oboedientia (Cusanus)
I. Das Thema des Gehorsams sowie des Verhältnisses von Freiheit und Gehorsam spielt eine wichtige Rolle im Werk des Nikolaus von Kues; es wird allerdings nicht in allen Schriften explizit behandelt. Der Problematik sind einzelne Passagen in De concordantia catholica, De pace fideiund Cribratio Alkorani gewidmet (vgl. Herold, 169). In den Predigten, insbes. in denjenigen aus der Zeit des Cusanus als Fürstbischof von Brixen (1452-1458; es handelt sich im Einzelnen um die Sermones CXXII-CCLXXXVIII; vgl. Euler) und im Brief an den Novizen Nikolaus von Bologna (ed. v. Bredow; dort irrtümlicherweise Nikolaus Albergati genannt) ist die Frage des Gehorsams dagegen von zentraler Bedeutung. In diesen Texten wird die grundsätzliche anthropologische und ethische Bedeutung der „doctrina oboedientiae“ (Herold) des Kardinals aus Kues und ihr philosophisch-theologisches Fundament hinreichend deutlich.
„Mein lieber Sohn“, so schreibt Cusanus 1463 beispielsweise dem Novizen des Klosters Montoliveto Nikolaus von Bologna, den er selbst eingekleidet hat, „du kannst nun schon in etwa sehen, wie wir im alten Menschen, der von Adam abstammt, durch Anmaßung den Weg des ewigen Lebens verloren haben, als Adam nicht Gott das Lob und die Ehre geben wollte, dass er auf dem Wege des Gehorsams unschuldig von Gott in Gnaden zur Schau der Herrlichkeit geführt würde. Vielmehr wollte er sich das Lob geben, indem er sich anmaßte, aus der eigenen Kraft seiner Vernunft dazu aufzusteigen. Das ist die Sünde, die heute in der Welt regiert; denn alle Kinder Adams maßen sich an, Einsicht zu haben und die stolze, aufblähende Wissenschaft zu besitzen, sie rühmen sich, in ihr gelehrt und wissend zu sein“ (ed. v. Bredow, 37, n. 26; vgl. De vis. 21: h VI, n. 92). Die Verweigerung des Gehorsams kennzeichnet den „alten Adam“, der Gott gewissermaßen als seinen Konkurrenten betrachtet und sich selbst absolut setzen will. Er meint, dadurch frei zu werden, dass er Gottes Gebot missachtet. Tatsächlich verfehlt er aber den Sinn der ihm von Gott geschenkten Freiheit und unterwirft sich der Knechtschaft der Sünde bzw. des Teufels (Sermo CLXXVII: h XVIII, n. 2). Die Folgen sind Entfremdung und Selbstzerstörung. Das wahre Wesen der menschlichen Freiheit zeigt sich im rechten Gebrauch der vis libera assimilativa, der Fähigkeit des geschaffenen Geistes, sich seinem göttlichen Urbild durch Gehorsam anzugleichen, so dessen Herrlichkeit zu rühmen und letztlich eins mit Gott zu werden (vgl. Sermo CLXVIII: h XVIII, n. 9). Deshalb bedeutet Gehorsam Leben für den Menschen (Sermo CCLXXXIII: h XIX, n. 7: „oboedire est vivere“).
II. Ausgehend vom neuplatonischen Urbild-Abbild-Schema wird der Gehorsam zu einer zentralen Größe innerhalb der Anthropologie des Nikolaus von Kues. Eine spezifisch christliche Prägung erhält dieser Gedanke zum einen dadurch, dass Cusanus den Sündenfall als prototypischen und zugleich zeitenübergreifenden, immer wieder neu sich ereignenden Akt des Ungehorsams schlechthin begreift und zum anderen Christus im Anschluss an den Apostel Paulus als den „neuen Adam“, das Vorbild des Gehorsams vorstellt. Die vollkommene Selbstentäußerung Christi, sein Gehorsam bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,7-8: „Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz”) und seine Bereitschaft, einzig dem Willen des göttlichen Vaters zu folgen (vgl. Mt 26,39), machen ihn für Cusanus zum „exemplar oboedientiae“, zum Modell des Gehorsams (Sermo CCLXXIX: h XIX, n. 10) sowie zur „via oboedientiae“ (Sermo CCLXXXII: h XIX, n. 17). Diesem „Weg des Gehorsams“, der Christus selbst ist, nachzufolgen, ist die Verpflichtung aller Christen (nicht nur der Ordensleute und Priester, sondern auch der Laien), die so selbst christusförmig werden. Cusanus spricht von „christiformis oboedientia“ (Sermo CCI: h XVIII, n. 4; Sermo CCLXXXII: h XIX, n. 17) und meint damit die konkrete Nachfolge des Herrn, die bei vollkommenem Gehorsam gemäß Gal 2,20 in eine Art mystischer Identität zwischen Christus und dem Gläubigen einmündet (Sermo CXCVI: h XVIII, n. 11).
III. Cusanus wurde nicht müde, den Adressaten seiner Verkündigung ihre Verpflichtung zum christusförmigen Gehorsam einzuschärfen. Dieser wird konkret durch den Gehorsam gegenüber dem jeweiligen Vorgesetzten, durch den Christus selbst nach Lk 10,16 („Wer euch hört, der hört mich“) spricht. Für die Ehefrau spricht Christus durch ihren Ehemann, für die männlichen Laien durch die Leiter der Kirche, die ihrerseits in ein hierarchisch gegliedertes System von Gehorsamsverpflichtungen eingebunden sind (vgl. Sermo CCXXVI: h XIX, n. 16). Die Oberen müssen sich beim Jüngsten Gericht dafür verantworten, ob sie den ihnen anvertrauten Gläubigen das Gesetz Christi „verbo et exemplo“, durch ihre Verkündigung und ihr persönliches Vorbild nahe gebracht haben (Sermo CLXXIV: h XVIII, n. 11). Ein donatistisches Gehorsamsverständnis (vgl. v. Balthasar, 143), demzufolge sich der Untergebene ein Urteil darüber anmaßt, ob und unter welchen Bedingungen er dem Vorgesetzten überhaupt Gehorsam schuldig ist, lehnt Cusanus mit großer Entschiedenheit ab. Vollkommen ist für ihn ein vorbehaltloser und in diesem Sinne auch irrationaler Gehorsam, weil dieser bewusst, d.h. durch einen vernünftigen und freien Akt, darauf verzichtet, die erteilte Anweisung einer verstandesmäßigen Überprüfung zu unterziehen (Sermo CXCVI: h XVIII, n. 12: „Oboedientia igitur irrationalis est consummata oboedientia et perfectissima, scilicet quando oboeditur sine inquisitione rationis, sicut iumentum oboedit domino suo“).
Literatur:
H. U. v. Balthasar: Neue Klarstellungen, Einsiedeln 1979.
G. v. Bredow, Das Vermächtnis des Nikolaus von Kues. Der Brief an Nikolaus Albergati nebst der Predigt in Montoliveto (1463), Heidelberg 1955.
W. A. Euler, La réforme de l´Eglise chez Nicolas de Cues, in: M.-A. Vannier (Hg.), La prédication et l´Eglise chez Eckhart et Nicolas de Cues, Paris 2008, 227-241.
Ders., „Oboedire est vivere“: Obedience and Freedom According to the Brixen Sermons of Nicholas of Cusa, in: W. A. Euler – Y. Gustafsson – I. Wikström (Hg.), Nicholas of Cusa on the Self and Self-Consciousness, Åbo (Turku) 2010, 25-38.
H. J. Hallauer, Nikolaus von Kues als Bischof und Landesfürst, in: MFCG 21 (1994) 275-311.
R. Haubst, Die Christologie des Nikolaus von Kues, Freiburg 1956
N. Herold, „... als ob im Gehorsam die Freiheit zugrunde ginge...“. Die „Doctrina oboedientiae“ in den Predigten des Nikolaus von Kues, in: MFCG 31 (2006) 167-209.
Juni 2010
zuletzt bearbeitet: 23.06.2010