pictor (cusanus)
Der Begriff des pictor kommt absolut betrachtet selten vor. Indes sind andere konkrete Künste noch seltener vertreten. Statuarius hat neun Belege, cantor und textor je drei. Daraus ergibt sich aber, dass pictor der meistgenannte konkrete Künstlertyp bei Cusanus ist. Gelegentlich findet sich pictor in einer unspezifischen Aufzählung mit Vertretern anderer Künste Signatur: Vgl. De fil. Dei, n. 60 oder De ludo globi I n. 44.
Die besondere Affinität, die Nikolaus zum Maler hat, kommt in den beiden Hauptverwendungen des Begriffs zum Ausdruck. Zum einen begegnen wir dem Maler als Bild für Gott, den Schöpfer Vgl. De gen., n. 171, De vis. Dei n. 116, Cribr. Alk. II n. 91, Serm. CCXXXIV n. 3, Serm. CCLXX n. 6, Serm. CCLXXXVIII n. 1.
Zum anderen aber wird dieser Zusammenhang signifikant spezifiziert, indem vor allem in De mente der Zusammenhang zwischen dem göttlichen Maler und seinem lebendigen Bild, auf das die ars des Schöpfers übergegangen ist, expliziert wird. Dabei gibt es Stellen, welchen den Maler als beispielhaften Künstler einführen – eine Position, die sicherlich im Kontext der gleichen und in der Zeit neuen Einschätzung von Alberti in De pictura zu sehen ist. Vgl. De gen., n. 173, De mente c. II n. 62 oder Serm. CCXLII n. 26. Von besonderer Bedeutung, wiederum gerade angesichts der in dieser Zeit erst entstehenden Porträtmalerei, die darüber hinaus erst langsam zum Selbstproträt findet, sind entsprechende Stellen, die genaue das Autoporträt thematisieren. Vgl. De mente c. XIII n. 148, De mente c. XIII n. 149, Serm. CXXXV n. 4 oder Serm. CCLX n. 7. Im Zentrum dieser Überlegungen steht die für die cusanische Anthropologie entscheidende Ansicht, daß der Schöpfer bei der Erschaffung des Menschen diesem einen Teil seiner arsmitgegeben habe, so daß dieser nicht nur Geschöpf, sondern zugleich auch Schöpfer sei, was im Bild des sich selbst malenden Bildes angedeutet ist (vgl. dazu u.a. Eisenkopf, Das Bild des Bildes [[bib:65]]; Schwaetzer / Zeyer, Einleitung in ‚Ein lebendiges Loblied Gottes‘ [[bib:1332]]).
Eine Variante dieses Bildes finden wir in der Predigt CCLI, dem Selbstporträt mit Spiegel. Cusanus unterscheidet hier zwischen dem Spiegelbild Gottes als dem Sohn (imago) und dem Porträt als dem Menschen (ad imaginem). Vgl. dazu Mandrella, Gott als Porträtmaler, S. 133-146 [[bib:69]]. Diese Verwendung bezeugt allerdings eine Vertrautheit mit den neuen Praktiken der Malerei; denn Cusanus greift hier darauf zurück, dass Maler das Problem der Perspektive meisterten, indem sie eine Szene in einem Spiegel auffingen und dann das Bild vom Spiegel abmalten. Vgl. dazu Tritz: Ad imaginem et similitudinem, 197-218 [[bib:73]].
Aus dieser Verwendung wird erstens deutlich, dass der Maler für Cusanus das entscheidende Bild seiner Anthropologie ist; denn nur der Maler bringt den Bezug der ‚Imago‘ zu ihrem Schöpfer so zum Ausdruck. Zweitens wird aber deutlich, daß der Fokus bei Cusanus auf dem l e b e n d i g en Bild liegt. Gerade dieses aber kann kein konkretes Gemälde sein. Aus dieser Ambivalenz erklärt sich die Wichtigkeit des Bildes bei gleichzeitigem Fehlen konkreter Hinweise auf konkrete Maler oder auf Maltechniken (Ausnahme dazu: Serm. CXXXVII n. 2).
Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend, daß Cusanus als einzigen Maler ((Rogier van der Weyden)) nennt (De vis. Dei n. 2). Ihm und seinem flämischen Lehrer bzw. Kollegen kommt damit eine besondere Bedeutung zu.
02.10.2008
zuletzt bearbeitet: 08.10.2008