grammatica regularis
grammatica regularis die Grammatik, insofern sie die Regeln der Sprache lehrt. illa scientia quae docet impositionem vocabulorum „jene Wissenschaft, welche die Setzung der Wörter lehrt“.
Dabei ist zu beachten, dass mittelalterliche Grammatiker unter grammatica oft mehr verstanden als moderne Schulgrammatik.
Sie umfaßt:
- die Formenlehre (Deklinationen, Konjugationen),
- die Wortarten,
- die richtige Bildung von Sätzen,
- den korrekten lateinischen Sprachgebrauch,
- häufig auch die Einführung in die Lektüre klassischer Autoren.
Wenn der Verfasser sagt:
ista docet ideoma latinum „diese lehrt das lateinische Idiom“,
dann zeigt das, daß grammatica regularis die Schüler in die Eigentümlichkeiten und Regeln des Lateinischen einführt.
Der Aufbau ist bemerkenswert klar:
significata vocabulorum
Die Bedeutungen der Wörter lernen.
Der Schüler weiß, was Wörter bezeichnen.
grammatica regularis
Die Regeln lernen, nach denen diese Wörter gebraucht werden.
Der Schüler lernt, wie Wörter richtig gebildet, verändert und verbunden werden.
In moderner Form könnte man sagen:
- Wortschatz und Sprachverständnis
- Grammatik und Sprachregeln
Der mittelalterliche Autor formuliert dies jedoch nicht psychologisch oder didaktisch, sondern als Stufen einer Wissenschaft:
- zuerst die Bedeutung der Wörter,
- dann die Wissenschaft der regelhaften Verwendung dieser Wörter.
Deshalb ist grammatica regularis hier nicht einfach „Grammatikunterricht“ im heutigen Sinn, sondern die erste eigentliche wissenschaftliche Disziplin innerhalb der artes liberales, die den Zugang zum Lateinischen und damit zu den übrigen Wissenschaften eröffnet. Genau deshalb folgt im Text anschließend:
In ista enim docentur omnes philosophi „Denn in dieser werden alle Philosophen unterrichtet.“
Das heißt: Wer die Grammatik nicht beherrscht, kann die weiteren Wissenschaften gar nicht ordentlich erlernen. Für den Verfasser bildet die grammatica regularis daher das Fundament der gesamten gelehrten Bildung.