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magarita (Cusanus)

aus AufEinWort, der freien Forschung

magarita / Perle

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Edelsteine spielen im Werk des Nikolaus von Kues an einigen Stellen eine prominente Rolle; so ist die Schrift De beryllo nach dem →beryllus benannt, der →carbunculus erhält zwei zentrale Kapitel in der Schrift De non aliud, und in De mente finden wir den →((ademas)), den Diamanten, an zentraler Stelle.

Die Funktion der Perle bei der Rechtfertigung einer aenigmatischen Theologie

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An die Bibel denkt man bei Cusanus natürlich als erstes, wenn nach einer Inspirationsquelle für Edelsteinbilder gefragt wird. Wenn auch die Schilderung des neuen Jerusalems mit seinen Toren aus kostbaren Steinen bei ihm kaum eine Rolle spielt, so gibt es eine sehr eindringliche, typisch cusanische Auslegung des Gleichnisses von der einen wertvollen Perle – ein Motiv, auf das in den Predigten wiederholt eingegangen wird. Die Predigt CXXVII widmet sich dem folgenden Bibelvers: „Das Himmelreich ist einem Kaufmann ähnlich, der nach guten Perlen sucht und der, wenn er eine einzige wertvolle gefunden hat, geht und alles verkauft, was er hat, und der jene kauft.“  Cusanus fährt dann fort: (Serm. CXXVII n. 1-2): ‘Simile est regnum caelorum homini negotiatori quaerenti bonas margaritas, et inventa una pretiosa vadit et vendit omnia quae habet et emit illam‘. Matthaei 13. Regnum caelorum non potest nisi per similitudinem describi [...] Oportebat igi-tur evangelizantem regnum Dei in se duo habere, scilicet quod ipse sciret illa, quae sunt supra omnem creaturam, quia quae scimus loquimur; et deinde, quod illa humaniter nobis exprime-ret, quia alias non intellegeretur. Hoc autem aliter fieri non potuit nisi per eum, qui venit de regno caelorum et assumpsit organa humana et locutus est ut homo. De ineffabili vero non potest homo loqui nisi per similitudinem. / „Das Himmelreich kann nur in Gleichnissen beschrieben werden [...] Notwendigerweise muss der, welcher das Reich Gottes verkündet, zweierlei in sich haben: dass er erstens selbst jenes kennte, was über aller Kreatur ist, weil wir von dem nur sprechen, was wir kennen (Io 3,11); dass er zweitens uns jenes auf menschliche Weise erläuterte, weil wir es anders nicht einsähen. Dies aber konnte nur geschehen durch den, der vom Himmelreich herabstieg und menschliche Organe annahm und wie ein Mensch sprach. Vom Unaussprechlichen kann der Mensch aber nicht sprechen – nur im Gleichnis.“

So dient also gerade die Schriftstelle von der Perle dazu, eine Theologie des Symbols, eine aenigmatische Theologie, zu rechtfertigen. Die Perle ist für Cusanus die ewige Weisheit / →((sapientia)), der sich der Mensch durch sein denkendes Bemühen verschreibt. Das Bild von der Perle zeigt also seiner dynamischen Nuancierung nach, zusammengefasst gesagt, wie der Vorgang der →((Gottesgeburt)) in der Seele sich zu ereignen vermag: Die Perle ist nicht nur Bild der Menschwerdung Gottes, sondern auch des Prozesses der Gottwerdung des Menschen, wie Cusanus ihn in Über Gotteskindschaft nennt, vgl. (De fil. Dei n.52).  Das Suchen nach der Perle symbolisiert den Vorgang der Geburt der Weisheit im Menschen. Damit liegt im Perlen-Bild die Darstellung desjenigen Prozesses vor, der sich bei der aktiven Symbolerkenntnis idealiter für Cusanus abspielen sollte: nämlich derjenige eines ´christusförmig werden´, vgl. →((christiformitas)).

Das Bild der Perle als Bild der Ausbildung des inneren Menschen

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Die Perle als solche ist ein ausgezeichnetes Bild für diesen Sachverhalt der Ausbildung des inneren Menschen hin auf eine christiformitas; eine Perle wächst, wie die Weisheit im Innern des Menschen, verborgen in einer Auster heran, unbemerkt und unsichtbar für die Welt. Man kann aufgrund des Äusseren nicht wissen, wie es im Innern aussieht und ob das Innere eine Perle gebiert. Damit ist aber exakt ins Bild gebracht, was Cusanus von Augustinus und Eckhart her aufnimmt und umgestaltet, nämlich das Verhältnis von äusserem und innerem Menschen und der Gottesgeburt im inneren Menschen. Der äussere Mensch sagt noch nichts über den inneren Menschen aus. Und man weiss nicht, ob im inneren Menschen sich die Gottesgeburt vollzieht.  Meister Eckhart hat dies so beschrieben:

„Die Meister sagen, dass in einem jeglichen Menschen zweierlei Menschen vorhanden sind: der eine heisst der äussere Mensch, das ist die Sinnlichkeit; diesem Menschen dienen die fünf Sinne, und doch wirkt der äussere Mensch kraft der Seele. Der andere Mensch heisst der innere Mensch, das ist des Menschen Innerlichkeit. Nun sollst du wissen, dass ein geistiger Mensch, der Gott liebt, die Kräfte der Seele im äusseren Menschen nicht mehr in Anspruch nimmt, als die fünf Sinne notwendig bedürfen [...] Und was die Seele über das hinaus, was sie den fünf Sinnen zuwendet, an Kräften besitzt, diese Kräfte gibt die Seele alle dem inneren Menschen. [...] Nun sollst du wissen, dass der äussere Mensch sich in Betätigung befinden kann und doch der innere Mensch davon gänzlich frei und unbewegt bleibt.“ (Meister Eckhart: Traktat 3: Von der Abgeschiedenheit. In: Meister Eckhart. Werke in zwei Bänden. II, 449, [[bib:2423]]). Meister Eckhart nennt diesen idealen Zustand des inneren Menschen bekanntlich ´Abgeschiedenheit´. In gänzlicher Unabhängigkeit vom äusseren Menschen und von dieser Welt wächst im Innern der eigentliche Mensch heran. Für diesen Sachverhalt könnte es wohl kaum ein treffenderes Bild als das von der Perle in der Auster geben.

Perlen an der Mosel / zur naturwissenschaftlichen Tradition

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Man kann sich freilich fragen, wie sinnvoll ein solches Bild ist, könnte man doch einwenden, dass man in den Gegenden, in denen Cusanus groß geworden ist, kaum Erfahrungen mit Austern und Perlen haben dürfte. Dazu ist erstens zu sagen, dass die Perle eine lange Tradition hat, sowohl als Edelstein wie auch in ihrer symbolischen Bedeutung. So handelt das ´Speculum naturale´, welches gewöhnlich jedem Edelstein ein Kapitel widmet, die Perle in vier langen Kapiteln ab, von denen eines zum Bei-spiel den Perlenluxus der Antike behandelt , vgl. Vincentius Bellov., Speculum naturale (Duaci 1624), Liber VIII, c.81-84 [[bib: 2424]].  Cusanus konnte aber zweitens in der Schrift Über Mineralien von Albert dem Großen einiges über Perlen erfahren. Darin las er z.B., dass die besseren Perlen aus Indien kommen; aber auch, dass schönere Perlen in jüngeren Austern sind. Doch Albert berichtet auch folgendes: „Man sagt auch, dass Austern beim Blitzschlag ähnlich einer Fehlgeburt Perlen hervorbringen. Und aus diesem Grunde findet man sie auch in Flüssen, in der Mosel und manchen Flüssen Galliens, im Sande.“ (vgl. Albertus Magnus, Liber II Mineralium, tract. II, c. 11 (ed. Borgnet V, 41; dt.: Harald Schwaetzer).

Ob Cusanus Perlen in der Mosel gefunden hat, wissen wir nicht. Lassen wir es dahingestellt. Jedenfalls ist deutlich, dass Nikolaus auf Zeugnisse wie die Alberts zurückgreifen konnte und auch möglicherweise selbst mit Moselaustern vertraut war. Entscheidend ist jedoch erneut der Hinweis auf die Geburt im Blitzschlag, die natürlich, wie es sich durch die Tradition von der Antike an bis etwa, um nur einen Prominenten zu nennen, zu Hölderlin zieht, mit der mystischen Geburt in Verbindung steht, dadurch dass der Blitzschlag, der Selene trifft, als sie Zeus unverhüllt scheut, zugleich zur Geburt der für die Mysterientradition so wichtigen Figur des Dionysius führt.


Harald Schwaetzer

08.10.2008

zuletzt bearbeitet: 21.11.2008