grammatica speculativa
grammatica speculativa vgl. Grammatica speculativa und Modismus
Warum grammatica speculativa
[✐ | ✎]Das lateinische speculari bedeutet:
- betrachten,
- beobachten,
- beschauen,
- geistig untersuchen.
Davon kommt:
- speculatio = Betrachtung, theoretische Untersuchung.
- speculativus = betrachtend, theoretisch, auf Erkenntnis gerichtet.
Der Gegensatz ist nicht primär „praktisch“ gegen „unpraktisch“, sondern:
| Praktische Grammatik | Spekulative Grammatik |
|---|---|
| Wie spricht man richtig? | Warum ist Sprache überhaupt so beschaffen? |
| Regeln anwenden | Gründe der Regeln erforschen |
| Latein lernen | Wesen der Sprache untersuchen |
| Sprachgebrauch | Sprachphilosophie |
Die sogenannten Modisten des 13. Jahrhunderts fragten nicht mehr bloß:
Wie lautet die richtige Form?
sondern:
Warum besitzen die Dinge, die Gedanken und die Wörter gerade diese Struktur?
Sie entwickelten die berühmte Lehre von den:
- modi essendi (Weisen des Seins),
- modi intelligendi (Weisen des Erkennens),
- modi significandi (Weisen des Bezeichnens).
Dabei besteht eine Entsprechung:
Die Dinge sind auf bestimmte Weise (modi essendi),
der Verstand erkennt sie auf bestimmte Weise (modi intelligendi),
und die Sprache bezeichnet sie auf bestimmte Weise (modi significandi).
Die Grammatik wird dadurch zu einer Untersuchung der Beziehung zwischen:
- Sein,
- Denken,
- Sprache.
Weil diese Grammatik nicht mehr hauptsächlich die lateinische Sprache lehren will.
Die grammatica regularis fragte:
Welche Regeln hat das Lateinische?
Die grammatica speculativa fragt:
Welche allgemeinen Strukturen des Denkens und Seins spiegeln sich in der Sprache wider?
Sie ist daher eine theoretische, betrachtende, philosophische Grammatik.
Das Wort speculativa ist hier sehr nahe an dem, was man im Mittelalter auch bei der theologia speculativa oder der philosophia speculativa findet: Es geht um Erkenntnis der Gründe und Prinzipien, nicht bloß um die praktische Anwendung.
Zu deinem Hinweis auf „Erkennen und Kennen“: Das trifft den mittelalterlichen Bildungsweg tatsächlich besser als „lernen“. Im zitierten Text steht:
sciant significata vocabulorum
wörtlich nicht „damit sie die Bedeutungen lernen“, sondern:
„damit sie die Bedeutungen der Wörter wissen/kennen.“
sciant gehört zu scire („wissen, kennen, erkennen“), nicht zu discere („lernen“). Der Akzent liegt also auf dem Besitz einer Erkenntnis bzw. Kenntnis, nicht auf dem Lernvorgang selbst.
Vor der regelhaften Grammatik kommt das Verstehen bis Begreifen der Wortbedeutungen!
in "sciant" steckt mehr, es besagt zuerst daß man die Bedeutung der Worte unterscheiden kann, dann durch unterscheiden und Zerlegen auch kennen kann, während man beim gewöhnlichen Lernen dies weitgehend unterläßt.