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KÜZKDWH/1

aus AufEinWort, der freien Forschung

Eine Ansicht, die im Widerspruch zu allgemein anerkannten Vorstellungen steht, heißt paradox. Diese wörtliche Bestimmung trifft auf die jüngste, die Kon­sensustheorie der ,Wahrheit' mit ihrem Versuch zu, ihren Gegenstand aus der Beziehung von Aussagen auf das Urteil anderer zu erläutern. Gewiß ist der Ausdruck Wahrheit sowohl im umgangssprachlichen wie im wissenschaft­lichen und philosophischen Reden nicht eindeutig. Indessen greift die Konsen­sustheorie selbst jene Bedeutung heraus, die wir mit dem Ausdruck Wahrheit vornehmlich verbinden: Wahrheit im Sinne von Aussagenwahrheit. Trotz dieser grundsätzlichen Gemeinsamkeit wendet sie sich gegen das, was man gewöhnlich unter einer wahren Aussage versteht: nicht eine Behauptung, sofern sie Zustimmung findet, vielmehr eine, die Sachverhalte behauptet, wie sie tatsächlich zutreffen. Ähnlich charakterisiert die Grundformel, die sich bis in die Gegenwart als Ausgangs- und Bezugspunkt der philosophischen Dis­kussion behauptet hat, die Adäquationsformel, die Wahrheit als Übereinstim­mung von Denken und Sache[Anm. KF 1] (veritas est adaequatio intellectus et rei).[1] Der Konsens gilt hier weder als Grund noch als Kriterium von Wahrheit, vielmehr in genauem Gegensatz die Wahrheit als Grund und Kriterium eines legitimen Konsenses. Zwar ist die Adäquationsformel noch in hohem Maße vage. Sie läßt offen, was mit Denken (intellectus) und Sache (res) gemeint, wie die Beziehung der adaequatio (auch: correspondentia, conformitas, convenientia) des näheren zu verstehen und vor allem auch philosophisch zu legitimieren sei. Aber die Konsensustheorie ist nicht deshalb paradox, weil sie die Adäquations­formel erläutern und begründen will. Sie ist es, weil sie die Formel nur als negativen Bezugspunkt gelten läßt. Die Konsensustheorie in ihrer jüngsten Gestalt, in Habermas’ Beitrag zur Festschrift für Walter Schulz[2], tritt nicht als Fortset­zung, sondern allein in Abgrenzung zu jener Position auf, die von der Adäqua­tionsformel ausgeht, der Korrespondenztheorie.

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Anm. KF

  1. ↑ wenn dann richtiger "'Angeglichenheit/Angleichung von Denken zu Ding'


Einzelnachweise

  1. ↑ Thomas von Aquin, mit Berufung auf Isaac Israeli: De veritate I 1 (vgl. S. Th. I, q. 16, a. 2 ad 2; I, q. 21, a. 2 ad 2). – Vorläufer dieser Adäquationsformel bei Platon, Crat. 385 b, Soph. 263b; ferner bei Aristoteles, Metaph. Γ, 1011b 26f. u. a. – In der Gegenwart ist die Adäqua­tionsformel Ausgangs- und Bezugspunkt für die Korrespondenztheorie (B. Russel, Probleme der Philosophie [1912, dt. 1967] Abschn. 12; M. Schlick, Das Fundament der Erkenntnis, in: Er­kenntnis 4 [1934] ; J. L. Austin, Truth, in: Proceedings of the Aristotelian Society, Suppl. Vol. XXIV [1950]), ebenso für die semantische Wahrheitstheorie (A. Tarski, Die semantische Kon­zeption der "Wahrheit und die Grundlagen der Semantik, Abschn. 14, in: J. Sinnreich, Zur Philosophie der idealen Sprache [1972] 53-100 [77 f.]) sowie für die Redundanz- und die Kontexttheorie (F. P. Ramsey, Facts and Propositions, in: The Foundations of Mathematics [London 1931] 138-155; P. F. Strawson, Truth, in: Proceedings of the Aristotelian Society, Suppl. Vol. XXIV [1950]). Ein Unterfall der Korrespondenztheorie ist die Abbildtheorie, wie sie etwa Wittgenstein im Tractatus vertritt; die Idee der Korrespondenzwahrheit ist (in der gegen logische Paradoxien geschützten Form, wie sie ihr Tarski gegeben hat) auch bei K. Popper als semantische unerläßlich anerkannt: Conjectures and Refutations (London 31969) 215-250.
  2. ↑ Wirklichkeit und Reflexion (1973) 211-265.