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imaginatio (Cusanus)

aus AufEinWort, der freien Forschung

Die Spannung zwischen systematischer Bedeutung und Häufigkeit der Belege

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Für das Substantiv imaginatio gibt es ca. 80 Belege. Ratio bietet im Vergleich ca. 1.700 Belegstellen. (Vgl. Schwaetzer, Die methodische Begründung, S. 83-84 ((bib:1498)) ). Darüber hinaus finden sich mehr als die Hälfte der Belege innerhalb von Aufzählungen wie imaginatio,ratio, intellectus o.ä. Daraus könnte man auf den ersten Blick schließen, dass der Begriff imaginatio und damit auch eine Theorie des Vorstellens bei Cusanus nur eine geringe Rolle spielt. Dass das Gegenteil der Fall ist, ist freilich bekannt. Der Widerspruch löst sich zum Teil auf der Wortebene dadurch auf, dass nur die Stellen des Substantivs berücksichtigt sind. Sämtliche Stellen des Verbs imaginari sind nicht erfasst. Ebensowenig sind die Stellen zu Adjektiv oder Adverb eingearbeitet. Außerdem fehlen die Stellen zu phantasma (ca. 60) (Cusanus verwendet imaginatio und phantasma in gleicher Weise im Sinne von ‚Vorstellungsbild‘; man vergleiche z.B.: De docta ign. n.226 . Dieser Zusammenhang ließe sich auch an anderen Stellen evident machen). Insofern ist der erste Eindruck geringen Vorkommens teilweise zu korrigieren.

Überblickt man die Vorkommen, so ergibt sich ein weiterer Befund, der einer zentralen systematischen Bedeutung von imaginatio zuwiderzulaufen scheint, nämlich die Tatsache, dass der Begriff an keiner Stelle signifikant gehäuft auftritt. Es ist also wortstatistisch keine Stelle nachzuweisen, die eine intensive Diskussion des Begriffs bietet – was freilich nicht heißt, dass es eine solche Reflexion nicht gibt. Noch überraschender ist es, dass es sprachstatistisch keinen Zusammenhang von imaginatio und aenigma gibt – auch das Verb imaginari liefert hier keinerlei signifikanten Beleg, zu vgl. höchstens De beryllo n.18.

Die systematische Bedeutung der imaginatio

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Dabei dürfte unbestritten feststehen, dass die Bedeutung der Theorie der ‚imaginatio‘ gerade darin liegt, dass imaginatio dasjenige Vermögen ist, welches in der Lage ist aenigmata zu erzeugen. Dieser Zusammenhang ist freilich auch auf sprachlicher Ebene bereits gegeben, wenn man das mit der imaginatio zumeist gleichgesetzte phantasma betrachtet. Hier liegt eine Verbindung zu aenigma vor, etwa in De fil. Dei n.62 oder De poss. n.19. Aufgrund dieses Zusammenhangs lässt sich also festhalten, dass es einen systematischen Bezug zwischen imaginatio und aenigma gibt.

Dieser Bezug ist insofern von Bedeutung, als er die traditionelle Einordnung von imaginatio, wie sie auch bei Cusanus sehr häufig vorliegt, sprengt. Denn die imaginatio als Form, das Nicht-Bildliche auf nicht-bildliche Weise bildlich darzustellen, übertrifft, wie Kazuhiko Yamaki, Funktion und Tragweite ((bib:1500)) , gezeigt hat, auf diese Weise sogar das abstrakte Denkvermögen.

Man wird Cusanus also nicht ohne weiteres zu einem Vorreiter einer künstlerisch-kreativen Phantasie im Sinne der Neuzeit machen können, wie dies Martin Thurner, Imagination als Kreativität ((bib:1499)) , versucht hat. Zuzustimmen ist Thurner allerdings darin, dass Cusanus der imaginatio eine neue und zwar kreative Aufgabe zuweist. Thurner argumentiert wie Yamaki mit Blick auf die ‚Aenigmata‘.

Trägt man dem Befund Rechnung, dass imaginatio vor allem in das klassische Stufenschema der Erkenntnisfähigkeiten eingebunden ist, dann lässt sich die Rolle der imaginatio noch genauer bestimmen. Harald Schwaetzer, Die methodische Begründung [[bib: 1498]] , hat auf die Stelle aus De mente (De mente n.100) hingewiesen und gezeigt, dass aus ihr eine fähigkeitsmethodische Legitimation der cusanischen Symbolphilosophie folgt. Habet enim se imaginatio in absentia sensibilium ut sensus aliquis absque discretione sensibilium. Nam conformat se absentibus sensibilibus confuse absque hoc, quod statum a statu discemat. Sed in ratione cum discretione status a statu se rebus conformat.

Bei Cusanus, wie in der Tradition vor ihm, ist die imaginatio ein Vermögen, welches an die Sinneswahrnehmungen gebunden ist und ohne diese nicht zur Ausübung gelangt; auch ist es nicht ohne Quantität zu denken. Dabei unterschied schon Aristoteles in De anima (vgl. vor allem III,3 f., 428a 1 ff.) zwei Verwendungen von imaginatio bzw. phantasia, die Cusanus aufnimmt. Zum einen bezeichnet er damit eine „Bewegung, die als Ergebnis einer tatsächlichen Sinneswahrnehmung stattfindet“ (ebd. 429a 1-2). Zum anderen kann Aristoteles auch das Vermögen, Bilder zu bilden, damit bezeichnen: „das, kraft dessen wir sagen, daß uns ein Bild erscheint“ (ebd. 428a 1-2). Genau diese beiden Verwendungsweisen hat Cusanus auch im Blick, wobei er die zweite mit der ratio verbindet und die erste mit dem Sinneseindruck – ganz im Sinne des Aristoteles. Eine im Prinzip gleiche Unterscheidung fand Cusanus u.a. bei Albert. Auch der unterscheidet zwischen den Bildern (auch in Abwesenheit des Sinneseindrucks) und der Vorstellungskraft, die es erlaubt, willkürlich die Elemente zu kombinieren, etwa einen Kentauren sich vorzustellen. Vgl. Alberts Summa de homine q.37,1 u. 38,1 (ed. Borgnet 35, 325b u. 331a ((bib:2028)) ). Der zweiten aristotelischen Bedeutung, also dem Vermögen, Bilder zu produzieren, geht Cusanus nun genauer nach. Er differenziert zwischen einer reinen imaginatioohne aktuellen Sinneseindruck und einer imaginatio, die zwar auch ohne aktuellen Sinneseindruck ist, aber zusätzlich von der ratioimaginatio ohne Sinne und ohne Denken ist für ihn confusememoria und imaginatio praktisch gleichsetzen (vgl. De ludo globi n.101). Entfernt man aus einem solchen Bild alle Elemente der ratio, so wird dasselbe confuse. Damit wird ersichtlich, daß der Mensch über ein reines, vollkommen unfestgelegtes Bildvermögen verfügt. Diese Bestimmung wird für die weitere Neuzeit wichtig. So findet sich Gianfresco Picos Schrift De imaginatione folgende Bemerkung: (De imaginatione c. III, 56 ((bib:2039)) ): Intellectui convenit utpote quae libera, vaga, nullique rei peculiariter addicta. geordnet wird. Die reine und unterscheidet nichts. Mit ihr liegt offenbar, so will Cusanus sagen, ein reines Vermögen, Bilder zu bilden, vor. Dieses unterscheidet er von der Erinnerungsvorstellung (auch er kann memoria und imaginatio praktisch gleichsetzen, vgl. De ludo globi n.101). Entfernt man aus einem solchen Bild alle Elemente der ratio, so wird dasselbe confuse. Damit wird ersichtlich, daß der Mensch über ein reines, vollkommen unfestgelegtes Bildvermögen verfügt. Diese Bestimmung wird für die weitere Neuzeit wichtig. So findet sich Gianfresco Picos Schrift De imaginatione folgende Bemerkung: (De imaginatione c. III, 56 [[bib:2039]]): Intellectui convenit utpote quae libera, vaga, nullique rei peculiariter addicta.

Der entscheidende Punkt bei Cusanus ist nun der folgende: Dieses unfestgelegte Bildvermögen kann von zwei Seiten determiniert werden. Zum einen bestimmen, ganz traditionell, die Sinneseindrücke die imaginatio. Zum anderen gibt es aber auch die Möglichkeit, dass das Rohmaterial der imaginatio seine Form von der Ratio her erhält. Sind nämlich Sinneseindrücke nicht gegeben, so ist, für sich genommen, die imaginatio frei und ungebunden. Alles Vorstellbare vorzustellen ist ihr somit möglich. Unter dieser Perspektive kann jetzt die ratio den Part des Determinierenden übernehmen. Dadurch entsteht aber eine vollkommen neue Situation.

Natürlich ist das Vorgestellte seinem Material nach immer noch der Sinnenwelt entnommen. Aber damit wird jetzt etwas ausgedrückt, was aus der ratio stammt. Das Material der Sinnenwelt wird damit zu Buchstaben, zu Metaphern des Geistes. Eine Vorstellung, die von der ratio her bestimmt ist, kann nicht anders gemeint sein als s y m b o l i s c h. Sie spiegelt im Bild eine reine Erkenntnis des Geistes wider. Die von der ratio bestimmte imaginatio bietet auf diese Weise die Möglichkeit zur Symbolerkenntnis, also zur Entwicklung von aenigmata.

Die Determination durch die ratio macht Nikolaus u.a. durch sein stetes Verweisen auf die bewegten Bilder deutlich. Die Vorstellung eines in Bewegung befindlichen Dreiecks ist Ausdruck dessen, dass die Determinanten nicht auf der Seite der Wahrnehmung zu suchen sind.

imaginatio und imago

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Verallgemeinert man diesen Sachverhalt, so bietet die vom Denken bestimmte imaginatio das adäquate Bild einer visio. Damit ist die systematische Stellung der imaginatio zwischen aenigmaund visio beschrieben, und es wird abschließend möglich, ihren Zusammenhang zur imago zu bestimmen. Denn imaginatio erweist sich vor diesem Hintergrund als die eigentlich schöpferische Tätigkeit der menschlichen imago. In den bewegten Bildern einer visio intellectualis entwirft sich die viva imago gleichsam selbst. Visio intellectualis ist in diesem Sinne eine geistige coniectura, vgl. Bocken: De Kunst ((bib:929)) . Die enge Bindung des intellectus und der imaginatio, die zu einer vom endlichen Subjekt verantworteten Schau führt, ist auch eine Antwort des Cusanus auf die Idee der Theophanie bei Johannes Scottus Eriugena, vgl. Beierwaltes: Theophanie ((bib:1589)) .

Angesichts der systematischen Bedeutung wird auch die relativ geringe Menge an Belegstellen für das Substantiv deutlich; denn außer der imaginatio selbst müssen für eine Theorie der Imagination auch alle wesentlichen Stellen zur visio ((intellectualis)) , zu ((aenigma)) und zur viva imago Dei einbezogen werden. Gerade die geringe Zahl an Belegen ist Ausweis der Wichtigkeit, indem die Sache selbst zentralen Theoremata der Anthropologie und der Erkenntnistheorie zugrunde liegt.

Harald Schwaetzer

02.10.2008

zuletzt bearbeitet: 08.10.2008