theoria (Cusanus)
Dass der Begriff theoria relativ selten vorkommt, obwohl er doch der Titel einer – wenngleich späten – Schrift ist, muß auf den ersten Blick überraschen. Noch überraschender ist, dass auch in dieser Schrift De apice theoriae selbst das Wort nur selten vorkommt.
Dieser Befund wird freilich verständlich, wenn man bemerkt, dass Cusanus mit dem Wort theoria von Anfang an etwas Bestimmtes im Auge hat: Theoria ist für ihn verknüpft mit gr. theoro, was er mit einer doppelten Etymologie in Aufnahme Eriugenas als ‚Laufen‘ und ‚Schauen‘ übersetzt. Daraus folgt für ihn seit De quaerendo deum ein Stufenweg der Schau (De quaer. deum, n. 19, n. 32). Diese Bedeutung tritt noch in De apice theoriae wieder auf (De apice theor. n. 4, n. 17). Der Ausdruck ‚Gipfel der Schau‘ wird von hier aus verständlich, vgl. dazu Sengers Einleitung in die Schrift im Rahmen der Editio minor, p. XVIsqq. Weiter hätte man in diesem Umfeld die Belege zu scala zu berücksichtigen, die etwa in den späten Werken Hinweise auf die scala paradisi von Johannes Climacus erbringen (Serm. CCLX, CCXLI und CCXC). Außerdem ist zu bedenken, dass theoria im Lateinischen auch einfach mit speculatio übersetzt zu werden pflegt, vgl. Senger, a.a.O., S. 61ff. Insofern bietet theoria nur einen bestimmten Aspekt der Gottesschau, eben den Gedanken eines gradweisen Aufsteigens im Schauen. Der Gedanke von gradus visionis entfaltet diesen Komplex im Werk des Cusanus weiter. Auch einzelne Stufen wie visio intellectualis, visio mystica, visio aenigmatica, visio facialis sind einzubeziehen.
Theorie fungiert bei Cusanus demnach im wesentlichen, um seit De quaerendo deum einen stufenweisen Aufstiegsweg geistiger Schau und mit De apice theoriae deren (vorläufigen) Schlusspunkt zu beschreiben.
Theorie ist dabei immer eindeutig an Wahrnehmung gebunden. Sowohl die frühe wie die späte Schrift legen wert auf den Charakter des Visuellen. Theorie wird folglich nicht als letzte theoretische Einsicht, sondern als konkrete Schau gedeutet. Damit öffnet sich zugleich ein Bezugspunkt zur Malerei, zumindest zu der Malerei, welche Visionen malt. Cusanus’ Begriff der ‚Theoria‘ könnte in Bezug gesetzt werden zu den immer neuen Versuchen, die Madonna zu malen. Rogier van der Weydens ‚Hl. Lukas malt die Madonna‘, welches Gemälde als Vorbild des Typus galt, ließe sich möglicherweise als eine methodische Sehweise lesen, um zum apex theoriae zu gelangen.
Vor dem Hintergrund, dass Cusanus erstens bei theoria immer auch auf eine konkrete Vision zielt und zweitens bei ihm die Schau etymologisch mit dem ‚Laufen‘ verknüpft ist, ergibt sich, dass die je aktualisierte theoria eine geistige Form der coniectura ist (vgl. Schwaetzer, Die methodische Begründung, S. 86ff. [bib:1498]). Auf diese Weise koinzidieren, wie Inigo Bocken in Vorträgen herausgestellt hat, theoria und praxis. Ein rezeptionsgeschichtlicher Aspekt, der diese Deutung bestätigt, ist der Rückbezug auf die von Cusanus durchaus traditionell Origines zugeschriebene, aber von Eriugena stammende Auslegung des Johannesprologs Vox altivoli volatilis (Serm. XIX n.5) und dessen von zwei Flügeln getragenen Aufschwung zu einer ‚Theoria‘ (vgl. Wikström, The two wings, [bib:1168]).
02.10.2008
zuletzt bearbeitet: 03.10.2008