coincidentia oppositorum (Cusanus-Portal)
Das Prinzip der coincidentia oppositorum stellt zusammen mit dem Prinzip der docta ignorantia die Grundlegung der gesamten Philosophie aber auch der mystischen Theologie des Nikolaus von Kues dar. In seinem Werk De docta ignorantia legt Cusanus zum ersten Mal dar, was er nach seinem Erlebnis auf dem Meer, bei der Rückkehr von Konstantinopel nach Italien, mit den Einsichten in das Prinzip der docta ignorantia und der coincidentia oppositorum, für sein Denken gewonnen hatte.
Das Prinzip der coincidentia oppositorum findet sich nicht erst bei Cusanus. Schon bei Platon und dessen Spekulation über den Ursprung der Zahlenidee sowie bei Pseudo-Dionysius Areopagita im 5. Jh. und seiner Auffassung des Hervorganges der Vielheit aus der Einheit, lassen sich Grundzüge dieses Prinzips erkennen. Weiter kann der Gedanke einer Entfaltung der Vielheit aus der Einheit in seinen Ansätzen bei Eriugena, Thierry von Chartres, Albert dem Großen sowie Thomas von Aquin und Raimundus Lullus gefunden werden.
Wie Nikolaus von Kues in den beiden ersten Büchern von De docta ignorantia, in welchen er seine Lehre der (Nicht-) Erkenntnis des unendlichen Gottes und seine metaphysische Kosmologie darlegt, feststellt, gibt es in der Welt immer ein Mehr und ein Weniger, immer ein Größeres und ein Kleineres, niemals ist das absolut Größte oder das absolut Kleinste zu finden; die Dinge in der Welt stehen immer in Proportion zueinander, sie sind veränderlich und vergänglich. So findet sich der Verstand des Menschen in der endlichen Welt zurecht, indem er die endlichen Dinge misst, vergleicht, beurteilt und abwägt: Die menschliche ratio ist folglich, damit sie zu einer Erkenntnis der endlichen Welt überhaupt kommen kann, angewiesen auf Begrenzungen in der Welt. Sie denkt immer in bestimmten Kategorien und Regeln wie z.B. dem Satz des Widerspruches: Würde dieser für die ratio nicht gelten, wäre der Mensch nicht fähig, Unterscheidungen zu treffen und sich in der Welt zu orientieren, demnach ist das Vermögen der endlichen ratio endliche Dinge zu erkennen ein wichtiges und für den Menschen in seiner Lebenswelt sinnvolles Vermögen.
Gott, der Schöpfer aller Dinge ist, wird als unendlicher Schöpfer angesehen. Als das Unendliche bleibt Gott an sich unerreichbar und unerkennbar, da der menschliche Verstand endlicher Verstand ist: Unendlichkeit kann vom Menschen nicht gedacht werden, da er immer in einem kategorialen, widerspruchsfreien Denken in Gegensätzen denken muss. Gott als ein Unendliches steht jedoch in unüberbrückbarem Abstand zur Endlichkeit der Welt und zum menschlichen Verstand. Er wird von Cusanus als einfachste Einheit, als Prinzip angesehen, in welchem alle Dinge der Welt eingefaltet sind (complicatio) und aus welchem alle Vielheit in die endliche Welt ausgefaltet wird (explicatio), welches selbst jedoch unendlich und einfachste Einheit bleibt. Demnach kann in der complicatio, der Einfaltung Gottes keine kategoriale Unterschiedenheit der Dinge bestehen und demnach kann seine Unendlichkeit nicht als ein von anderem Begrenztes von der menschlichen ratio begriffen werden. In Gott besteht vielmehr ein Zusammenfall der Gegensätze, eine Koinzidenz der Gegensätze (coincidentia oppositorum), nicht als ein bloßes Nebeneinanderher-Bestehen der noch unterscheidbaren Dinge wie in einem „Pool“ aller in der Welt möglichen Dinge, sondern vielmehr im Sinne eines Zusammenfalls kontradiktorischer Gegensätze: So wie demnach Unendlichkeit nicht gedacht werden kann, da die menschliche ratio sich immer an Endlichem orientieren muss, kann Gott als coincidentia oppositorum nicht gedacht werden, da in ihm in der Welt bestehende Gegensätze in eins fallen und sie gleichsam die Unendlichkeit vor aller begrifflichen Vielheit bedeutet, was für die am Satz des Widerspruches orientierte ratio ein Paradox bedeuten würde. In Gott ist demnach kein Mehr oder Weniger, kein Größer oder Kleiner, er ist das maximum absolutum schlechthin: als complicative coincidentia oppositorum geht Gott über jede Bestimmung hinaus. Gott ist demnach zwar Ursprung aller Gegensätze, in dem Sinne, dass er wesenhaft allem vorausgeht, er selbst ist jedoch als Gegensätzlichkeit der Gegensätze Gegensätzlichkeit ohne Gegensätze (oppositio oppositorum est oppositio sine oppositorum,De vis. Dei, c.13, n.54).
So macht es, wie Cusanus in De docta ignorantia I erläutert, keinen Unterschied, „ob man sagt: ‚Gott, der die absolute Größe selbst ist, ist Licht‘ oder ob man sagt, ‚Gott ist so in höchstem Maße Licht, dass er in geringstem Maße Licht ist‘“. Gott ist „alles der Möglichkeit nach Seiende“ und übersteigt demnach das menschliche Denken (n.12).
Das Prinzip der Koinzidenz der Gegensätze steht in enger Verbindung mit der Tradition der Negativen Theologie, welche auf Pseudo-Dionysius Areopagitas Darlegungen in seinen Schriften zur mystischen Theologie (5. Jh.), zurückzuführen ist: Während affirmative Aussagen über Gott zwar in dem Sinne zutreffend sind, dass Gott aller Dinge Ursache ist (via affirmativa), können sie niemals an sein unendliches Wesen heranreichen, da Gott niemals durch einen positiven (endlichen) Begriff adäquat ausgedrückt werden kann. So muss nach Dionysius über die via negativa versucht werden, sich Gott anzunähern: Gott ist somit nicht-gut, nicht-gütig, nicht-seiend usw. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Gott negiert oder ihm etwas abgesprochen wird, sondern vielmehr, dass affirmative Aussagen über ihn ihm nicht gerecht werden, da sie sich immer auf etwas Endliches beziehen. In einem dritten Schritt, der via eminentiae, will Dionysius beide viae, d.h. sowohl die affirmative als auch die negative Theologie übersteigen: Gott ist weder etwas noch ist er nichts, er ist vielmehr darüber hinaus (hyper, super) und so als Urgrund, in dem nach Cusanus alle Gegensätze in eins fallen, über-seiend alle Begriffe übersteigend.
Wenn das menschliche rationale Erkenntnisvermögen auch dazu geeignet ist, den Menschen sich in der Welt zurechtfinden zu lassen, muss es doch in seinem Kategoriendenken an dem undenkbaren, unendlichen Gott als Zusammenfall aller Gegensätze scheitern. Cusanus geht es vor allem in seinen späteren Werken jedoch immer mehr um die Frage, inwieweit der menschliche Geist dennoch fähig ist, sich einer Erkenntnis Gottes, das heißt also einer Erkenntnis der unserer ratio paradoxen Koinzidenz der Gegensätze, anzunähern. Er wird nicht müde, in immer neuen Versuchen sich möglichst hoch über die rationale menschliche Erkenntnis zu erheben um dort zu einem Einblick in die Koinzidenz zu gelangen: Die ratio, welche für die Erkenntnis des Endlichen zuständig ist, muss überschritten werden hin zu einem höheren Vermögen des menschlichen Geistes, dem intellectus. Dazu sollen alle endlichen Begrifflichkeiten überstiegen werden um zu einer Unwissenheit zu gelangen, welche jedoch ein Wissen darum ist, dass dieses Unwissen, wenn auch nichts darüber hinaus erkannt werden kann, bedeutet, dass darüber hinaus etwas ist, um das gewusst werden kann, ohne dass es erkannt werden kann, so wie der Blick in die Sonne in ein Dunkel führt, welches die Sonne nicht erkennen lässt, worin um die Sonne jedoch, wenn auch unerkannt, dennoch gewusst wird. Die Unwissenheit, welche Cusanus anstrebt, nennt er belehrte Unwissenheit, docta ignorantia. In der Erkenntnis des Nicht-Erkennens der Unendlichkeit Gottes ist, da im Nicht-Erkennen alles Erkannte überstiegen ist, d.h. alle inhaltlichen endlichen Gegensätze überstiegen sind, der Zusammenfall der Gegensätze berührt.
Cusanus zieht immer wieder sogenannte aenigmata (Sinnbilder) heran, um den denkenden Überstieg in die Koinzidenz zu erläutern. Mit Vorliebe benutzt er die Mathematik als eine aenigmatische Wissenschaft, so z.B. in De docta ignorantia und De beryllo, um den menschlichen Geist zu einer nichterkennenden Schau der coincidentia oppositorum zu führen: Man stelle sich eine endliche mathematische Figur in der Welt vor, etwa ein gezeichnetes Vieleck. Von dieser Figur nehme man alles Endliche weg und übertrage sie so auf eine geistige unendliche Figur, ein n-Eck, in dem n immer größer wird und sich so der Figur des Kreises annähert. Dieses kann es zwar in der Welt nicht mehr geben, es kann jedoch durchaus noch rational begriffen werden. Von hier aus übertrage man die Figur nun auf die absolute Unendlichkeit, in der alle Gestalthaftigkeit abgelöst werde – n wird absolut unendlich und fällt mit dem Kreis zusammen. Dies kann als symbolhafter Ausdruck der coincidentia oppositorum eingesehen werden, da der im doppelten Überstieg erreichte Bereich selbst alles rational begreifbare übersteigt. Cusanus möchte so anhand einer geometrischen Figur den Sprung der Erkenntnis von den endlichen Dingen über die unendlichen Dinge im menschlichen Geiste hin zur absoluten Unendlichkeit in der Koinzidenz der Gegensätze gleichsam simulieren.
Während die docta ignorantia im frühen Denken des Cusanus noch eher als Schwäche des menschlichen Geistes angesehen wird, betont er mehr und mehr, wie in der Einsicht der eigenen Unwissenheit und Begrenztheit, d.h. wie gerade im Scheitern an der undenkbaren Unendlichkeit Gottes gerade die Chance liegt, sich möglichst nah der coincidentia oppositorum und damit Gott anzunähern.
Stand: 17. Juli 2012
zuletzt bearbeitet: 17. Juli 2012