una religio in rituum varietate
I. Die religionsphilosophisch und -theologisch gleichermaßen bedeutsame Wendung „una religio in rituum varietate“ – „eine Religion in der Vielfalt der Riten“ bezeichnet das Leitprogramm der Schrift De pace fidei (Der Friede im Glauben), die Nikolaus von Kues im September 1453 als Reaktion auf die Eroberung Konstantinopels durch die Türken am 29. Mai 1453 verfasste. Ein dauerhafter Friede zwischen den Religionen ist dann gewährleistet, wenn deren Anhänger erkennen, dass alle Religionen einen übereinstimmenden Kern voraussetzen, der sich in unterschiedlichen Riten und Gebräuchen ausdrücken kann. Dies meint Cusanus mit der Wendung: „eine Religion in der Vielfalt der Riten“, die er bereits im ersten Kapitel der Schrift als anzustrebendes Erkenntnisziel bezeichnet: „et cognoscent omnes quomodo non est nisi religio una in rituum varietate“ (Nicolai de Cusa opera omnia [= h] VII, N. 6; S. 7, Z. 10f).
In verschiedenen sprachlichen Variationen fließt die mit dieser Wendung bezeichnete Sache im Verlauf des fiktiven Dialoges von De pace fidei immer wieder in die Überlegungen ein und wird schließlich am Ende als feierlicher Konferenzbeschluss verkündet. Einen klaren Bezug zur Formel „una religio in rituum varietate“ weisen die folgenden Passagen der Schrift auf:
De pace 1: “... unam posse facilem quandam concordantiam reperiri, ac per eam in religione perpetuam pacem convenienti ac veraci medio constitui” ( h VII, N. 1; S. 4, Z. 3-5);
Ebd.: “Quod si forte haec differentia rituum tolli non poterit aut non expedit, ut diversitas sit devotionis adauctio, quando quaelibet regio suis cerimoniis quasi tibi regi gratioribus vigilantiorem operam impendet: saltem ut sicut tu unus es, una sit religio et unus latriae cultus” (h VII, N. 6; S. 7, Z. 11-15);
De pace 3: “ ... et sic veritas continue elucescat. Quae cum sit una, et non possit non capi per omnem liberum intellectum, perducetur omnis religionum diversitas in unam fidem orthodoxam” (h VII, N. 8; S. 10, Z. 3-6);
Ebd.: “... misertus est igitur Dominus populo, et contentatur omnem religionum diversitatem communi omnium hominum consensu in unicam concorditer reduci amplius inviolabilem” (h VII, N. 9; S. 10, Z. 16-19);
De pace 4: “Laudes Deo nostro dicimus, cuius misericordia super omnia opera eius, qui solus potens est efficere quod in unam concordantem pacem tanta religionum diversitas conducatur” (h VII, N. 10; S. 11, Z. 4-6);
De pace 6: “Una est igitur religio et cultus omnium intellectu vigentium, quae in omni diversitate rituum praesupponitur” (h VII, N. 16; S. 15, Z. 16f);
De pace 13: “... concordiam ex praesuppositis in qualibet secta posse reperiri” (h VII, N. 42; S. 39, Z. 16f);
De pace 16: “Sufficiat igitur pacem in fide et lege dilectionis firmari, ritum hinc inde tolerando” (h VII, N. 60; S. 56, Z. 18f);
De pace 18: “Ideo circa usum et ritum eius, id quod rectoribus Ecclesiae pro tempore magis expedire videbitur in qualibet religione – salva semper fide –, poterit ordinari, sic quod ob diversitatem rituum per communem legem non minus pax fidei inviolata perseveret” ( h VII, N. 66; S. 61, Z. 5-9);
De pace 19: “Nam exactam quaerere conformitatem in omnibus est potius pacem turbare. Sperandum tamen est, quod in matrimonio et in ordinibus concordia reperiatur” (h VII, N. 67; S. 61, Z. 14-16);
Ebd.: “Ubi non potest conformitas in modo reperiri, permittantur nationes – salva fide et pace – in suis devotionibus et cerimonialibus. Augebitur etiam fortassis devotio ex quadam diversitate, quando quaelibet natio conabitur ritum suum studio et diligentia splendidiorem efficere, ut aliam in hoc vincat et sic meritum maius assequatur apud Deum et laudem in mundo” (h VII, N. 67; S. 62, Z. 3-8);
Ebd.: “Conclusa est igitur in caelo rationis concordia religionum modo quo praemittitur. Et mandatum est per Regem regum ut sapientes redeant et ad unitatem veri cultus nationes inducant, et quod administratorii spiritus illos ducant et eis assistant et deinde cum plena omnium potestate in Iherusalem quasi ad centrum commune confluant et omnium nominibus unam fidem acceptent et super ipsa perpetuam pacem firment, ut in pace creator omnium laudetur in saecula benedictus” (h VII, N. 68; S. 62, Z. 19 - S. 63, Z. 5).
II. Die Wendung „una religio in rituum varietate“ ist in dieser Form eine Sprachschöpfung von Cusanus. Bezogen auf den innerchristlichen Bereich finden sich ähnliche Formulierungen bei Anselm von Havelberg,[1] in der kanonistischen Literatur und in den Hussitenbriefen des Cusanus.[2] Die Auffassung, dass in der einen Kirche – synchron und diachron – verschiedene Riten und Gebräuche die Glaubenseinheit nicht infrage stellen, war auch dem Mittelalter durchaus vertraut.
Anders verhält es sich mit der Ausweitung dieser Formel auf die Gesamtheit der Religionen. Nikolaus von Kues las in dem zur Collectio Toletana (einer Sammlung islamischer bzw. islamkundlicher Schriften, die Petrus Venerabilis 1142/43 von Berufsübersetzern in Toledo vom Arabischen ins Lateinische übersetzen ließ) gehörenden islamischen Traktat Lex sive doctrina Mahumeti die Aussage aus dem Mund des Propheten Mohammed, dass die Religion (lex) bzw. der Glaube aller Propheten vor ihm einer gewesen sei, aber sie verschiedene Riten gehabt hätten. Diese Stelle bringt das genuin islamische Offenbarungs- und Prophetieverständnis zum Ausdruck (vgl. Cribratio Alkorani I, 2: h VIII, N. 27). Cusanus notierte dazu an den Rand: „fides una, ritus diversus“ (vgl. h VII, S. XXXIX). Diese Formulierung steht seiner eigenen Formel schon sehr nah. Nikolaus wurde also wohl durch seine Beschäftigung mit dem Islam zu seiner Leitidee inspiriert. In seiner inhaltlichen Ausgestaltung unterscheidet sich das cusanische Programm allerdings tiefgreifend vom islamischen Vorbild. Nikolaus behauptet nicht, dass alle Religionsstifter, alle Propheten letztlich dasselbe lehren (das ist die islamische Position), sondern dass alle Religionen auf denselben Voraussetzungen basieren. Diese Voraussetzungen freizulegen, ist die eine Aufgabe des himmlischen Religionsgespräches. Die andere besteht darin, Innen- und Außenseite des Religiösen, religio bzw. fides auf der einen und ritus auf der anderen Seite, genau voneinander zu unterscheiden. Auf diese Weise strebt Nikolaus eine Übereinkunft zwischen den Religionen an, deren Grundstruktur man als differenzierten Konsens bezeichnen kann: Einheit im Wesentlichen, in den zentralen Glaubensinhalten – legitime Vielfalt in Detailfragen, d.h. im Ausdruck dieser Glaubensinhalte durch Riten und Gebräuche.
Cusanus‘ Verständnis der wahren Religion, der „una religio“, orientiert sich an seinem christlichen Glauben, dessen Wahrheit dem philosophischen Nachvollzug zugänglich ist und deshalb universale Geltung beanspruchen kann. Auch die cusanische Leitidee „una religio in rituum varietate“ ist nicht als Glaubenssatz, sondern als philosophisches Urteil zu verstehen, welches Cusanus aus dem ontologischen Vorrang der Einheit gegenüber der Vielheit ableitet (De pace 4: h VII, N. 11; S. 11, Z. 21). Die wahre Religion besitzt als Kern das christologische Dogma der hypostatischen Union von Gott und Mensch in einer Person, was wiederum ein trinitarisches Gottesverständnis voraussetzt. In diesem Dogma erfüllt sich für Cusanus Religion, wie er außer in De pace fidei auch in De docta ignorantia und in weiteren Schriften deutlich macht,[3] und deshalb trägt es auch – in sehr unterschiedlichen Graden der Offenbarkeit – jede konkrete Religion. Aus diesem Grund nennt Cusanus Christus den „König aller Religionen“ (Sermo CLXXI: h XVIII, N. 16, Z. 16f) bzw. den „König der göttlichen Religion“ (Sermo CCLXXVII: h XIX, N. 35, Z. 4). Wird dies eingesehen, dann ist der Schluss zwingend, dass es anstelle der vielen Religionen letztlich nur eine Religion mit vielen Ausdrucksformen – „una religio in rituum varietate“ – geben kann.
Die cusanische Idee von der einen Religion in der Vielfalt der Riten kann auch die gegenwärtigen Bemühungen um eine intellektuelle Bewältigung des Problems der Religionenvielfalt bereichern. Man kann sie als ein wertvolles hermeneutisches Prinzip betrachten, durch welches die Anliegen der überlieferten Religionssysteme mit Blick auf das gemeinsame Anliegen von Religion, das Nikolaus von Kues als das dem Menschen gleichsam angeborene Streben nach Wahrheit und Heil charakterisiert, zur Sprache gebracht werden können.
[1] Vgl. K. SCHREINER, „Tolerantia“. Begriffs- und wirkungsgeschichtliche Studien zur Toleranzauffassung des Kirchenvaters Augustinus, in: Toleranz im Mittelalter, hg. v. A. Patschovsky - H. Zimmermann, Sigmaringen 1998, 341-343.
[2] Vgl. dazu E. Meuthen, Der ‚Dialogus concludens Amedistarum errorem ex gestis et doctrina concilii Basiliensis‘, in: Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft ´(= MFCG) 8 (1970) 58-62.
[3] Vgl. dazu u.a. De docta ign. III, 8: “Vides, ni fallor, nullam perfectam religionem homines ad ultimum desideratissimum pacis finem ducentem esse, quae Christum non amplectitur mediatorem et salvatorem, Deum et hominem, viam, vitam et veritatem” (h I, S. 143, Z. 30 - S. 144, Z. 2 [N. 229]); Sermo CCXVI: h XIX, N. 13; Cribratio Alkorani Prol. 1: h VIII, N. 7-9; II, 16: h VIII, N. 137; De ludo globi I: h IX, N. 51.
Literatur:
De pace fidei wurde textkritisch in h VII von R. Klibansky und H. Bascour (Hamburg 1959) ediert. Es existieren Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Die deutsche Übersetzung von Rudolf Haubst kann über das Institut für Cusanus-Forschung bezogen werden.
W. A. Euler, Unitas et Pax. Religionsvergleich bei Raimundus Lullus und Nikolaus von Kues, Würzburg/Altenberge 21995.
Ders., Nikolaus von Kues als Wegbereiter des interreligiösen Dialogs und der Theologie der Religionen, in: MFCG 28 (2003) 211-231.
W. Heinemann, Einheit in Verschiedenheit. Das Konzept eines intellektuellen Religionsfriedens in der Schrift „De pace fidei“ des Nikolaus von Kues, Altenberge 1987.
MFCG 16 (1984): Der Friede unter den Religionen nach Nikolaus von Kues. Akten des Symposions in Trier vom 13. bis 15. Oktober 1982, hg. v. R. Haubst.
M. Riedenauer, Pluralität und Rationalität. Die Herausforderung der Vernunft durch religiöse und kulturelle Vielfalt nach Nikolaus Cusanus, Stuttgart 2007.
M. Seidlmayer, „Una religio in rituum varietate“. Zur Religionsauffassung des Nikolaus von Cues, in: Archiv für Kulturgeschichte 36 (1954) 145-207.
Walter Andreas Euler 22.06.2010 zuletzt bearbeitet: 22.06.2010