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theologia crucis (Cusanus)

aus AufEinWort, der freien Forschung

I. Cusanus behandelt das Thema der theologia crucis  in verschiedenen Schriften (De docta ignorantia III, 6: „Das Geheimnis des Todes Jesu Christi“; De pace fidei 14; Cribratio Alkorani II, 12-17) und vor allem in mehreren Predigten, die die quantitativ umfangreichsten und inhaltlich tiefdringendsten Entwürfe für eine Kreuzestheologie bieten. Dabei handelt es sich vornehmlich um Predigten, die Nikolaus jeweils in der Karwoche, am Palmsonntag, am Karfreitag und am Ostersonntag, gehalten hat. Schwerpunktmäßig thematisieren die Frage der theologia crucis die Sermones I (Weihnachten 1430); XII (Ostern 1432); XXVII (Karfreitag 1443); XXVIII (Karfreitag 1443); XXXV (Karfreitag 1444); LIII (Karfreitag 1445); CXXII (Karfreitag 1452); CLIV (Palmsonntag 1454); CLXXXV (Ostern 1455); CXXIX (Ostern 1456); CCLXX (Sonntag Quinquagesimae, 27.02.1457);  CCLXXVI (Sonntag Judica, 03.04.1457); CCLXXVIII (Karfreitag 1457).

II. In den genannten Schriften und Predigten finden sich vor allem vier verschiedene theologische Deutungsmuster des Leidens und Sterbens Jesu Christi (vgl.dazu ausführlich Euler, Theology of the Cross?): (1) Die Antwort auf die Frage nach dem Grund der Menschwerdung Gottes, die Nikolaus von Kues in seiner ersten Predigt vorstellt, folgt im Wesentlichen dem Gedankengang, den Anselm von Canterbury in seinem Werk Cur Deus homo? ausführlich entfaltet hat und der dabei entwickelten sog. Satisfaktionstheorie. Wie Anselm benennt auch Nikolaus in diesem frühen Text als Grund der Inkarnation ausschließlich die Rettung des Menschen vor der ewigen Verdammnis; wie Anselm sieht er hier die Erlösung als grundsätzliche Wiederherstellung des durch die Ursünde zerbrochenen ordo: Christus, der Gott-Mensch, wandte die aus dem Rechtsbruch der Sünde folgende Strafe von uns, indem er sich selbst als Sühnopfer stellvertretend für uns dem Vater anbot, freiwillig am Kreuz sein Leben hingab, und so das gestörte Verhältnis von Gott und Mensch wieder instandsetzte (vgl. Greshake, Wandel, 85). In seinen späteren Predigten bezieht sich Cusanus zwar noch mehrmals auf Anselms Argument, doch hat er es an keiner Stelle mehr so ausführlich entfaltet wie in Sermo I (vgl. Dahm, Soteriologie, 46ff). (2) Ein weiteres, von Nikolaus von Kues aus der Tradition übernommenes Motiv zur Begründung des Leidens und Sterbens Jesu ist die Vorstellung, dass Christus durch seinen Tod den Teufel endgültig besiegt hat. Diese Konzeption klingt in mehreren cusanischen Predigten am Rande an. Eingehend wird sie in Sermo LIII anhand einer allegorischen Erzählung thematisiert. (3) In zahlreichen cusanischen Predigten dominiert die Vorstellung, dass der Prozess der göttlichen Offenbarung im Kreuzestod Jesu seinen Höhepunkt erreicht. Diese Auffassung entfaltet Nikolaus in beeindruckender Weise im Sermo CXXII, der ersten Predigt, die er als Bischof von Brixen in seiner Tiroler Bischofsstadt gehalten hat – im Zuge einer weitausgreifenden Erörterung der Ursache der Passion Christi. Den Leitfaden seiner Erörterungen bildet die Selbstoffenbarung des johanneischen Jesus bei seinem Verhör durch Pilatus: „Ich bin dazu geboren worden und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ (Joh 18,37) Erst am Kreuz, so lässt sich der Gedankengang der Predigt zusammenfassen, wird für alle Welt sichtbar, dass Christus, der Bote, ganz identisch mit seiner Botschaft, dem Zeugnisgeben für die göttliche Wahrheit geworden ist. In diesem Zeugnis der Lebenshingabe erreicht also die göttliche Offenbarung ihren unüberbietbaren Höhepunkt; in der scheinbar völligen Verlassenheit des Gottesgesandten in Golgatha kulminiert jener Prozess der göttlichen Kundgabe, der das eigentliche Ziel der Schöpfung und der Heilsgeschichte ist. Diesen Zusammenhang hat Nikolaus in einer geradezu dramatischen Verdichtung bereits im Sermo XXVIII dargestellt, dessen Thema der Todesschrei Christi am Kreuz ist (vgl. Mk 15,37). Die magna vox, der Todesschrei Jesu, ist für Cusanus identisch mit jener „Stimme“ des göttlichen Logos, die die Schöpfung ins Sein rief und die Geschichte durchwaltet. Diese Stimme steigert sich, sie tut sich immer deutlicher bis zu jenem Augenblick hin kund, in dem Christus mit einem lauten Todesschrei sein Leben aushaucht (h XVII, n. 4). Das Kreuz beseitigt jede Zweideutigkeit und jeden Zweifel; erst durch das Kreuz wird mit letzter Gewißheit deutlich, dass Christus, die veritas hominis, der Inbegriff des Menschlichen, eine unauflösliche Schicksalsgemeinschaft mit dem Menschengeschlecht eingegangen ist (vgl. Sermo CXXII: h XVIII, n. 2). (4) Ab 1455 beschäftigt sich Nikolaus in mehreren Predigten und schließlich auch in seinem Brief an den Benediktinernovizen Nikolaus von Bologna (Albergati) mit der Frage nach dem Todeswissen Jesu. Den Ausgangspunkt seiner diesbezüglichen Überlegungen bildet der nach Mt 26,38 im Garten von Getsemani gesprochene Satz Jesu: „Meine Seele ist zu Tode betrübt“ (tristis est anima mea usque ad mortem). In der Trauer und Todesangst Jesu drücken sich für Cusanus das Wissen um den Tod, die scientia mortis, aus, welche Christus und er allein besaß; kein Mensch außer Jesus weiß, was der Tod bedeutet. Die Vorstellung eines in der Gottessohnschaft Christi begründeten Todeswissens ermöglicht es Cusanus, dem Sterben Jesu einen unvergleichlichen Rang zuzuweisen, ohne dass er gezwungen wäre, seine Marter und Leiden so drastisch auszumalen, wie dies in der spätmittelalterlichen Passionsfrömmigkeit oftmals geschehen ist. Es genügt den cusanischen Gedanken auf sich wirken zu lassen, um zu erkennen, dass das Wissen um die Wirklichkeit des Todes, d.h. die Realität der vollkommenen Gottesferne, viel tiefer reicht und viel mehr Trauer und Angst erzeugen muss, als alle äußeren Marter und Qualen. Von daher kann Nikolaus den Tod Christi als den vollkommenen Tod, die mors consummata, charakterisieren, der allein – hier klingt das Paradox der coincidentia oppositoruman – zum ewigen Leben führt (vgl. Sermo CCLXX: h XIX, n. 8). Im Sermo CCLXXVI geht Nikolaus über die bisher gemachten Erwägungen noch hinaus und weist ausdrücklich auf den Strafcharakter der Todesschau (visio mortis) Jesu hin (h XIX, n. 20-22). In diesem Text identifiziert Cusanus, wohl inspiriert durch die paulinische Kreuzestheologie (vgl. Gal 3,13; 2 Kor 5,21), Christus in einer an Luther erinnernden Weise mit dem zur Verdammnis verurteilten Sünder.

III. Versteht man theologia crucis im Sinne von Martin Luthers Heidelberger Disputation von 1518 (v.a. Thesen 19-21; WA 1, 354), dann bietet Nikolaus von Kues keine Kreuzestheologie. Luther verwirft im Namen des Kreuzes alle Versuche mit Hilfe der Vernunft, durch Metaphysik und sog. natürliche Gotteserkenntnis gültige Aussagen über Gott zu machen als theologia gloriae, d.h. als menschliche Anmaßung und Hybris. Einen solchen Gegensatz zwischen Kreuzestheologie und spekulativer Gotteserkenntnis kennt Cusanus nicht. Er betrachtet den Aufstieg zu Gott mit Hilfe der spekulativen Vernunft nicht als sündhafte Eigenmächtigkeit des Menschen, sondern als ein Hören auf den Logos Gottes in der Schöpfung, der sich am Kreuz von Golgatha in definitiver Weise offenbart. Obschon Nikolaus den Sündenfall keineswegs vernachlässigt, sondern vielfach Unwissenheit und Blindheit der Menschen als dessen dramatische Folgen benennt, sieht er doch den Menschen in erster Linie als die viva Dei imago, das lebendige Ebenbild Gottes; ein Ebenbild freilich, das sich am Urbild des menschgewordenen Sohnes Gottes, der veritas hominis, und damit zugleich an ihm als dem Gekreuzigten auszurichten hat. Das biblische Fundament für sein Verständnis des Kreuzes findet Cusanus insbesondere im Johannes-Evangelium. Die ausdrückliche Bevorzugung der johanneischen Kreuzestheologie gegenüber den anderen neutestamentlichen Konzeptionen begründet Nikolaus im Sermo CCLXXVIII mit einem Hinweis auf die Tatsache, dass der Apostel und Evangelist Johannes als einziger Apostel Augenzeuge bei der Kreuzigung Jesu gewesen sei (vgl. Joh 19,26) und deshalb den authentischsten biblischen Bericht über dieses Ereignis  liefere (h XIX, n. 1).

Literatur:

G. v. Bredow, Das Vermächtnis des Nikolaus von Kues. Der Brief an Nikolaus Albergati nebst der Predigt in Montoliveto (1463), Heidelberg 1955.

A. Dahm, Die Soteriologie des Nikolaus von Kues. Ihre Entwicklung von seinen frühen Predigten bis zum Jahr 1445, Münster 1997.

Ders., Imago foedata – Imago purgata. Die Erlösung durch Jesus Christus als Wiederherstellung des Bildes Gottes im Menschen in der Sicht des Nikolaus von Kues, Trier 2002.

W. A. Euler, Does Nicholas Cusanus Have a Theology of the Cross?, in: The Journal of Religion 80 (2000) 405-420.

G. Greshake, Der Wandel der Erlösungsvorstellungen in der Theologiegeschichte, in: Erlösung und Emanzipation, hg. v. L. Scheffczyk, Freiburg-Basel-Wien 1973, 69-101.

R. Haubst, Die Christologie des Nikolaus von Kues, Freiburg 1956.

Ders., Streifzüge in die cusanische Theologie, Münster 1991.

Walter Andreas Euler

Juni 2010

zuletzte bearbeitet: 23.06.2010