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GULR/Einleitung

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Wie der denkende Mensch gern zurückschaut auf dei Jahre seiner Kindheit und die ersten Spuren des erwachenden Bewusstseins verfolgt, so freuet es ihn auch einen Blick zu werfen in die frühern Zeiten des menschlichen Geschlechts und vorzüglich auf das Volk, aus dem er selbst hervorging und in dem sein Dasein wurzelt. Aber wie die Quelle unsers Daseins uns unerforscht bleibt und aus den ersten im Schlummer der Bewusstlosigkeit verlebten Jahren nur einige Momente hervortreten, so deckt auch die frühste Völkergeschichte eine tiefe Nacht, in welche nur hie und da einige Strahlen fallen. Ihnen zu folgen und nichts zu übersehen, was dazu diene kann, die frühern Schicksale und den Zusammenhang der einzelnen Völker kennen zu lernen, ist des Forschers Sache, der es freilich bedauert, dass der leitenden Sterne so wenige sind und sie oft nur undeutlich schimmern. Denn die Schreibekunst ist nicht alt und zu vielen besonders den nördlichen Völkern spät erst gedrungen; die Sage selbst, sonst von Bedeutung, ist jetzt verstummt; andere Denkmale sind theils verwittert, theils schwer zu deuten. Dennoch steigt der wissbegierige Mensch selbst in die Gräber und macht von den Urnen des Todes Schlüsse auf das Leben der Völker. Aber es gieht ein Erzeugniss des menschlichen Geistes, welches an Deutlichkeit und Sicherheit alle überstrahlt, an Alter hinausreicht nicht nur über alle in Stein und Erz gegrabene Denkmale, sondern über alle Werke der bauenden und bildenden Künste, es ist die Sprache. Dies göttliche Geschenk, durch welches die innerste Tiefe des menschlichen Geistes sich aufschliesst, der Mensch so hoch über alle andere Wesen gestellt ist, durch welches Mensch vom Menschen und Volk vom Volke sich unterscheidet und in seiner Eigentümlichkeit sich darstellt, führt ihn zurück bis in die fernsten Zeiten, lässt ihn das Vaterland der Planzen und Thiere und die Verwandschaft von Völkern erkennen, welche durch weite Länder und Meere von einander getrennt sind. Wunderbar ist es daher, wenn heute noch sonst geistreiche und verdienstvolle Geschichtschreiber meinen, aus der Ähnlichkeit einer Sprache lasse sich nicht die Verwandschaft der Nationen, sondern nur die Ähnlichkeit des menschlichen Geistes beweisen. Wie die Natur so reich ist, Millionen Wesen hervorzubringen, von denen keins dem andern vollkommen gleich ist, so vermag auch der Mensch Millionen Wörter zu bilden, welche von einander verschieden sind, und nicht Zufall kann es sein, wenn bei verschiedenen durch weite Räume und Zeiten getrennten Völkern dieselben Töne dieselbe Bedeutung haben. Blosse Ähnlichkeit des Tons aber will nichts sagen, und boucheund Busch, choux und Schuh haben, ohnerachtet der Ähnlichkeit des Tons, keine Verwandschaft, da sie verschiedene Gegenstände bezeichnen. Wenn aber die Zahl gleichlautender und gleiche Bedeutung habender Wörter in verschiedenen Sprachen gross ist, so muss entweder eine Stammverwandschaft, eine Unterwerfung des einen Volks durch das andere, eine Vermischung oder ein lebhafter Verkehr und eine geistige Einwirkung durch Mittheilung von Wissenschaften, Künsten und Religion Statt gefunden haben. Die Besetzung Englands durch Sachsen, die Eroberung Spaniens, Galliens durch die Römer, die Einwanderung der Gothen, Burgundier und Franken in Frankreich, die Mittheilung der Künste und Wissenschaften von Griechen an Römer und andere Völker, die Einführung der christlichen Religion in den verschiedenen Ländern sind Belege dazu. Bezeichnen die ähnlichen Wörter die ersten Stuffen der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Bedürfnisse und Verrichtungen und überhaupt die Elemente des Lebens, so weiset dies auf eine Stammverwandschalt; daher wir auch, selbst wenn die Geschichte davon schwiege, aus der Ähnlichkeit der englischen Sprache mit der deutschen gerade in diesen Gegenständen die Stammverwandschaft beider Völker erkennen müssten. Findet sich die Ähnlichkeit in Wörtern der Kunst, Wissenschaft, Religion und Gegenständen des gebildetern Lebens, so zeigt dies von einen spätern nicht so mit dem innern Kern des Daseins zusammenhangenden Einwirkung. Die grössere Ähnlichkeit oder Verschiedenheit in Zusammensetzung, Biegung, Ableitung und Wortfolge lässt uns gleichfalls die Verwandschaft und die frühere oder spätere, kürzer oder länger dauernde Einwirkung des einen Volkes auf das andere erkennen. Oft jedoch ist die Verwandschaft der Sprache schwer zu erkennen, da durch Einschieben, häufiger jedoch durch Ausstossen von Buchstaben und Sylben, durch Zusammenziehung und Betonung die Wörter sehr verändert werden, so dass man beim ersten Anblick jeudi und Jovis dies, noël und nātālis, étranger, stranger und extraneus wohl schwerlich für dasselbe Wort halten würde. Oft giebt eine Sprache der andern ein Wort und nimmt es verändert dann zurück; so erhielten die Franzosen von den Deutschen warten –wardan– (Burgwart) garder, und wir wahmen Garde von ihnen zurück; eben so ist es mit Beiwache und bivouac. Bisweilen wird es daher zweifelhaft, welcher Sprache eigentlich ein Wort angehöre, und nur wenn wir den Hauptstamm, die eigentliche bedeutungsvolle Wurzel nebst einer Mennge Ableitungen davon in der einen, in der andern dagegen nur diesen vereinzelt dastehenden, blos einen Gegenstand bezeichnenden Ausdruck finden, wird es uns gelingen das Anrecht der einen Sprache unwiderleglich darzuthun.

Dem der lateinischen und deutschen Sprache Kundigen dringen sich eine Menge gleichlautender Wörter auf, welche in beiden Sprachen gleiche oder doch verwandte Bedeutung haben. Von einem Theile ist es klar, dass wir zugleich mit den Gegenständen der Kunst, Wissenschaft und Religion, welche uns meist durch Römer gebracht wurden, die Ausdrücke mit erhielten, so dass Probst, Prediger, Münster, Meile etc. von prōpositus,  praedicātor,  monastērium, mīle stammen. Allein diese Wörter hat die deutsche Sprache spät erhalten. Nun giebt es aber andere, welche die ersten schon dem Kinde bekannten und dem Menschen unenthehrliche Gegenstände, so wie die ersten Grade der Verwandschaft, die Theile des Körpers, die ersten Regungen des Geistes bezeichnen, – pater Vater, frāter Bruder, nāsus Nase, auris Ohr, habeō haben, velle wollen, esse essen, und tausend andere, welche nicht durch ein Spiel des Zufalls gleich lauten, nicht erst von den Römern zu den Deutschen gebracht sein können bei den ersten feindlichen Berührungen beider Völker, oder gar erst bei den kurzen und schwell vorübergehenden Einfillen der Römer in Deutschland. Wo sollen wirvden Grund dieser Ähnlichkeit suchen? Drei Fälle nur sind möglich:

  1. Diese gleichlautenden Wörter stammen von einer gemeinschaftlichen Ursprache;
  2. sie sind ans dem Latein in das Deutsche;
  3. sie sind aus dem Germanischen in die lateinische Sprache übergegangen.

Geben wir auch zu, dass es eine gemeinschaftliche Ursprache bei den Völkern kaukasischen Stammes gab, worauf die Verwandschaft vieler Wortstämme und Wortbiegungen in den vom atlantischen bis indischen Ocean verbreiteten Sprachen weiset und dass der Einfluss der Sanscritsprache in allen sichtbar ist, so werden wir doch auch nicht läugnen können, dass oft Sprachen einander ganz nah, ja vermischt unter einander wohnender Völker wie z. B. germanischer und slavischer nur wenig mit einander gemein haben, daher eine sehr frühe Trennung dieser Stämme angenommen werden muss, dagegen Sprachen anderer vielleicht weit getrennter Völker, sich viel näher stehen. Es bleibt daher immer noch die Untersuchung übrig, welche von den einzelnen verwandten Sprachen die ältere sei, und welche sich auf naturgemässem Wege am leichtesten von der andern herleiten lasse? Der Untersuchung, ob das Deutsche vom Englischen oder das Englische vom Deutschen abstamme, überhebt uns die Geschichte. Aber wie verhält es sich mit den Ursachen der Ähnlichkeit zwischen dem Latein und Deutschen, worüber sie nichts sagt. Sollen die lateinischen Wörter zu den deutschen durch die Römer gekommen sein, so müsste dies entweder in den Zeiten der Kämpfe der Germanen und Römer oder in einer über die Geschichte hinaus liegenden Zeit geschehen sein. Sollten die Deutschen erst in einer so späten Zeit, etwa in Cäsars Jahrhunderte, Ausdrücke für die Theile ihres Körpers, der Verwandschaften, die Begriffe des Wollens, Habens etc. bekommen haben, so müssten sie das roheste Volk der Erde gewesen sein, nicht über das Thier erhaben, welchem ihr Auftreten in der Geschichte widerspricht, da sie zu keiner Zeit als geistlose und rohe Wilde erscheinen. Oder sollen die altdeutschen Ausdrücke durch römische verdrängt worden sein? Aber wie wäre dies möglich gewesen, da Deutschland nie von den Römern auf die Dauer in Besitz genommen wurde, und sie eine Liebe zu ihrem Lande und ihrer Sprache zeigten, wie kein ander Volk? Auch würden sich dann für jene Dinge Synonyme finden, die aber grade hier meist fehlen. Und wie drangen denn diese Wörter zu den nördlichen Sachsen oder gar nach Scandinavien? Ja wie drangen in dies nördliche, fern jenseit des Meeres liegende, nie von einem römischen Fusse betretene Land eine Menge von Ausdrücken, die nicht nur mit dem Lateinischen gleichen Ton und gleiche Bedeutung haben, sondern sogar diesseits der Ostsee, in dem eigentlichen Deutschland sich nicht finden? Sollen etwa die Scandinavier aus einer lateinischen Lexicon im 9ten Jahrhundert erst es gelernt haben, dass der hell leuchtende und wärmende Körper, dem sie in ihrem kältern Lande gewiss mit Freuden stets entgegen sehen, Sol hiess und die ersehnte Zeit der erwachenden Natur wäär? Ja woher finden sich in der gemeinen Volkssprache vieler Provinzen mehrere in der Büchersprache nicht übliche und doch mit dem Latein gleich lautende Wörter? Oder sollen wir annehmen, dass lange Jahrhunderte vorher italische Völker eine Wanderung nach Deutschland unternahmen? Aber so früh bestand die römische Sprache selbst noch nicht einmal, die, wie schon von Vielen gezeigt worden ist, sich aus einem Gemisch mehrer Völker bildete. Denn wie die Römer selbst kein Urvolk waren und deshalb auch von den Athenern σύγχλυδες genannt wurden, so war auch ihre Sprache keine Ursprache, sondern eine Mischsprache. Dies war den Römern selbst auch wohl bekannt, daher auch Varro in seinem Werke, de lingua latina sagt: multās vōcēs Graecōrum et Latīnōrum orīgine esse barbarās et etymologiae vetustāte obtrītās[1]. Und was hätte auch Völker antreiben können, nach einem nördlichern, rauhern Himmelsstrich zu ziehen, zumal aus einem glücklichen, fruchtbaren und keinesweges übervölkerten Lande, was immer noch Raum genug für viele zur See herbeikommende Colonisten hatte? ja, wie wäre eine solche Einwanderung möglich gewesen, da andere Stämme sich zwischen die germanischen und Italien gezogen hatten? Endlich sollen wir, da ein grosser Theil dieser Wörter zugleich in der persischen und Sanscritsprache sich findet, glauben, dass sie von den Lateinern zu den Germanen undvon diesen zu Persern und Indern wanderten? Dies hiesse doch den ganzen Gang der Völkerwanderungen umkehren, der Natur und allen geschichtlichen Überlieferungen Hohn sprechen! Es bleibt uns also nur übrig anzunehmen, dass diese Wörter von den Germanen zu den Römern wanderten. Und dagegen wird sich nichts Erhebliches einwenden lassen. Die deutsche Sprache ist keine Misch-, sondern eine Ursprache von grosser Eigenthümlichkeit, ausgezeichnet durch die Art, den Ton auf die Stammsylbe zu legen, durch Biegungen, Zusammensetzungen und Wortfolge, Sprache eines zahlreichen Volkes; von dem die Einwohner der meisten andern europäischen Länder abstammen, das nie einen Eroberer lange in seinem Lande sah, und das, wenn auch mancherlei Volksstämme an, und hie und dort innerhalb seiner Gränzen wohnten, doch dieses geistige Element so treu bewahrte, dass der grosse britische Sprachforscher Murray sagt, er kenne von allen Sprachen, die vom indischen bis atlantischen Meere gesprochen würden, keine reinere als die deutsche. Durch Tou, Beugung, Mangel an Fähigkeit zusammengesetzte Wörter zu bilden, verräth sich auch das ausländische Wort leicht, und der Wortreiclthum der deutschen Sprache, wie die Fähigkeit immer Neues zu bilden, welche auch in den frühesten gothischen Denkmälern schon sich zeigt, macht ihr alles Fremde leicht entbehrlich. Warum sollte der Reichthum zur Armuth betteln gehen? Ihre Formen sind die reinsten und vollsten, und haben sich behauptet, während die Südländer, sei es aus Streben nach Wohlklang auf Kosten der Deutlichkeit, oder aus Bequemlichkeit mangelhaftere, verstümmelte haben, wie wir weiter unten zeigen werden. Ist es nun denkbar, dass eine Ursprache mit ihren vollern, reinern Formen von der Mischsprache abstammen sollte, oder scheint es nicht jedem natürlich, dass der umgekehrte Fall eingetreten sei und daher das Latein vom Deutschen hergeleitet werden müsse. Aber auch Erdkunde und Geschichte spricht für eine solche Abstammung. Sei es auch, dass die Griechen die thörichte Meinung von Autochthonen hatten, wo in jedem Lande die Menschen wie Pilze gewachsen sein sollen, so könnten wir heute nach so viel geistvollen Untersuchungen über die persische und indische Sprache ihr doch keinesweges mehr huldigen. Denn wollte man auch der Meinung mancher Philosophen folgen, welche das menschliche Geschlecht nach den verschiedenen Stämmen von verschiedenen Urältern ableiten; so würde man doch keinesweges so weit gehen dürfen, jedem einzelnen Lande ein besonderes Menschengeschlecht zu geben, sondern wenigstens die Völker caucasischen Stammes, zu dem alle Europäer gehören, von Asien aus, wohin Sagen, Geschichte, Planzen- und 'Thiernamen, und besonders die Sprachen zeigen, durch deren Studium ein neues Licht für die Geschichte aufgegangen ist, einwandern lassen müssen. Wenn nach den Untersuchungen von Wahl, Herrn von Hammer und Frank, über persische Sprache eine solche Menge ähnlicher Wörter. im Persischen und Deutschen sich zeigt, dass fast der 3te 'Theil des persischen Sprachschatzes germanisch ist, und die grösste Ähnlichkeit in den Infinitivendungen – griften, greiffen, porsidan, forschen etc. Statt findet, wenn man nicht übersieht, dass die Trennung dieser germanischen Völker vom asiatischen Mutterlande an 4000 Jahre her sein mag, dass in Persien viele Wörter durch die mannigfaltigen Eroberungen, Umwälzungen und Einwanderungen verloren oder verändert worden sein müssen, so darf man wohl die Verwandschaft beider Völker nicht abläugnen, wenn auch die historischen Werke der Alten davon schweigen. Die Germanoi des Herodot, wie gering man dies auch, in neuerer Zeit hat auschlagen wollen, sind also gewiss eben so wenig bedeutungslos, als der Name Armenien, in welchem Lande die Kreuzfahrer Friedrichs Barbarossa zu ihrem Erstaunen Einwohner fanden, die eine der baierschen ähnliche Sprache redeten. Auch zeigen die von Busbeck in seinen Briefen angeführten Wörter der Alanen[2] in der Krimm, welche man für mösogoethische hielt, die Spuren der alten Wanderung, und deutlicher hat sie der tief forschende Ritternachgewiesen. Alle jene frühen Wanderungen aber erfolgten zu Lande, da die Schifffahrt, selbst 4 und 3 Jahrhunderte vor Christo, so in ihrer Kindheit war, dass an eine Colonisation zu Wasser kaum zu denken ist. Wir können also annehmen, dass sehr früh, vielleicht 2 Jahrtausende vor unserer Zeitrechmung, germanische Stämme aus Asien aufbrachen und nach Westen wanderten, wahrscheinlich längere Zeit mi Norden der Donau wohnten, bis nach stärkerer Vermehrung ein Theil sich wördlich, der andere sich südlich wandte, ein dritter zurückblieb. Der nach Norden wandernde setzte wahrscheinlich, vielleicht nach und nach, über die dänischen Inseln zur See nach Schweden. Denn ohnerachtet manche ihn unmittelbar aus Persien zu Lande einwandern lassen wollen, so ist es doch nicht wahrscheinlich, dass Völker gleich bei ihrer Trennung aus Aien sich so sehr gegen den unfreundlichen Norden sollten gewendet haben und über Finnland und Nordland hinunter nach Gothland gedrungen wären, vielmehr deutet die Ähnlichkeit der dänischen mit der schwedischen Sprache und der Name Gothenburg und Gothland auf den natürlichern Weg über die dänischen Inseln. Der nach Süden wandernde Stamm ging über die Donau und Alpen, und gelangte so in das fruchtbare und milde Italien, welches er nicht wieder verliess. Freilich die Geschichte sagt nichts davon. Aber sie schweigt auch von der Berölkerung Scandinaviens durch germanische Stämme, welche doch niemand läugnet. Und wenn wir nun wissen, dass auch Brittanien, Gallien und Hispanien von Deutschland aus bevölkert worden sind, warum will man mit Italien eine Ausnalme machen, da der Landweg dahin eben so über Deutschlaud fülirt, wie in jene Länder. Dass römische Geschichtsschreiber diese Abstammung nicht erwähnen, will nichts sagen, da die Schreibekunst ers spät nach Italien kam und zwar durch Griechen, welche, wohin sie kamen, aus Nationalstolz überall griechische Abkömmlinge suchten, man auch die nördlichen Völker nicht kannte, und durch das Völkergemisch und Gedränge in Italien die Sage grösstentheils verhallt war. Dennoch erhielt sich noch mancher Anklang, dass die Ureltern aus einem mit Eichen besetzten Lande gekommen wären, wovon folgendes Distichon zeigt:

Τηλόθῐ δισχε

Fern von dem Eichbaum wirfst du die Axt, denn es sagten die Väter, Dass als Mutter zuerst, einst uns die Eiche gebahr.

Auch wusste man, dass die griechischen Colonisten schon Einwohner, die viele Städte bewohnten, gefunden hatten. Man nannte sie Aborigines oder Aberrigines. Die Griechen übersetzten dies nach ihrer Ansicht durch Autochthones – Landesgeborne – welcher Ansicht man heut, wo Alles gräcisirt wird, folgt. Andere jedoch auf andere Weise, Dionys. X, 5 durch γενάρχαι, Stammäter; Festus sagt Aborigines dictī sunt, quod errantes convenerint in agrum, qui nune est populi Romani, fuit enim gens antiquissima Italide[3]. Man sieht also, dass schon die Alten sie als solche betrachteten, welche vom Hauptstamme abgeirrt wären. Auch wusste man damals und giebt jetzt es zu, dass keltische und iberische Stämme früh Theile Italiens bevölkert haben, schliesst aber die Germanen aus, deren Name in dieser Hinsicht nicht erwähnt wird. Allein man vergisst, sowohl dass der Name Kelten bei den Römern ein so allgemeiner war, wie bei den Griechen Scythen, und eigentlich Waldbewohner bedeutet, von coille, Wald[4], daher auch den Germanen beigelegt werden konnte, als auch, dass dieser Stamm selbst ein wiewohl früher getrennter Theil des germanischen zu sein scheint, wohin nicht mur eine grosse Au-

zahl gleich lautender Wörter ähnlicher Bedeutung in beiden Sprachen, sondern auch die von den Römern bemerkte Ähn- lichkeit weiset, daher man auch wach S t r a b o das Wort Germani

- zwar unrichtig - durch Verwandte und Brüder der Kelten

erklärte. Auch haben mehrere Gelehrte, wie Scrickkius Cluverus, die Stammeinheit beider Völker nachzuweisen ver-

sucht. P e l l o u t i e r macht die Germanen zu Kelten; insofern

mit Unrecht, als der germanische Stamm der grössere, seine

Sprache die reinste, unvermischteste und Grundsprache der

meisten europäischen Völker geworden ist. Endlich ist zu er-

wägen, dass der Name Germani nach Tacitus ein recens ad-

ditum war, der Wehr- Kriegs - mannen bedeutet, und den sich

die nach Gallien vorgedrungenen deutschen Heere zuerst gaben. Dass Kelten und Germanen in den frühesten Zeiten zusammen-

fallen, sieht man auch bei Arrian. exp. Aler. 1, 3 etc., der erzählt, Alexander sei an dem Ister auf Kelten gestossen, dieser Fluss entspringe bei den Kelten, und Quaden und Mar-

komannen seien die äussersten Kelten, dass aber Quaden und Markomannen Germanen sind, ist wohl eben so gewiss, als die Donau in Deutschland entspringt. Gothen wohnten auch Jahr-

hunderte lang an der Donau; wie aber wären zu Alexanders

Zeit Gallier dahin gekommen? Die Wörter, welche die Römer keltische nennen, sind meist ächt germanisch; so nannten die

Römer folgende Wörter gallisch: F e s t u s , sparum den Speer; Gellius, lancea die Lanze; Varro bei Gellius XV, 30. pe-

torritum, ein vierrädriges Fahrwerk, und doch ist es zusam- mengesetzt aus dem teutonischenfedwor oder sächsischen feo- thor, vier - und rid - das Rad; Theda soll nach Quinet. I, 5. 57. 69. gallisch sein, und doch heisst im Altdeutschen raida der Wagen, ebenfalls von Rad. Plin. h. n. XVIII, 18. sagt,

  1. ↑ dass viele griechische und lateinische Wörter barbarischen Ursprungs sind und ihre Etymologie durch die Antike abgenutzt ist
  2. ↑ * ) Brot, Stul, Hus, Reghen, Silver, Holz, Salt, Sonne, Stern, Tag, Handa, Bogu, Schlieten.
  3. ↑ "Aborigines appellati sunt, quod errantes convenerint in agrum, qui nunc est populi Romani; fuit enim gens antiqussima Italiae."Sie wurden Ureinwohner genannt, weil sie umhergewandert waren und sich in dem Gebiet versammelt hatten, das heute das römische Volk ist; denn es war die älteste Nation Italiens.
  4. ↑ * ) Thiercy histoire des Gaulois.