Altgriechische Grammatik/Konjugation
Tempus- und Aspektsystem
Das altgriechische Tempussystem unterscheidet sich grundlegend von dem deutschen oder lateinischen. Die in der Grammatik übliche Einteilung in sechs Tempora (sieben bei Berücksichtigung des seltenen Perfektfuturs) ist genau genommen irreführend, da nicht die zeitliche Bedeutung, sondern der Aspekt im Vordergrund steht. Im Altgriechischen gibt es drei Tempusstämme, die einen bestimmten Aspekt ausdrücken. Zu jedem Tempusstamm gehört im Indikativ ein Haupttempus mit Gegenwarts- und ein Nebentempus mit Vergangenheitsbedeutung. (Der Aoriststamm ist der älteste Tempusstamm und hat ein Haupttempus im Indikativ nie ausgebildet.) Zum Beispiel drückt der Indikativ Präsens eine durative Handlung der Gegenwart, der Indikativ Imperfekt eine durative Handlung der Vergangenheit aus. Dazu kommt der sprachhistorisch jüngere Futurstamm, der kein Nebentempus kennt und tatsächlich eine rein zeitliche Bedeutung hat.
Mit der Handhabung dieser drei Aspekte stellt der Griechischsprechende durch Flexionsaffixe die zeitlichen Bezüge her, die von den Aspekten selbst nicht ausgedrückt werden. Die Aspekte gelten generell, während es eine direkt zeitliche Bedeutung nur im Indikativ gibt (bis auf das Futur: siehe unten).
Die Vergangenheit wird im Indikativ mit Hilfe der Nebentempora gebildet. Das sind im Präsensstamm das Imperfekt, im Perfektstamm das Plusquamperfekt und im Aoriststamm der Aorist.
Die Tempora (χρόνοι chronoi) des Altgriechischen lassen sich nach folgendem Schema darstellen:
| Tempusstamm | Haupttempus | Nebentempus | Aspekt | Aktionsart |
|---|---|---|---|---|
| Präsensstamm | Präsens | Imperfekt | imperfektiv | durativ, frequentativ, iterativ, |
| Aoriststamm | – | Aorist
(ἀόριστος aoristos) |
perfektiv/ | punktuell, egressiv, effektiv, |
| Perfektstamm | Perfekt
(παρακείμενος parakeimenos) |
Plusquamperfekt | perfektisch | resultativ |
| Futurstamm | Futur
(μέλλων mellōn) |
– | – | – |
Die übrigen Modi werden jeweils dem Haupttempus des Tempusstammes (wenn vorhanden, sonst dem Nebentempus) zugeordnet. Sie haben aber keinerlei zeitliche Bedeutung. Dadurch erklärt sich auch die auf den ersten Blick paradox wirkende Tatsache, dass mit dem Imperativ Aorist eine Befehlsform zu einem Vergangenheitstempus existiert.
Das altgriechische Verb bildet also vier Tempusstämme:
Der Präsensstamm – auch linearer oder paratatischer Stamm genannt – ist besser als Imperfektivstamm zu behandeln. Er übernimmt die Funktionen der durativen, iterativen, habituativen und konativen Aktionsart. Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt u. a. der Verlauf oder das Andauern einer Handlung ausgedrückt.
Beispiele:
- νοσεῖν nosein „krank sein“ („krank darniederliegen“)
- (ἀπο)θνῄσκειν (apo)thnēskein „sterben“ („im Sterben liegen“)
Der Aoriststamm bezeichnet Punktuelles. Das bedeutet, es wird der bloße Vollzug einer Handlung vermeldet. (Die Bezeichnung punktuell wird benutzt, um den Gegensatz zum linearen sogenannten Präsensstamm auszudrücken. Der Aoriststamm ist die Normalform und benennt eine Handlung oder ein Ereignis, ohne ausdrücken zu wollen, ob diese Handlung in Wirklichkeit punktuell oder linear war/ist.) Bei diesem Aspekt wird in der Sprachpraxis gern ein bestimmter Punkt des Verbalbegriffs ins Auge gefasst, nämlich der Abschluss (resultativ) oder der Beginn (ingressiv, inchoativ) einer Handlung.
Beispiele:
- ingressiv: νοσῆσαι nosēsai „krank werden“ oder „erkranken“
- effektiv: (ἀπο)θανεῖν (apo)thanein „(ver)sterben“ (als Moment des Dahinscheidens)
Die Formen des Perfektstamms haben vorzeitig-ergebnisbezogene Bedeutung. Das heißt: Da, wo andere Sprachen Verben resultativer Aktionsart setzen, steht im Altgriechischen eine Perfektform. Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt ein (erreichter) Zustand oder einfach ohne jede nähere Bestimmung die Qualität einer Sache ausgedrückt.
Beispiele:
- τεθνηκέναι (τεθνάναι) tethnēkenai (tethnanai) „(gestorben und nun) tot sein“
- πεποιθέναι pepoithenai „vertrauen“
- vergleiche auch das klassische Zitat des Läufers von Marathon: [[Liste griechischer Phrasen/Ny#Νενικήκαμεν.|Νενικήκαμεν]] Nenikēkamen(„Wir haben gesiegt“).
Der vierte Tempusstamm des Altgriechischen, der Futurstamm, ist eine jüngere Entwicklung und hat in der Tat in allen Modi zeitliche Bedeutung.
Modussystem
Es gibt im Altgriechischen (nach Ansicht moderner Linguisten)[1] vier Modi: Indikativ, Optativ, Konjunktiv, Imperativ. Die Funktionen, welche diese Formen syntaktisch und semantisch erfüllen, sind sehr vielfältig. Hier kann nur eine grundsätzliche Bestimmung ihrer Bedeutung vorgenommen werden.
Der Modus bringt die geistige Einstellung des Sprechenden gegenüber dem Verbalinhalt zum Ausdruck:
- Mit dem Indikativ drückt der Sprecher aus, dass ihm ein Vorgang oder Zustand als wirklich (real), gegeben erscheint. Allerdings wird auch der Indikativ verwendet, wenn etwas fast Geschehenes bezeichnet wird.
- In den anderen Modi drückt der Sprecher aus, dass ihm der Vorgang oder Zustand nur als vorgestellt, modal eingeschränkt, gilt:
- Der Imperativ drückt einen Befehl, eine Aufforderung, aus, etwa Φέρε μοὶ τόδε. Phere moi tode. „Bring mir das her!“
- Der Konjunktiv drückt einen Willen (Voluntativ) oder eine Erwartung (Prospektiv) aus (er hat also leicht futurische Bedeutung, was umgekehrt für das Futur in Bezug auf den Konjunktiv auch gilt), ähnelt aber auch dem Konjunktiv des Lateinischen, etwa Ἴωμεν. Iōmen. „Lasst uns gehen!“ (Vergleiche lateinisch (coniunctivus hortativus): 'eamus!'.)
- Der Optativ drückt einen Wunsch (Kupitiv) oder eine Möglichkeit (Potentialis) aus, etwa Εἴθε τις λύοι. Eithe tis lyoi „Möge [das] jemand lösen“.
Diathese, Genus verbi
Von den drei Diathesen sind zwei (Aktiv und Medium) aus dem Indogermanischen geerbt. Das Passiv ist eine jüngere Entwicklung.
Das Aktiv ist die unmarkierte Struktur.
Das Medium drückt aus, dass das Subjekt an der Handlung beteiligt oder an ihr interessiert ist, dass also eine nähere Beziehung zwischen Subjekt und Handlung besteht (transitives Medium). Ferner kann es ausdrücken, dass das Subjekt von seiner eigenen Handlung betroffen ist (intransitives Medium).[2] Der Begriff Medium (lateinisch 'medius' „der Mittlere“) soll ausdrücken, dass diese Form zwischen Aktiv und Passiv stehe. Das ist jedoch weder sprachgeschichtlich noch morphologisch richtig.[3] Das Passiv ist im Griechischen der Grenzfall des Mediums, denn:
Das Passiv drückt die Wirkung einer Handlung auf das Subjekt aus, die nicht von ihm ausgeht. Insofern die Handlung nur noch auf das Subjekt wirkt, ohne von ihm auszugehen, bildet es den Grenzfall des Mediums. (Außerhalb des Futur- und Aoriststamms hat das Passiv keine eigenständige Form. Formal übernimmt dort das Medium neben der eigenen Funktion auch die des Passivs, was nur aus dem syntaktischen Zusammenhang oder bei genauer Kenntnis der Beschaffenheit des entsprechenden Verbums zu unterscheiden ist.)
Beispiele:
- Aktiv: παιδεύσει paideusei „er wird [jemanden] erziehen“
- transitives Medium: παιδεύσεται paideusetai „er wird sich [jemanden] erziehen“
- intransitives Medium: παιδεύσεται paideusetai „er wird sich erziehen, er wird sich erziehen lassen“
- Passiv: παιδευθήσεται paideuthēsetai „er wird [von jemandem] erzogen werden“
Numerus- und Personsystem
Aufgrund der Personalflexion des altgriechischen Verbs werden die Personalpronomina des Nominativs wie in vielen anderen indogermanischen Sprachen (so auch im Lateinischen) meist ausgelassen, wenn sie nicht besonders betont – etwa in Adversativsätzen – werden sollen. Es muss also nicht zwangsläufig ein das Subjekt ausdrücklich nennendes Bezugswort (Pronomen oder Substantiv) beim Verb stehen – die Endung reicht aus, um die Person und damit das Subjekt zu identifizieren. Das Altgriechische ist also eine Pro-Drop-Sprache.
Das Altgriechische kennt beim Verb einen Singular, einen Plural und einen Dual (als Schwundform). Der Dual mit eigenen Endungen wird nur für die 2. und 3. Person gebildet, während die 1. Person des Duals mit der ersten Person Plural zusammenfällt. In den folgenden Beispielen wird nur das Aktiv behandelt.
- Präsens Indikativ
- Singular 2. Person: παιδεύεις paideueis „du erziehst“
- Dual 2. Person: παιδεύετον paideueton „ihr zwei erzieht“
- Plural 2. Person: παιδεύετε paideuete „ihr erzieht“
- Aorist Indikativ
- Singular 3. Person: ἐπαίδευσε(ν) epaideuse(n) „er erzog“
- Dual 3. Person: ἐπαιδευσάτην epaideusatēn „sie zwei erzogen“
- Plural 3. Person: ἐπαίδευσαν epaideusan „sie erzogen“
Konjugationstabelle für das regelmäßige Verb λύω lyō (Infinitiv λύειν lyein „lösen“) im Aktiv.
Der Dual wurde aufgrund seiner Seltenheit nicht berücksichtigt.
| Haupttempora des Indikativs | Nebentempora des Indikativs | Konjunktiv | Optativ | Imperativ | |
|---|---|---|---|---|---|
| Präsens/ | λύω, λύεις, λύει, λύομεν, λύετε, λύουσι(ν) lyō, lyeis, lyei, |
ἔλυον, ἔλυες, ἔλυε(ν), ἐλύομεν, ἐλύετε, ἔλυον elyon, elyes, elye(n), |
λύω, λύῃς, λύῃ, λύωμεν, λύητε, λύωσι(ν) lyō, lyējs, lyēj, |
λύοιμι, λύοις, λύοι, λύοιμεν, λύοιτε, λύοιεν lyoimi, lyois, lyoi, |
—, λῦε, λυέτω, —, λύετε, λυόντων —, lye, lyetō, |
| Futur | λύσω, λύσεις, λύσει, λύσομεν, λύσετε, λύσουσι(ν) lysō, lyseis, lysei, |
— | — | λύσοιμι, λύσοις, λύσοι, λύσοιμεν, λύσοιτε, λύσοιεν lysoimi, lysois, lysoi, |
— |
| Aorist | — | ἔλυσα, ἔλυσας, ἔλυσε(ν), ἐλύσαμεν, ἐλύσατε, ἔλυσαν elysa, elysas, elyse(n), |
λύσω, λύσῃς, λύσῃ, λύσωμεν, λύσητε, λύσωσι(ν) lysō, lysējs, lysēj, |
λύσαιμι, λύσαις, λύσαι, λύσαιμεν, λύσαιτε, λύσαιεν lysaimi, lysais, lysai, |
—, λῦσον, λυσάτω, —, λύσατε, λυσάντων —, lyson, lysatō, |
| Perfekt/ | λέλυκα, λέλυκας, λέλυκε(ν), λελύκαμεν, λελύκατε, λελύκασι(ν) lelyka, lelykas, leluke(n), |
ἐλελύκειν, ἐλελύκεις, ἐλελύκει, ἐλελύκεμεν, ἐλελύκετε, ἐλελύκεσαν elelykein, elelykeis, elelykei, |
λελύκω, λελύκῃς, λελύκῃ, λελύκωμεν, λελύκητε, λελύκωσι(ν) lelykō, lelykējs, lelykēj, |
λελύκοιμι, λελύκοις, λελύκοι, λελύκοιμεν, λελύκοιτε, λελύκοιεν lelykoimi, lelykois, lelykoi, |
Zusammengesetzt:
—, λελυκὼς ἴσθι, λελυκὼς ἔστω, |
Entsprechende Tabelle für das wichtige unregelmäßige Hilfsverb εἰμί eimi (Infinitiv εἶναι einai „sein“).
| Haupttempora des Indikativs | Nebentempora des Indikativs | Konjunktiv | Optativ | Imperativ | |
|---|---|---|---|---|---|
| Präsens/ | εἰμί, εἶ, ἐστί(ν), ἐσμέν, ἐστε, εἰσί(ν) eimi, ei, esti(n), |
ἦ, ἦσθα, ἦν, ἦμεν, ἦτε, ἦσαν ē, ēstha, ēn, |
ὦ, ᾖς, ᾖ, ὦμεν, ἦτε, ὦσι(ν) ō, ēs, ē, |
εἴην, εἴης, εἴη, εἴημεν, εἴητε, εἴησαν eiēn, eiēs, eiē, |
—, ἴσθι, ἔστω, —, ἔστε, ἔστων —, isthi, estō, |
| Futur | ἔσομαι, ἔσῃ, ἔσται, ἐσόμεθα, ἔσεσθε, ἔσονται esomai, esē, estai, |
— | — | ἐσοίμην, ἔσοιο, ἔσοιτο, ἐσοίμεθα, ἔσοισθε, ἔσοιντο esoimēn, esoio, esoito, |
— |
Die restlichen Tempora sind für die Benutzung als Hilfsverb irrelevant. Sie werden eigentlich aus dem Stamm des Verbs γίγνομαι gignomai („werden“; gleichbedeutend mit englisch 'to become') abgeleitet.
- ↑ Herbert Weir Smyth: A Greek Grammar For Colleges. 1920, §.357: „The infinitive […] is sometimes classed as a mood.“
- ↑ Günther Zuntz: Griechischer Lehrgang. Band 3: Appendix grammatica, Summa grammatica, Sachregister. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1983, ISBN 3-525-25320-6, S. 114 f. (digitale-sammlungen.de [abgerufen am 15. April 2019]).
- ↑ Martin Holtermann: Medio tutissimus ibis. Zur Didaktik der Diathesen im Griechischunterricht. In: Forum Classicum. Nr. 3, 2019, S. 180–192 (uni-heidelberg.de [abgerufen am 16. Dezember 2019]).