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Kritische Überlegungen zur Konsensustheorie der Wahrheit (Höffe)

aus AufEinWort, der freien Forschung
(Weitergeleitet von KÜZKDWH)

Kritische Überlegungen zur Konsensustheorie der Wahrheit (Habermas)[A 1]

Von Otfried HÖFFE (München)

Vrzchnß: KÜZKDWH/

I., II.,


Anmerkungen

[✎]
  1. ↑ Überarbeitete Fassung eines Vortrages vor der Philosophischen Fakultät I der Universität München vom 19. Februar 1975. Einige Grundgedanken wurden schon in einer Diskussion mit J. Habermas im Philosophischen Seminar I am 10. Juli 1974 vorgetragen.
  2. ↑ "auf vielerlei Art gesatgt", "auf vielfältige Weise Ausgelegt"
  3. ↑ "tatsächlich Sein"


Einzelnachweise

  1. ↑ Thomas von Aquin, mit Berufung auf Isaac Israeli: De veritate I 1 (vgl. S. Th. I, q. 16, a. 2 ad 2; I, q. 21, a. 2 ad 2). – Vorläufer dieser Adäquationsformel bei Platon, Crat. 385 b, Soph. 263b; ferner bei Aristoteles, Metaph. Γ, 1011b 26f. u. a. – In der Gegenwart ist die Adäqua­tionsformel Ausgangs- und Bezugspunkt für die Korrespondenztheorie (B. Russel, Probleme der Philosophie [1912, dt. 1967] Abschn. 12; M. Schlick, Das Fundament der Erkenntnis, in: Er­kenntnis 4 [1934] ; J. L. Austin, Truth, in: Proceedings of the Aristotelian Society, Suppl. Vol. XXIV [1950]), ebenso für die semantische Wahrheitstheorie (A. Tarski, Die semantische Kon­zeption der "Wahrheit und die Grundlagen der Semantik, Abschn. 14, in: J. Sinnreich, Zur Philosophie der idealen Sprache [1972] 53-100 [77 f.]) sowie für die Redundanz- und die Kontexttheorie (F. P. Ramsey, Facts and Propositions, in: The Foundations of Mathematics [London 1931] 138-155; P. F. Strawson, Truth, in: Proceedings of the Aristotelian Society, Suppl. Vol. XXIV [1950]). Ein Unterfall der Korrespondenztheorie ist die Abbildtheorie, wie sie etwa Wittgenstein im Tractatus vertritt; die Idee der Korrespondenzwahrheit ist (in der gegen logische Paradoxien geschützten Form, wie sie ihr Tarski gegeben hat) auch bei K. Popper als semantische unerläßlich anerkannt: Conjectures and Refutations (London 31969) 215-250.
  2. ↑ Wirklichkeit und Reflexion (1973) 211-265.
  3. ↑ 3 Die folgende Erörterung bezieht sich auf Habermas’ Beitrag in der Schulz-Festschrift, a.a.O. Vgl. aber auch: J. Habermas, Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik, in: Hermeneutik und Dialektik (Festschrift für H.-G. Gadamer), hrsg. v. R. Bubner, K. Cramer, R. Wiehl (1970) I 73-104; Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompe­tenz, in: J. Habermas, N. Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie (1970) 101-141; ferner M. Horkheimer, Zum Problem der Wahrheit, in: Kritische Theorie. Eine Doku­mentation, hrsg. v. A. Schmidt, Bd. I (1968) 228-276. Zur Konsensustheorie der Wahrheit all­ gemein: W. Kamlah, P. Lorenzen, Logische Propädeutik (1967) Kap. IV; W. Kamlah, Der moderne Wahrheitsbegriff, in: Einsichten. Festschrift für G. Krüger (1962) 107ff. neue hefte für philosophie, H. 2/3: Dialog als Methode (1972) (darin besonders R. Wiehl, Dialog und philo­ sophische Reflexion, 41-94; K. Lorenz, Der dialogische Wahrheitsbegriff, 111-123) und vor allem C. S. Peirce, Schriften, 2 Bde, hrsg. v. K.-O. Apel (1967, 1970).
  4. ↑ Tarski, a. a. O. 77 f.; vgl. W. Stegmüller, Das Wahrheitsproblem und die Idee der Semantik (Wien 1957) 15 f.
  5. ↑ Diesen zweiten Aspekt bat Tarski nicht gesehen. Deshalb kann es nicht nur, mit Tarski (a. a; O. 78), mehrere unvereinbare, aber gleichermaßen klare und präzise Wahrheitskonzeptionen geben, sondern auch mehrere, einander ergänzende Überlegungen zum selben Begriff der Wahrheit.
  6. ↑ Insofern die Aussagen daraufhin überprüft werden sollen, ob die behaupteten Sachverhalte existieren oder nicht (212), wird lediglich ihr propositionaler Gehalt zur Diskussion gestellt, nicht auch die spezifisch pragmatische Dimension, die Einbettung der Propositionen in (konstative) Sprechakte. Damit erscheint die pragmatische Dimension in der Wahrheitsdefinition als redundant. Vgl. auch: „Sachverhalte stehen im Diskurs zur Diskussion“ (248).
  7. ↑ Habermas vermeidet es, in der Explikation des Wahrheitsbegriffs an die Adäquationsformel anzuknüpfen. Stattdessen führt er den Begriff zirkulär und vergleichsweise trivial ein; denn der Ausdruck ,Geltungsanspruch' meint nichts anderes als die Prätention, wahr zu sein. Und dort, wo Habermas über diese Trivialität hinausgeht (Aussagenwahrheit ist die Prätention von Aussagen, wahr zu sein), kommt er nicht ohne Formulierungen aus, die die Adäquationsformel anerkennen. So heißt es z. B.: „aber wahr ist eine Aussage dann und nur dann, wenn sie einen wirklichen Sachverhalt oder eine Tatsache wiedergibt“ (212).
  8. ↑ Zur mehrfachen Bedeutung von Wahrheit bei Aristoteles vgl. Nikom. Ethik VI, wo Aristo­teles 5 Weisen des άληθεύεινunterscheidet und differenziert darstellt; zur mehrfachen Bedeu­tung von Falschsein: Metaph. Δ 29, 1024 a 17-1025 a 14. Über drei Aspekte des Begriffs der Wahrheit bei Thomas von Aquin: De veritate 1 1 (vgl. auch S. Th. I, q. 16). —Auch Habermas erkennt an, daß Wahrheit nicht bloß Aussagenwahrheit meint (219-223). Die vier Bedeutungen, die er untersucht: (semantische, grammatische, phonetische) Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit, (Aussagen-)Wahrheit*, sind jedoch am Leitfaden der Geltungsansprüche eines wah­ ren Konsenses gewonnen. Sie können sich weder auf den gewöhnlichen Sprachgebrauch berufen, noch lassen sie für Kunstwerke oder Religionen eine eigentümliche Weise der Wahrheit zu. Im übrigen finden sich bei Habermas selbst Verwendungen des Ausdrucks ,wahr‘, die in seiner Kon­zeption der Aussagenwahrheit nicht berücksichtigt sind. So spricht er von der „Idee des wahren Lebens“ (Der Universalitätsanspruch, a. a. O. 100) oder vom „wahren Konsens“ (Vorbereitende Bemerkungen, a. a. O. 123). ' der 4. ist Wahrhaftigkeit
  9. ↑ Thomas von Aquin, De veritate I 1 (mit Bezug auf Augustinus, Solii. II 5) : „veritas est id quod est“. In diesen Zusammenhang gehört auch die – transzendental zu verstehende – Grund­aussage der abendländischen Philosophie seit Parmenides über die Selbigkeit von Denken und Sein.
  10. ↑ Tübingen 21965.
  11. ↑ Der Universalitätsanspruch, a. a. O.; zur Gegenkritik: H.-G. Gadamer, Rhetorik, Herme­neutik und Ideologiekritik. Metakritische Erläuterungen zu ,Wahrheit und Methode'; ders., Replik, beides in: Hermeneutik und Ideologiekritik (1971) 283-317. – Zur Wahrheit des Kunst­werkes: M. Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Holzwege (41963) 7-68.
  12. ↑ Vgl. Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift, hrsg. v. H. Diem, W. Rest (21959) 204 ff.
  13. ↑ 13 Zur Genealogie der Moral, Werke ed. Schlechta II 891.
  14. ↑ Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre, Werke III 543 (sog. „Wille zur Macht“ 517).
  15. ↑ 15 Werke III 919 (Wille zur Macht 534).
  16. ↑ Werke III 744 (Wille zur Macht 434); III 750 (688).
  17. ↑ Zu Platon: vor allem Politeia 504 a fi., 514 a ff.; zu Aristoteles: Metaph. Buch Λ; zu Parmenides: fr. 1ff.
  18. ↑ Zu Fichte sind die verschiedenen Ausarbeitungen der Wissenschaftslehre, aber auch die Transzendentale Logik u. a. heranzuziehen, zu Husserl die Logischen Untersuchungen (41928) VI; Formale und transzendentale Logik (1929); zu Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen (101963) § 44; Vom Wesen der Wahrheit (41961).
  19. ↑ Die elementare Pluralität der Fragen und Methoden zum Problemfeld der Wahrheit ist von jener gestuften Pluralität von Wahrem zu unterscheiden, die sich innerhalb der ontologi­schen Wahrheitstheorie findet. Wenn Thomas von Aquin vor dem Hintergrund der christlichen Schöpfungstheorie von einem minimum vere (anorganische Materie) und einem maximum vere (Gott) spricht und damit zugleich die Pole eines Spektrums von Wahrem bezeichnet (De veritate I 1 u. a., vgl. auch ebd. I 6), dann meint hier verum die Dignität oder das Maß an Seiendheit bzw. Wahrheit, die einem Seienden(ens) zukommen.
  20. ↑ Vgl. T. McCarthy, A Theory of Communicative Competence, in: Philosophy of the Social Sciences 3 (1973) 135-156.
  21. ↑ Dabei wird allerdings nicht berücksichtigt, daß die Herausforderung zu einer Legitimation von Behauptungen und Geboten, daß Fragen, Bedenken und Zweifel nicht erst im sozialen Umfeld, sondern auch im „Gespräch“ einer Person mit sich selbst entstehen können. Und das ist nicht bloß psychologisch, sondern auch prinzipiell zu verstehen. Da menschliche Erkenntnis der Möglichkeit des Irrtums unterworfen ist, weil weder die Aussagen ihre Rechtfertigung in sich selbst tragen noch das subjektive Fürwahrhalten schon die objektive Wahrheit sichert, ist die Rechtfertigung von Wahrheitsansprüchen prinzipiell vonnöten. Darin liegt auch die genuin theoretische Aufgabe von Wissenschaft und Philosophie, daß sie grundsätzlich in Erfahrung bringen wollen, was der Fall ist und warum es ist, auch wenn dem keine technische, psychische oder soziale Relevanz innewohnt.
  22. ↑ The Uses of Argument (Cambridge 1958) bes. chap. III-V. – Toulmin will die Logik aufpüren, die in den Schlußfolgerungen des wissenschaftlichen und täglichen Sprechens steckt. Da­ bei orientiert er sich – im Gegensatz zur vorherrschenden Theorie der Logik – am Modell der Jurisprudenz anstatt dem der Mathematik. Während es der traditionellen Logiktheorie aus­ schließlich um analytische Argumente gehe, seien in der Praxis des Argumentierens gerade die davon verschiedenen, die substantiellen Argumente relevant. Toulmins Versuch zu zeigen, daß es sich bei diesen anderen Argumenten nicht um versteckte oder verkürzte Syllogismen, also doch um analytische Argumente handelt, die aufgrund ihrer Form allein schlüssig sind, kann allerdings noch nicht überzeugen. Schon die erste, die aristotelische formale Logik ist von der zeitgenössischen Praxis des Argumentierens ausgegangen. In den gegenwärtigen Begründungs­versuchen zu einer pragmatischen Logik, zu denen auch Toulmin zählt, könnte man sich also auf Aristoteles berufen. Jedoch findet sich bei Aristoteles – etwa in der Topik – keine ver­änderte, vom Syllogismus abweichende Binnenstruktur der Logik, sondern nur eine pragma­tische Außenstruktur: ihr „Sitz im Leben“ ist der Disputierbetrieb in der Akademie, der in der Syllogistik (einschließlich der der topischen Schlüsse) gerade sein formalisiertes Instrumen­tarium gewinnen soll.
  23. ↑ Aus dem Explanans „wenn p, dann q “ und der Randbedingung „nun p“ folgt das Explanadum „also q". – Deduktive Argumentationsstrukturen sind seit der Antike bekannt und schon in den Ersten Analytiken des Aristoteles formalisiert.
  24. ↑ Danach ist eine Handlung moralisch verbindlich, wenn sie mit einer Regel zusammen­stimmt, die ihrerseits das allgemeine Wohlergehen befördert. Vgl. Verf. (Hrsg.), Einführung in die utilitaristische Ethik (1975), Einleitung III, sowie Teil II.
  25. ↑ Wenn man es wörtlich nimmt, steht die Behauptung zur Diskussion „Das Wasser in diesem Topf dehnt sich aus“ (244). Dann aber bedarf es nicht einmal der Gesetze der Thermodynamik, sondern nur einer Beobachtungsreihe, die etwa mit Hilfe eines Meßtopfes auszuführen ist.
  26. ↑ 26 Vgl. J. Rawls, Zwei Regelbegriffe, in: Verf., a. a. O.
  27. ↑ Dort, wo Peirce von der potentiellen Zustimmung einer unbegrenzten Forsdiergemeinschaft, dem konditionalen Idealismus spricht (vgl. Schriften, a. a. O. 1220, 349, 362 ff., II 492) und Kamlah und Lorenzen eine kritische Nachprüfung durch kompetente Beurteiler fordern (Logische Propädeutik, a. a. O. 117 ff.), führt Habermas den Begriff der idealen Sprechsituation ein. – Peirces Position enthält allerdings eine Zweideutigkeit. Das, was in die Zeit schematisiert erscheint („in the long run“), die Überprüfung von 'Wahrheitsansprüchen, erhält durch die Qualifikationen „potentielle Zustimmung“ und „unbegrenzt“ den methodischen Status eines Totalitätsbegriff; es wird also zum einen Ziel, das empirisch grundsätzlich nicht voll realisierbar ist. Dann aber wird die Wahrheit bei ihm, recht verstanden, zu einer im Sinne Kants regulativen Idee.
  28. ↑ W. Schulz, Philosophie in der veränderten Welt (1972) 173 ff.; A. Beckermann, Die realiistischen Voraussetzungen der Konsensustheorie von J. Habermas, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 3 (1972) 63-80; vgl. auch J. Habermas, Wahrheitstheorien, a. a. O. 259.
  29. ↑ Zu einem Modell der Vermittlung von Wissenschaft und Politik vgl. Verf., Strategien der Humanität. Zur Ethik öffentlicher Entscheidungsprozesse (1975) Kap. 10-12.
  30. ↑ Zu den Einwänden im Rahmen einer Ethik politischer Entscheidungsfindung vgl. die Kritik am Erlanger Beratungsmodell: Verf., a. a. O. Kap. 9.2.
  31. ↑ Habermas legt eine Scheu gegenüber der transzendentalen Methode zu Tage, obwohl er ihr an anderer Stelle de facto nahekommt: Legitimationsprobleme, a. a. O. 151 f. und Anm. 160.
  32. ↑ Vor allem dieses nichtdiskursive Moment, das genuin praktische Moment der Anerkennung, darf man nicht übersehen.


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