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„Rechtsvermutung“ – Versionsunterschied

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[[Recht]]{{-s-}}[[Vermutung]] {{mhdt.-dt.}} {{Übrstzngswrt}} ''[[praesumtio iuris]]''


Vermutung (Recht)
* Gesetzliche Vermutungen bewirken in der Regel eine [[Beweislastumkehr]].


Eine gesetzliche '''Vermutung''' regelt in der [[Rechtswissenschaft]] die Verteilung der [[Beweislast]].<p>Mittels einer Vermutung wird bei der [[Rechtsanwendung]] das Vorliegen einer bestimmten Tatsache nicht im Wege der [[Beweiserhebung]] ermittelt, sondern ihr Vorliegen wird kraft gesetzlicher Bestimmung als gegeben unterstellt (vermutet). Ist die Vermutung unwiderleglich oder der [[Gegenbeweis|Beweis des Gegenteils]] nicht gelungen, hat der Richter sie seiner Entscheidung zugrunde zu legen (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/zpo/__292.html § 292]</span> ZPO).</p><p>Außer im [https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilprozess Zivilprozess] findet diese Regel entsprechende Anwendung im [https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsgerichtsverfahren Arbeitsgerichtsverfahren] (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/arbgg/__46.html § 46]</span> Abs. 2 Satz 1 ArbGG), in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Verwaltungsgerichtsbarkeit Verwaltungsgerichtsbarkeit] (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/vwgo/__173.html § 173]</span> VwGO) sowie in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialgerichtsbarkeit Sozialgerichtsbarkeit] (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/sgg/__202.html § 202]</span> SGG).</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Vermutung (Recht) ==
 
 
Eine gesetzliche '''Vermutung''' regelt in der [[Rechtswissenschaft]] die Verteilung der [[Beweislast]].<p>Mittels einer Vermutung wird bei der [[Rechtsanwendung]] das Vorliegen einer bestimmten Tatsache nicht im Wege der [[Beweiserhebung]] ermittelt, sondern ihr Vorliegen wird kraft gesetzlicher Bestimmung als gegeben unterstellt (vermutet). Ist die Vermutung unwiderleglich oder der [[Gegenbeweis|Beweis des Gegenteils]] nicht gelungen, hat der Richter sie seiner Entscheidung zugrunde zu legen (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/zpo/__292.html § 292]</span> ZPO).</p><p>Außer im [[Zivilprozess]] findet diese Regel entsprechende Anwendung im [[Arbeitsgerichtsverfahren]] (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/arbgg/__46.html § 46]</span> Abs. 2 Satz 1 ArbGG), in der [[Verwaltungsgerichtsbarkeit]] (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/vwgo/__173.html § 173]</span> VwGO) sowie in der [[Sozialgerichtsbarkeit]] (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/sgg/__202.html § 202]</span> SGG).</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Gesetzliche Vermutung ==
== Gesetzliche Vermutung ==
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Tatsachen- und Rechtsvermutung ===
=== Tatsachen- und Rechtsvermutung ===
</div><p>Eine gesetzliche Vermutung kann sich auf Tatsachen beziehen (''praesumtio facti'') oder auf aus einer Tatsache abgeleitete Rechtsvermutungen (''praesumtio iuris'').</p><p>Ist ein Pfand im Besitz des Verpfänders oder des Eigentümers, so wird vermutet, dass das Pfand ihm von dem Pfandgläubiger zurückgegeben worden sei (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1253.html § 1253]</span> Abs. 2 Satz 1 BGB). Aus der Tatsache des Besitzes des Pfands wird auf die Tatsache der Rückgabe geschlossen bzw. die Rückgabe vermutet.</p><p>Rechtsvermutungen enthalten beispielsweise <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1006.html § 1006]</span> Abs. 1 S. 1 BGB: „Zugunsten des [https://de.wikipedia.org/wiki/Besitz Besitzers] einer beweglichen Sache (Tatsache) wird vermutet, dass er [https://de.wikipedia.org/wiki/Eigentum Eigentümer] der Sache sei (Rechtsvermutung).“ oder <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__891.html § 891]</span> Abs.&nbsp;1 BGB: „Ist im Grundbuch für jemand ein Recht eingetragen (Tatsache), so wird vermutet, dass ihm das Recht zustehe (Rechtsvermutung).“<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-1 [1]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading3">
</div><p>Eine gesetzliche Vermutung kann sich auf Tatsachen beziehen (''[[praesumtio facti]]'') oder auf aus einer Tatsache abgeleitete Rechtsvermutungen (''[[praesumtio iuris]]'').</p><p>Ist ein Pfand im Besitz des Verpfänders oder des Eigentümers, so wird vermutet, dass das Pfand ihm von dem Pfandgläubiger zurückgegeben worden sei (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1253.html § 1253]</span> Abs. 2 Satz 1 BGB). Aus der Tatsache des Besitzes des Pfands wird auf die Tatsache der Rückgabe geschlossen bzw. die Rückgabe vermutet.</p><p>Rechtsvermutungen enthalten beispielsweise <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1006.html § 1006]</span> Abs. 1 S. 1 BGB: „Zugunsten des [[Besitzer|Besitzers]] einer beweglichen Sache (Tatsache) wird vermutet, dass er [[Eigentümer]] der Sache sei (Rechtsvermutung).“ oder <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__891.html § 891]</span> Abs.&nbsp;1 BGB: „Ist im Grundbuch für jemand ein Recht eingetragen (Tatsache), so wird vermutet, dass ihm das Recht zustehe (Rechtsvermutung).“<ref><span class="reference-text">[https://web.archive.org/web/20160418110856/http://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/Y-300-Z-BECKRS-B-2016-N-01566?hl=true OLG München, Beschluss vom 21. Dezember 2015 – 34 Wx 245/15] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten <span class="webarchiv-memento">Memento</span>] des <span class="dewiki-iconexternal">[https://redirecter.toolforge.org/?url=http%3A%2F%2Fwww.gesetze-bayern.de%2FContent%2FDocument%2FY-300-Z-BECKRS-B-2016-N-01566%3Fhl%3Dtrue Originals]</span> vom 18. April 2016 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'')</span></ref></p><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Widerlegliche und unwiderlegliche Vermutung ===
=== Widerlegliche und unwiderlegliche Vermutung ===
</div><p>Vermutungen können widerleglich (''praesumtio iuris tantum'') oder unwiderleglich (''praesumtio iuris et de iure'') sein. Im Regelfall sind sie widerleglich, wenn nicht gesetzlich die Unwiderleglichkeit angeordnet ist (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/zpo/__292.html § 292]</span> Satz 1 ZPO).</p><p>Eine widerlegliche gesetzliche Vermutung kehrt die [https://de.wikipedia.org/wiki/Beweislast Beweislast] um.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-2 [2]]</sup> Wer auf einem Werk als Urheber bezeichnet ist, wird gem. <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__10.html § 10]</span> [https://de.wikipedia.org/wiki/Urhebergesetz UrhG] bis zum Beweis des Gegenteils (d.&nbsp;h. ''widerleglich'') als Urheber des Werkes angesehen.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-3 [3]]</sup> Ein Beispiel ist auch <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__477.html § 477]</span> [https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerliches_Gesetzbuch BGB], wenn sich bei einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufvertrag_(Deutschland) Kaufsache]innerhalb von einem Jahr nach Übergabe ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Mangel_(Recht) Sachmangel] zeigt. Zugunsten des Käufers wird die Mangelhaftigkeit bei der Übergabe vermutet. Der Verkäufer muss gegebenenfalls den vollen Beweis dafür führen, dass der Mangel bei Übergabe der Sache an den Käufer noch nicht vorgelegen hat.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-4 [4]]</sup><sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-5 [5]]</sup></p><p>Weil eine widerlegliche gesetzliche Vermutung zu einer Umkehr der Beweislast führt und nicht bloß zu einer Umkehr der Beweisführungslast, ist zu ihrer Widerlegung der ''Beweis des Gegenteils'' nötig. Es sind also Beweismittel vorzubringen, die das Gericht ''voll'' vom Vorliegen des Gegenteils ''überzeugen''.</p><p>Ist eine Vermutung dagegen unwiderleglich, so ist der Beweis des Gegenteils unzulässig. Eine Beweiserhebung und die damit verbundenen Beweisschwierigkeiten sollen ja gerade vermieden werden.</p><p>Ein Beispiel für eine unwiderlegliche Vermutung bildet im [https://de.wikipedia.org/wiki/Scheidung Ehescheidungsrecht] <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1566.html § 1566]</span> Abs. 2 BGB: „Es wird unwiderlegbar vermutet, dass die Ehe gescheitert ist, wenn die Ehegatten seit drei Jahren getrennt leben.“ Es spielt also gar keine Rolle, ob im konkreten Fall die Ehe vielleicht trotz des langen [https://de.wikipedia.org/wiki/Getrenntleben Getrenntlebens] ''nicht'' gescheitert ist. Es ist vielmehr gerade Zweck des Gesetzes, dass das Gericht solche Mutmaßungen nicht anstellen muss.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
{{Schaufenster|modus=ignorieren|link=1|linkpos=prefix|Seite=Widerlegliche und unwiderlegliche Vermutung}}
</div><div class="mw-heading mw-heading2">
== Abgrenzung ==
== Abgrenzung ==
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Tatsächliche Vermutung ===
=== Tatsächliche Vermutung ===
</div><p>Tatsächliche Vermutungen (''unechte Vermutungen'', ''praesumtiones facti'') fallen nicht unter § 292 ZPO. Sie wurden von der Rechtsprechung entwickelt<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-6 [6]]</sup> und werden meist dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Anscheinsbeweis Anscheinsbeweis] zugerechnet oder nach den Regeln über die freie richterliche Beweiswürdigung (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/zpo/__286.html § 286]</span> ZPO) behandelt. Beiden Methoden gemeinsam ist, dass sie von bestimmten Erfahrungsgesetzen, Erfahrungsgrundsätzen und einfachen Erfahrungssätzen ausgehen.<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-7 [7]]</sup></p><p>Eine tatsächliche Vermutung (eigentlich besser ''Vermutung über Tatsachen'') liegt vor, wenn ein Gericht gestützt auf eigene oder Expertenerfahrungen von bewiesenen Tatsachen ([https://de.wikipedia.org/wiki/Indiz Indizien]) im Wege der [https://de.wikipedia.org/wiki/Induktion_(Philosophie) Induktion] auf nicht bewiesene Tatsachen schließen kann.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-8 [8]]</sup> So kann beispielsweise aus der Tatsache, dass die Temperatur zu einem bestimmten Zeitpunkt deutlich über dem Nullpunkt lag, aufgrund der allgemeinen Erfahrung über die Eigenschaften von Wasser geschlossen werden, dass eine bestimmte Person zu diesem Zeitpunkt nicht auf Glatteis ausgerutscht sein kann. Man sagt diesfalls, es bestehe eine tatsächliche Vermutung dafür, dass es am fraglichen Ort kein [https://de.wikipedia.org/wiki/Glatteis Glatteis] gegeben habe. Wird über einen Internetanschluss eine Rechtsverletzung begangen, ist eine tatsächliche Vermutung für eine Täterschaft des Anschlussinhabers nicht begründet, wenn zum Zeitpunkt der Rechtsverletzung (auch) andere Personen diesen Anschluss benutzen konnten.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-9 [9]]</sup></p><p>Wird das Vorliegen einer tatsächlichen Vermutung bejaht, so führt dies zu einer Umkehr der [https://de.wikipedia.org/wiki/Beweislast Beweisführungslast]. Es liegt am Beweisgegner, die Überzeugung des Gerichts wieder zu zerstören, indem er weitere Beweismittel vorlegt. Dabei kann es aber nur um ein Erschüttern der Überzeugung gehen (also um das Säen von Zweifeln beim Gericht), nicht aber um den Beweis des Gegenteils (um das Begründen voller Überzeugung vom Gegenteil).</p><div class="mw-heading mw-heading3">
</div><p>Tatsächliche Vermutungen (''unechte Vermutungen'', ''praesumtiones facti'') fallen nicht unter § 292 ZPO. Sie wurden von der Rechtsprechung entwickelt<ref><span class="reference-text">BGH 17. November 2010 – VIII ZR 112/10, NJW 2011, 598 (tatsächliche Vermutung für die Richtigkeit der Werte bei einem geeichten Messgerät); BGH 8. Juli 2010 – III ZR 249/09, NJW 2010, 3292, 3294 (tatsächliche Vermutung für Kausalität zwischen fehlerhafter Beratung und Anlageentscheidung); BGH 22. März 2010 – II ZR 203/08 (tatsächliche Vermutung der Ursächlichkeit fehlerhafter Prospektdarstellungen für die Anlageentscheidung); BVerwG 27. Oktober 1998 – C 38/97, BVerwGE 107, 304, 310f. = ZIP 1999, 202, 204 (tatsächliche Vermutung für Nutzungsziehung); BAG 19. Juni 1973 – 1 AZR 521/72, BAGE 25, 226, 233 = AP Nr. 47 zu Art. 9 GG Arbeitskampf (tatsächliche Vermutung für die Verfolgung legaler Ziele beim Streik); OLG Saarbrücken 4. Juni 1993 – U 109/92, NJW 1993, 3077, 3078 (widerlegbare Vermutung der Kausalität)</span></ref> und werden meist dem [[Anscheinsbeweis]] zugerechnet oder nach den Regeln über die freie richterliche Beweiswürdigung (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/zpo/__286.html § 286]</span> ZPO) behandelt. Beiden Methoden gemeinsam ist, dass sie von bestimmten Erfahrungsgesetzen, Erfahrungsgrundsätzen und einfachen Erfahrungssätzen ausgehen.<ref><span class="reference-text">Hainmüller: ''Der Anscheinsbeweis und die Fahrlässigkeitstat im heutigen Schadensersatzprozess.'' 1966, S. 26ff.</span></ref></p><p>Eine tatsächliche Vermutung (eigentlich besser ''Vermutung über Tatsachen'') liegt vor, wenn ein Gericht gestützt auf eigene oder Expertenerfahrungen von bewiesenen Tatsachen ([[Indizien]]) im Wege der [[Induktion (Philosophie)|Induktion]] auf nicht bewiesene Tatsachen schließen kann.<ref><span class="reference-text">Dänzer: ''Die tatsächliche Vermutung''. 1914</span></ref> So kann beispielsweise aus der Tatsache, dass die Temperatur zu einem bestimmten Zeitpunkt deutlich über dem Nullpunkt lag, aufgrund der allgemeinen Erfahrung über die Eigenschaften von Wasser geschlossen werden, dass eine bestimmte Person zu diesem Zeitpunkt nicht auf Glatteis ausgerutscht sein kann. Man sagt diesfalls, es bestehe eine tatsächliche Vermutung dafür, dass es am fraglichen Ort kein [https://de.wikipedia.org/wiki/Glatteis Glatteis] gegeben habe. Wird über einen Internetanschluss eine Rechtsverletzung begangen, ist eine tatsächliche Vermutung für eine Täterschaft des Anschlussinhabers nicht begründet, wenn zum Zeitpunkt der Rechtsverletzung (auch) andere Personen diesen Anschluss benutzen konnten.<ref><span class="reference-text">[https://www.wbs-law.de/abmahnung-filesharing/filesharing-entscheidung-bgh-keine-tatsaechliche-vermutung-fuer-taeterschaft-des-anschlussinhabers-wenn-zugriff-durch-dritte-moeglich-53379/ ''Filesharing-Entscheidung BGH: Keine tatsächliche Vermutung für Täterschaft, wenn Zugriff durch Dritte möglich''.] 3. Juni 2014 zu [http://lexetius.com/2014,1600 BGH, Urteil vom 8. Januar 2014 – I ZR 169/12]</span></ref></p><p>Wird das Vorliegen einer tatsächlichen Vermutung bejaht, so führt dies zu einer Umkehr der [[Beweisführungslast]]. Es liegt am Beweisgegner, die Überzeugung des Gerichts wieder zu zerstören, indem er weitere [[Beweismittel]] vorlegt. Dabei kann es aber nur um ein Erschüttern der Überzeugung gehen (also um das Säen von Zweifeln beim Gericht), nicht aber um den Beweis des Gegenteils (um das Begründen voller Überzeugung vom Gegenteil).</p><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Fiktion ===
=== Fiktion ===
</div><p>Von der Vermutung abzugrenzen ist die rechtliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Fiktion_(Recht) Fiktion]. Die Fiktion nimmt einen Sachverhalt als gegeben an, der in Wirklichkeit nicht besteht. Damit wird die Ableitung sonst nicht gegebener [https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsfolge Rechtsfolgen] möglich.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Vermutung_(Recht)#cite_note-10 [10]]</sup></p><p>Beispiel: Erbe kann nur werden, wer zur Zeit des Erbfalls lebt. Wer zur Zeit des Erbfalls noch nicht lebte, aber bereits gezeugt war ([https://de.wikipedia.org/wiki/Nasciturus_(Deutschland) Nasciturus]), gilt als vor dem Erbfall geboren und kann damit ausnahmsweise doch Erbe sein (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1923.html § 1923]</span> BGB; § 22 i.&nbsp;V.&nbsp;m. § 536 [https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeines_b%C3%BCrgerliches_Gesetzbuch öABGB] bzw. [https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeines_b%C3%BCrgerliches_Gesetzbuch_(Liechtenstein) flABGB]).</p><p>Im Unterschied zur Vermutung ist die Fiktion nicht widerleglich. Im Ergebnis ähnelt die Fiktion damit der unwiderleglichen Vermutung. Der Unterschied liegt darin, dass eine unwiderleglich vermutete Tatsache auch in Wirklichkeit vorliegen kann, während die Fiktion anordnet, dass in Wirklichkeit nicht existierende Tatsachen als vorliegend zu betrachten sind.</p><div class="mw-heading mw-heading3">
</div><p>Von der Vermutung abzugrenzen ist die rechtliche [[Fiktion (Recht)|Fiktion]]. Die Fiktion nimmt einen Sachverhalt als gegeben an, der in Wirklichkeit nicht besteht. Damit wird die Ableitung sonst nicht gegebener [[Rechtsfolgen]] möglich.<ref><span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Creifelds_(Rechtsw%C3%B6rterbuch) Carl Creifelds: ''Rechtswörterbuch''.] 21. Aufl. 2014. [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406638718 ISBN 978-3-406-63871-8]</span></ref></p><p>Beispiel: Erbe kann nur werden, wer zur Zeit des Erbfalls lebt. Wer zur Zeit des Erbfalls noch nicht lebte, aber bereits gezeugt war ([https://de.wikipedia.org/wiki/Nasciturus_(Deutschland) Nasciturus]), gilt als vor dem Erbfall geboren und kann damit ausnahmsweise doch Erbe sein (<span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1923.html § 1923]</span> BGB; § 22 i.&nbsp;V.&nbsp;m. § 536 [https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeines_b%C3%BCrgerliches_Gesetzbuch öABGB] bzw. [https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeines_b%C3%BCrgerliches_Gesetzbuch_(Liechtenstein) flABGB]).</p><p>Im Unterschied zur Vermutung ist die Fiktion nicht widerleglich. Im Ergebnis ähnelt die Fiktion damit der unwiderleglichen Vermutung. Der Unterschied liegt darin, dass eine unwiderleglich vermutete Tatsache auch in Wirklichkeit vorliegen kann, während die Fiktion anordnet, dass in Wirklichkeit nicht existierende Tatsachen als vorliegend zu betrachten sind.</p><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Auslegungsregeln ===
=== Auslegungsregeln ===
</div><p>Auslegungsregeln wie <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__154.html § 154]</span> Abs. 1 BGB, <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__329.html § 329]</span> BGB oder <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2304.html § 2304]</span> BGB legen "im Zweifel" den Sinn einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Willenserkl%C3%A4rung Willenserklärung] in einer bestimmten Richtung fest, wenn im Wege der Beweisaufnahme kein entgegenstehender Wille ermittelt werden kann. Wird ein anderer Wille ermittelt, ist die Auslegungsregel nicht widerlegt, sondern unanwendbar.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>[[Auslegungsregeln]] wie <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__154.html § 154]</span> Abs. 1 BGB, <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__329.html § 329]</span> BGB oder <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__2304.html § 2304]</span> BGB legen "im Zweifel" den Sinn einer [[Willenserklärung]] in einer bestimmten Richtung fest, wenn im Wege der Beweisaufnahme kein entgegenstehender Wille ermittelt werden kann. Wird ein anderer Wille ermittelt, ist die [[Auslegungsregel]] nicht widerlegt, sondern unanwendbar.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Siehe auch ==
== Siehe auch ==
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== Weblinks ==
== Weblinks ==
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]]
</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Vermutung Wiktionary: Vermutung]'''&nbsp;– Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div><div class="sisterproject"><div class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size skin-invert-image"><span title="Wikiquote">[[file:13px-Wikiquote-logo.svg.png|13x16px]]</span></span></div>'''[https://de.wikiquote.org/wiki/Vermutung Wikiquote: Vermutung]'''&nbsp;– Zitate</div>
</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Vermutung Wiktionary: Vermutung]'''&nbsp;– Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div><div class="sisterproject"><div class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size skin-invert-image"><span title="Wikiquote">[[file:13px-Wikiquote-logo.svg.png|13x16px]]</span></span></div>'''[https://de.wikiquote.org/wiki/Vermutung Wikiquote: Vermutung]'''&nbsp;– Zitate</div>
*Bernhard Wieczorek, Rolf A. Schütze, [https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-J%C3%BCrgen_Ahrens Hans-Jürgen Ahrens], Dorothea Assmann, [https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Weth Stephan Weth]: ''Zivilprozessordnung und Nebengesetze.''Großkommentar Band 4: §§ 253–299a. München, 4. Auflage 2013. Kommentierung zu § 292 ZPO, [http://www.beck-shop.de/fachbuch/leseprobe/Leseprobe_aus_978311024840_ZPOIV_1027-1047.pdf Leseprobe]
*Bernhard Wieczorek, Rolf A. Schütze, [https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-J%C3%BCrgen_Ahrens Hans-Jürgen Ahrens], Dorothea Assmann, [https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Weth Stephan Weth]: ''Zivilprozessordnung und Nebengesetze.''Großkommentar Band 4: §§ 253–299a. München, 4. Auflage 2013. Kommentierung zu § 292 ZPO, [http://www.beck-shop.de/fachbuch/leseprobe/Leseprobe_aus_978311024840_ZPOIV_1027-1047.pdf Leseprobe]
*Thomas Pfeiffer: [http://www.muenster.de/~texte/thomas/Beweis%20ZPO.pdf ''Der Beweis im Zivilprozess''] Münster (ohne Jahr), S. 12–16
*Thomas Pfeiffer: [http://www.muenster.de/~texte/thomas/Beweis%20ZPO.pdf ''Der Beweis im Zivilprozess''] Münster (ohne Jahr), S. 12–16
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== Einzelnachweise ==
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#<span class="reference-text">[https://web.archive.org/web/20160418110856/http://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/Y-300-Z-BECKRS-B-2016-N-01566?hl=true OLG München, Beschluss vom 21. Dezember 2015 – 34 Wx 245/15] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten <span class="webarchiv-memento">Memento</span>] des <span class="dewiki-iconexternal">[https://redirecter.toolforge.org/?url=http%3A%2F%2Fwww.gesetze-bayern.de%2FContent%2FDocument%2FY-300-Z-BECKRS-B-2016-N-01566%3Fhl%3Dtrue Originals]</span> vom 18. April 2016 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'') <small><span class="wp_boppel noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span title="i">[[file:15px-Pictogram_voting_info.svg.png|15x15px]]</span></span>&nbsp;'''Info:''' Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß [https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:InternetArchiveBot/Anleitung/Archivlink Anleitung] und entferne dann diesen Hinweis.</small></span>
#<span class="reference-text">[http://lexetius.com/2016,472 BGH, Beschluss vom 4. Februar 2016 – AnwZ (Brfg) 59/15]</span>
#<span class="reference-text">Arno Lampmann: [http://www.lhr-law.de/magazin/bgh-vermutung-der-urheberschaft-nach-%C2%A7-10-urhg-gilt-auch-im-internet ''BGH: Vermutung der Urheberschaft nach § 10 UrhG gilt auch im Internet''] 11. Februar 2015 zu [http://lexetius.com/2014,4899 BGH, Urteil vom 18. September 2014, Az. I ZR 76/13]</span>
#<span class="reference-text">Peter Trettin: [https://autokaufrecht.info/2011/02/widerlegung-der-vermutung-des-476-bgb-durch-den-kfz-verkaeufer/ ''Widerlegung der Vermutung des § 476 BGB durch den Kfz-Verkäufer''] zu OLG Koblenz, Urteil vom 24. Februar 2011 – 2 U 261/10</span>
#<span class="reference-text">Christian Deckenbrock: [http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/eugh-c-497-13-verbraucherschutz-beweislast-mangel/ ''EuGH zur Beweislastumkehr im Verbrauchsgüterkauf: De-Facto-Haltbarkeitsgarantie''.] [https://de.wikipedia.org/wiki/Legal_Tribune_Online Legal Tribune Online], 5. Juni 2015</span>
#<span class="reference-text">BGH 17. November 2010 – VIII ZR 112/10, NJW 2011, 598 (tatsächliche Vermutung für die Richtigkeit der Werte bei einem geeichten Messgerät); BGH 8. Juli 2010 – III ZR 249/09, NJW 2010, 3292, 3294 (tatsächliche Vermutung für Kausalität zwischen fehlerhafter Beratung und Anlageentscheidung); BGH 22. März 2010 – II ZR 203/08 (tatsächliche Vermutung der Ursächlichkeit fehlerhafter Prospektdarstellungen für die Anlageentscheidung); BVerwG 27. Oktober 1998 – C 38/97, BVerwGE 107, 304, 310f. = ZIP 1999, 202, 204 (tatsächliche Vermutung für Nutzungsziehung); BAG 19. Juni 1973 – 1 AZR 521/72, BAGE 25, 226, 233 = AP Nr. 47 zu Art. 9 GG Arbeitskampf (tatsächliche Vermutung für die Verfolgung legaler Ziele beim Streik); OLG Saarbrücken 4. Juni 1993 – U 109/92, NJW 1993, 3077, 3078 (widerlegbare Vermutung der Kausalität)</span>
#<span class="reference-text">Hainmüller: ''Der Anscheinsbeweis und die Fahrlässigkeitstat im heutigen Schadensersatzprozess.'' 1966, S. 26ff.</span>
#<span class="reference-text">Dänzer: ''Die tatsächliche Vermutung''. 1914</span>
#<span class="reference-text">[https://www.wbs-law.de/abmahnung-filesharing/filesharing-entscheidung-bgh-keine-tatsaechliche-vermutung-fuer-taeterschaft-des-anschlussinhabers-wenn-zugriff-durch-dritte-moeglich-53379/ ''Filesharing-Entscheidung BGH: Keine tatsächliche Vermutung für Täterschaft, wenn Zugriff durch Dritte möglich''.] 3. Juni 2014 zu [http://lexetius.com/2014,1600 BGH, Urteil vom 8. Januar 2014 – I ZR 169/12]</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Creifelds_(Rechtsw%C3%B6rterbuch) Carl Creifelds: ''Rechtswörterbuch''.] 21. Aufl. 2014. [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406638718 ISBN 978-3-406-63871-8]</span>

Aktuelle Version vom 2. April 2026, 10:39 Uhr

Recht‎-s-Vermutung mhdt.-dt. Übrstzngswrt praesumtio iuris

Vermutung (Recht)

Eine gesetzliche Vermutung regelt in der Rechtswissenschaft die Verteilung der Beweislast.

Mittels einer Vermutung wird bei der Rechtsanwendung das Vorliegen einer bestimmten Tatsache nicht im Wege der Beweiserhebung ermittelt, sondern ihr Vorliegen wird kraft gesetzlicher Bestimmung als gegeben unterstellt (vermutet). Ist die Vermutung unwiderleglich oder der Beweis des Gegenteils nicht gelungen, hat der Richter sie seiner Entscheidung zugrunde zu legen (§ 292 ZPO).

Außer im Zivilprozess findet diese Regel entsprechende Anwendung im Arbeitsgerichtsverfahren (§ 46 Abs. 2 Satz 1 ArbGG), in der Verwaltungsgerichtsbarkeit (§ 173 VwGO) sowie in der Sozialgerichtsbarkeit (§ 202 SGG).

Gesetzliche Vermutung

Tatsachen- und Rechtsvermutung

Eine gesetzliche Vermutung kann sich auf Tatsachen beziehen (praesumtio facti) oder auf aus einer Tatsache abgeleitete Rechtsvermutungen (praesumtio iuris).

Ist ein Pfand im Besitz des Verpfänders oder des Eigentümers, so wird vermutet, dass das Pfand ihm von dem Pfandgläubiger zurückgegeben worden sei (§ 1253 Abs. 2 Satz 1 BGB). Aus der Tatsache des Besitzes des Pfands wird auf die Tatsache der Rückgabe geschlossen bzw. die Rückgabe vermutet.

Rechtsvermutungen enthalten beispielsweise § 1006 Abs. 1 S. 1 BGB: „Zugunsten des Besitzers einer beweglichen Sache (Tatsache) wird vermutet, dass er Eigentümer der Sache sei (Rechtsvermutung).“ oder § 891 Abs. 1 BGB: „Ist im Grundbuch für jemand ein Recht eingetragen (Tatsache), so wird vermutet, dass ihm das Recht zustehe (Rechtsvermutung).“[1]

Widerlegliche und unwiderlegliche Vermutung

Abgrenzung

Tatsächliche Vermutung

Tatsächliche Vermutungen (unechte Vermutungen, praesumtiones facti) fallen nicht unter § 292 ZPO. Sie wurden von der Rechtsprechung entwickelt[1] und werden meist dem Anscheinsbeweis zugerechnet oder nach den Regeln über die freie richterliche Beweiswürdigung (§ 286 ZPO) behandelt. Beiden Methoden gemeinsam ist, dass sie von bestimmten Erfahrungsgesetzen, Erfahrungsgrundsätzen und einfachen Erfahrungssätzen ausgehen.[2]

Eine tatsächliche Vermutung (eigentlich besser Vermutung über Tatsachen) liegt vor, wenn ein Gericht gestützt auf eigene oder Expertenerfahrungen von bewiesenen Tatsachen (Indizien) im Wege der Induktion auf nicht bewiesene Tatsachen schließen kann.[3] So kann beispielsweise aus der Tatsache, dass die Temperatur zu einem bestimmten Zeitpunkt deutlich über dem Nullpunkt lag, aufgrund der allgemeinen Erfahrung über die Eigenschaften von Wasser geschlossen werden, dass eine bestimmte Person zu diesem Zeitpunkt nicht auf Glatteis ausgerutscht sein kann. Man sagt diesfalls, es bestehe eine tatsächliche Vermutung dafür, dass es am fraglichen Ort kein Glatteis gegeben habe. Wird über einen Internetanschluss eine Rechtsverletzung begangen, ist eine tatsächliche Vermutung für eine Täterschaft des Anschlussinhabers nicht begründet, wenn zum Zeitpunkt der Rechtsverletzung (auch) andere Personen diesen Anschluss benutzen konnten.[4]

Wird das Vorliegen einer tatsächlichen Vermutung bejaht, so führt dies zu einer Umkehr der Beweisführungslast. Es liegt am Beweisgegner, die Überzeugung des Gerichts wieder zu zerstören, indem er weitere Beweismittel vorlegt. Dabei kann es aber nur um ein Erschüttern der Überzeugung gehen (also um das Säen von Zweifeln beim Gericht), nicht aber um den Beweis des Gegenteils (um das Begründen voller Überzeugung vom Gegenteil).

Fiktion

Von der Vermutung abzugrenzen ist die rechtliche Fiktion. Die Fiktion nimmt einen Sachverhalt als gegeben an, der in Wirklichkeit nicht besteht. Damit wird die Ableitung sonst nicht gegebener Rechtsfolgen möglich.[5]

Beispiel: Erbe kann nur werden, wer zur Zeit des Erbfalls lebt. Wer zur Zeit des Erbfalls noch nicht lebte, aber bereits gezeugt war (Nasciturus), gilt als vor dem Erbfall geboren und kann damit ausnahmsweise doch Erbe sein (§ 1923 BGB; § 22 i. V. m. § 536 öABGB bzw. flABGB).

Im Unterschied zur Vermutung ist die Fiktion nicht widerleglich. Im Ergebnis ähnelt die Fiktion damit der unwiderleglichen Vermutung. Der Unterschied liegt darin, dass eine unwiderleglich vermutete Tatsache auch in Wirklichkeit vorliegen kann, während die Fiktion anordnet, dass in Wirklichkeit nicht existierende Tatsachen als vorliegend zu betrachten sind.

Auslegungsregeln

Auslegungsregeln wie § 154 Abs. 1 BGB, § 329 BGB oder § 2304 BGB legen "im Zweifel" den Sinn einer Willenserklärung in einer bestimmten Richtung fest, wenn im Wege der Beweisaufnahme kein entgegenstehender Wille ermittelt werden kann. Wird ein anderer Wille ermittelt, ist die Auslegungsregel nicht widerlegt, sondern unanwendbar.

Siehe auch

Literatur

  • Leo Rosenberg, Karl-Heinz Schwab, Peter Gottwald: Zivilprozessrecht, 15. Aufl. München 1993, 660 ff.
  • Hanns Prütting: Gegenwartsprobleme der Beweislast. Eine Untersuchung moderner Beweislasttheorien und ihrer Anwendung insbesondere im Arbeitsrecht, München 1983, 23 ff.
  • Heribert M. Anzinger: Anscheinsbeweis und tatsächliche Vermutung im Ertragsteuerrecht. Baden-Baden, 2006. ISBN 978-3-8329-2298-6
  • Christian Wohlfahrt: Die Vermutung unmittelbarer Wirkung des Unionsrechts. Ein Plädoyer für die Aufgabe der Kriterien hinreichender Genauigkeit und Unbedingtheit. Beiträge zum ausländischen öffentlichen Recht und Völkerrecht, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 2016. ISBN 978-3-662-48980-2
  • Kathrin Klett: Richterliche Prüfungspflicht und Beweiserleichterung, AJP 11/2001, 1293 ff.
  • Peter Liver, Arthur Meier-Hayoz, Hans Merz, Peter Jäggi, Hans Huber, Hans-Peter Friedrich, Max Kummer: Berner Kommentar zum Zivilgesetzbuch, Einleitung, Art. 1 – 10 ZGB, Bern 1962, N 317 f., 362, 368 zu Art. 8 ZGB
  • Isaak Meier: Das Beweismass – ein aktuelles Problem des schweizerischen Zivilprozessrechts, BJM 2/1989, 57 ff., 65
  • Oscar Vogel, Karl Spühler: Grundriss des Zivilprozessrechts und des internationalen Zivilprozessrechts der Schweiz, 7. Aufl. Bern 2001, 10 N 50
Wiktionary: Vermutung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ BGH 17. November 2010 – VIII ZR 112/10, NJW 2011, 598 (tatsächliche Vermutung für die Richtigkeit der Werte bei einem geeichten Messgerät); BGH 8. Juli 2010 – III ZR 249/09, NJW 2010, 3292, 3294 (tatsächliche Vermutung für Kausalität zwischen fehlerhafter Beratung und Anlageentscheidung); BGH 22. März 2010 – II ZR 203/08 (tatsächliche Vermutung der Ursächlichkeit fehlerhafter Prospektdarstellungen für die Anlageentscheidung); BVerwG 27. Oktober 1998 – C 38/97, BVerwGE 107, 304, 310f. = ZIP 1999, 202, 204 (tatsächliche Vermutung für Nutzungsziehung); BAG 19. Juni 1973 – 1 AZR 521/72, BAGE 25, 226, 233 = AP Nr. 47 zu Art. 9 GG Arbeitskampf (tatsächliche Vermutung für die Verfolgung legaler Ziele beim Streik); OLG Saarbrücken 4. Juni 1993 – U 109/92, NJW 1993, 3077, 3078 (widerlegbare Vermutung der Kausalität)
  2. ↑ Hainmüller: Der Anscheinsbeweis und die Fahrlässigkeitstat im heutigen Schadensersatzprozess. 1966, S. 26ff.
  3. ↑ Dänzer: Die tatsächliche Vermutung. 1914
  4. ↑ Filesharing-Entscheidung BGH: Keine tatsächliche Vermutung für Täterschaft, wenn Zugriff durch Dritte möglich. 3. Juni 2014 zu BGH, Urteil vom 8. Januar 2014 – I ZR 169/12
  5. ↑ Carl Creifelds: Rechtswörterbuch. 21. Aufl. 2014. ISBN 978-3-406-63871-8