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prima philosophia (Cusanus)

aus AufEinWort, der freien Forschung

Cusanus übernimmt den in der mittelalterlichen Philosophie gebräuchlichen Begriff der ‚prima philosophia‘ von Aristoteles, der die Wissenschaft der Metaphysik als „erste Philosophie“ (prôtê philosophia; Metaphysik VI 1, 1026a 24) bezeichnet hat, um ihre Priorität gegenüber den anderen Wissenschaften zu betonen. Die hinter dieser Hierarchie stehende Wissenschaftstheorie des Aristoteles, die vor allem auf den jeweiligen Gegenstand abhebt, der einer Wissenschaft zugrunde liegt (vgl. Metaphysik II 3, 995a 14-19; VI 1, 1026a 1-19; Zweite Analytiken I 9, 76a 18-22), wurde auch für Cusanus und sein Modell der theoretischen Wissenschaften maßgeblich: Während sich die an unterster Stelle stehende Naturphilosophie bzw. Physik mit dem materiellen und der Bewegung unterworfenen natürlichen Seienden beschäftigt, handelt die auf der zweiten Stufe stehende Mathematik von dem von der Materie abstrahierten, rein quantitativen Seienden. Die höchste Wissenschaft schließlich, die das an sich immaterielle Seiende betrachtet, wird göttliche Wissenschaft, Theologie bzw. Metaphysik genannt (vgl. De possest n. 62, 10-63; Sermo CLXXIV n. 16, 1-21; De mente c. 7 n. 100-106). Cusanus schließt sich damit grundsätzlich der aristotelischen Tradition an, die von einem wissenschaftstheoretischen Primat der Metaphysik ausgeht (vgl. hierzu Mandrella 2005). Den Begriff der ersten Philosophie verwendet er jedoch nur an wenigen Stellen und ausdrücklich immer nur mit Rekurs auf Aristoteles (De docta ignorantia I c. 1 p. 6, 15; De venatione sapientiae c. 12 n. 31, 15; De non aliud c. 18 p. 44, 11; c. 19 p. 47, 11).

Wie insbesondere die Ausführungen in De non aliud zeigen, wo es von Aristoteles heißt, er habe in der ersten oder mentalen Philosophie, kurzum: in der Metaphysik versagt (c. 19 p. 47, 11), verbindet Cusanus mit Aristoteles das Projekt rationaler Philosophie, das aufgrund seiner eigenen rationalen, d.h. sich dem Intellekt verschließenden Bedingungen scheitern musste (zum Verhältnis von ratio und intellectus bei Cusanus vgl. Senger). Aufgrund seiner rationalen Beschränkung gelang es Aristoteles etwa nicht, den Satz vom Widerspruch hin zu einer intellektuell-intuitiven und damit wahrhaft metaphysischen Erkenntnis des einen Ursprungs, in dem alle Gegensätze in eins fallen, zu überschreiten. In seiner Metaphysik bemühte sich Aristoteles vergeblich, das Wesen oder die Substanz der Dinge zu suchen, obwohl diese der menschlichen Erkenntnis nicht zugänglich sind (De beryllo n. 48-53; De venatione sapientiae c. 12 n. 31; De non aliud c. 18, p. 44). In dieser Charakterisierung greift Cusanus die aristotelische Aussage in Metaphysik VII 1 auf, der Gegenstand dieser Wissenschaft sei der stets gesuchte. Als stets Suchender – seinem eigenen (von Cusanus an zahlreichen Stellen zitierten) Motto „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“ (Metaphysik I 1, 980a 21) treu – erweist sich Aristoteles damit als ein Denker, der zumindest eine vage Ahnung von der Unerreichbarkeit der Wahrheit der Dinge und vom konjekturalen Wissen des Menschen hatte (zum Verhältnis Aristoteles – Cusanus vgl. Mandrella 2011).

Literatur:

MANDRELLA, Isabelle:  Der wissenschaftstheoretische Primat im Denken des Cusanus: Mathematik oder Metaphysik?, in: Friedrich PUKELSHEIM / Harald SCHWAETZER (Hrsg.): Das Mathematikverständnis des Nikolaus von Kues. Mathematische, naturwissenschaftliche und philosophisch-theologische Dimensionen (Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft 29), Trier 2005, S. 183-200.

MANDRELLA, Isabelle, Cusa’s Aristotelian Platonism. Aristotelian conceptions in Cusa’s thought, erscheint demnächst in: Arne MORITZ (Hrsg.): Companion to Nicholas of Cusa, Leiden 2011.

SENGER, Hans Gerhard:  Art. Vernunft; Verstand. III. Mittelalter, G. Nikolaus von Kues. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie 11, Basel/Darmstadt 2001, 793-796.

Isabelle Mandrella

erstellt am 15.09.2010

zuletzt bearbeitet: 17.09.2010