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GULR/Einleitung/7

aus AufEinWort, der freien Forschung
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▷Dass zum Theil die Declination, noch mehr aber die Conjugation aus dem Germanischen entstanden ist, ja einzig aus ihr erklärt werden kann, soll weiter unten gezeigt werden. Es ist deshalb aber nöthig, dass man nicht blos auf unser gegenwärtiges Deutsch, sondern auch auf die Schwestersprachen, das Schwedische, Dänische, Isländische, Holländische und Englische, vorzüglich aber auf die alten Muttersprachen, das Gothische, Fränkische und Angelsächsische sehe, da von diesen unsere neue hochdeutsche Sprache vielfältig abweicht, sie aber der lateinischen unendlich näher stehen, und zwar vorzüglich der altlateinischen, welche noch vollere Formen hat. Auch die Provinzialismen und die gemeine Volkssprache wird nicht vernachlässigt werden dürfen, da sie vieles mit dem Latein gemein hat, was in der Büchersprache sich nicht findet; ja man wird bemerken, dass das Plattdeutsche in vieler Hinsicht dem Latein näher steht, als unser Hochdeutsch. Wenn man nun bedenkt, dass das Verstehen der alten germanischen Sprachen und eben so das der so nah verwandten dänischen und schwedischen für uns Deutsche ein eigenes Studium erfordert, dass die lateinische Sprache selbst viele Veränderungen erlitten hat, und die im ersten punischen Kriegegeschlossenen Verträge am Ende des zweiten schwer ferstanden wurden (carmina, quae in sacris ex veteri formula canebantur, a paucissimis intelligebantur)[1], ferner erwägt, dass uns heut viele Wörter ganz verloren, verändert oder nur in einzelnen Formen geblieben sind, so wird man bei der ungeheuren Zahl von Wörtern, welche die lateinische Sprache mit der deutschen noch gemein hat, um so fester von dem germanischen Ursprunge des Lateinischen überzeugt, wobei man jedoch gern zugesteht, dass durch Vermischung mit andern Völkern, Venetern, Illyriern und Griechen viel ungermanische Bestandtheile in die lateinische Sprache gekommen sind und später viel durch Hellenenganz nach griechischer Weise gebildet worden ist. Recht sehr irren aber viele Gelehrte, welche das Römische zu einem blossen Dialect des griechischen machen wollen. Dass die frühern Römer des Griechischen unkundig waren, darüber sprechen sich lateinische Schriftsteller oft aus, und ich will nur Gellius 15, 30 hier anführen. Auch waren Griechen nicht mi Stande, das lateinische auszusprechen, was aus einer Rede Cicero's pro Fundanio Quinct L. 1, 6. sich ergiebt. Wäre das Griechische ein Gründbestandtheil der lateinischen Sprache gewesen, so würde es sich bei dem nachher mächtigen Einfluss griechischer Bildung und bei der Erziehung der römischen Jugend durch Griechen behauptet haben, so dass die lateinische Sprache dann unmöglich so von der griechischen abweichen könnte. Schon durch den Accent unterscheidet sich die lateinische Sprache wesentlich von der griechischen, in welcher eine Menge oxytona und perispomena sich finden, während jene in mehrsylbigen Wörtern den Ton nie auf der letzten Sylbe hat. ( Quinet. L. 1. c. 10. 5. Est autem in omni voce utique acuta, sed nunquam plus una, nee ultima unquam.[2] Diomed. p. 425. Acutus apud Latinos duo tantum loca tenet, penultimum et antepenultimum.[3] ) Aber auch die deutsche Sprache hat in ihren mehrsylbigen Wörtern den Ton fast nie auf der End-, sondern vorzugsweise auf der Stammsylbe; hiezu kommt, dass in den ältesten latein. Gedichten die Quantität gleichfalls vom Accent abhing. Achtet man auf das Alles, so wird man finden, dass viele Wörter, welche man früher vom Griechischen ableitete, vom Deutschem stammen, So leitete man pater und mater von πατήρ und μήτηρ ab, und achtete nicht darauf, dass pater den Ton auf der vorletzten, πατήρ auf der letzten Sylbe habe, dass das er kurz, ήρ lang sei – jenes also pátĕr, dieses zu bezeichnen sei. Wenn man noch erwägt, dass frāter wohl von Bruder, aber nicht von dedelpóg kommen könne (denn φράτωρ und φρατρία hat doch schon eine zu fern liegende Bedeutung), so wird man wohl auch auf andere Grade der Verwandschaft, und also auch pater lieber auf das dem römischen Accent näher liegende Vater zurückführen. Und so hätten es die Gelehrten mit vielen Wörtern leichter haben können, wo sie die wunderbarsten Verdrehungen, Versetzungen, Aus- und Einwerfen von Buchstaben sich erlauben, wie ich es nie than werde, um mur endlich eine gewisse Ahnlichkeit mit dem Griechischen herauszubringen. So soll serō von σπείρω stammen. Mit Herauswerfen des π sind sie schnell fertig und erwägen nicht, dass das ρ in σπείρω radikal, in serō das r nur eingeschoben ist, wie in hauriō, quaerō etc., daher nichts von Ähnlichkeit übrig bleibt, als das einzige s. Wenn sie bedächten, dass der Stamm im perfect und supinum sēvī und satumliege, dass daher auch sator, etc. stamme, so würden sie bemerkt haben, dass es mit unsern Säen, Saat – wie semen mit Samen eine grössere Verwandschaft habe. Petō soll von αἰτέω, frangō, freg von ῥήγνῡμῐ etc. stammen, während sich doch eine leichtere Ableitung von bitten und brechen ergieht. Welche wunderliche Etymologien giebt Voss für Haruspex (Arespex nach Inschriften) an, und wie nahe liegt der Aarspäher der den Flug der Adler beobachtet). Regōsoll von ἀργῶ durch Umstellung kommen, und steht doch unserm Regen, Richtenso nahe, wie rēx dem alten Reicks, Recke. Ancora soll von ἄγκυρα stammen, und doch ist hier die penultima lang, dort kurz. Die Thiernamen sollen meist von den Griechen entlehnt sein, aber steht nicht piscis und vermis dem Fisch und Wurm näher als dem ἰχθῡ́ς und σκώληξ? Und ist es nicht natürlicher, dass Stämme, welche wahrscheinlich aus Asien die grössern Thiere auf ihren allmähligen Wanderungen mitführten, auch zugleich die Namen mitbrachten, nicht aber zur See einwandernde Griechen, welche gewiss zufrieden waren, wenn sie sich und ihre Familie übersetzen konnten, die Thiere zurückliessen, aber in Italien Einwohner, Thiere und Thiernamen fanden, oft mit den ihren übereinstimmend. Auch ist verēdus dem Pferd = Pfered, equus dem Schwedischen Oek, dem Dänischen 0g, dem Isländischen Eikur doch wohl ähnlicher, als dem Griechischen ῐ̔́ππος. Taurus ist dem Stier, porcus und porcellus, dem Borg und Ferkel, sūs der Sau, cattus der Katze, dem Engl. und Dän. Cat, asellus dem Esel sollte man meinen, so nahe verwandt, als die ähnlichen griechischen Wörter, Eben so ist es denkbar, dass die Feldfrüchte, deren Vaterland bekanntlich grösstentheils Asien ist, von den Einwohnern mitgebracht worden sind. Denn dass die ersten Bewohner schon das Säen und Ärndtenverstanden, und also diese Kunst mit nach Europa und Italien brachten, sieht man gleichfalls an der Ähnlichkeit dieser Wörter im Latein, Deutschen und zum Theil im Persischen.

  1. ↑ Die Lieder, die im Geistlichen nach der alten Formel gesungen wurden, wurden von nur sehr wenigen verstanden
  2. ↑ Es ist natürlich in jeder Stimme scharf, aber nie mehr als eine und auch nie die letzte.
  3. ↑ Im Lateinischen hat das Akute nur zwei Stellen, die letzte und die vorletzte.