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AhdWbGK/Kurze Einführung in das Althochdeutsche O. Fremdsprachliche Einflüsse auf den Wortschatz

aus AufEinWort, der freien Forschung

O. Fremdsprachliche Einflüsse auf den Wortschatz

Formen der Entlehnung nach Werner Betz (1959)

Mit den verschiedenen Möglichkeiten fremdsprachlichen Einflusses auf den Wortschatz hat sich vor allem Werner Betz am Beispiel des Althochdeutschen befaßt. Er ist dabei zu folgender Systematik gelangt:

Fremdsprachlicher Einfluß
fremdsprachliches Wortmaterial

Äußeres —Lehngut ([Fremdwort und] Lehnwort)

eigensprachliches Wortmaterial

(inneres Lehngut) (Lehnprägung)

Fremdwort Hybridbildung Lehnwort (i.e.S.) neue Form neuer Inhalt
(blue jeans) (Bischof) Lehnbildung Lehnbedeutung
Lehnformung Lehnschöpfung (lat. deus- Gott)
Lehnübersetzung (frz.Cognac-

Weinbrand)

(lat. con-scientia-

Ge-wissen)

Lehnübertragung
(lat. paen-insula-

Halb-insel)

Dabei sind Fremdwörter und Lehnwörter Übernahmen der Formen (Lautgestalten) fremder Sprachen.

  • Fremdwort ist das aus einer fremden Sprache unter Bewahrung seiner Lautgestalt übernommene Wort (nhd. blue jeans),
  • Lehnwort das aus einer fremden Sprache unter Abänderung der Lautgestalt (gemäß den Regeln der aufnehmenden Sprache) übernommene Wort (nhd. Bischof),
    • wobei die Grenze zwischen Bewahrung und Abänderung der Lautgestalt nicht in jedem Fall eindeutig gezogen werden kann.
  • Lehnprägungen sind Wiedergaben fremdsprachlicher Inhalte mit eigensprachlichen Mitteln, wobei zwischen Lehnbildung und Lehnbedeutung zu unterscheiden ist.
    • Lehnbildung ist die Nachbildung des fremden Wortes mit eigensprachlichem Material,
      • welche als Lehnübersetzung, Lehnübertragung oder Lehnschöpfung erfolgen kann.
        • Dabei bildet die Lehnübersetzung das - mehrgliedrige - fremde Wort Glied für Glied nach (lat. con-scient-ia Ge-wiss-en).
        • Die Lehnübertragung folgt teilweise dem - mehrgliedrigen - Vorbild und teilweise nicht (lat. paen-insula Halb-insel).
        • Die Lehnschöpfung verdankt dem Vorbild nur den gedanklichen Anstoß (frz. cognac Weinbrand).
        • Die Lehnbedeutung ist die Erweiterung bzw. Veränderung der Bedeutung eines ererbten und lautgestaltlich unveränderten eigensprachlichen Wortes unter dem Einfluß eines fremdsprachlichen Wortes (Gott, Geist, Seele), so daß sich bei Bildung einer Lehnbedeutung nur der Inhalt (Bedeutung) des eigensprachlichen Wortes ändert, nicht dagegen die äußere Form (Lautgestalt).

Innerhalb dieser verschiedenen Möglichkeiten des fremdsprachlichen Einflusses sind Fremdwort und Lehnwort relativ einfach zu erkennen, Lehnprägungen dagegen oft nur mühsam und unsicher zu ermitteln. Im einzelnen können hierbei folgende Merkmale auf fremdsprachlichen Einfluß deuten: Bauentsprechung zwischen fremdsprachlichen und eigensprachlichem Wort, späte Produktivitätszeit eines Wortbildungselement, fremdsprachliche Regelmäßigkeit einer Wortbildung, Komplexität einer Wortbildung, geringe Belegzahl (insbesondere hapax legomenon), spätes Auftreten, Fehlen in anderen germanistischen Sprachen oder anderen eigensprachlichen Sprachstufen, miteinander konkurrierende Interpretamente für ein einziges Lemma, Textcharakter (z.B. Interlinearversion, Glosse) oder kulturelle Beeinflussung. Je mehr dieser Merkmale in einem Fall gegeben sind, desto sicherer kann der fremdsprachliche Einfluß vermutet werden. Wegen der dabei zwangsläufig verbleibenden Unsicherheit sind die im Wörterbuch gegebenen Vorschläge vielfach mit Fragezeichen versehen, über deren Berechtigung nur die sorgfältige Einzelforschung entscheiden kann.