aktualität auswählt und strukturiert, bewertet und präsentiert. Diese Funktion erforderte nach Büchers Vorstellung eine umfassende, tiefgründige Bildung sowie ein darin begründetes Reflektions- und Urteilsvermögen, ferner selbstverständlich praktische Fertigkeiten und Kenntnisse auf dem Gebiet der ‚Technik‘ des Journalismus, also seiner Methoden und Strukturen, vor allem jedoch Verantwortungsbewusstsein und ein altruistisches Berufsverständnis“ (Kutsch 2016: 109 mit Bezugnahme auf Bücher 1926: 259).
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