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lex (Cusanus)

aus AufEinWort, der freien Forschung

‚Lex‘ repräsentiert für Cusanus im Allgemeinen ein Einzelgesetz oder eine Gesetzessammlung, also Regeln, die auf einen Gesetzgeber zurückzuführen sind. Das Gesetz erhält seine verpflichtende Kraft durch die Autorität des Gesetzgebers, der auch dafür zuständig ist, das Übertreten eines Gesetzes zu bestrafen. Ohne eine solche Zwang ausübende Kontrolle verliert ein Gesetz seinen Sinngehalt (De concordantia catholica III c. 26 n. 486). Das Erlassen eines Gesetzes ist die Sache des gesetzgebenden Willens, der freilich nicht gegen die Vernunft ausgespielt zu werden vermag. Denn obwohl Cusanus sich dem römischen Diktum „Was dem Herrscher gutdünkte, hat Gesetzeskraft“ anschließt, gilt auch: „Das Herrschergesetz ist nichts anderes als die Vernunft des Herrschers, die uns als Wille erscheint“ (De beryllo n. 51; vgl. auch n. 17).

Beispiele für Gesetzessammlungen sind diejenigen der so genannten Gesetzesreligionen, nämlich die lex Alkorani, die Gesetze des Korans, die lex Abrahae bzw. lex Moysi, die Gesetze des Alten Bundes, oder die lex Christi, das Gesetz des Evangeliums. Diesem niedergeschriebenen Gesetz (lex scripta) – im Christentum etwa die Zehn Gebote, aber auch das jesuanische Gebot der Feindesliebe – stellt Cusanus das Naturgesetz bzw. natürliche Gesetz (lex naturae; lex naturalis) gegenüber. Damit ist jedoch vornehmlich nicht der Bereich gemeint, der von physikalisch-biologischen Naturgesetzen nezessitiert ist (vgl. hierzu De ludo globi I n. 35), sondern gemäß der mittelalterlichen Tradition ein moralisches Vernunftgesetz, das der Mensch von Natur aus in sich trägt und aufgrund dessen er das Gute als zu Tuendes und das Schlechte als zu Meidendes erkennt (vgl. hierzu Kremer; Eisenkopf/Mandrella). Der Tradition folgend geht Cusanus davon aus, dass das ursprüngliche Wissen um gut und böse durch den Sündenfall verdunkelt wurde und durch die Kodifizierung des Dekalogs wieder hergestellt werden musste. Die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn eröffnet freilich eine Perspektive, die dieser schriftlichen Fixierung nicht mehr bedarf. Cusanus betont dies, indem er Christus als Wort Gottes mit dem Naturgesetz identifiziert, das Gott abbildhaft in den Menschen gelegt hat (Sermo CLXXXIX n. 16-17; Sermo CCLXXII n. 22-26). Die Gebote des Naturgesetzes sind deshalb mit denjenigen der ewigen Weisheit Gottes, der lex aeterna, identisch (Sermo LXXXII n. 11, 2-7; Sermo LIV n. 21, 11-16; Sermo CCXII n. 22, 24-29; Sermo CXXIV n. 8, 1-9).

Eine solche Konzeption eines internalisierten Gesetzes, dass nicht in Form unmittelbar handlungsleitender Regeln verfasst ist, da es in der Lage ist, von sich aus dynamisch und kreativ seine eigenen Urteile zu fällen, entwickelt Cusanus in De mente am Vergleich des Geistes mit einem lebendigen Gesetz (lex viva): „So ist der Geist die lebendige Abbildung der ewigen und unendlichen Weisheit.“ (De mente c. 5 n. 85) In diesem Sinne wird das Naturgesetz selbst auch als „lebendiges Gesetz im lebendigen Gehorsam“ bezeichnet (Sermo CCLXXIX n. 5, 13-20); es handelt sich dabei also gerade nicht um etwas Statisches, das der Mensch automatisch befolgt, sondern um etwas, das er sich in zustimmendem Gehorsam, also in bewusster und freier Entscheidung aneignen muss. Das Gesetz des lebendigen Gehorsams (lex vivae oboedientiae) gründet in der rational bestimmten Liebe zu Gott (n. 6, 1-10).

Als besonderes vernunftrechtliches Gebot nennt Cusanus immer wieder die Goldene Regel, die er als „das bedeutendste unter den Gesetzen“ (potissima legum; De docta ignorantia III c. 6 n. 216) bezeichnet (vgl. auch De pace fidei c. 16 n. 59; De coni. II c. 17 n. 183; Predigt_XXIV. n.39). Denn als „Regel der Gleichheit“ (regula aequalitatis; De aequalitate n. 27, 10-13) entspricht dieses Gesetz in spezifischer Weise der urteilend- messenden Fähigkeit des menschlichen Geistes, insofern er „Abglanz der Gleichheit“ ist (splendor aequalitatis; Compendium c. 10 n. 34).

Literatur

KREMER, Klaus: Die lex naturalis in der Sicht des Thomas von Aquin und des Nikolaus von Kues. In: DERS.: Praegustatio naturalis sapientiae. Gott suchen mit Nikolaus von Kues, Münster 2004, S. 489-511.

EISENKOPF, Anke / MANDRELLA, Isabelle:  Die Ethik des Nikolaus von Kues. In: Litterae Cusanae. Informationen der Cusanus-Gesellschaft Band 4, Heft 1 (2004), S. 1-16.

Isabelle Mandrella

erstellt am 15.09.2010

zuletzt bearbeitet: 17.09.2010