▶»Name« ist nun also eine übereinstimmungsgemäß etwas bezeichnende Lautform[1] ohne Zeitzusatz, von der kein für sich genommenes Teilstück mehr etwas bezeichnet: In »Kallippos« bedeutet ja »-ippos« nichts für sich, wie etwa in dem Wortausdruck »schönes Pferd«.[2] Indessen, anders als bei einfachen Namen verhält es sich so nicht bei zusammengesetzten: bei den ersten bezeichnet das Teil nie etwas, bei letzteren will es das wohl, doch, für sich genommen, trifft es nichts, z. B. in »Küstenschnellsegler« das »-segler«. Übereinstimmungsgemäß meint, daß keine der Benennungen von Natur aus besteht, sondern erst dann dazu wird, wenn sie Ausdruck von etwas ist; es verlautbaren ja auch die unschriftlichen Laute, z. B. von Tieren, etwas, – nichts davon ist eine Benennung.[3]
»Nicht Mensch« ist keine Benennung. Es liegt aber auch keine Bezeichnung vor, wie man so etwas rufen soll[4] – es ist nämlich weder eine erklärende noch eine verneinende Rede –, so heiße es denn: »unbestimmte Bezeichnung«[5] »Des Philon« oder »dem Philon« und dergleichen sind keine Bezeichnungen, sondern nur Fälle einer solchen; die Begriffserklärung 16b verläuft dazu in allen übrigen Hinsichten über die gleichen Punkte, nur, daß diese in Verbindung mit »ist«, »war«, »wird sein« keine wahre oder falsche Aussage machen – das tut aber eine Benennung immer[6] – , z. B. »Philons ist« oder ». ist nicht« – das sagt ja wohl überhaupt nichts, redet weder wahr noch falsch.
◀▶
Ὄνομα μὲν οὖν ἐστὶ φωνὴ σημαντικὴ κατὰ συνθήκην ἄνευ χρόνου, ἧς μηδὲν μέρος ἐστὶ σημαντικὸν κεχωρισμένον· [20] ἐν γὰρ τῶι Κάλλιππος τὸ ἵππος 1) οὐδὲν αὐτὸ καθ' ἑαυτὸ 2) σημαίνει, ὥσπερ ἐν τῶι λόγωι τῶι καλὸς ἵππος. οὐ μὴν οὐδ' ὥσπερ ἐν τοῖς ἁπλοῖς ὀνόμασιν, οὕτως ἔχει καὶ ἐν τοῖς συμπεπλεγμένοις 3)· ἐν ἐκείνοις μὲν γὰρ τὸ μέρος οὐδαμῶς 4) σημαντικόν, ἐν δὲ τούτοις βούλεται μέν, ἀλλ' οὐδενὸς κεχωρισμένον [25] , οἷον ἐν τῶι ἐπακτροκέλης τὸ κέλης οὐδὲν σημαίνει καθ᾽ ἑαυτό 5). τὸ δὲ κατὰ συνθήκην, ὅτι φύσει τῶν ὀνομάτων οὐδέν ἐστιν, ἀλλ' ὅταν γένηται σύμβολον, ἐπεὶ δηλοῦσί γέ τι καὶ οἱ ἀγράμματοι ψόφοι, οἷον θηρίων, ὧν οὐδέν ἐστιν ὄνομα.
Τὸ δ' οὐκ ἄνθρωπος οὐκ ὄνομα. οὐ μὴν οὐδὲ κεῖται ὄνομα [30] ὅ τι δεῖ καλεῖν αὐτό· οὔτε γὰρ λόγος οὔτε ἀπόφασίς ἐστιν. ἀλλ' ἔστω ὄνομα ἀόριστον, ὅτι ὁμοίως ἐφ᾽ ὁτουοῦν ὑπάρχει καὶ ὄντος καὶ μὴ ὄντος. 6) τὸ δὲ Φίλωνος ἢ Φίλωνι καὶ ὅσα [16b] τοιαῦτα, οὐκ ὀνόματα ἀλλὰ πτώσεις ὀνόματος. λόγος δέ ἐστιν αὐτοῦ τὰ μὲν ἄλλα κατὰ τὰ αὐτά· ὅτι δὲ μετὰ τοῦ ἔστιν ἢ ἦν ἢ ἔσται οὐκ ἀληθεύει ἢ ψεύδεται, τὸ δὲ 7) ὄνομα ἀεί· οἷον Φίλωνός ἐστιν ἢ οὐκ ἔστιν· οὐδὲν γάρ πω οὔτε ἀληθεύει οὔτε ψεύδεται. [5]
_____________
1) ἵππος] ιππος M-P
2) οὐδὲν αὐτὸ καθ' ἑαυτὸ] οὐδὲν καθ' αὐτὸ M-P
3) συμπεπλεγμένοις] πεπλεγμένοις M-P
4) τὸ μέρος οὐδαμῶς] οὐδαμῶς τὸ μέρος M-P
5) κέλης οὐδὲν σημαίνει καθ᾽ ἑαυτό. τὸ] κέλης. τὸ M-P
6) ἀόριστον, ὅτι ... ὄντος. τὸ] ἀόριστον. τὸ M-P
7) δὲ] δ' M-P
Übs. Kirchmann 1876
[✐ | ✎]
Das Hauptwort ist nun ein Wort, welches nach Uebereinkommen etwas, aber ohne Zeitbestimmung bezeichnet und von dem kein Theil, abgetrennt, für sich etwas bedeutet. Denn in dem Namen: Schönpferd bezeichnet Pferd, nicht wie in dem Ausspruche: Schönes Pferd, etwas für sich. Indess verhält es sich bei den zusammengesetzten Worten nicht so, wie bei den einfachen; in letztern haben die Theile des Wortes gar keine eigene Bedeutung; in jenen geht wohl die Absicht darauf, aber die Theile des Wortes bedeuten doch nichts Besonderes. So bezeichnet z.B. in dem Worte Nachenschiff die Sylbe Schiff keinen Gegenstand für sich.
Die Worte beruhen auf Uebereinkommen, weil es von Natur keine Worte giebt, sondern nur dann, wenn sie zu einem Zeichen gemacht werden; denn auch die unartikulirten Laute offenbaren zwar etwas, wie bei den Thieren, aber es fehlen ihnen doch die Worte.
Das: Nicht-Mensch ist kein Hauptwort, denn es ist weder ein solches hiefür vorhanden, noch ist es ein Begriff oder eine Verneinung; vielmehr soll es ein unbestimmtes Hauptwort sein, weil es gleichmässig auf alles passt, mag es sein oder nicht-sein. Die Ausdrücke: Philo's, oder: dem Philo und alle ähnliche sind keine Hauptworte, sondern Beugungen eines Hauptwortes. Der Begriff solcher Beugungen ist im Uebrigen derselbe, wie der des Hauptwortes; nur sagen diese- Beugungen in Verbindung mit dem: ist, oder: war, oder: wird seinkein Wahres oder Falsches aus, während dies bei den Hauptworten immer der Fall ist. So sagen z.B. die Ausdrücke: Philo's ist, oder: Philo's ist nicht, niemals etwas Wahres oder Falsches aus.
By a noun we mean a sound significant by convention, which has no reference to time, and of which no part is significant apart from the rest. In the noun ‘Fairsteed,’ the part ‘steed’ has no significance in and by itself, as in the phrase ‘fair steed.’ Yet there is a difference between simple and composite nouns; for in the former the part is in no way significant, in the latter it contributes to the meaning of the whole, although it has not an independent meaning. Thus in the word ‘pirate-boat’ the word ‘boat’ has no meaning except as part of the whole word.
The limitation ‘by convention’ was introduced because nothing is by nature a noun or name-it is only so when it becomes a symbol; inarticulate sounds, such as those which brutes produce, are significant, yet none of these constitutes a noun.
The expression ‘not-man’ is not a noun. There is indeed no recognized term by which we may denote such an expression, for it is not a sentence or a denial. Let it then be called an indefinite noun.
The expressions ‘of Philo’, ‘to Philo’, and so on, constitute not nouns, but cases of a noun. The definition of these cases of a noun is in other respects the same as that of the noun proper, but, when coupled with ‘is’, ‘was’, or will be’, they do not, as they are, form a proposition either true or false, and this the noun proper always does, under these conditions. Take the words ‘of Philo is’ or ‘of or ‘of Philo is not’; these words do not, as they stand, form either a true or a false proposition.== Einzelnachweise ==
- ↑
▷ ▶7) Es ist also die Position des
Hermogenes bei
Platon, Krat., 384 c d ; der leitet die »Richtigkeit der Namen« ab aus
Übereinkunft,
Übereinstimmung,
Brauch,
Gewohnheit. Die aristotelische Definition mit ihren immerhin fünf Bestandsstücken stellt ein schon sehr
elaboriertes Stadium dar; man hört die Absicherung gegen die »sophistischen Belästigungen« (Kap. 6, 17 a 36 f.) schon hier heraus.
- ↑
▷ ▶8) Entscheidend ist also der Verlust der
Aspiration (
Psilose), den »
hippos« (Pferd) beim Übertritt zum (ursprünglich sicher doch sprechenden) Namen
Kallippos erleidet. Beim deutschen Namen
Erich hört man die
möglichen, wenn auch etymologisch falschen – Teile »er – ich« ja auch nicht mit. Als kleinster Teil der Rede, der noch etwas bedeutet, ist das Wort auch bei
Platon, Krat., 385 c bestimmt. Dort kann es allerdings noch
falsche Worte geben.
- ↑
▷ ▶9) Eine Abfolge von Lauten und Silben wird also erst dann zu einem »Namen«, wenn sie »verabredungsgemäß« zum stellvertretenden Ausdruck von etwas wird. Das Wort als ein
Zeichen für ein Ding mithilfe von Silben und Buchstaben, vgl.
Platon, Krat., 433 b. Aristoteles scheint, mindestens einmal, bei der deutlichen Trennung zwischen menschlicher Sprache und tierischem Laut nicht geblieben zu sein: »Es gebrauchen die Vögel die Zunge auch zur Verständigung (
ὲρμηεία) untereinander, u. z. alle, aber die einen in höherem Maß als die anderen, sodaß es bei einigen sogar ein Lernen voneinander zu geben scheint«, De part. an., 660 a 35.
- ↑
▷ ▶10) An Stellen wie dieser tritt die
intrikate Reflexivität dieses Textes besonders hervor: Ein und derselbe Terminus tritt unmittelbar nebeneinander auf zwei logisch verschiedenen Ebenen auf. Es kann aber nicht anders gehen, wenn mithilfe von Sprache über Sprache gesprochen wird. – Was nun die ungewöhnliche Sache selbst angeht,
nicht-A, das unbestimmte Nomen, dem in Kap. 3 sogleich ein ebenso
unbestimmtes Verb zur Seite tritt, so gibt es einige verfolgbare Spuren. Ausgangspunkt ist Metaph., A 9 990 b 13f. (= 1079 a 9f.): »nach dem Beweis, welcher von der
Einheit über der Vielheit ausgeht, müßte es
auch von den Negationen Ideen geben« (übers. Bonitz; der originale Wortlaut ist noch viel
konziser). Für sich selbst würde diese knappe Bemerkung nichts ausgeben, zumal die Partien 990 b 2ff. (= 1078 b 34ff.) bis zur Unverständlichkeit zusammengekürzt sind. Gerade dieser Befund hat darauf geführt, in beiden Partien das stichwortartige Exzerpt einer früheren Schrift des Aristoteles zu identifizieren, deren Punkte er in seiner Auseinandersetzung mit der platonischen Ideenlehre hier eingearbeitet hat. Vgl. Düring, Arist. (1966), S. 243 ff. Mithilfe der weiteren Angaben des Kommentators
Alexander v. Aphrod. (bei Ross, Arist. Fragmenta selecta (1955), De ideis Frg. 3, dort speziell S. 123 f.) kann man die Argumentation weitgehend aufhellen, und das bringt mehr: »Auch eine
Verneinung wird ja von vielem ausgesagt« ist die Begründung zum o. z. Satz; also das
Nennen von etwas (hier einer Idee) setzt
ein Schweigen über alles andere außer ihm mit. Und Aristoteles hat, wenn Alexander Glauben verdient, bei diesem Negativen auch an
negative Form gedacht:
Nicht-Mensch – was dann sein könnte: Pferd, Hund und überhaupt alles, was eben »nicht Mensch« ist; item
nicht-gebildet,
Nicht-Pferd,
Nicht-Holz. Die Beispiele zeigen also, daß er das in der
Hermeneutik verwendete Material für verallgemeinerbar gehalten hat. Wenn es nun davon auch Ideen nicht geben kann, so wäre es immerhin sinnvoll, von solchen Negativa zu reden. In der
Hermeneutik versucht er darüber hinaus, diese
Kontradiktion in Absetzung gegen das Konträre in einen erkenntnistheoretischen Zusammenhang einzuordnen (23 b 20f.), zwar offenbar nur inzidentell und unbeholfen, aber es zeigt, daß ihm diese Vorstellung auch anderswo geläufig ist. – Nichtweiter führt der Hinweis auf den Dialog
Eudemos (Frg. 45 Rose = 7 Ross): Die dortige »unbestimmte Verneinung« gibt erstens inhaltlich nichts her, zweitens ist sie nicht auf Aristoteles zurückzubringen, sondern Alexanders Eigentum. – Über alles bisher Beigebrachte hinaus ist aber die
Topik eine Fundgrube zur Sache. Mehrere
Topoi befassen sich ausdrücklich mit
Verneinung in allen Varianten. Ausgehend von dem zutiefst dialektischen Satz: Wer »Wissen« bestimmt, bestimmt nebenbei irgendwie auch »Unkenntnis« mit, den er inzidentell fallenläßt (VI, 9 Topos [37], 147 a 17f.), finden sich Ausdruck und bedachte Vorstellung von »nicht gut« (IV, 4 [41]), »nicht schön« (IV, 7 (30]), »nicht gleich« (VI, 9 [41]); daneben setzt er »nicht Mensch« (II, [24 a]), »nicht Lebewesen« (V, 6 [4 b]), Letzteres ist eben »nicht mit Seele ausgestattet« (V, 6 [4 a]); wo er Blindheit einordnen muß, reicht es in einem Fall mit »nicht Sinneswahrnehmung« aus (IV, 4 [40]), entsprechend »nicht sehen« (V, 6 [3]); die Bestimmung der Geraden schließlich als einer Länge, die »nicht Breite« hat (VI, 6 143 b 1ff.) ist geradezu Standard: Eine Prüfung dieses Stoffs würde ergeben, wie sehr diese negativen Setzungen aus der Akademischen Dihairesismethode kommen, die sich, wenn sie ein x definitionis herunterverfolgen will, auf der je anderen Einteilungsseite ja mit einem »nicht so« zufriedengeben kann. – Man darf schließlich noch auf seine späteren, eleganteren Lösungen zwar des Kontrastes halber hinsehen: »Was der Möglichkeit nach etwas ist, ohne es doch schon in tatsächlicher Wirklichkeit zu sein, das ist das (noch) Unbestimmte (Metaph., Γ 4, 1007 b 28 f.); und: »Aus ›nicht-Mensch, aber der Möglichkeit nach schon Mensch (wird)
Mensch, und aus ›nicht-weiß, aber der Möglichkeit nach weiß‹ weiß (Metaph., N 2, 1089 a 29–31; vgl. Phys., Γ 2, 202 a 11f.). Aber man sollte es vom hier vorliegenden Stand des Bewußtseins
fernhalten, es sei denn, wirklich überzeugende Gründe zwängen zum Gegenteil.
- ↑
▷ ▶11) Die wissenschaftliche Terminologie ist das klassische Feld, auf dem sich der Konventionscharakter von Zeichen und Symbolen direkt sinnfällig machen läßt. Bei gewachsenen Sprachen tut sich die
Konventionstheorie schwerer.
- ↑
▷ ▶12) 16 a 12f. zusammengenommen mit a 16–18 führt genau hierher: Ein Substantiv in Verbindung mit einer Form von »sein« tritt notwendig ins Feld der Wahrheits-/Falschheits-Alternative.