Werk:Apologia doctae ignorantiae/21
▷Logica igitur atque omnis philosophica inquisitio nondum ad visionem venit. Hinc, uti venaticus canis utitur in vestigiis per sensibile experimentum discursu sibi indito, ut demum ea via ad quaesitum attingat: sic quodlibet animal suo modo – et sapientissimus Philo eapropter omnibus animalibus dixit rationem inesse, uti beatissimus recitat Hieronymus in De illustribus viris –, sic homo logica. Nam, ut ait Algazel, “logica nobis naturaliter indita est; nam est vis rationis”. Rationabilia vero animalia ratiocinantur. Ratiocinatio quaerit et discurrit. Discursus est necessario terminatus inter terminos a quo et ad quem, et illa adversa sibi dicimus contradictoria. Unde rationi discurrenti termini oppositi et disiuncti sunt. Quare in regione rationis extrema sunt disiuncta, ut in ratione circuli, quae est, quod lineae a centro ad circumferentiam sint aequales, centrum non potest coincidere cum circumferentia. Sed in regione intellectus, qui vidit in unitate numerum complicari et in puncto lineam et in centro circulum, coincidentia unitatis et pluralitatis, puncti et lineae, centri et circuli attingitur visu mentis sine discursu, uti in libellis De coniecturis videre potuisti, ubi etiam super coincidentiam contradictoriorum Deum esse declaravi, cum sit oppositorum oppositio secundum Dionysium.
Die Logik nämlich und jede philosophische Untersuchung gelangt noch nicht zur Schau. Wie daher der Jagdhund beim Spurensuchen über die sinnliche Erfahrung seinen ihm angeborenen Spürsinn als Methode gebraucht, um so das Gesuchte endlich zu erreichen, so handhabt es jegliches Lebewesen auf seine Weise – weshalb auch der weise Philo, den der heilige Hieronymus in «De illustribus viris» zitiert, sagt, daß jedem Tier Verstandessinn innewohne. Der Mensch gebraucht die Logik. Die Logik nämlich ist uns, wie Algazel sagt, von Natur angeboren; denn sie ist die Kraft des Verstandes. Die der verständigen Denkbewegung fähigen Lebewesen schlußfolgern. Die Schlußfolgerung sucht und ist methodisch. Der methodische Gang ist notwendigerweise zwischen dem Ausgangspunkt und Zielpunkt begrenzt und diese einander entgegengewandten Gegensätze nennen wir kontradiktorische. Daher sind die Zielgrenzen für das methodisch vorgehende Denken entgegengesetzt und getrennt. Darum sind auf der Ebene des Verstandes die Extreme getrennt wie im Wesenssinn des Kreises, der besagt, daß der Mittelpunkt mit dem Umkreis nicht zusammenfallen kann, weil die Entfernung vom Mittelpunkt und Umkreis stets gleich ist. Aber auf der Ebene des vernünftigen Geistes, der sieht, daß in der Einheit die Zahl und im Punkt die Linie und im Zentrum der Kreis eingefaltet ist, wird das Zusammenfallen von Einheit und Vielheit, Punkt und Linie, Zentrum und Umkreis in der Schau des Geistes ohne methodisches Hin und Her erreicht; das konntest du in den Büchern De coniecturis sehen, wo ich dargelegt habe, daß Gott sogar über dem Zusammenfall der kontradiktorischen Gegensätze steht, da er nach Dionysius der Gegensatz der Gegensätze ist. ◀▷