konzeptibel
(lat. conceptus), konzeptibel (lat. conceptibile). Im übertragenen Sinne tritt ‹conceptus› als Bezeichnung für den Vollzug und die immanenten Produkte geistiger Tätigkeit seit dem 4. Jh. gelegentlich neben dem älteren ‹conceptio› auf (Firmicus Maternus: «conceptus animi»; Macrobius: «conceptus mentis») [1]. Der Ausdruck fehlt noch in der spätantiken lateinischen Platon- und Aristotelesrezeption. Chalcidius sagt «mentis (animi) conceptio» [2], umschreibt die innergöttlichen Ideen jedoch als «intellegibiles species» oder «intellectus» (plur.) [3]. Auch Boethius hat für die «passiones animae» von Aristoteles (De interpretatione I. 1) vorzugsweise «intellectus» (plur.), daneben aber auch «conceptio(nes) animi (mentis)». Die stoischenκοιναὶ ἔννοιαι sind als «communes animi conceptiones» latinisiert worden, das aristotelische ἐνθύμημα als «mentis conceptio» [4]. Augustin unterscheidet im affektiven Bereich der Liebe zu weltlichen Dingen einmal einen «conceptus verbi» von seinem «partus» («quod cupiendo concipitur adipiscendo nascitur») [5], entwickelt seine verbum-Theorie aber nicht mittels der später auf sie applizierten Synonyme ‹conceptus› oder ‹conceptio›. Für die Tradition ist eine Priscian-Stelle wichtig geworden, nach der die vox Ausdruck des Gedankens ist («indicans mentis conceptum, id est cogitationem»)[6]. Die griechisch-lateinische Synonymik von «mentis conceptus» (Monlorio 1569: νόημα, ἐννόημα, ἔννοια πρόληψις, λόγος, notio, notitia, verbum, ratio, intentio [7]) ist Zutat späterer Interpretation. In der Früh- und Hochscholastik bleibt ‹conceptio› der bevorzugte Ausdruck. Scotus Eriugena bestimmt zwar das geistige Vorwissen des Künstlers als «artificiosae mentis conceptum» [8], bevorzugt aber die (bei ihm mit den κοιναὶ ἔννοιαι verschmelzenden) enthymematischen «conceptiones animi» und begreift von ihnen her auch die Dialektik als «communium animi conceptionumrationabilium ... disciplina» [9]. Auch bei Abälard sind die Belege für ‹conceptus› noch zu zählen [10], während ‹conceptio› und ‹intellectus› einen ausgedehnten Anwendungsbereich haben. Die intersubjektive Verbindlichkeit der stoischen conceptio communis verwandelt sich ihm in eine Geltung von vielem (communis multorum similitudo, intellectus universalis) [11]. Der ursprüngliche Sinn des Topos bleibt jedoch weiterhin in Geltung [12]. Während noch Thomas von Aquin das vergegenständlichte Resultat der Erkenntnistätigkeit («id ad quod operatio intellectus nostri terminatur» als «quoddam per ipsam constitutum») vorzugsweise als «conceptio intellectus» bezeichnet [13], bürgert sich die knappere Form ‹C.› – späterhin auch ohne Appositionen, wie «mentis» u. ä. – zunehmend ein. In der Spätscholastik bildet sich eine eigene K.-Literatur heraus (Ailly, Gerson, Boix). Noch Gregor von Rimini galt jedoch ‹C.› als ein erst in jüngerer Zeit in verbreiteteren Gebrauch gekommener Ausdruck für die gegenständlichen Abstraktionen im Geist («conceptus, quod ultimum vocabulum nunc apud modernos est magis in usu»), der freilich dieselbe Bedeutung habe wie ‹species›, ‹intentio› oder ‹forma› bei den antiqui [14]. Seit der Renaissance ist die Entwicklung rückläufig. Im Cartesianismus und Wolffianismus treten ‹idea› und ‹notio› an die Stelle von ‹K.›, das seinen Vorrang allerdings bei Hobbes und Leibniz noch behauptet und nach Hamilton und Baynes[15] auch in der englischsprachigen Logik des 16. und 17. Jh. (Wilson, Fraunce, Granger, Harvay u.a.) als ‹conceit› oder ‹conceipt› in geläufigem Gebrauch war. Hamilton selbst führt ‹concept› wieder ein im Sinne von «id quod conceptum est» oder «object of conception», während er ‹conception› für den «act of conceiving» reserviert [16]. Schon Baumgarten hatte die «repraesentatio rei per intellectum» terminologisch als «conceptio» im Sinne von «das Verstehen oder Verstaendniß einer Sache» zu fassen versucht [17]. Mit der Annahme einer Unbegreiflichkeit eines in sich Begreiflichen für diesen oder jenen oder eines «relative inconceptibile (supra datum intellectum positum)» [18] psychologisiert er jedoch das «conceptibile», das Chr. Wolff zum terminus technicus seiner von Tschirnhausen beeinflußten Wahrheitstheorie erhoben hatte. Jedem wahren bejahenden Satz muß danach ein möglicher, keinen Widerspruch einschließender Begriff (notio) entsprechen. Läßt sich ein solcher Begriff bilden, ist der Satz konzeptibel und folglich wahr [19]. Dieser Konzeptibilitätsbegriff mutet freilich schlicht an gegenüber Aureolis Theorie des conceptibiliter differre, nach der sich die Begriffe von Sein und Wesen nicht «per aliud et aliud conceptibile», sondern nur «per alium modum concipiendi» unterscheiden. Auf der Grundlage der Synonymie von ‹conceptibile›, ‹ratio› und ‹conceptus obiectalis› leugnet Aureoli gegen Gerhard von Bologna eine «distincta conceptibilitas» der göttlichen Personen und der divina essentia nach Art von gegenständlich unterschiedenen rationes formales conceptibiles oder – skotisch gesprochen – formalitates [20].
Bis in die Barockscholastik wird die Bildung des K. im Rekurs auf die Fökundation bestimmt. So sind für HerveusNatalis verbum und K. ein und dieselbe Sache und unterscheiden sich nur gedanklich. Im verbum liegt das Moment des «manifestare aliquid sibi vel alteri», im K. das des inwendigen Hervorgangs «ad modum quo foetus vocatur conceptus, quamdiu manet in utero matris» [21]. Noch Rada deutet die Beziehung von Gegenstand und Erkenntnis als Kopulationsvorgang, in dem die Seele durch eine species impressa, «quae se habet veluti obiecti semen», geschwängert wird und als proles den K. hervorbringt [22]. Die Zuordnung des K. zum Gegenstandsbereich der Logik ist strittig geblieben. Nach Aegidius Romanus und Duns Scotus handelt die Logik als scientia rationalis von den «ab actu rationis» gebildeten Begriffen [23], während andere die Behandlung des ens in anima entweder, wie Aureoli, dem Metaphysiker [24] oder, wie Durandus, dem Physiker [25] oder aber beiden zuweisen, wie Timpler («de conceptibus rerum agere proprie pertinet partim ad Physicam, partim ad Metaphysicam») [26]. Aber auch Aureoli macht die vox nur «ut expressiva conceptus» zum Gegenstand der Logik («praedicatio non fit ratione vocum, sed ratione conceptuum»)[27]. Das einflußreichste Modell einer mentalistischen Logik hat Wilhelm von Ockham entwickelt. Auch Petrus Ramus verstand sich als Mentalist («tota Logica est intelligentia mentis ... et tota sine symbolis interpretationis potest in animo consistere» [28]). Caramuel hat unter dem Eindruck der Verdrängung der nach ihm von Hunaeus «proscriptis mentalibus ingenii monstris» wiederbegründeten «Dialectica vocalis» erstmals eine saubere Trennung von Logica vocalis und mentalis für geboten gehalten [29].